Feierstunden am häuslichen Herde

 
»Und ist es wirklich wahr, Sihdi, daß du ein Giaur bleiben willst, ein Ungläubiger, welcher verächtlicher ist als ein Hund, widerlicher als eine Ratte, die nur Verfaultes frißt?«
     »Ja,« antwortete ich.
     »Effendi, ich hasse die Ungläubigen und gönne es ihnen, daß sie nach ihrem Tode in die Dschehenna kommen, wo der Teufel wohnt; aber dich möchte ich retten vor dem ewigen Verderben, welches dich ereilen wird, wenn du dich nicht zum Ikrar bil Lisan, zum heiligen Zeugnisse, bekennst. Du bist so gut, so ganz anders als andere Sihdis, denen ich gedient habe, und darum werde ich dich bekehren, du magst wollen oder nicht.«
     Vielleicht haben Sie am 13. November 2015, am Tag der Terroranschläge in Paris, auch an diesen legendären Einstieg des großen Reiseromans Karl Mays Giölgeda padishanün gedacht, heute besser bekannt als Durch die Wüste. Halef beginnt seine Bekehrungsversuche bei Kara ben Nemsi.
     Und so dachte ich mir, lass dieses Jahr zur Jahreswende doch mal Karl May selber zur Sprache kommen, er, der mein Leben wohl genau wie das von so vielen anderen mitgeprägt hat. Dieser einfache Lehrer, na ja, so nebenbei auch begnadeter Märchen- und Geschichtenerzähler aus Sachsen, beschreibt auf gut 40.000 Seiten immer wieder, wie er sich die Welt erträumt (wohlwissend, dass sein eigenes Leben diesem Traum nicht immer nahe kommt …). Und doch: Was ihm möglich ist, müsste auch uns antreiben können, wenigstens versuchen dürfen wir es, mit ihm zu träumen – und vielleicht auch ein wenig mehr … Nach 6 Büchern und vielen Jahren sagt der gleiche Halef dann im Schut:
     »Sihdi, mein lieber, lieber Sihdi, mit dir geht mein halbes Leben fort; die andere Hälfte gehört Hanneh, meinem Weibe, und Kara Ben Halef, meinem Sohne,« sagte der Hadschi, indem er sich die Augen trocknete. »Gott sei bei dir –- – allezeit, und – – – ich – – ich kann – – – nicht weiter – – – nicht – – – nicht weiter sprechen!«
     Wer wünschte sich solche Freundschaft nicht, die über alle Entfernung und kulturellen Grenzen Bestand hat … Und dann ist da ja auch noch Winnetou, sicherlich die Lieblingsgestalt, die Karl May je geschaffen hat. Und ihm legt er kurz vor seinem Tod die Worte in den Mund, die ich nicht müde werde, immer wieder zu erzählen: Die Hoffnung auf ein Wiedersehen nach dem Tod und die Möglichkeit des Vergebens schon hier auf der Erde:
     »Ich gehe heut dahin, wo der Sohn des guten Manitou uns vorausgegangen ist, um uns die Wohnungen im Hause seines Vaters zu bereiten, und wohin mir mein Bruder Old Shatterhand einst nachfolgen wird. Dort werden wir uns wiedersehen, und es wird keinen Unterschied mehr geben zwischen den weißen und den roten Kindern des Vaters, der beide mit derselben unendlichen Liebe umfängt. Es wird dann ewiger Friede sein; es wird kein Morden mehr geben, kein Erwürgen von Menschen, welche gut waren und den Weißen friedlich und vertrauend entgegenkamen, aber dafür ausgerottet wurden. Dann wird der gute Manitou die Waagschalen in seiner Hand halten, um die Taten der Weißen und der Roten abzuwägen und das Blut, welches unschuldig geflossen ist. Winnetou aber wird dabeistehen und für die Mörder seiner Nation, seiner Brüder, um Gnade und Erbarmen bitten .«
     Und die ›weißen und roten Kinder‹ sind synonym zu setzen mit den Menschen jeglicher Couleur. – Eines der Worte, das sich mir als Jugendlichem vielleicht mit am tiefsten eingeprägt hat, ist eines, dass sich durchaus häufig im Werk wiederfindet, hier zitiert aus ›Old Surehand II‹:
     »Man sollte eigentlich mit Menschenblut sparsamer umgehen, denn es ist der köstlichste Saft, den es giebt!«
     Wahrscheinlich waren sie einer der Gründe, warum ich mich für den Zivildienst entschieden habe. Ich sah mich so beim Wundenverbinden und Rollstuhlschieben dem Ideal, das mir Karl ins Herz gelegt hatte, einfach näher. Das allerletzte Werk des Erzählers Karl May Merhameh kann vielleicht als besonders eindringliche Botschaft gelesen werden, wie ein Vermächtnis, das auch 105 Jahre nach seiner Niederschrift noch bis in unsere Zeit hineinreicht:
     »Allah nur allein ist gerecht. Nimmt der Mensch die Rache in die Hand, so trifft er stets niemand, als nur den eigenen Bruder. Von nun an sei Friede!«
     Und die letzten Worte, die je von ihm als Schriftsteller veröffentlicht wurden, 4 Jahre vor dem 1. Weltkrieg, klingen wie ein Stoßseufzer, der darauf wartet, Widerhall zu finden im Chor aller Menschen:
     »Es sei Friede! Es sei Friede!«
     Und diesen Frieden wünsche ich uns allen, hier in Deutschland und überall auf der Welt, zum Weihnachtsfest und zum neuen Jahr.

Ihr und Euer
Pfarrer Willi Stroband

Frohe Weihnachten!
    


Wir wünschen allen unseren Internetbesuchern ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes Jahr 2016!

Robert Straßer, Werner Schul, Ralf Harder, Bert Wendsche, Thomas Grübner, Klaus Voigt,
Volkmar Kunze, Claus Roxin,  René Wagner,  René Grießbach,
Claudia Kaulfuß, Anne Barnitzke, Gudrun Wittig, Robin Leipold, Silvia & Hans Grunert

Karl-May-Stiftung / Karl-May-Museum
Radebeul bei Dresden