Ralf Harder

Kara Ben Nemsi und der Wolf

"… Im Finstern kann man alles greifen, bis in den Keller hinunter,
wo der Schmied und sein Weib gebunden unter Kohlen liegen." [1]
Ernst Bloch

Karl May war ein großer Märchenfreund. Diese Tatsache ist aber auf sein Werk bezogen, soweit ich sehe, kaum näher untersucht worden. Bisher vertrat man lediglich die Ansicht, daß Mays Vorliebe mehr dem orientalischen als dem europäischen Märchen galt. Den Grundstein für diese Annahme hatte er selbst gelegt:

Dieses Buch [Der Hakawati] enthielt eine Menge bedeutungsvoller orientalischer Märchen, die sich bisher in keiner andern Märchensammlung befanden. Großmutter kannte diese Märchen alle. Sie erzählte sie gewöhnlich wörtlich gleichlautend; aber in gewissen Fällen, in denen sie es für nötig hielt, gab sie Aenderungen und Anwendungen, aus denen zu ersehen war, daß sie den Geist dessen, was sie erzählte, sehr wohl kannte und ihn genau wirken ließ. Ihr Lieblingsmärchen war das Märchen von Sitara; es wurde später auch das meinige, weil es die Geographie und Ethnologie unserer Erde und ihrer Bewohner rein ethisch behandelt. [2]

Das Märchen von Sitara, enthalten in Mays Selbstbiograhie Mein Leben und Streben, wurde von ihm selbst verfaßt und ist Bestandteil seines allegorischen Spätwerks. Das vom Dichter genannte Werk "Der Hakawati" ist fiktiv und somit in der Literatur nicht nachweisbar. Immerhin wird hier in der Tat Mays Vorliebe für das Orientalische erkennbar. Dennoch galt sein besonderes Interesse nicht allein dem orientalischen Märchen. Meine Untersuchung wird zeigen, daß er nicht nur heimatgebundene Erlebnisse in den Orient verlegt, sondern auch deutsche Märchen nach dorthin übertragen hat. Das läßt sich anhand der Reiseerzählung In den Schluchten des Balkan anschaulich belegen. May verwendete dort für die Schimin-Boschak-Episode unter anderem das Sujet vom Rotkäppchen. [3]

Am Ende des zweiten Balkankapitels wird Kara Ben Nemsi von dem Färber/Bäcker Boschak zum Bettler Saban geschickt. Er erhält eine Flasche Wein und ein wenig Gebäck. [4] Rotkäppchen erhält bekanntlich von ihrer Mutter ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein. Kara Ben Nemsi trifft unterwegs zur Hütte des Bettlers einen Fremden, der ihn ausfragt und in die Falle führt. [5] Ebenso ergeht es Rotkäppchen, die auf den Wolf trifft. Die Hütte beschreibt May folgendermaßen:

Mächtige Eichen streckten ihre knorrigen Zweige über dieses urwüchsige Bauwerk aus. [6]

In Rotkäppchen heißt es: "Unter drei großen Eichbäumen [!] da steht ihr [Großmutters] Haus ..."

Auch über die Beschreibung des Weges zur Hütte gibt es deutliche Gemeinsamkeiten. Boschak äußert sich über den Bettler:

Er wohnt in einer Hütte mitten im Walde, auf halben Wege zwischen hier und Kabatsch. [7]

"Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf entfernt."

Kara Ben Nemsi und Rotkäppchen stehen vor gleichen Sachverhalten: ... und in der linken hinteren Ecke ein aus Laub bestehendes Lager, auf welchem eine bewegungslose menschliche Gestalt lag, heißt es über Saban. [8] Auch Rotkäppchen findet den Wolf im Bett vor; es wird überwältigt und gefressen. Kara Ben Nemsi wird überwältigt und erschlagen. [9] Beide, Kara Ben Nemsi und Rotkäppchen, werden wieder zum Leben erweckt. Hadschi Halef Omar erscheint als Retter und schneidet seinem Sihdi die Fesseln durch. [10] Mit dieser Rettung wird gleichzeitig Ikbala, die Tochter Boschaks, von ihrem Bräutigam Mosklan befreit. Ich stelle fest: Zwei Personen werden gerettet. Gleichermaßen wird Rotkäppchen mit ihrer Großmutter befreit, indem ein Jäger dem Wolf den Bauch aufschneidet.

Auf dem Balkan erscheint der Wolf in mehreren Gestalten:

Der Wolf stürzt sich zu Tode, weil er Steine im Bauch hat, die da nicht hingehören. Genau so wenig wie Deselim auf Rih. Die Färbertochter Ikbala entspricht Rotkäppchens Mutter; sie warnt Kara Ben Nemsi. [13] Die Mutter warnt Rotkäppchen ebenfalls. Gleichzeitig ist Ikbala aber auch Rotkäppchen. Sie wird mit Kara Ben Nemsi, wie erwähnt, befreit. Darüber hinaus bezeichnet er die Färbertochter Ikbala als Tochter der roten Farbe! [14] Dies dürfte wohl genügen. Doch kommen wir zu Schimin, dem Schmied: Auch bei ihm findet sich das Rotkäppchen-Sujet. Das hat seine berechtigten Gründe. Erstens wurde die Schimin-Episode im selben Zeitraum wie die Boschak-Episode im Sommer 1885 niedergeschrieben. [15] Zweitens erscheint Mosklan in beiden Episoden, wodurch alles zu einem Ganzen gebündelt wird. Und drittens stützen die folgenden Textstellen meine These:

Kara Ben Nemsi reitet am Hause des Schmiedes vorbei. Daraufhin schnaubt sein Rappe Rih ängstlich. Der Ich-Erzähler nimmt dies zum Anlaß, der Sache auf den Grund zu gehen und nähert sich dem Gebäude. Kurz darauf macht er dann eine Entdeckung:

Da lag ein Tier, riesig groß und lang und dicht behaart, grad wie ein Bär ... Icb betastete den Körper. Ein Bär war es nicht, denn ich fühlte einen langen zottigen Schwanz ... Um zu seben, mit welcber Art von Tier ich es zu thun habe, fühlte ich nun nach den Ohren. Sapristi! Der Kopf des Tieres war zerschmettert. ... Ich brannte ein zweites Hölzchen an und sah nun, daß das erschlagene Tier ein allerdings wahrhaft riesiger Hund war, wie ich noch keinen gesehen hatte. ... Ich begann zu ahnen, daß hier ein Verbrechen begangen worden sei. [16]

Bei Rotkäppchen wird ein vorbeikommender Jäger durch den laut schnarchenden Wolf auf ein Verbrechen aufmerksam gemacht. Der Wolf ist also mit dem Hund gleichzusetzen und das Schnarchen mit dem Schnauben Rihs. Kara Ben Nemsi vernimmt, im Gebäude angekommen, ein Rascheln und Poltern. So werden schließlich Schimin und seine Frau im Kohlenkeller entdeckt. Sie können beide - halb erstickt - gerettet werden. [17] Rotkäppchen wird mit der Großmutter von dem Jäger aus dem Bauche des Wolfes geschnitten: "Und dann kam die Großmutter heraus und konnte kaum noch atmen." Ähnlich wie bei der Frau des Schmiedes; auch sie litt, als sie ihrer Fesseln entledigt wurde, unter Atemnot. Der Kohlenkeller symbolisiert also den Bauch des Wolfes, und in ihm bleiben nach Errettung der beiden Gefangenen nur noch die Kohlen oder vielmehr Steine zurück. Das Poltern im Keller kündigt an, daß mit der Entdeckung des Verbrechens die Tage des Wolfes gezählt sind. Dieser stirbt ja mit Steinen im Bauch. Diese Parallelen dürften keinerlei Zweifel an Mays Verwendung des Rotkäppchen-Sujets aufkommen lassen.

Ich öffnete die Satteltasche, nahm das Buch heraus und gab es ihm.
   "Was steht darin?" fragte er. "Ist es ein Märchenbuch?"
   "Nein. Nicht ein Märchen wirst Du lesen, sondern die Wahrheit von Ewigkeit zu Ewigkeit. ...
[18]

Wenn es sich hier auch um das Neue Testament handelt, so ist jedoch Mays Anspielung deutlich erkennbar, zumal hiermit die Schimin-Boschak-Episode abgeschlossen wird. Der Begriff "Märchenbuch" deutet an, daß Karl May noch weitere Märchen in seine Balkan-Handlung einbezogen hat. So entdecken wir exakt an der Übergangsstelle von der Schimin- zur Boschak-Episode eine Kombination aus "Hänsel und Gretel" und "Dornröschen". Während den verirrten Kindern, Hänsel und Gretel, der Heimweg mit Hilfe fallengelassener Kieselsteine einmal gelingt, ein weiteres Mal, weil ausgestreute Brotbröcklein von Vögeln weggepickt werden, mißlingt, weisen Kara Ben Nemsi hingegen verstreute Backwaren den Weg. Und dann wird es eindeutig:

Letztere Spuren führten nach einer Weile von der geraden Richtung ab, rechts hinüber nach dem Dorngestrüpp zu, aus welchem vorher, ... der dumpfe Ruf erklungen war. Jetzt hörte ich ihn wieder. Es klang, ... wie der Ruf eines Eingemauerten. Ich eilte näher und sprang vor dem Gestrüpp ab. Es bestand aus lauter Brombeer- und Himbeer-Ranken und schien undurchdringlich zu sein. ... Ich drang hindurch, indem ich mein Messer zu Hilfe nahm, und befand mich dann am Rande einer kessel- oder vielmehr trichterartigen Vertiefung, welche aber nicht, wie ich erwartet hatte, mit Dornwerk, sondern mit - - Teppichen und ähnlichen angefüllt war. ... Unten aber saß auf der weichen Unterlage ein Frauenzimmer ... [19]

Dornröschen läßt grüßen! May hat offensichtlich viele Volksmärchen aus seiner Kindheit gekannt. Seine Großmutter wird dem blinden Knaben - May war bis zu seinem fünften Lebensjahr blind - nur die einfachen, verständlichen Märchen vorgelesen haben. Seine Phantasie wurde dadurch nicht unwesentlich beeinflußt. Hierbei sei erwähnt, daß die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm erstmals 1812 erschienen waren. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dürften diese Märchen hinreichend bei der Bevölkerung bekannt gewesen sein. Bis zur Ausgabe letzter Hand 1857, gab es sieben Auflagen. Der Apotheker und spätere Bibliothekar Ludwig Bechstein hat viele dieser Volksmärchen auch in seinen Märchensammlungen mit aufgenommen. Diese erschienen 1845 und 1857. Textlich ergeben sich bei einigen Märchen größere Unterschiede. Das Rotkäppchen, welches dort auch vertreten ist, folgt im großen Ganzen dem Wortlaut der Brüder Grimm. Es gibt Indizien, daß May auch diese Sammlung gekannt hat. In seiner Selbstbiographie erwähnt er "Aschenbrödel". [20] So heißt dieses Märchen nur bei Bechstein, bei den Brüdern Grimm Aschenputtel. Wegen der Zeitenfolge kann May in seiner frühen Kindheit aber nur die Grimmschen Märchen gehört haben. 1845, als die Bechstein-Sammlung erstmals erschien, war Karl May drei Jahre alt. In jenen Jahren litten seine Eltern erheblich unter materieller Not. Die Anschaffung eines neuen Märchenbuches, auch über eine Leihbibliothek, erscheint daher mehr als zweifelhaft. Im übrigen kann Mays Großmutter aus ihrer Jugendzeit lediglich die Grimmschen Märchenfassungen gekannt haben. Bechstein scheidet eindeutig aus, und das eingangs erwähnte Märchen von Sitara wäre für sie viel zu anspruchsvoll gewesen.

Als May im Sommer 1885 die Balkan-Passagen schrieb, lagen schwere Monate hinter ihm. Am 15. April 1885 war seine Mutter an einer Geschwulst - wohl Krebs - gestorben. Kurz darauf erlitt sein Vater einen Schlaganfall und war fortan pflegebedürftig. Unter der schlagartigen Wucht dieser Ereignisse brach der Autor zusammen:

Ich war gestorben; ich besaß keinen Körper mehr; ich war nur Seele, nur Geist. Ich flog durch ein Feuer, dessen Gluth mich verzehren wollte, dann durch donnernde Wogen, deren Kälte mich erstarrte, durch unendliche Wolken- und Nebelschichten, hoch über der Erde, mit rasender, entsetzlicher Schnelligkeit. Dann fühlte ich nur, daß ich überhaupt flog, grad so, wie der Mond um die Erde wirbelt, ohne einen Gedanken, einen Willen zu haben. Es war eine unbeschreibliche Leere um mich und in mir. Nach und nach verminderte sich die Schnelligkeit. Ich fühlte nicht nur, sondern ich dachte auch. Aber was dachte ich? Unendlich dummes, ganz und gar unmögliches Zeug. [21]

Scheintod! [22] Mit dem Sujet vom Rotkäppchen - für tot gehalten, dann wieder zum Leben erweckt - gelang May respektive Kara Ben Nemsi die literarische Umsetzung seiner düsteren Empfindungen. Die Mutter verloren, der Vater schwer krank. May denkt an seine Kindheit und flüchtet in Großmutters heile Märchenwelt - psychologisch durchaus verständlich. Der Berliner Psychotherapeut Dr. Hans Dieckmann schreibt in seinem Buch "Gelebte Märchen":

" 'Nur ein Märchen', so sagen wir und lassen es in irgendeiner abgelegenen Kammer vermodern. Bis vielleicht einmal die Situation kommt, sei es eine schwere Krankheit, sei es eine Lebenskrise, in der wir aus einer Not heraus diese Kammer öffnen. Auch hier - so könnte man sagen - modert es, weil wir uns all die vielen Jahre um deren Inhalt nicht gekümmert haben. Als Freud anfing, sich mit den unbewußten Phantasien zu beschäftigen, setzte er seinem Traumbuch den Satz voraus 'Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo' (Da ich die Götter nicht beugen kann, werde ich die Unterwelt bewegen). Unter den entarteten Phantasien in dieser Unterwelt finden wir oft die Edelsteine tiefer Weisheit und die Symbole und Motive nicht nur der Märchen unserer eigenen Kindheit, sondern die der ganzen Menschheit." [23]

Ich muß selbst zum Märchen werden, ich selbst, mein eigenes Ich [24], hatte May einmal selbst über sich geschrieben. Das Märchen war schlichtweg sein Lebenselixier. Man denke beispielsweise an "Das tapfere Schneiderlein", dem Aufschneider. Wem fällt da nicht gleich Hadschi Halef Omar ein oder May selbst. Wie beeinflussend Märchen tatsächlich sein können, zeigt ein Beispiel aus der Praxis des Dr. Hans Dieckmann:

"Am auffälligsten ist mir der Fall eines schwer gestörten 9jährigen Heimkindes, eines Jungen, in Erinnerung, der die etwas ausgefallene Zwangssymptomatik hatte, im Heim, in Schulen und in öffentlichen Gebäuden mit der bloßen Hand Fensterscheiben einzudrücken und zu zersplittern. Sein Lieblingsmärchen waren die "Bremer Stadtmusikanten". ... Seinen Höhepunkt hat das Märchen an der Stelle, wo die Tiere an dem erleuchteten Fenster des Räuberhauses hochklettern, durch dieses in das Haus einbrechen ... Solche sehr augenfälligen Parallelen, die auch jedem Laien ohne Interpretation sofort einleuchten, gehören natürlich eher zu den Seltenheiten, obwohl sie auch bei Erwachsenen durchaus vorkommen." [25]

Hier zeigen sich Aspekte, die auch für die May-Forschung interessant sein dürften und denen man künftig intensive Beachtung schenken sollte.

Ralf Harder


"Kara Ben Nemsi und der Wolf" erschien erstmals in den Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft, Nummer 60, Juni 1984, S. 21ff. Für die Internetseiten der Karl-May-Stiftung wurde dieser Text überarbeitet und erweitert.


Anmerkungen

[1] Ernst Bloch: Erbschaft dieser Zeit, Frankfurt 1962, S. 173.

[2] Karl May: Mein Leben und Streben, Freiburg [1910], S. 22.

[3] Ich habe mehrere Rotkäppchen-Ausgaben (Grimm) aus verschiedenen Zeiträumen untersucht; sie waren alle, was die von mir zitierten Textstellen anlangt, identisch.

[4] Karl May: In den Schluchten des Balkan, Freiburg 1892, S. 160.

[5] Balkan, S. 172 - 175.

[6] Balkan, S. 174

[7] Balkan, S. 166f.

[8] Balkan, S. 176.

[9] Balkan, S. 177.

[10] Balkan, S. 194.

[11] Balkan, S. 246.

[12] Balkan, S. 211.

[13] Balkan, S. 168

[14] Balkan, S. 233.

[15] Die Erstveröffentlichung erfolgte unter dem Titel Der letzte Ritt 1885/86 im Deutschen Hausschatz. Vgl. Claus Roxin: Einführung zum 4. Hausschatzband.

[16] In den Schluchten des Balkan, wie Anm. 4, S. 46.

[17] Balkan, S. 51.

[18] Balkan, S. 282.

[19] Balkan, S. 113f.

[20] Mein Leben und Streben, wie Anm. 2, S. 143.

[21] In den Schluchten des Balkan, wie Anm. 4, S. 177f.

[22] In Mein Leben und Streben, wie Anm. 2, S. 25f., schreibt May, daß seine Märchengroßmutter einmal drei Tage und drei Nächte scheintod gewesen sei.

[23] Hans Dieckmann: Gelebte Märchen, Hildesheim 1978, S. 11f.

[24] Mein Leben und Streben, wie Anm. 2., S. 138.

[25] Gelebte Märchen, wie Anm. 23, S. 104f.


Karl May - Leben und Werk

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