Feierstunden am häuslichen Herde

 
Vielleicht haben Sie den tollen, informativen Artikel von Hermann Wohlgschaft über Karl May und Martin Luther im ›Beobachter an der Elbe‹ gelesen – mir fielen gleich viele Parallelen ein, wenn ich an diese beiden Menschen denke, die mehr als 3 Jahrhunderte voneinander getrennt lebten. Beide suchten eine neue Welt, beide schrieben ihre Gedanken in Büchern nieder, beide hatten viel Zeit in Abgeschiedenheit, sich auf die großen Aufgaben vorzubereiten (Martin auf der Wartburg, Karl inhaftiert in Waldheim) vielleicht erträumten sie sich in dieser Zeit jeweils, tatsächlich ihre Welt zu verändern …
     »Ich will der Lehrer meiner Leser sein!«, wird Karl May 1893 in Winnetou I schreiben, auch das würde Martin Luther sicher unterschrieben haben. Der eine auf der Suche nach einem gnädigen Gott, erst für sich, dann auch für alle anderen, gipfelnd in dem Jahrtausendwerk der Luther-Bibel – der andere auf der Suche, großen und kleinen Menschen einige Stunden Abenteuer zu ermöglichen, unter der Bettdecke oder im großen Opa-Lehnsessel, dabei aber immer auch die Botschaft im Blick, es soll etwas haften bleiben (und vielleicht sogar der Mensch selbst sich zum Besseren verändern!). Der Gipfelpunkt war dann sicherlich sein Vortrag in Wien am 22. März 1912, kurz vor seinem Tod: ›Empor ins Reich der Edelmenschen!‹ Und wer von uns könnte schon ausschließen, nicht auch im richtigen Leben von Karl May zum Positiven beeinflusst zu sein?
     Und vielleicht sind es ja auch nur Kleinigkeiten, die uns aber doch unmerklich geprägt haben. Mittlerweile habe ich alle Erdteile gesehen, ohne die Lektüre Karl Mays wäre das für mich undenkbar gewesen – und überall schaute ich mich heimlich um, ob ich nicht einer der skurrilen Gestalten begegnete, die im Werk Karl Mays in Fülle zu finden sind … (»Wow, der könnte gut ein Cousin unseres Hadschis sein!«). Die Sehnsucht nach fernen Ländern hat er uns in die Herzen gepflanzt, so dass ich noch heute traurig bin, dass ich meine kleine Lieblingswüste Llano Estacado nicht mit anderen Mitgliedern der Karl-May-Gesellschaft im Jahr 2000 besucht habe (und natürlich weiß ich mittlerweile, dass der Llano gar keine echte Wüste ist, aber was macht das schon). Vielleicht komme ich doch noch mal dorthin …
     Bärentatzen schmecken am besten, wenn sie in der Erde eingegraben von Würmern durchdrungen sind – das wissen wir doch alle. Immer dachte ich an dieses seltsame Kochrezept Karl Mays, wenn mir fremde kulinarische Köstlichkeiten in fernen Gegenden offeriert wurden, manchmal probierte ich sie dann mit Todesverachtung (nur chinesische Maden mit Knoblauchsauce habe ich mir erspart …). Bei meinen vielen Besuchen der Alpen habe ich tausende Murmeltiere gesehen – und jedesmal denke ich an die ›Prairiehunde‹ von Hobble-Frank im Schatz im Silbersee und überlege, ob ich solch einen Braten nicht doch mal kosten sollte … Aber tatsächlich ist es eine Frucht, die mich am meisten verfolgt hat, von der ich schon oft erzählt habe, aber nie genau wusste, ob es sie wirklich gibt, die ›Durio‹ aus Ardistan und Dschinnistan. Erst gerade eben, beim Verfassen dieses Artikels, habe ich mich auf Wikipedia davon überzeugen können: Karl hatte, wie fast immer, Recht! (Und diese Frucht könnte er beim Schreiben tatsächlich schon gekannt haben, immerhin ist er auf seiner großen Reise bis Sumatra gekommen, dort wachsen sie – und bis heute ist es dort verboten, diese Früchte ins Hotelzimmer mitzunehmen, bei Verstoß muss man eine ganze Woche zusätzlich bezahlen!).
     »Dieses Fleisch schmeckt allerdings ebenso gut, wie es aussieht, wie fein zubereiteter Rahm von allerbester Milch, nur hat man sich, wenn man diese Speise nicht gewohnt ist, beim Essen die Nase zuzuhalten, weil sie, je nach der besonderen Sorte des Baumes, sehr stark nach verdorbenen Zwiebeln, faulen Eiern, altem Käse oder stinkigem Fleische riecht. Es gibt sogar Sorten, und das sind die beliebtesten und gesuchtesten, die nach allen diesen schönen Dingen zu gleicher Zeit duften.«
     Und sage mir niemand, dass so Karl May nicht tatsächlich ein Teil meines Lebens ist, wo allein die kurze Beschreibung einer orientalischen Frucht mir noch nachhängt, seit ich es mit 14 gelesen habe … und noch vieles mehr könnten ich und Ihr erzählen …
     So stehen bei mir zu Hause die Luther-Bibel und Karl Mays Werke direkt nebeneinander, friedlich vereint, in meinem Leben sich sehr gut ergänzend…
     Und ich wünsche Euch von ganzem Herzen ein friedvolles Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr!

Ihr und Euer
Pfarrer Willi Stroband

Frohe Weihnachten!
    


Wir wünschen allen unseren Internetbesuchern ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes Jahr 2018!

Robert Straßer, Werner Schul, Ralf Harder, Bert Wendsche, Thomas Grübner, Klaus Voigt,
Volkmar Kunze, Claus Roxin,  René Wagner,  Beate Störzel,
Claudia Kaulfuß, Anne Barnitzke, Juliane Hanzig, Robin Leipold, Silvia & Hans Grunert

Karl-May-Stiftung / Karl-May-Museum
Radebeul bei Dresden