Feierstunden am häuslichen Herde

 
Sylvester/Neujahr … wer von uns kennt nicht die  Wünsche, die man mit dem kommenden Jahr verbindet? Alles wird anders werden, ganz bestimmt … Früher haben wir immer Blei gegossen, um die Zukunft zu erahnen. Wie war das wohl bei unserem Lieblingsschriftsteller Karl May? Ich habe mir mal einige seiner Jahreswenden näher angeschaut.
     1873/74: Zwangsaufenthalt im Zuchthaus Waldheim, das 7. Jahr im Gefängnis insgesamt, 31 Jahre alt … die ersten literarischen Versuche liegen hinter ihm, ob er wohl davon träumte, in ein paar Jahren ein bekannter, vielleicht erfolgreicher und berühmter Schriftsteller zu sein? Sicher wollte er nie wieder hinter Gittern kommen, diesen Vorsatz verkündete er dann ja auch bei der Entlassung dem Vollzugsbeamten! Wer weiß, wohin Karl entschwand, wenn er die Augen schloss …
1891/92: Vieles war gelungen, der Vertragsabschluss mit Friedrich E. Fehsenfeld ließ die Zukunft in bunten Farben leuchten, ein Wunsch war bisher unerfüllt geblieben, ein eigenes Kind. So nahm er seine 9-jährige Nichte Clara zu sich, auch um die Schwester Karoline zu entlasten. Emma und Karl geben dem Kind einen Kosenamen, Lotte oder Lottchen. An diesem Jahreswechsel malte er sich die nächsten Jahre sicherlich als ›richtige‹ Familie aus, miterleben zu dürfen, wie aus dem Kind eine erwachsene Frau wird. (Das scheint mir im übrigen auch für heutige Eltern oder Großeltern noch ein größeres Abenteuer zu sein als ein Ritt durch den Llano estacado oder durch den nordafrikanischen Salzsee Schott Dscherid …). Diesem Wagnis wollte sich Karl aber wohl auch ›in echt‹ stellen. Doch als Vielschreiber hatte er sicherlich viel zu wenig Zeit für die Bedürfnisse eines jungen Menschen – und seine Frau schien ebenfalls für diese Aufgabe nicht geschaffen zu sein. Clara-Lotte flüchtet Mitte des Jahres nach Hause, was Karl wohl Zeit seines Lebens nicht verstanden hat.
     1895/96: Das Grundstück in der Kirchstraße 5 (heute Karl-May-Straße) wird ins Grundbuch eingetragen und ihm Neujahr übergeben – er hatte es geschafft, der arme Webersohn aus Ernstthal besaß seine Villa »Shatterhand.«, stolz prangte es in goldenen Lettern über dem Balkon. Die Auflagenzahlen waren Jahr für Jahr angestiegen, so gut wie alles war Wirklichkeit geworden. Das sollte nie wieder anders sein, nur so konnte seine Hoffnung in dieser Sylvesternacht lauten. Er würde der erste ›Popstar‹ Deutschlands sein …
     1899/1900: Wissen Sie noch, wo Sie zur Jahrtausendwende gewesen sind? Bestimmt … auch für Karl sollte es eigentlich eine besondere Jahrhundertwende sein – auf seiner großen Orientreise, die ihn bis nach Sumatra brachte. Und wo war er? In Arenzano am ligurischen Meer in Italien, sicher auch ein schöner Ort – aber im Vergleich mit Kairo, Jerusalem, Ceylon …? Und die ganze Reise wird er in dieser Nacht im Kopf haben, die so ganz anders verlaufen ist, als gedacht. Dann die ersten ernsten Nachrichten aus der Heimat, die das schöne neue Lebensbild des Abenteurers Karl May zu zerstören drohen. Dabei hatte er doch selbst seit seinem Buch »Weihnacht!« begonnen, einen neuen, anderen Karl May zu kreieren. Sein Gedichtband Himmelsgedanken nahm hier seine Form an. Und dann noch das gar nicht freudige Wiedersehen mit seiner Frau, spätestens hier im ›Dolce Vita‹ Italiens beginnt der Anfang vom Ende dieser Ehe … Wahrlich keine rosigen Aussichten, wenn er vielleicht zu den Sternen über dem Mittelmeer aufgeschaut hat …
     1911/12: »Ich halte Herrn May für einen Dichter.« Diese Worte des Landgerichtsdirektors Theodor Ehrecke bei der Verhandlung in Berlin-Moabit 14 Tage vor diesem Jahreswechsel werden sich noch wie Balsam auf seiner Seele befunden haben  … und seine Arbeitskraft war scheinbar ungebrochen. Alles war nur Vorarbeit, jetzt erst sollte das richtige, wahre Werk beginnen. Ob er vor sich selber in jener Nacht ehrlicher war? Ahnte er vielleicht sogar, dass es die letzte Sylvesternacht seines Lebens sein könnte? Wer weiß … der Traum eines begeisterten Publikums von fast 3000 Menschen im Sofiensaal in Wien jedenfalls wurde Wirklichkeit, stehende Ovationen … kann man sich einen besseren Schlussakkord seines Lebens wünschen?
     Ich wünsche Ihnen noch kein Ende, aber einen wunderschönen Jahreswechsel mit vielen erfüllbaren und sich erfüllenden Wünschen.

Ihr und Euer
Pfarrer Willi Stroband

Frohe Weihnachten!
    


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