Feierstunden am häuslichen Herde
 

Wie unter Karl-May-Freunden längst bekannt, gehörten so manche Weihnachtsfeste nicht gerade zu den glücklichen Momenten seines Lebens (beispielhaft dazu die Waldenburger Kerzen-Affäre und »das Drama mit der Taschenuhr« – Heermann). Und trotzdem ließ ihn gerade dieses Fest sein Leben lang nicht los, wie in vielen seiner Erzählungen nachzulesen.
     »Weihnacht!« und Et in terra pax oder: Friede auf Erden! – Diese beiden großen Romane, die um die Jahrhundertwende entstanden, sind auch die ersten Versuche, die Wende zum und das Ankommen im symbolischen Schreiben. Schon in beiden Titeln (oder besser in den drei) erkennt jeder christlich orientierte Mensch den Anklang an die Verheißungen der heiligen Nacht: Frieden tatsächlich unter den Menschen, dieser Gedanke, dem sich Karl May vor allem in seinen letzten Jahren so sehr verpflichtet fühlte.
     Während in der Weihnachtsgeschichte der Bibel der Engel die Hoffnungsbotschaft Gottes zu den Menschen bringt, sind es in seinen Büchern die Menschen selber – und damit vielleicht auch er! Und auch das könnte der Anfang vom Ende seiner Old-Shatterhand-Legende sein: »Ich bin nicht mehr der allmächtige Superstar, sondern ich möchte meinen Lesern lediglich eine Ahnung davon vermitteln, wie Gott sich die Welt erträumt.« Und das durchaus unabhängig von Konfession oder Religion …
Damit traf er vielleicht nicht den Nerv aller seiner Zeitgenossen, doch sind seine Gedanken für viele Menschen auf der ganzen Welt bis heute ausgesprochen attraktiv und ansprechend. Da kann man sich noch so lustig machen über diese Träumer, die mit ihm solchen Visionen nachhängen, weil das so gar nicht kompatibel scheint mit der real-existierenden Welt.
Selbst der Erfolg eines kleinen Schlagerliedchens aus den 1980-er Jahren spricht davon: Nicoles ›Ein bisschen Frieden‹ ist textlich sicher nicht sehr tiefgründig, aber von diesem bisschen Frieden träumen Millionen Menschen und werden es weiter tun …
     Vielleicht kannte Karl May die tiefsinnige Bedeutung des hebräischen Wortes shalom, das nur sehr unzutreffend mit Frieden übersetzt ist. Unendlich viel mehr besagt es:
     »Dir soll es immer gut gehen – eine nette Frau erwarte Dich zu Hause (oder Mann) – Du sollst immer einige Euro in der Tasche haben, für Dich und zum Teilen – Deine Arbeit soll Dir niemals ausgehen und sie soll Dir Freude und Erfüllung bringen – Freunde sollen mit Dir durch dick und dünn gehen, komme, was da wolle – mit Deinen Nachbarn verbinde Dich eine Freundschaft oder wenigstens gegenseitiger Respekt – Dein Lieblings-Fußballverein gewinne ab und zu, vor allem, wenn Du im Stadion bist – Die Menschen, die mit Dir zu tun haben, sollen sich freuen, Dich zu kennen – Deine Kinder mögen Dich immer tief im Herzen tragen – Der Friede auf der Welt werde auch von Dir ein Stück vorangebracht – und niemals brauchst Du Angst zu haben vor dem Tod, denn Gott wird Dich erwarten, auf der anderen Seite der Wirklichkeit …«
Ihre eigene Übersetzung dieses schönsten Wortes der Welt wird auf jeden Fall immer richtig sein – wenn Sie nur bedenken, dass es darüber hinaus noch viel mehr Bedeutungen hat.
     Und mit diesen Gedanken, die hoffentlich auch im Sinne meines Lieblingsschriftstellers sind, wünsche ich Ihnen von ganzen Herzen ein friedvolles und gesegnetes Weihnachtsfest – und vielleicht treffen wir uns ja ´mal, und wir tauschen uns aus über Träume, die einen ein Leben lang begleiten, so wie Karl May …

     Pfarrer Willi Stroband


Wir wünschen allen unseren Internetbesuchern ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes Jahr 2007!

Claus Roxin, Volker Wahl,
Volkmar Kunze, Thomas Grafenberg
René Wagner, Hans Grunert, Gudrun Wittig, Brigitte Krabbes, André Köhler, Ralf Harder

Karl-May-Stiftung / Karl-May-Museum
Radebeul bei Dresden