Weihnacht!
Welch ein liebes, liebes, inhaltsreiches Wort! Ich behaupte, daß es im Sprachschatze aller Völker und aller Zeiten ein zweites Wort von der ebenso tiefen wie beseligenden Bedeutung dieses einen weder je gegeben hat noch heute giebt. Dem gläubigen Christen ist es der Inbegriff der heißersehnten Erfüllung langen Hoffens auf die Erlösung aller Kreatur, und auch für den Zweifler bedeutet es eine alljährlich wiederkehrende Zeit allgemeiner Festlichkeit, der Familienfreude und der strahlenden Kinderaugen. Jenem leuchtet in der tiefsten Tiefe seines Herzens der Wahrspruch "Jesus Christus gestern und heut und derselbe in alle Ewigkeit!" und dieser stimmt wohl unwillkürlich auch mit ein oder läßt wenigstens seine Kinder einstimmen in den Frohgesang
          »Welt ging verloren,
          Christus ward geboren;
          Freue dich, o Christenheit!«

»Weihnacht!«, der 1897 entstandene Band 24 der Gesammelten Reiseerzählungen Karl Mays, beginnt mit diesen Sätzen. Und weiter heißt es in der Einleitung des Romans:

Zwei Bibelworte sind es vorzugsweise, welche, als ich noch ein kleiner Knabe war, aus dem Munde der alten, frommen Großmutter einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf mich machten. Lag es an der Erzählerin oder an dem Inhalte dieser Worte selbst, ich weiß es nicht, aber Thatsache ist, daß diese Verse noch heut zu meinen Lieblingsbibelsprüchen zählen. Der eine Spruch lautet Hiob 19, 25: »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und er wird mich aus dem Grabe auferwecken«, und der zweite ist eben die Verkündigung des Engels: »Siehe, ich verkündige Euch große Freude --- denn Euch ist heute der Heiland geboren ---«.

Neun Jahre später, in seinem (für die Passauer ›Donau-Zeitung‹ verfaßten) Glaubensbekenntnis, fügte May der Weihnachtsbotschaft von der Menschwerdung Gottes in Christus die Aussage hinzu:

Ich glaube an die göttliche Gnade, die diesen Heiland nun auch in unserem Innern geboren werden läßt, um uns wie ihn durch Leid und Tod zur Auferstehung und zur Himmelfahrt zu führen.

Die Geburt des göttlichen Kindes in unserem Innern ist – nach May – also auch ein Symbol, ein Bild dafür, daß etwas Neues, etwas Göttliches in uns heranwachsen will. Dieser Gedanke erinnert mich an den amerikanischen Psychologen John Bradshaw, der vom »inneren Kind« in der Seele des Menschen spricht. Der Benediktiner-Theologe Anselm Grün – einer der bekanntesten spirituellen Autoren der Gegenwart – greift diese Theorie von Bradshaw auf und führt sie weiter. Grüns Gedanken möchte ich hier, in knapper Zusammenfassung, wiedergeben:

Wir alle tragen ein verletztes, schwaches Kind in uns. Jeder wurde als Kind verletzt. Unsere Gefühle wurden zu wenig ernstgenommen. Wir wurden in unseren Erwartungen (nach grenzenloser Liebe) irgendwie enttäuscht. Wir sind also gekränkt von Kindheit an.
Als Erwachsene müssen wir mit diesem verletzten Kind in Berührung kommen. Aber wir sollten beim verletzten Kind nicht stehenbleiben. Denn das kranke, hinfällige Kind will uns hinführen zum göttlichen Kind, das ebenfalls in uns wohnt.

Das göttliche Kind ist ein Bild für das wahre Selbst. Dieses göttliche Kind weiß genau, was wir brauchen, was für uns stimmt. Es hat uns schon oft Wege gezeigt, wie wir mitten in der Fremde, mitten im Ungeliebtsein, mitten im Unverstandensein doch einen Ort fanden, an dem wir eins waren mit uns: einen Ort, an dem wir daheim waren, an dem wir in Gott waren.

Das göttliche Kind steht für das ursprüngliche Konzept Gottes mit jeder einzelnen Frau, mit jedem einzelnen Mann. Es steht für mein Selbst, für das reine, unverfälschte Bild, das Gott sich von mir gemacht hat.

In der Tiefe des Herzens tragen wir alle ein göttliches Kind. Wenn wir mit diesem Kind in Berührung kommen, wird unser Leben authentisch.

Wenn wir mit diesem Kind in Berührung kommen, sind wir nicht mehr festgelegt auf die Verletzungen unserer Kindheit, sind wir auch nicht mehr festgelegt auf bestimmte (in der Kindheit grundgelegte) Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster. Denn wir dürfen dem göttlichen Kind vertrauen, der Spur, die zum neuen Leben führt.

So weit die Gedanken von Anselm Grün. Eine – psychologisierende – Umdeutung der christlichen Botschaft? Die ›Gottesgeburt in der Seele des Menschen‹ ist keine neue Erfindung. Sie ist die Herzmitte der christlichen Mystik, wie sie – im 14. Jahrhundert – besonders von Meister Eckart und Johannes Tauler zum Ausdruck gebracht wurde.

Die ›Gottesgeburt‹ auch in unserem Innern läßt schließlich denken an das berühmte Wort des schlesischen Dichters Angelus Silesius:
»Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren / Und nicht in dir; du bleibst noch Ewiglich verloren.«

Wenn wir dem göttlichen Kind in uns trauen, dann sind wir gewiß nicht verloren. Dann können wir getrost in die Zukunft schauen, ins Jahr 2004 und in jedes Jahr unsrer Lebensgeschichte.

Hermann Wohlgschaft
  


Wir wünschen allen unseren Internetbesuchern ein frohes Weihnachtsfest und ein »friedliches« Jahr 2004!

Claus Roxin, Volker Wahl,
Volkmar Kunze, Jochen Rascher, Thomas Grafenberg
René Wagner, Hans Grunert, Gudrun Wittig, André Köhler, Brigitte Krabbes, Ralf Harder

Karl-May-Stiftung / Karl-May-Museum
Radebeul bei Dresden