Ardistan und Dschinnistan: Gedanken zum Weihnachtsfest 2002
  

In Ardistan, im Lande der Gewaltmenschen (also: bei uns!), wird das Weihnachtsfest vorbereitet. Hin und wieder kommt es dabei zu kritischen Momenten, und bei einer solchen Gelegenheit sagt Kara Ben Nemsi zum Mir (=Fürst) von Ardistan:

„Du bekamst von uns das ganze, große, herrliche Fest geschenkt. ... Ob du es verdirbst, ist deine Sache!“ (Karl May, Ardistan und Dschinnistan II, Repr. der Freiburger Erstausgabe S. 195)

Ob diese Mahnung nicht auch im Jahr 2002 Gehör verdient? Oder i s t das Weihnachtsfest vielleicht tatsächlich schon längst verdorben,

durch Kommerzialisierung (Spekulatius schon im September),

durch Kitsch (z.B. synthetische Felle der Lämmer von Bethlehem),

durch Sentimentalität (weiße Weihnachten),

durch Ritualisierung (die obligatorische Weihnachtgans)?

Und besteht nicht auch in einem tieferen Sinne die Gefahr, dass „aus dem Feste eine Erniedrigung anstatt Erhebung des Christentums hervorgehe“, (ebenda S. 185) weil Verkündigung und Wirklichkeit ganz einfach nicht übereinstimmen? Seit 2000 Jahren predigt das Christentum den Frieden, aber es ist kein Friede, weder im Kleinen in den Familien, noch im großen Weltmaßstab. Denn während ich dies schreibe, bereiten zwei große, westliche Mächte einen Krieg in Nahost vor. Der Friede ist zerbrechlich und immer gefährdet:

„Indem ich dies Alles auf mich wirken ließ, war der Basch Nasrani (= der christliche Oberpriester von Ardistan) in seiner Vorlesung bis an das Evangelium der Geburt gekommen, Lukas, Kapitel zwei. Er las soeben die Engelsworte ‚Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede - - -´ da hielt er inne.“ (S. 207)

Der Weihnachtgottesdienst in Ardistan wird von Vertretern einer anderen Religion auf rohe Weise gestört, aber in Folge des umsichtigen Handelns der Verantwortlichen behält der Weihnachtsfriede in Karl Mays Erzählung doch das Übergewicht. Ja, sogar alte Prophezeiungen gehen nun in Erfüllung: Es erklingen die Stimmen (=der Gesang) der Güte und Barmherzigkeit, personifiziert von Abd el Fadl und seiner Tochter Merhameh. Mitten in Ardistan, dem Land der Gewaltmenschen, also bei uns, ein Hymnus aus Dschinnistan, dem Land der Edelmenschen! Solche Töne waren dort noch nie zu hören! Und es hat einen symbolischen Sinn:

„Daß dies in höherer, humaner, ethischer und menschheitsgeschichtlicher Beziehung gemeint sei, darüber gab es für mich keinen Zweifel.“ (S. 211)

Wo Güte und Barmherzigkeit zu Hause sind, da kann auch der Friede einkehren; Karl Mays Symbolik aufnehmend: Der Fluß Ssulh (=Friede) führt wieder Wasser und befruchtet das vertrocknete Land von Ardistan.

Weihnachten wird oft das „Fest der Liebe“ genannt. Gewiß ist es auch ein „Fest des Glaubens“. Und ganz gewiß ein „Fest der Hoffnung“. Weihnachten bedeutet für mich vor allem, dass nicht alles beim alten bleiben darf, dass die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht stirbt, dass die Hoffnung auf Frieden nicht vergeblich sei! Weihnachten hält die Sehnsucht wach nach dem, was noch nicht ist, was aber werden soll: Friede auf Erden!

Karl May hat seine Absichten einmal so zusammengefasst :

1    Glaubens- und Gottessehnsucht zu erwecken.

2    Die Entwickelung des Gewaltmenschen zum Edelmenschen vorzubereiten.

3    Auf die Aussöhnung des Morgenlandes mit dem Abendlande hinzudeuten.

4    Die Möglichkeit eines allgemeinen Völkerfriedens nachzuweisen.

(in einem Brief an Adolph Rohlfing vom 2.2.1908)

Auch wir haben das ganze, große, herrliche Fest geschenkt bekommen. „Ob du es verdirbst, ist deine Sache!“

Manfred König, Munster, 21.12.2002
  


Wir wünschen allen unseren Internetbesuchern ein frohes Weihnachtsfest und ein friedliches Jahr 2003!

Claus Roxin, Volker Wahl,
Volkmar Kunze, Jochen Rascher,
René Wagner, Hans Grunert, Gudrun Wittig, André Köhler, Brigitte Krabbes, Ralf Harder

Karl-May-Stiftung / Karl-May-Museum
Radebeul bei Dresden