Weihnacht!
Welch ein liebes, liebes, inhaltsreiches Wort! Ich behaupte, daß es im Sprachschatze aller Völker und aller Zeiten ein zweites Wort von der ebenso tiefen wie beseligenden Bedeutung dieses einen weder je gegeben hat noch heute giebt. Dem gläubigen Christen ist es der Inbegriff der heißersehnten Erfüllung langen Hoffens auf die Erlösung aller Kreatur, und auch für den Zweifler bedeutet es eine alljährlich wiederkehrende Zeit allgemeiner Festlichkeit, der Familienfreude und der strahlenden Kinderaugen. Jenem leuchtet in der tiefsten Tiefe seines Herzens der Wahrspruch "Jesus Christus gestern und heut und derselbe in alle Ewigkeit!" und dieser stimmt wohl unwillkürlich auch mit ein oder läßt wenigstens seine Kinder einstimmen in den Frohgesang
          "Welt ging verloren,
          Christus ward geboren;
          Freue dich, o Christenheit!"

Weihnacht!, Band 24 der Gesammelten Reiseerzählungen Karl Mays, beginnt mit diesen Sätzen. Und weiter heißt es in der Einleitung des Romans:

Zwei Bibelworte sind es vorzugsweise, welche, als ich noch ein kleiner Knabe war, aus dem Munde der alten, frommen Großmutter einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf mich machten. Lag es an der Erzählerin oder an dem Inhalte dieser Worte selbst, ich weiß es nicht, aber Thatsache ist, daß diese Verse noch heut zu meinen Lieblingsbibelsprüchen zählen. Der eine Spruch lautet Hiob 19, 25: "Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und er wird mich aus dem Grabe auferwecken"; und der zweite ist eben die Verkündigung des Engels: "Siehe, ich verkündige Euch große Freude --- denn Euch ist heute der Heiland geboren ---". Der Eindruck dieser Stellen auf mich war ein solcher, daß ich - in noch ganz unreifem Alter - beide komponiert und über die zweite auch noch ein Gedicht --- fast möchte ich sagen, verbrochen habe.

Karl May in Haft

Karl May bezieht sich auf die sechzehn Strophen eines Weihnachtsgedichtes, das er in der Fiktion des Romans als kleiner Junge, in Wirklichkeit aber als 25jähriger Strafgefangener, vermutlich im Advent 1867, verfaßt hat. Die psychischen Schubkräfte - und die religiösen Impulse - dieses Gedichtes bewegten den Autor auch weiterhin. Für Karl May, den Dichter wie den Strafgefangenen, war Weihnachten nicht nur ein stimmungsvolles und rührseliges Familienfest. Er betonte die Botschaft, den christlichen Inhalt des Festes. Noch im hochliterarischen Spätwerk, in 'Ardistan und Dschinnistan', spielt die Weih-Nacht, in Verbindung mit dem Erlösungsgedanken, eine entscheidende Rolle.

Einige Strophen des Weihnachtsgedichtes von 1867 hat May ins spätere Erzählwerk integriert: in die Dorfgeschichte 'Der Giftheiner', in die Kolportageromane Waldröschen und Der verlorne Sohn, in die Reiseerzählungen Krüger Bei und Weihnacht!.

Dies ist der Anfang:

"Ich verkünde große Freude,
Die Euch widerfahren ist,
Denn geboren wurde heute
Euer Heiland Jesus Christ!"

Und dies ist das Ende (des Gedichtes und des Romanhelden Carpio):

"Suchtest du noch im Verscheiden
Droben den Erlösungsstern,
Wird er dich zur Wahrheit leiten
Und zur Herrlichkeit des Herrn.

Darum gilt auch dir die Freude,
Die uns widerfahren ist,
Denn geboren wurde heute
Auch dein Heiland Jesus Christ!"
   

Hermann Wohlgschaft
  


Wir wünschen allen unseren Internetbesuchern ein frohes Weihnachtsfest und ein "friedliches" Jahr 2002!

Claus Roxin, Volker Wahl, Wolfgang Mischnick,
Volkmar Kunze, Jochen Rascher,
René Wagner, Hans Grunert, Gudrun Wittig, André Köhler, Brigitte Krabbes, Ralf Harder

Karl-May-Stiftung / Karl-May-Museum
Radebeul bei Dresden