DIE Weihnachtsgeschichte – frei (fast) von Karl May …

 
Die biblische Weihnachtsgeschichte müsste Karl May eigentlich gut gefallen haben, sie spielt im Orient, verschiedenste Gruppierungen unterschiedlicher Kulturen treffen sich, es gibt Gastfreundschaft, im Dunkel der Nacht wird ein Fest gefeiert, über allem schwebt der Hauch des Schicksals … alles Elemente, die Karl in seinen Geschichten hundertfach zur Sprache gebracht hat. Und vielleicht hätte er (mit Kenntnissen der historisch-kritischen Bibelwissenschaft) im Guten Kamerad den Beginn der Jesus-Erzählung so schreiben können:
     Es gab die große Volkszählung unter Kaiser Augustus, jede/r musste in die Gegend seiner Vorfahren, um sich erfassen zu lassen. So auch Maria und Josef, sie mussten den beschwerlichen Weg von Nazareth nach Bethlehem auf sich nehmen. Beschwerlich, weil Maria kurz vor der Geburt stand. Und, meine lieben, jungen Leser, habt Ihr Euch schon einmal vorgestellt, wie anstrengend das Laufen für eine Frau ist, die ein Baby erwartet? Durch die Hitze des Orients? Aber, was blieb den beiden übrig … Bethlehem, ›Haus des Brotes‹, dort kam der Ur-Ur-Ur-Ur-…-Opa von Jesus her, König David wurde dort geboren.
Endlich kamen sie an, erschöpft, müde, Herbergen gab es höchstens eine, denn Bethlehem war um die Zeitenwende ein kleines Dörfchen, kleiner als AMERIKA, das in der Nähe meiner Heimat Ernstthal liegt. Tja, die Herberge voll – und Maria spürte, mit der Geburt ist es bald soweit. Was tun? Na, ja, wie ich es überall auf meinen Reisen im Orient erlebt habe, man geht ins nächstgelegene Haus, klopft dort an und – ein Mann schaut heraus, sieht die schwangere Maria und ruft ins Haus hinein: »Schatz, Du, wir haben Besuch, koch doch bitte etwas!«
     Und die beiden unerwarteten Gäste werden hereingebeten – und kurz danach wird Jesus geboren. Ja, Ihr seid überrascht? Kein Stall? Es gab in ganz Israel keine Ställe, nur der König Herodes hatte 2 große. Holz gab es auch kaum, das hatten die Römer alles abgeholzt für ihre Galeeren. Und überhaupt, schauen wir uns doch ’mal das kleine Häuschen näher an, in dem Maria und Josef so freundlich aufgenommen wurden: Es gab wie überall nur einen einzigen Raum! Die eine Seite war den Tieren vorbehalten, dort waren dann die Kühe, vielleicht ein Schaf, Hunde, Kätzchen … so war es nachts schön warm, mit vielen Lebewesen unter einem Dach! Die andere Hälfte war für die Menschen, dort wurde gelebt, geschlafen, erzählt, gekocht. Und damit die Tiere nicht auf die Schüsseln traten, gab es in der Mitte der Hütten eine Steinstufe. Und darauf waren Krippen, Futtertröge, für die Tiere aufgestellt.
     Und wenn nun ein Baby geboren wurde, wohin legte man es wohl, damit es nicht durch die Gegend kollerte? Richtig, in eine Krippe, Decke hinein und die kleinen Kinder waren gut aufgehoben. Kam eine Kuh, sah sie das Kind darin und schnaubte vorsichtig und ging zur nächsten Krippe. Kühe sind nämlich sehr sanfte und vorsichtige Tiere.
     Und so fand Jesus seinen Platz in der Krippe, wie jedes jüdische Kind seiner Zeit. Es war nichts besonderes, aber das wollte der Evangelist Lukas ja auch zeigen: Gottes Sohn kam als ganz normaler Mensch zur Welt, nicht als König in einem Palast.
     Und die ersten Gäste waren dann auch nicht Prinzessinnen, sondern Hirten. Leute, mit denen niemand was zu tun haben wollte. Wenn fromme Juden von einem Hirten berührt wurden, selbst wenn es nur der Schatten war, liefen sie nach Hause und wuschen sich von oben bis unten! Und gerade sie sollten es sein, die Jesus das erste Mal sahen. Da könnt Ihr Euch bestimmt vorstellen, was da los war: Alle bestaunten das neugeborene Kind, brachten Milch mit, ein kuscheliges Fell, ein Spieleug-Püppchen aus Schafwolle – und alle menschlichen und tierischen Gäste fanden ihren Platz in dem einen Zimmer.
Und Ihr wißt: Das war noch nicht alles. Es kamen noch fremd gekleidete Menschen aus dem Osten, ›magoi‹ (Magier) heißen sie in der Bibel, keine Könige, sondern kluge Menschen, die die Sterne beobachteten. Der Evangelist Matthäus ließ extra ›Heiden‹ an der Krippe erscheinen, als Zeichen, dass Jesus zu allen Menschen dieser Welt kommen wollte! Auch sie brachten Geschenke, Gold (=Königswürde), Weihrauch (= mit diesem Harz wurden die Götter in der Antike verehrt) und Myrrhe (= Wundsalbe konnte man aus dem Harz dieses Baumes herstellen, Jesus war eben auch Mensch, der leiden würde). Haben die Evangelisten doch gut erählt, oder?
     Aber das Schönste: es war eine tolle Feier mit vielen Menschen, dort, wo Jesus auftauchte, begann gleich das Fest, so sollte es später auch immer sein. Im Münsterland besucht man die Familien der neugeborenen Babies – und nennt das ›Pinkelparty‹. So war damals also die erste Pinkelparty der Welt, Weihnachten, das Fest, das die verschiedensten Menschen verband. Und sie feierten bis zum frühen Morgen … und Jesus mittendrin!
Wenn Ihr also dieses Jahr vor der Krippe steht, vielleicht ahnt Ihr, wie schön es damals gewesen ist und hört wie von weit die Gespräche, die Freude, Gott an Eurer Seite … und Ihr gehört dazu.

Ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest
Euer Karl May und Willi Stroband

Frohe Weihnachten!
    


Wir wünschen allen unseren Internetbesuchern ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes Jahr 2011!

Claus Roxin, Volker Wahl, Ralf Harder, Volkmar Kunze
René Wagner, Hans Grunert, Claudia Kaulfuß,
Gudrun Wittig, André Köhler, Thomas Grafenberg

Karl-May-Stiftung / Karl-May-Museum
Radebeul bei Dresden