Harald Mischnick

Rein literarisch zu sehen - oder:
Vom Umgang mit Archivalien und autobiographischen Texten

  
In den letzten Monaten hat eine sich ständig verschärfende Diskussion über den Wahrheitsgehalt von Äußerungen, die Karl May in seiner Autobiographie Mein Leben und Streben macht, eingesetzt, die in Versuchen gipfelte, dieses Buch als eine rein literarische Streitschrift einzuordnen, die wenig wirkliche Erlebnisse des Autors, und wenn, dann sehr beschönigend, enthalte. Teilweise wurde jede Zeile unter die Lupe genommen und deren Inhalt nach dem heutigen Stande der Wissenschaft beurteilt. Diese Art von Textsezierung hat oft den Charakter der Be-Urteilung verloren und ist zur Ver-Urteilung geworden. Man hat sogar die Behauptung aufgestellt, gewisse von May niedergeschriebene Lebenserinnerungen seien nur zur Überhöhung der eigenen Großartigkeit entstanden, oder aber um seinem unerbittlichen Gegner Lebius und dessen Verleumdungen mit eigener frisierter Vita Paroli zu bieten.

Solche Äußerungen kommen im Gewande seriöser wissenschaftlicher Ausarbeitungen daher, haben aber einen gewaltigen Hinkefuß, der möglicherweise den Autoren selbst entgangen ist, nämlich unzureichende Quellenheranziehung sowie deren Abwägung bei der Auswertung. Um einen Vorgang zu erforschen, der sich vor der Lebensspanne der allermeisten Jetztlebenden ereignet hat, muß man zuerst feststellen, ob er gravierend genug sein könnte, um irgendwelchen Niederschlag in Schriftzeugnissen gefunden zu haben. Je weiter man sich in die Vergangenheit zurückbewegt, umso mehr nehmen die Quellen ab. Außerdem muß man fähig sein, sich mit der Zeit zu beschäftigen, in der sich die interessierenden Ereignisse abspielten.

Ein Beispiel möge die Problematik verdeutlichen: Will man eine politische Willensbildung innerhalb des LDP-Kreisverbandes Chemnitz 1946 oder seinerzeit in Dresden oder sonstwo in der sowjetischen Besatzungszone erforschen, so kann ich, Schriftführer meines Parteiortsverbandes, in Dokumente Einsicht nehmen, die in Archiven lagern, beispielsweise offizielle Vorstandsprotokolle, und zur Meinung kommen, daß man damals den sowjetischen Kontrolleuren schon sehr willfährig gewesen sei. Sollten Beteiligte an der Sitzung nicht mehr befragbar sein, so könnte man sich damit zufriedengeben - und eine Halbwahrheit besserwisserisch in die Öffentlichkeit blasen. Offizielle Protokolle sind nämlich bis heute nicht einzig maßgebend. So kann ich als Schreiber meines Partei-Ortsverbandes wirklich nicht jeden Satz, der in einer Sitzung gesprochen wurde, im Protokoll verewigen, manchmal, weil er peinlich wäre, ein andermal, weil über eine geplante Aktion Stillschweigen vereinbart wurde und sie deswegen auch nicht in der Niederschrift erscheinen konnte, da diese auch Leuten zuging, die ihren Schweigstill nicht halten konnten.[1] Derlei Dinge stehen oft in den Handakten von Amtsträgern, die später in den Archiven landen - vorausgesetzt, der ordnende Archivar hält sie für erhaltenswürdig und weitet seinen pflichtschuldigen Kassationsvorschlag nicht von Unmengen Briefumschlägen auf ihm aus diesen oder jenen Gründen mißfallende oder unleserliche meist handschriftliche Notizen aus. Und niemand kann garantieren, daß sich bei späteren Umzügen ganzer Archive Teilbestände auf Nimmerwiedersehen verabschieden - oder ob kriegerische Auseinandersetzungen samt deren Folgen zu Verlusten führten. Hat im fiktiven Fall Chemnitz 1946 der Protokollant eine stenographische Notiz verfaßt, daß gewisse Äußerungen im kleinen Kreise abgesprochen wurden, bevor der zuhörende Sowjetbeobachter erschienen ist oder sein heimlicher, aber intern enttarnter, deutscher Zuträger, so sieht die Sache ganz anders aus.

In der laufenden Sezierung von Mein Leben und Streben sind schon allerlei Quellen bemüht worden, doch sind Zeugnisse, die aus dem Besuche von Archiven oder dem Studium von Ortschroniken und persönlichen Berichten von Zeitaugen entstanden sind, eher rar. Beispielsweise wird das von Karl May erwähnte, ins Jahr 1869 zu datierende Schadensfeuer entweder angezweifelt oder als Deckerinnerung aus psychischen Gründen angesehen, da man dieses nirgends lokalisieren konnte. Hat aber jemand sich darum bemüht, Akten der Polizei oder der Feuerwehr zu suchen, in denen über Probealarme, Übungen oder den sogenannten "heißen Abriß" berichtet wurde? Wenn das Feuer keinen fahrlässigen oder kriminellen Hintergrund hatte, sondern mit Zustimmung oder gar auf Anregung des Gebäudebesitzers gelegt worden ist, um den Ausbildungsstand der Beteiligten zu überprüfen und die Baulichkeit preiswert niederzulegen, so interessiert das keinen Chronisten und keinen Polizeianzeiger; davon berichtet höchstens mündliche Überlieferung, und was die Fama daraus macht, deren Plappermaul auch heute noch in kleineren Gemeinwesen aktiv ist, steht auf einem ganz anderen Blatte. Jemanden, der polizeilich gesucht wird und zufällig am Ort des Geschehens erscheint, kann das natürlich sehr berühren, da er ständig einer neuen Anschuldigung, ob berechtigt oder nicht oder gar böswillig, gewärtig sein muß.

Schon früher hat Plaul sich über Karl Mays ironischen Bericht vom Auszuge der Revolutionshelden 1848 mokiert und postuliert, diese hätten nicht für ihren König gekämpft, sondern gegen ihn. Zu DDR-Zeiten jedoch, als er seinen Artikel schrieb, hätte er sich aus politischen Gründen eine Bestätigung der königstreuen Aktivitäten nicht erlauben können und hatte über die angebliche antimonarchistische Wahrheit zu referieren. Das war Pflicht. Ortschronisten wurde auferlegt, die Hälfte ihrer geplanten Veröffentlichung der Arbeitergeschichte zu widmen. Ein mir persönlich bekannter, unterdes verstorbener Forscher wollte über einen jetzigen Leipziger Stadtteil schreiben, erfuhr von dieser Pflicht und meldete, Arbeitergeschichte habe nicht stattgefunden, woraufhin er die Anweisung erhielt, diese eben zu erfinden. Um nicht lügen zu müssen, wurde die Broschüre nie geschrieben. Dieses berichtete er mir in mehreren persönlichen Gesprächen. Die Braven von 1848, zumindest in Hohenstein, betreffend bedeutet das, daß Karl May durchaus die Wahrheit sagte und die Tätigkeiten einiger Akteure jener Zeit einen eher peinlichen Charakter hatten. Darüber äußert sich Otto Sebastian[2] ausführlich. Plaul hat sein Buch seinerzeit nicht ausgewertet, wobei man ihm zugutehalten muß, daß Sebastian eindeutig monarchiefreundlich eingestellt war, eine Haltung, die zu DDR-Zeiten in Veröffentlichungen natürlich nicht genehm und auch nicht unkommentiert zitierfähig gewesen wäre.

Eine Person, die in Mays Leben eine marginale Rolle gespielt hat, aber in einer Aussage vor Gericht genannt wurde, konnte bis heute nicht verifiziert werden, und zwar die Witwe Vogel im Jagdweg, bei der der junge Redakteur, der sich unerlaubt aus der Polizeiaufsicht abgesetzt hatte, seinerzeit Unterkunft gefunden hatte. Sie muß nicht fiktiv sein! Heute noch werden in Kleinstädten häufig Frauen, auch wenn sie längst wieder verwitwet oder geschieden sind, mit dem Geburtsnamen benannt. So könnte die Witwe Vogel eine Witwe geborene Vogel sein. Wer denkt da nicht an Mays Figur Jungfer Zeisig geborene Linde?

Mit vielen autobiographischen Aussagen tun sich heutige Forscher schwer. Besonders bis 1861 bestehen noch Lücken bei der Untermauerung von Mays Vita. Gerade erst ist seine Seminarzeit erfaßt, ja sogar in manchen Facetten bizarr überdokumentiert worden.[3] Schwierigkeiten bereiten die Kindheit und Jugend des Autors bis 1857. Ein generelles Problem ist die soziale Herkunft Karl Mays. Andere bekannte Schriftsteller, die ihre Lebenserinnerungen im Alter niederschrieben, entstammten sozial ungleich besser gestellten Schichten, in denen die Erstellung und Verbreitung von Schriftzeugnissen schon so Usus war, daß diese nicht als etwas Besonderes empfunden wurde. In der ärmlichen Herkunft hingegen war das Verfassen von Briefen sehr selten und die Schreibkünste, wenn überhaupt vorhanden, relativ unterentwickelt. Wie viele eigenhändig verfaßte Dokumente aus dem Weberelend in Hohenstein und Ernstthal, soweit sie die Zeit überdauerten, sind jenseits der Eingaben an Behörden aus dem privaten Bereich vorhanden?

Karl May schrieb, daß seine Familie nicht immer so arm wie in seiner Kindheit gewesen sei und daß sich die Familiensaga von gelehrten, reichen, weitgereisten Herren unter der Vorfahrenschaft erhalten habe.[4] Plaul vermerkt: "Von weitgereisten Herren hat sich freilich nichts feststellen lassen ..." und nennt "Reisen von Torgau nach Freiberg oder von Nordhausen nach Ernstthal" als einzig ermittelte Untermauerung von Mays Behauptung.[5] Er betrieb jedoch keine akribische Familienforschung, da ihm das durch ungerechtfertigte Angriffe auf die Genealogie im Allgemeinen sowie ihn persönlich einschließlich einer böswilligen Anschwärzung seiner Persönlichkeit bei der stets wachen DDR-Obrigkeit gründlich verleidet wurde. Dank der heutigen Forschungsmöglichkeiten und Zugänglichkeit von Dokumenten in Archiven konnten der gelehrte und weitgereiste Herr sowie sein reicher Schwiegersohn ausfindig gemacht werden. Ersterer, ein Pfarrer[6], war, um Theologie studieren zu können, aus seinem südosteuropäischen Heimatort jenseits der Grenzen der heutigen EU ins damalige Reich gekommen. Er war wohl von Haus aus vermögend, da er oft Gelder verleihen konnte. Seinen Schwiegersohn, der eine Tochter zweiter Ehe des Pfarrers heiratete, konnte er, da vorher gestorben, nicht mehr persönlich kennenlernen. Dieser war Weißgerber und stammte aus einer Stadt, die heute für ihr Starkbier bekannt ist. In seinem neuen städtischen Wirkungskreis nahe des einstigen Dienstortes seines Schwiegervaters kaufte und verkaufte er öfters Häuser. Er avancierte bald zum Ratsherrn, wurde dann auch Bürgermeister. Dazu verhalfen damals, mehr als heute, Ansehen, familiäre Bindungen und Vermögen, da beide Ehepartner eigentlich Stadtfremde waren.

Eine große Unbekannte ist die Abstammung von Mays Vater. Die Anstellung dessen Mutter, Mays Märchengroßmutter, in einem einsamen Forsthaus bei einem verwitweten Adligen ist bis heute nicht verifiziert worden, braucht aber nicht aus der Luft gegriffen sein. Dessen Dienstherr muß nicht unbedingt ein Schönburger Fürst gewesen sein; das sächsische Königshaus kommt genauso infrage. Nicht nut im schönburgischen Gesamtarchiv, das sich heute in Chemnitz befindet, müßte gesucht werden, sondern auch in sächsischen Forstsachen in Beständen der Ämter. Das Aktenmaterial zu diesem Komplex im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden soll umfangreich und weitgehend unaufgearbeitet sein. Wichtig wäre aber schon, herauszufinden, ob Dokumente betreffs der Einschulung von Mays Vater noch existieren, und unter welchem Namen er sein Schülerdasein begann. Erscheint er unter dem Namen jenes Mannes, der bei seiner Geburt die Vaterschaft abstritt und seinerzeit noch lebte[7], so ist die Unehelichkeit mehr als zweifelhaft geworden, denn das bedeutet eine Vaterschaftsanerkennung.

In letzter Zeit ist Mays frühe Kinderzeit in den Mittelpunkt der Diskussion geraten. Mangels schriftlicher anderweitiger Bestätigung ist sein Bericht über schwere Erkrankung und zeitweilige Erblindung im heutigen Kindergartenalter vehement in Zweifel gezogen worden. In seiner Doktorarbeit und einem Vortrag bei der letzten Tagung der Karl-May-Gesellschaft hat Zeilinger[8] diese prägende Erfahrung aus der Zeit vor der Ausbildung eines erinnerungsfähigen Bewußtsein des Kindes als eine spätere Erfindung des Autors zur eigenen Selbstverherrlichung bezeichnet. Zu den Quellen, die Zeilinger heranzieht, gehören in hohem Maße Statistiken und seinerzeitige Berichte in medizinischen Fachpublikationen. Vortrag und Dissertation geben einen überzeugenden Eindruck vom damaligen medizinischen Fachwissen sowie der Möglichkeit operativer Eingriffe zur Behebung schwerer körperlicher Schäden. Zeilinger geht jedoch davon aus, daß May eine schlimme, folgenreiche kindheitliche Augenerkrankung postulierte, die operativ geheilt worden sei. May spricht, jedoch nur von der Blindheit aus Unfähigkeit, die Augen zu öffnen, und einer schließlichen erfolgreichen Behandlung durch einen Spezialisten der Geburtshelferkunde. Von einem auffälligen Augenschaden samt einer bemerkenswerten Wunderheilung ist in der Autobiographie nicht die Rede!

Wie man durch Auswertung anderer Quellen aus dem gleichen Fachbereich zu ganz anderen Ergebnissen kommen kann, zeigen die Repliken des Australiers Dr. Thomas.[9] Von seiner Blindheit kann May kaum durch eigenes Erinnern gewußt haben, allenfalls durch Berichte seiner Eltern, der Großmutter und des Lieblingspatenonkels. Warum sollten sie gelogen haben? Die sezierende Forschung verlangt dafür Beweise in Form schriftlicher Unterlagen. Je nachdem, als wie außergewöhnlich damals die mißglückte oder erfolgreiche Behandlung eingestuft wurde, sind Archivalien entstanden. Wenn heute etwas nicht mehr vorhanden ist, spricht das nicht gegen dessen vormalige Existenz. Ein Beispiel möge das verdeutlichen: Im Jahre 1938 zitierte der verdienstvolle Heimatforscher Dr. Friedrich Hermann Löscher für die Familienchronik der Stollberger Buchdruckerei Keller ausführlich aus einem sehr frühen, Gerichtsbuch deren Heimatdorfes Gablenz.[10] Seit Kriegsende ist dieses wichtige Dokument[11] spurlos verschwunden. Man sucht danach, aber keiner behauptet, die in der Chronik zitierten Vorgänge seien vom Autor des Buches erfunden worden. Quellenverlust ist ein immer bestehendes Problem. Für Mays frühkindliche Blindheit dient bisher seine autobiographische Aussage als einziger Beweis. Befremden muß das Bestreben, jede auch nur denkbare schriftliche Mitteilung Mays aus seinem Leben anzuzweifeln. Ob sich Nachlässe einfacher Mediziner des vorigen Jahrhunderts bei deren Nachkommen oder in kommunalen oder fachlichen Archiven en Masse erhalten haben, ist zu bezweifeln. Die Frage stellt sich, ob die Herren Doctores nach jeglicher Behandlung ausführliche Niederschriften angelegt haben. Weiterhin müssen wir uns fragen, in welchen Rahmen die Behandlung eines kranken Kindes bei anerkannten Kapazitäten sich in der Erinnerung niederschlug und in welchem Umfang deren Verschriftlichung erfolgte. Aktenmaterial kann auf ganz unterschiedliche Weise entstehen, zugeordnet und überliefert werden. Wurde das kranke Kind einer Hebammenschülerin behandelt, so muß zuerst festgestellt werden, ob hier ein Sonderfall vorlag oder ob dieses Regel war, indem die künftigen Geburtshelferinnen, die wohl schon allesamt selbst geboren hatten, aufgefordert wurden, eigene Erfahrungen zu berichten sowie über Krankheitserscheinungen ihrer Kinder, die sie Problemen bei der Geburt zuschreiben könnten. In beispielhaften oder schwierigen Fällen, aus denen die Schülerinnen wohl hätten zu lernen vermögen, wird die Vorführung des kranken Kindes angeregt worden sein. Mays Mutter ist im Abschlußzeugnis ihres Lehrgangs die beste Note zuerkannt worden, die nicht allein ihrem fleißigen Zuhören zu verdanken sein dürfte, sondern auch ihrer Lernfähigkeit, in die auch Schlußfolgerungen für ihre künftige Tätigkeit aus den Lehren der erfolgreichen Behandlung ihres kranken Knaben eingeflossen sein können. Notizen über einen solchen Vorgang mögen eventuell sehr allgemein gehalten sein. Als deren Fundort kämen Akten der Hebammenschule, der Gesamtakademie[12] oder des Bestandes der Leitung genauso infrage wie persönliche Notizen Grensers innerhalb seines beruflichen oder auch seines ganz persönlichen privaten Nachlasses, dessen Verbleib zu erforschen wäre. Untersucht müßte weiterhin werden, ob eine erfolgreiche Behandlung eines kranken Kindes in der Fremde ein schriftliches Echo in dessen Heimat hatte. Das ist zu bezweifeln, wenn ein Kind noch nicht völlig gesund, sondern erst im Heilungsprozesse begriffen, zurückkehrte,  nicht allzu lang ortsfern und eines von vielen kranken Kindern der sozial Tiefergestellten in der Heimat war. Eine reine Auswertung von Statistiken und sporadischen Veröffentlichungen von Untersuchungsergebnissen durch Kapazitäten kann nicht als vollgültige Recherche in einem Problemfall angesehen werden.

Unterlagen zu Karl Mays Kindheit insgesamt dürfen nicht allein in schönburgischen und sächsischen Quellen gesucht werden. Auch kirchliche Quellen müssen herangezogen werden. Die Trennung von Kirche und Staat war noch nicht vollzogen. Für Geburt, Trauung und Tod waren zur Beurkundung allein die Pfarreien zuständig; Standesämter existieren erst seit 1876, und zu Karl Mays Kinderzeit hatte die Kirche das Recht und die Pflicht, sich in schulische Dinge einzumischen. Damals konnten Lehrer im weiteren beruflichen Werdegang noch zum Pfarrer avancieren.

Heute haben wir unendlich viele Möglichkeiten, jegliche Ereignisse für die Nachwelt zu dokumentieren. In Mays Kinder- und Jugendzeit standen nur Papier und Feder zur Verfügung; die Photographie stand in ihren Anfängen, Portraitaufnahmen waren eher selten und bewegte Bilder festzuhalten extrem schwierig. Im Jahre 1855 kam erstmalig ein Photograph nach Hohenstein; sein Erscheinen galt als Sensation und wurde für die Nachwelt dokumentarisch festgehalten. Damals stand fast nur die Handschrift zum Festhalten eines Ereignisses für die Nachwelt zur Verfügung, in einer Zeit, als das Analphabetentum noch weit verbreitet war und viele Ältere gerade einmal ihren vollen Namen schreiben konnten. In letzter Zeit hat das, was auf Neudeutsch Oral History heißt, also das Festhalten mündlicher Erinnerungen aus der Vergangenheit der älteren Leute, unter Fachleuten zunehmend Befürworter gefunden. Diese Dokumente werden transkribiert und archiviert, obwohl beziehungsweise gerade weil häufig für die referierten Erlebnisse schriftliche Belege fehlen, weil sie nie erstellt wurden oder verlorengingen. Für die gnadenlosen Autobiographiesezierer kommt deren Anerkennung natürlich nicht infrage, da anscheinend ihrer Meinung nach jede Bewegung im Leben eines Menschen mehrfach bezeugt und beurkundet sein muß, Orwell, Gestapo, Stasi und ihre Entsprechungen lassen freundlich grüßen!

Auch für Karl May hat der allgemeine deutsche Rechtsgrundsatz zu gelten: In dubio pro reo! Beim Vergleich vieler Aussagen mit der Realität fällt auf, daß er sich in seiner ersten Lebenshälfte in der Datierung seiner Erinnerungen oft um ein Jahr vertan hat. Die Ereignisse selbst haben allerdings stattgefunden. Wenn er nun schreibt, er habe eine Auslandsreise unternommen, so hat man sich nach der zu seinen Lebzeiten geltenden Bedeutung des Begriffes zu richten. Wie gut er sich an Einzelheiten seiner Straftaten erinnert hat, können wir schwerlich nachvollziehen, da keiner von uns weiß, wie sehr im Alter sein Gedächtnis nachlassen könnte. Auffällig ist sein Schweigen über seine früheren Liebschaften, jedoch ließ man sich seinerzeit bei ganz anderen Moralbegriffen nicht ellenlang darüber aus. Außerdem hätten solche Berichte Lebius wieder Möglichkeiten zu neuen Geifereien gegeben.

Wer sich heute mit Karl May beschäftigt beziehungsweise sein Werk propagiert, darf dieses nicht auf eine Facette eindampfen oder gar sein Werk stromlinienförmig darauf ausrichten. Nur wer ihn als Jugendschriftsteller propagieren will, wird sich über erotische Szenen in seinen Münchmeyer-Romanen[13] in deren Fassung vor der Jahrhundertwende aufregen und sie als unsittlich bezeichnen. Als ob sie in einer Zeit die deutsche Jugend verderben könnten, in der fast Tag für Tag auf der Titelseite eines sattsam bekannten deutschen Massenblattes blanke Milchdrüsen und mehr prangert! Wer will oder kann die angeblich so unschuldigen Kinderlein davor schützen? Die Glotze betrommelt das Publikum ja auch reichlich mit bewegten Bildern teils obszönster Sorte. Und dann wird an Karl May herumgemäkelt, er habe angeblich unsittlich geschrieben?!

Leider ist heute verbreitet die Unsitte zur Manie geworden, denkmalwürdige große Deutsche erbarmungslos in ihrem Ansehen zu schädigen und zu demontieren, denn das bringt Schlagzeilen und macht kleine Lichterlein groß, eben weil sie ein Denkmal gestürzt haben, auch wenn sie ansonsten keinerlei Qualifikationen vorzuweisen haben!

Karl May wird vorgeworfen, seine Lebenserinnerungen in den Dienst seiner zeitweiligen Großmannssucht gestellt und prägende Kindheitserlebnisse zum Heil der eigenen Größe erfunden zu haben. Dieser Vorwurf ist ungeheuerlich! Man verwechsle seine gegenüber gewissen Leuten im Alter gezeigte Arroganz bitte nicht mit Großmannssucht! Als er erstmalig von Blindheit und deren Behandlung schrieb, war er noch ein winziges Lichtlein am deutschen Schriftstellerhimmel, der Name Old Shatterhand noch nicht erfunden, und als er seine Autobiographie verfaßte, die großspurigen Auftritte als Old Shatterhand aus seiner Lebensführung gemäß eigenem Willen und freiwillig verbannt. Wer um der Erlangung eines Titels oder akademischen Grades willen mit anzweifelbaren Thesen und ungenügender Archivrecherche an die Öffentlichkeit tritt, darf sich nicht wundern, wenn ihm anschließend gewisse Fragen zu seinen eigenen Denkstrukturen gestellt werden! Kritik, die förderlich sein kann, ist immer angebracht, nicht aber im Gewande der Kritik dargebrachte Rufschädigung! Dagegen muß man sich namens des Toten, der nicht mehr mit einer Replik antworten kann, verwahren!


Anmerkungen

[1] Zugespitzt behauptet kannte das bedeuten, daß ein späterer Erforschen des Vorgangs, von dem er gehört hat, darüber nichts Schriftliches in den Parteiakten findet, keine weiteren Unterlagen anderer Institutionen einsieht und dann postuliert, diese Aktion habe nie stattgefunden, da in denn Parteiakten nicht festgehalten. So etwas ist, drastisch ausgedrückt, Billigheimerei.

[2] 'Entstehung und Entwicklung der Bergstadt Hohenstein'. Zusammengestellt und herausgegeben von Oberlehrer Otto Sebastian, zweite vervollständigte Auflage. Verlag des Hohenstein-Ernstthaler Tageblatt und Anzeiger 1927, S. 160ff., insbesondere S. 164. Die als peinlich einstufbaren Ereignisse spielten sich im März 1849 ab. So wurde in einer Versammlung eine Resolution des Inhalts verabschiedet: "Der Stadtrat solle dafür sorgen, daß der Handel mit Rußland wieder offen werde." (Sebastian, a.a.O., S. 160) - Ein Ausmarsch von je 65 antimonarchistischen "Freischärlern" und Turnern aus Hohenstein gen Dresden im Mai 1849 hat tatsächlich stattgefunden: "Voran schritt als wackerer Tambour der Weber, auch Scheunenbrenner, Senf." (Sebastian, a.a.O., S. 164). Die Kommunalgarde blieb im Orte.

[3] Gemeint ist hier Grafs Untersuchung 'Lektüre und Onanie · Das Beispiel des jungen Karl May, sein Aufenthalt auf dem Seminar in Plauen (1860/61) - und die Früchte der Phantasie'. In Jb-KMG 1998, Husum 1998, S. 84ff.

[4] Karl May: Mein Leben und Streben, Freiburg [1910], S. 21.

[5] Hainer Plaul: Ererbte Imagination · Über drei schriftstellerische Stammverwandte Karl Mays. In Jb-KMG 1981, Hamburg 1981, S. 227ff., hier speziell S. 228. Die Ergebnisse seiner als Laie zusammen mit dem Ephoralhistoriker und engagierten Familienforscher Karl Streller angestellten Untersuchungen, wegen deren Veröffentlichung er seitens eines Einzelnen übelst diskreditiert wurde, sind als genealogisch hochwertig einzustufen und konnten unterdes von mir umfassend weitergeführt werden.

[6] Eine Veröffentlichung der Forschungsergebnisse sowohl innerhalb einer Fachpublikation als auch im Schrifttum der Karl-May-Gesellschaft ist vorgesehen. Zu den männlichen Nachfahren des Pfarrers zählten im 17. Jahrhundert viele Schulmeister.

[7] Christian Friedrich May (1779-1818), Weber in Hohenstein.

[8]  Vgl. Johannes Zeilinger: AUTOR IN FABULA - Karl Mays Psychopathologie und die Bedeutung der Medizin in seinem Orientzyklus, Med. Dissertation, Leipzig 1999.

[9] Dr. William E. Thomas: Karl Mays Blindheit II  /  Karl May & Rachitis

[10] Löscher, Dr. Friedrich Hermann: "Sippe Keller und das Unternehmen E. F. Kellers Witwe", Stollberg 1938. Unterdes hat sich herausgestellt, daß diese Keller gar nicht aus Gablenz, Kreis Stollberg, stammten, sondern aus dem benachbarten Oberdorf. Die Geschichte der Gablenzer Keller auf dem 'Stammgut' bis 1715 ist korrekt dargestellt; bei der Rückverfolgung der Stollberger Keller-Sippe ist im Traubuch Stollberg ein Eintrag überlesen worden. Auch zu diesem Thema plane ich eine Veröffentlichung  in einer der Fachzeitschriften. - Merkwürdig ist, daß die Familiennamen der beiden schurkischen Müller und Brandstifter in Der Weg zum Glück, Clauß und Keller(mann), nicht nur die alter Müllersippen rund um Stollberg sowie in Reinsdorf bei Zwickau sind, sondern daß Namensträger aus diesen Familien auch zu Karl Mays Vorfahren zählen! Interessanterweise hieß ein Beteiligter der Ereignisse des April 1849, der in Hohenstein mit einer Mordbrennerdrohung hausieren ging, Conrad Clauß!

[11GB Grablenz 1507-1544. Laut Löscher befand sich dieses im Gemeindearchiv. Nach Zetteln, die im Jahre 1930 vonseiten der Gemeindeverwaltung in drei seinerzeit eingerichtete Sammelaktenbände für alte Dokumente eingeklebt wurden, waren jedoch seinerzeit im Archiv keine vor 1546 datierbare Archivalien gefunden worden

[12] Diese samt ihren Nachfolgeinstitutionen befand sich im Kurländer Palais, das beim Bombenangriff am 13. 2.1945 bis auf die Außenmauern und wenige Innenwände zerstört wurde. Ob das Archivmaterial dieser Institution noch darin lagerte oder, zumindest ältere Bestände, längst an das Sächsische Hauptstaatsarchiv abgegeben worden war, kann vermutlich noch geklärt werden. Die Bezeichnungen der Akademie wechselten mehrfach. Um 1895 hieß sie "Königlich Sächsisches Medicinal-Collegium". Der persönliche Nachlaß von Grenser scheint sich nicht im Sächsischen Hauptstaatsarchiv zu befinden.

[13] Zu Zeiten von Lebius und Cardauns herrschte bei den Kritikastern große Aufregung darüber, daß May durchsichtige und enganliegende Frauengewänder beschrieb. Dem entgegengestellt seien zwei Zitate aus: Milde, Karoline S. J., 'Der deutschen Jungfrau Wesen und Wirken', Leipzig 1888, Erstens S. 275: "Kleidsamer und gut sitzender Schnitt, der sich der Figur ebenmäßig anschließt, ohne sie in ihren Formen zu beengen, ist Hauptbedingniß." Zweitens S. 278: "Der Ballanzug sei luftig und duftig und – weil er einmal vergänglich und der flüchtigen Stunde dient – so sollte die weiße Farbe, der durchsichtige Stoff und die leichte Garnirung von bunten Bändern und Blumen den Vorzug haben."


Karl May - Leben und Werk

Titelseite: Karl-May-Stiftung