Reiter-Ausrüstung

  
Die Kultur der Bisonjäger und Reiterkrieger hat in ihrer historisch bekannten Form bei vielen Prärie-Stämmen kaum länger als 150 Jahre bestanden. Sie ist entscheidend durch die Einführung des Pferdes geprägt worden. Die Ursprünge der indianischen Pferdehaltung gehen letzten Endes auf die Eroberungs- und Besiedlungsversuche der Spanier in Nordmexiko und den Gebieten nördlich des Rio Grande zurück. Die Indianer, die an den Grenzen des spanischen Herrschaftsbereichs - am südlichsten Rande der Prärien - lebten, lernten zuerst, mit den ihnen unbekannten Tieren umzugehen. So waren um 1650 vor allem Apache-, Navajo- und Ute-Gruppen im Besitz von Pferden.

Bei der Ausbreitung nach Norden hat der Austausch zwischen den Stämmen eine entscheidende Rolle gespielt. Von großer Bedeutung waren vor allem zwei Handelsketten: eine, die am Rande der Rocky Mountains (durch Vermittlung der Ute, Comanche, Shoshoni) ins Plateau-Gebiet führte, und eine andere von den südlichen Prärien zu den Dörfern der Mandan, Hidatsa und Arikara am oberen Missouri.

Die weit im Norden wohnenden Stämme können Reittiere in größerer Zahl vor 1750 kaum besessen haben. Noch in viel späterer Zeit waren die wirklich großen Herden im Süden und Westen - bei Comanche, Kiowa, Osage, Flathead, Nez Percé, Crow - zu finden, während die Assiniboin und Plains-Cree niemals ausreichend mit Jagd- und Transporttieren versehen waren. Auch die riesigen Herden verwilderter Pferde (mesteños, Mustangs) die südlich des Platte River vorkamen, konnten offenbar nur von den Bewohnern der Süd-Prärien in größerem Umfang genutzt werden.

Indianer, die sich auf Handelsmärkten oder bei Aufständen und Überfällen mit Pferden versorgten, haben zunächst auch Sattel, Zaumzeug und Steigbügel - seltener die eisernen Sporen - von den Spaniern übernommen. Im Laufe der Zeit haben sie diese Ausrüstung gelegentlich nach ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten nachgearbeitet und verändert. Ohne Zweifel ist der Rahmensattel der Prärie-Indianer nach dem Vorbild des "spanischen Sattels" (der wiederum auf maurischen Einfluß zurückgeht) entstanden. Er war aus einem vierteiligen Holz-, Knochen- oder Horngestell zusammengesetzt und wurde mit feuchter Bison-Rohhaut überzogen, die sich beim Trocknen zusammenzog und dem Ganzen einen festen Halt gab. Sättel, Satteldecken, Kopfstücke, Schwanzriemen, Satteltaschen und andere Teile der Ausrüstung waren für besondere Gelegenheiten oft mit Lederfransen, Messingschellen, Glasperlen-Stickerei u.a. geschmückt.

Auch den Gebrauch des Lassos (Lariat, rope) haben die Indianer von den Spaniern übernommen. Die aus Rohlederstreifen, Büffel - oder Pferdehaaren geflochtenen Riemen wurden hauptsächlich gebraucht, um Wildpferde einzufangen oder einzelne Tiere aus der Herde zu holen.

Frauensattel der Kiowa. Eine Sonderform des Pack- oder Rahmensattels war der "Frauensattel" mit den weit hochgezogenen Stützgabeln ("Zwieseln"), die einen schweren Sitz gewährleisteten. Die vordere Gabel ist mit einem Haken versehen gewesen, an dem die Baby-Trage angehängt werden konnte. Untergelegt ist eine alte Satteldecke aus Schwarzbären-Fell.

Frauensattel

Eine eigenständige Entwicklung ist aber offensichtlich der indianische Männersattel gewesen, der in seiner einfachsten Form eigentlich nur aus einem ledernen Sack oder Kissen bestand, das mit Büffelwolle, Hirschhaaren oder trockenem Gras ausgestopft und mit einem Bauchgurt auf dem Reittier befestigt wurde. Wenn junge Männer zum Pferderaub auszogen, nahmen sie oftmals nur die leeren zusammengelegten Ledersäcke auf ihre langen Fußmärsche mit. Nach erfolgreichem Beutezug wurden diese dann auf dem Heimweg ausgestopft und als Sättel verwendet.

Kissensattel Eine etwas abgewandelte Form, die keineswegs häufig in Sammlungen zu sehen ist, stellt der mit Steigbügeln kombinierte Kissensattel dar. Nach der Glasperlen-Stickerei zu urteilen, stammt er von einem der nördlichen Prärie-Stämme (vielleicht Blackfoot oder Sarsi). Bei den in indianischer Machart gefertigten Steigbügeln sind die Trittflächen und Bügelhälften aus Weidenholz geschnitzt. Diese wurden zusammengebunden, mit Rohleder überzogen und vernäht.

Bei der Hetzjagd, beim Angriff und beim Pferderennen trieb der indianische Reiter sein Pferd mit einer kurzen Peitsche an, die in einer bestickten Rohlederschlaufe am Handgelenk hing. Besonders schön gearbeitete Stücke hatten Griffe aus Wapiti-Geweih, die meistens mit Ritzmustern verziert waren.

Schließlich ist noch ein zweifellos voreuropäisches Gerät für den Lastentransport zu nennen: die von den Franko-Kanadiern "travois" genannte Stangenschleife. Mit diesen V-förmigen Gestellen, die den Pferden angehängt wurden, konnten die Prärie-Indianer nicht nur ihre Habe, ansehnliche Vorräte an Trockenfleisch ("Pemmikan"), Felle und Handelswaren befördern, sondern ebenso kleine Kinder, alte oder kranke Menschen. Auch Tipi (Zelt)-Stangen wurden in ähnlicher Weise transportiert. Vor der Einführung des Pferdes haben die Indianer kleinere Gestelle benutzt, die sie von ihren Zughunden schleppen ließen.

Paradesattel für Männer, Prärie-Indianer. Auch die Kissensättel der Männer waren für den Alltagsgebrauch fast immer unverziert. Das hier gezeigte Paradestück aber ist kunstvoll mit Gehängen aus zylindrischen Glasperlen und bestickten Tuchbesatz geschmückt. Die Glasperlen-Ornamente auf den Kissenteilen zeigen neben moderneren floralen Formen auch das altindianische "Erdmotiv": einen Kreis mit dem eingeschlossenen Kreuz der vier Himmelsrichtungen.

Paradesattel

Rolf Krusche


Indianer Nordamerikas

Karl-May-Museum Radebeul