Forschungszentrum Radebeul
   

Der folgende Text wurde bereits 1992 von Prof. Dr. Reinhold Wolff, seit 1993 Mitglied des Kuratoriums der Karl-May-Stiftung, verfaßt. Als "Konzeptskizze" heute schon historisch, ist die Idee zu einer (mittel- bis langfristigen) Zielvorstellung von Stiftungsvorstand und Kuratorium geworden. Im Zusammenwirken von Karl-May-Stiftung, Universität Dresden und öffentlicher Hand soll in der räumlichen und ideellen Nähe zur Villa "Shatterhand." ein Forschungszentrum für den europäischen Abenteuer- und Populärroman entstehen. Erste Schritte zur Realisierung dieses Vorhabens wurden bereits erfolgreich unternommen; jedoch sind noch weitere große Anstrengungen notwendig. Wer als Literaturwissenschaftler oder Förderer aktiv mithelfen will, sollte sich mit der Redaktion in Verbindung setzen. Knüpfen Sie Kontakte in unserem Abenteuerroman-Forum. Besuchen Sie bitte auch die Seite: Bibliothek digitaler Reprints klassischer Abenteuerliteratur.

 

Prof. Dr. Reinhold Wolff: Konzeptskizze für ein

KARL-MAY-FORSCHUNGSZENTRUM "POPULÄRROMAN DES 19. JAHRHUNDERTS [1] in der Villa "Shatterhand."

 

A) RAHMENBEDINGUNGEN:

1) Karl-May-Stiftung und Villa "Shatterhand." in Radebeul haben nach 1945 unter schwierigen politischen Bedingungen erhebliche Einbußen und Einschränkungen hinnehmen müssen: die langdauernde politische Tabuisierung des Autors Karl May in der ehemaligen DDR hat faktisch zunächst zur Verlagerung von Archiv und Teilen des Museums nach Bamberg und zur Reduzierung der lokalen Aktivitäten auf die Ethnologie, sodann zur Duldung wenigstens der biographischen Karl-May-Forschung, aber auch zur massiven Verunklarung der Besitzverhältnisse der Stiftung geführt: gegenwärtig besteht Anlaß zur Sorge, daß Substanz und Bestand der Stiftung gefährdet sein könnten. Ein denkbarer Versuch der Bestandssicherung könnte nun darin bestehen, daß Ort und Stiftung mit staatlicher (und möglicherweise privater) Unterstützung einen erweiterten Aufgabenbereich übernehmen, in dem der "genius loci" sinnvoll und sichtbar weiterwirkt und in dem gleichzeitig eine langfristige Forschungsperspektive von hohem Interesse zum Tragen kommt.

2) Ein solcher Versuch des Bestandssicherung der Stiftung durch Integration in eine langfristige Forschungsperspektive könnte gleichzeitig ein wichtiges Element im Neuaufbau einer Forschungslandschaft in den Ländern der ehemaligen DDR darstellen. Im Unterschied zur alten Bundesrepublik, zu deren Stärken im Bereich der Kulturwissenschaften eine auch regional differenzierte Forschungslandschaft gehörte - mit einer Vielzahl von Archiven, Dichtermuseen und Spezialbeständen von Bibliotheken [2] -, hat die ehemalige DDR nur einige wenige Standorte (Akademie der Wissenschaften in Berlin, Deutsche Staatsbibliothek in Berlin und Deutsche Bücherei in Leipzig, sowie die nationalen Forschungs- und Gedenkstätten in Weimar), diese aber massiv gefördert: eine landesweite, regional gegliederte Forschungslandschaft wie im Westen bestand nicht und muß nun neu aufgebaut werden. Innovative Projekte wie das hier skizzierte dürften dabei die Attraktivität des neu aufzubauenden institutionellen Netzes insgesamt erhöhen.

3) Eine Begrenzung der Radebeuler Arbeitsvorhaben auf Karl-May-Forschung und Verwaltung des Museums erscheint dabei nicht sinnvoll: zwar wäre eine Rückkehr des Karl-May-Archivs höchst wünschenswert und müßte die Aufarbeitung (sowie mögliche Komplettierung) des Nachlasses auf jeden Fall auch in den zukünftigen Aufgabenbereich der Stiftung fallen, jedoch ergäben sich daraus m. E. noch nicht die gewünschten langfristigen Perspektiven von kulturpolitischem Interesse. Karl May ist schon jetzt, nicht zuletzt dank der langjährigen Tätigkeit der Karl-May-Gesellschaft und ihrer Mitglieder, einer der besterforschten Autoren des 19. Jahrhunderts; eine monumentale, historisch-kritische Edition des Gesamtwerks ist, ebenfalls außerhalb Radebeuls, längst begonnen und hat inzwischen auch einen Stand erreicht, mit dem eine Anbindung des Vorhabens an Radebeul, in welcher Form auch immer, nur bedingt möglich sein wird; und auch aus der (aus topographischen Gründen naheliegenden) biographischen Forschung zu Karl May wie aus der ethnologischen Aktivität des "Indianermuseums" ergibt sich bei realistischer Einschätzung kein längerfristiges Forschungsprogramm für den Standort Radebeul. Eine längerfristige Pespektive dürfte hingegen im Forschungsgebiet des europäischen Populärromans des 19. Jahrhunderts (von der Romantik bis zur Belle Epoque) zu suchen sein, als einer von dessen exemplarischen Autoren, nicht nur im deutschen Sprachraum, Karl May zu gelten hat. Dieses (populär-, bzw. "trivial"-) literarische Feld von hohem (sozialgeschichtlichem, literatursoziologischem, literaturpsychologischem, kulturmorphologischem) Interesse, in dem sich seit der europäischen Romantik die Inhalte und Vorformen der heutigen Massenmedien entwickeln (Feuilleton-Roman), ist bis heute weitgehend terra incognita. Mit den lapidaren Sätzen: "Dieses Buch ist ein Anfang. Es behandelt ein Thema, das bislang von der Literaturwissenschaft, ja sogar von der modischen Trivialliteraturforschung vernachlässigt worden ist", beginnt R. Schenda [3] 1970 seine monumentale und bis heute maßgebende Arbeit Volk ohne Buch, und noch vor wenigen Jahren urteilt der Romanist H.-J. Neuschäfer, einer der wenigen Sachkundigen auf diesem Gebiet: "Denn trotz der zunehmenden Beschäftigung mit der Populärliteratur kann von einer wirklichen Kenntnis ihrer Beschaffenheit und ihrer Geschichte noch nicht die Rede sein, von einer historischen Würdigung ganz zu schweigen. Es gibt zwar eine Reihe guter Untersuchungen zu Einzelaspekten und zu ausgewählten Texten. Eine systematische Beschreibung des Phänomens aber steht - von wenigen Ansätzen abgesehen - noch aus."[4] Auch in der Karl-May-Forschung ist übrigens der Zusammenhang der May-Texte mit den typologischen Trends und der Morphologie der populären Lesestoffe, aber auch mit den Publikumsschichten und der Lesersoziologie dieser Lesestoffe im 19. Jahrhundert die mit Sicherheit am wenigsten aufgearbeitete Dimension des Werks.

4) Das wesentliche Defizit für das Forschungsgebiet "Populärroman des 19. Jahrhunderts" liegt dabei im Fehlen einer zeitgemäßen, technologisch modernen, forschungsunterstützenden Infrastruktur: die relevanten Textbestände liegen verstreut in den deutschen Großbibliotheken (Frankfurt, Leipzig, Wien, Berlin, München) sowie einer Reihe von anderen staatlichen (UB Gießen, UB Göttingen, UB Heidelberg, Germanistik Saarbrücken u. a.), kommunalen (Amerika-Gedenkbibliothek Berlin, Stadtbibliothek Hannover, Stadtarchiv Braunschweig u. a.) und privaten (Schloß Corvey; Graf Schönborn/Pommersfelden; Walter Henle/Trier u. a.) Bibliotheken mit spezialisierten Beständen. Für die spezialisierte Forschungsliteratur besteht die gleiche unbefriedigend-unübersichtliche Situation. Ganz zu schweigen von der europäischen Dimension des Phänomens: die Geschichte der populären Lesestoffe des 19. Jahrhunderts ist auch im Jahrhundert des europäischen Nationalismus, wie etwa ausschnitthaft an Karl Mays Bearbeitung eines französischen Texts und an der Vielzahl der Karl-May-Übersetzungen in andere europäische Sprachen sichtbar wird, keine nationalliterarische, sondern - mit einer großen Affinität der Stoffe und Motive über die nationalen Grenzen hinweg - eine europäische. Insgesamt ist es so in einer unübersichtlichen und beschwerlichen Forschungssituation in den letzten beiden Jahrzehnten zwar zu ausgezeichneten Einzelleistungen bezüglich einzelner Autoren (etwa durch die Tätigkeit der KMG zu Karl May) und zu Einzelproblemen (etwa durch die maßgebende, allerdings auf den deutschen Sprachraum beschränkte Forschungsbibliographie von Plaul [5], eine Reihe von thematischen Forschungsprojekten und Monographien oder auch das Großprojekt der wissenschaftlichen Erschließung der Bibliothek Corvey über microfiche-Publikation) gekommen. Desiderat bleibt jedoch eine zentrale Zusammenfassung und Erschließung der Textbestände und Forschungsliteratur und damit eine Optimierung der Arbeitssituation nach dem heutigen Stand der Technik. Und was läge näher, als eine solche zentrale Forschungsstelle dort anzusiedeln, wo einer der repräsentativsten und bis heute wirksamen Autoren des europäischen Populärromans gelebt und geschrieben hat: eben in Radebeul.

5) Zentrales Tätigkeitsfeld einer solchen Forschungsstelle kann dabei nicht - oder: nicht in erster Linie - das langfristige Sammeln und Erschließen von Archivalien oder Originalausgaben sein, sondern sollte in einer optimalen Erschließung des Forschungsfeldes mit den technischen Mitteln bestehen, die in den letzten Jahren an vielen Stellen auch der Kulturwissenschaften zu einer Revolution der Informationstechnologie geführt hat. Den status ante, der aber mindestens in diesem Forschungsbereich der Literaturwissenschaft noch der heute übliche ist, schildert sehr anschaulich der schon einmal erwähnte R. Schenda: "Noch eine statistische Bemerkung sei erlaubt: rund ein Fünftel der gesamten, für dieses Buch aufgewendeten Arbeitszeit war nötig, um Titel zu bibliographieren, Bestellzettel (in dreifacher Ausfertigung) auszufüllen, Kataloge mit mehr oder weniger Erfolg zu befragen. Ein solcher Aufwand für die rein technische Seite der wissenschaftlichen Arbeit ist ebenso Zeitvergeudung wie das mühselige handschriftliche Kopieren von Buchtexten und Archivalien in öffentlichen Anstalten, die noch heute kein Kopiergerät besitzen. Mindestens zwei Fünftel der Gesamtarbeitszeit fallen auf das Abschreiben von Quellen und Manuskript; nur je ein Fünftel bleiben für das Lesen von Büchern und für die (manuelle) Niederschrift des ersten Manuskripts, also für die wesentliche geistige Arbeit. Diese Bilanz ist im Zeitalter der Kybernetik deprimierend."[6] Schendas Klage ist dabei umso verständlicher, als es im Bereich der populären Lesestoffe selbstverständlich immer auch um ein Problem der Quantität geht: um große Textmengen, umfangreichste Oeuvres, um die Rekurrenz und Variation von Motiven in quasi zahllosen Textkorpora, usw. Gerade für diese Forschungssituation stellt jedoch die heutige Informationstechnologie geradezu ideale Arbeitsinstrumente zur Verfügung: automatische Einlesegeräte (sog. Scanner) mit hochlernfähiger Software zur maschinenlesbaren Aufbereitung großer Textkorpora; textanalytische Software-Pakete (Volltext-Retrieval und Hypertextbildung); Bereitstellung großer Datenmengen auf CD-ROM-Datenträgern mit blitzschnellen Zugriffszeiten, u.a.m.. Genau genommen eigentlich ist erst mit dieser modernen Informationstechnologie die adäquate Forschungs-Infrastruktur für ein Forschungsgebiet wie das der populären Lesestoffe des 19.Jahrhunderts gegeben: sie könnte nun für eine in Europa einzigartige Forschungsstätte installiert und genutzt werden.

 

B) AUFGABENBEREICH DER FORSCHUNGSSTELLE:

Aus den vorgängigen Überlegungen ergäbe sich für eine Forschungsstelle Populärroman des 19.Jahrhunderts in Radebeul etwa folgender Aufgabenbereich:

1) In den Räumen der Karl-May-Stiftung könnten optimal ausgestattete Arbeitsplätze für das eigene Personal der Forschungsstelle wie insbesondere für auswärtige Forscher (möglicherweise mit Unterbringungsmöglichkeiten) geschaffen werden. Die entsprechende Handbibliothek wie insbesondere die Forschungsliteratur könnten auf CD-ROM Datenbanken zur Verfügung gestellt werden. Mittelfristig bestünde die Hauptaufgabe des eigenen Personals darin, die Textkorpora des europäischen Populärromans des 19.Jhdts. zu erarbeiten und auf CD-ROM Datenbanken zur Verfügung zu stellen. Hierfür könnten auch Mittel und Personal aus Drittmittelprojekten eingeworben werden. Die Textkorpora auf CD-ROM könnten kommerziell verkauft werden (Universitätsbibliotheken etc.), um den Etat der Forschungsstelle zu entlasten. Eine möglichst direkte Anbindung an den Leihverkehr der Deutschen Bibliothek in Leipzig wäre wünschenswert.

2) Schwerpunkt innerhalb der Tätigkeit der Forschungsstelle wäre naturgemäß die optimale Aufbereitung der Forschungssituation für die Karl-May-Forschung. In diesem Bereich sollte die Forschungsstelle über die exhaustive Bereitstellung der Forschungsliteratur hinaus auch eine möglichst komplette Sammlung der Textausgaben (incl. ausländischer Ausgaben) anstreben, sowie die Rückkehr und Vervollständigung des Archivs (Autographen, Manuskripte etc.) und der Museumsbestände betreiben.

3) Voraussetzung für die Arbeit der Forschungsstelle wäre eine entsprechende technische Ausstattung (CD-ROM-Produktionslinie vom Scanner über textanalytische Software bis zur Herstellung von CD-ROM-Mutterkopien; Ausstattung von Arbeitsplätzen mit CD-ROM-Terminals) sowie ein Minimum an personeller Ausstattung. Für den optimalen Einsatz des wissenschaftlichen Personals wäre eine Anbindung der Forschungsstelle an einen entsprechend zu schaffenden Lehrstuhl der Universität Dresden wünschenswert.

 

C) DENKBARE KONFIGURATION DER FORSCHUNGSSTELLE:

1) Populärroman des 19.Jahrhunderts

a) Bereitstellung von Nachschlagewerken, Bibliographien und allgemeiner Literatur auf CD-ROM-Datenbanken

b) Zentrale Bereitstellung der Forschungsliteratur (Buchmarkt, bzw. Kopien, sowie Bereitstellung der Bestände auf CD-ROM-Datenbanken)

c) Herstellung, Bereitstellung und kommerzieller Vertrieb der Textkorpora mit Volltext-Retrieval und Hypertextbildung auf CD-ROM

2) Schwerpunkt Karl May

a) Rückkehr und Komplettierung des Archivs (Autographen, Manuskripte, deutsche und ausländische Textausgaben)

b) Spezialsammelgebiet vollständige Forschungsliteratur zu Karl May

c) Rückkehr und Komplettierung der Museumsbestände

3) Ausstattung

a) Wissenschaftliches Personal (2-3 A13-Stellen, mehrere Hilfskraftstellen) für Verwaltung von Museum und Archive, sowie Management und Betreuung der Forschungsstelle

b) Bereitstellung von 4 CD-ROM-Arbeitsplätzen für externe wissenschaftliche Benutzer der Forschungsstelle (gegebenenfalls mit Unterbringungsmöglichkeiten)

c) CD-ROM-Produktionslinie vom Scanner über textanalytische Software (Hypertextbildung, Volltext-Retrieval) bis zur Produktion von Mutterkopien

d) Anbindung an die Deutsche Bibliothek Leipzig in Direktausleihe

e) Anbindung an die Universität Dresden durch Einrichtung eines entsprechend denominierten Lehrstuhls im Rahmen der Germanistik oder Allgemeinen Literaturwissenschaft, der die rechtliche Verantwortung für wissenschaftliches Personal und wissenschaftliche Arbeit der Forschungsstelle übernehmen und weitere wissenschaftliche Vorhaben (Doktorarbeiten, Habilitationen) in Lehre und Forschung stimulieren und betreuen kann.

D) FINANZIERUNG:

Die Finanzierung der Forschungsstelle könnte sicher zu einem gewissen Teil aus Mittel der KM-Stiftung und Spenden erfolgen, jedoch wäre in jedem Fall auch eine Finanzierung aus öffentlichen Mitteln erforderlich (zur Begründung für die Inanspruchnahme öffentlicher Mittel vgl. oben A2) und C3e).

 

Universität Bielefeld
Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft

Prof. Dr. Reinhold Wolff (†)

 


 

ANMERKUNGEN:

[1] Alternative Formulierungen: Populäre Lesestoffe des 19. Jahrhunderts: Trivialliteratur des 19. Jahrhunderts.

[2] Vgl. H.Blinn, Informationshandbuch Deutsche Literaturwissenschaft. Frankfurt/M. (Fischer) 1990, S.201-70.

[3] R.Schenda, Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der populären Lesestoffe 1770-1910. München (dtv-Wiss.R.) 1977, S.9.

[4] H.-J.Neuschäfer/D.Fritz-El Ahmad/K.-P.Walter, Der französische Feuilletonroman: Die Entstehung der Serienliteratur im Medium der Tageszeitung. Darmstadt (Wiss.Buchgesellsch.) 1986, S.1.

[5] H.Plaul, Bibliographie deutschsprachiger Veröffentlichungen über Unterhaltungs- und Trivialliteratur: Vom letzten Drittel des 18.Jahrhunderts bis zur Gegenwart. München (Saur) 1980.

[6] Schenda (1970), S. 495.

 



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