Prof. Dr. Reinhold Wolff

85. Jahrestag der Karl-May-Stiftung:

Verleihung des Karl-May-Förderstipendiums

Laudatio für Dr. Andreas Graf

     

Meine Damen und Herren, lieber Herr Graf,

wenn heute, anläßlich des 85. Jahrestages der Karl-May-Stiftung, zum ersten Mal ein Karl-May-Förderstipendium an ein Mitglied der Karl-May-Gesellschaft verliehen wird, dann müßte nach Fug und Recht an dieser Stelle eigentlich Claus Roxin stehen, um für den Kandidaten die Laudatio zu halten. Denn wer wäre hierzu geeigneter als Claus Roxin, seit einem Vierteljahrhundert Vorsitzender und Seele der Karl-May-Gesellschaft, mit der die wissenschaftliche Erforschung von Karl Mays Leben und Werk erst so richtig in Gang kam; und darüber hinaus 2.Vorsitzender des Kuratoriums der Karl-May-Stiftung und übrigens sehr viel länger mit dem Kandidaten bekannt und damit viel besser vertraut mit seinen bisherigen Werdegang als ich selbst.

Aber Claus Roxin wird an diesem Tag für einen anderen Termin benötigt, bei der Hochzeit seines Sohnes in München nämlich: einem Termin überdies, der viel länger vorhersehbar war. Und da der große Vorsitzende der Karl-May-Gesellschaft bei allen seinen unbestritten gewaltigen Qualitäten doch nicht über die Fähigkeit verfügt, an zwei Orten gleichzeitig physisch präsent zu sein, erging die Bitte an mich, den Kandidaten gebührend zu loben, wie der Brauch es nun einmal will.

Ich habe dies auch gerne zugesagt, schienen mir doch das Ereignis selbst wie auch der Kandidat des Förderstipendiums, Herr Dr. Andreas Graf, ungewöhnlich genug und allen Lobes wert. Daß sich, in rein privater Initiative, Unternehmen der regionalen Wirtschaft zusammentun, um ein wissenschaftliches Vorhaben zu unterstützen, ohne dabei auf staatliche Anreize und Förderprogramme zu schielen: normal ist das, wie wir alle wissen, heutzutage nicht. Die Idee zu dieser "Initiative für Radebeul" stammt von Peter Grübner, dem gerade ausgeschiedenen Vorstandsvorsitzenden der Karl-May-Stiftung, dem die Stiftung übrigens ihr Überleben verdankt wie kaum einem andern, und es mag viel Hanseatisches in ihr stecken, viel von hanseatischem Bürgersinn und Bürgerstolz; aber sie paßt auch gut in eine Karl-May-Landschaft, in der sich das Radebeuler Museum zu über 70 % aus eigenen Einkünften finanziert (17 %, nicht 70 % sind bundesrepublikanischer Durchschnitt), und in der die Mitglieder von Vorstand und Kuratorium der Karl-May-Stiftung wie auch die Mitglieder der Karl-May-Gesellschaft ausschließlich unbezahlt und ehrenamtlich in Sachen Karl-May tätig sind. Normal ist das alles nicht in einer Zeit, in der die Wissenschaft am Tropf der bürokratisch organisierten Drittmittelforschung hängt, gelenkt längst nicht mehr vom genuinen Erkenntnisinteresse und der Neugier der Wissenschaftler, sondern von den anonymen Entscheidungen wissenschaftsfremder Bürokraten und Politiker (und ich spreche jetzt nicht von der alten DDR, sondern von der alten und neuen Bundesrepublik). Daß sich, wie in der Initiative "Für Radebeul", privatwirtschaftliche Generosität engagiert in einem Feld, in dem auch sonst ausschließlich originäre Neugier und selbstbestimmtes Forschungsinteresse das Klima bestimmen, ist der ungewöhnliche, nicht repräsentative Glücksfall, und braucht vielleicht auch den ungewöhnlichen Gegenstand, an dem all dies sich kristallisiert, eben: Karl May.

Ungewöhnlich ist aber auch die Person des heutigen Stipendiaten, die ich Ihnen nun kurz vorstellen möchte. Herr Dr. Andreas Graf, 1958 in Köln geboren, hat an der Universität Köln Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert und, ebenfalls in Köln, 1989 mit Auszeichnung promoviert: mit einer Arbeit über Leben und Werk des Balduin Möllhausen, der für Kenner des Werks von Karl May kein Unbekannter ist, wohl aber noch immer für viele Germanisten. Graf ist seit 1985, d. h. seit dem Abschluß seiner Magisterarbeit, publizistisch tätig: in Buchpublikationen, Editionen und Beiträgen in Fachzeitschriften, auch dem Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft. Neben dieser wissenschaftspublizistischen Tätigkeit stehen auch literarische Publikationen: der Gedichtband "Männlich und Winterfest" von 1982; derzeit ist, so hört man, auch ein Roman im Entstehen. Seit 1985 ist Graf auch freier Mitarbeiter in diversen Literaturzeitschriften; seit 1991 produziert er als freier Mitarbeiter Bücher für verschiedene Verlage und ist in Lektoraten tätig. Ebenfalls seit 1991 und bis heute hat Herr Graf Lehraufträge an den Universitäten Köln und Koblenz erhalten. Seit 1994 ist er auch freier Mitarbeiter des Deutschlandfunks.

Spätestens die wiederholten Erwähnungen des Wortes "frei" dürften dabei signalisiert haben, daß Herr Dr. Graf die prekäre und risikoreiche Existenzform eines "freien Autors" oder "freien Schriftstellers" gewählt hat, nur gelegentlich abgestützt durch Stipendien (etwa einem Graduiertenstipendium des Landes NRW 1985 bis 1987, oder einem Postdoc-Stipendiums der DFG 1991 bis 1993) oder aber die erwähnten Vortrags- und Lektoratstätigkeiten, bzw. die ebenfalls erwähnten Arbeiten beim Rundfunk. Wer weiß, wieviel mit den eigentlich wissenschaftlichen Publikationen zu verdienen ist – nämlich gar nichts oder doch so gut wie gar nichts –, der wird auch mit Respekt zur Kenntnis nehmen, daß Grafs Lebenslauf für einige Jahre die Arbeit als Telegramm- und Eilzusteller beim Postamt Köln 1 (mit 18 Wochenstunden) dokumentiert. Das unter so schwierigen Umständen entstandene, wissenschaftlich-publizistische Oeuvre ist gleichwohl eindrucksvoll. Ich darf einige der über 30 Titel kurz hervorheben:

Da wären an erster Stelle zu nennen natürlich die beiden Buchpublikationen, die aus der Kölner Dissertation entstanden sind: "Der Tod der Wölfe" von 1991, eine moderne, kritische und in vielen Punkten zum ersten Mal recherchierte Möllhausen-Biographie, die seinerzeit viel Beachtung in der Germanistischen Fachwelt fand und inzwischen als Standardwerk gilt; und, unter dem Titel "Abenteuer und Geheimnis", eine Gesamtdarstellung des umfangreichen Romanwerkes von Möllhausen von 1993, die im wissenschaftlichen Forum die gleiche Anerkennung gefunden hat. Um diese beiden zentralen Publikationen herum gruppieren sich eine Reihe von Aufsätzen und Editionen, von denen besonders die bei dtv herausgegebenen Möllhausen-"Geschichten aus dem Wilden Westen" (1995) und die auf 19 Bände angelegte große Möllhausen-Ausgabe bei Olms, deren erster Band noch in diesem Jahr erscheinen wird, zu erwähnen wären.

Dieser mit der Promotion verbundene Möllhausen-Schwerpunkt markiert aber nur ein viel breiter angelegtes Interesse Grafs am Abenteuer- und Populärroman des 19. Jahrhunderts unter den verschiedensten Aspekten: da stehen neben den erwähnten Arbeiten zu Möllhausen, Arbeiten zu Gerstäcker, zu Wilhelm Raabe, zur Vertriebsform und kulturellen Funktion der Kolportage oder der Verbreitung der populärer Literatur im 19. Jhdt. Dies alles immer wieder, von der frühen Teilnahme am Projekt CID = "Computergestützte Interpretation von Detektivromanen" an der Universität Köln (1985) bis zur Herausgabe eines "Medienhandbuch Köln" von 1992, auch weiterverfolgt im thematisch angrenzende Gebiete, und immer wieder publiziert an hervorragenden Orten, die von der Wertschätzung der Fachwelt von Grafs Arbeit zeugen: in der "Deutschen Vierteljahres-Schrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte", der Festschrift zum 65. Geburtstag von Rudolf Schenda (dem Altmeister der Forschung zu den populären Lesestoffen des 19. Jahrhunderts), der Zeitschrift "Fabula" oder dem "Internationalen Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur".

Und da ist natürlich, last but not least, Karl May: seit 1991 ist kaum ein Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft erschienen, das nicht einen Beitrag von A. Graf enthielte: zu Mays Adaptation und Variation literarischer Quellen, zu Mays Kolportage Romanen, usw. Ganz generell gilt, soweit ich das sehe, im wissenschaftlichen Mitarbeiterkreis der Karl-May-Gesellschaft Dr. Andreas Graf auch als eine der großen Zukunftshoffnungen des Karl-May-Forschung.

So weit, so gut, werden Sie sagen: aber wir verleihen ja keinen Karl-May-Preis, sondern ein Karl-May-Förderstipendium. Nicht ein Genie soll gefördert werden, sondern ein Werk: wo also ist der eigentliche Gegenstand der Förderung?

Und in der Tat war die bisher geschilderte Qualifikation von Andreas Graf nur die Voraussetzung dafür, ihn im Herbst 1996 auf einer ABM-Stelle mit einem Projekt zu betrauen, das am Germanistischen Institut der TU Dresden angesiedelt ist und unter der Verantwortung des Dresdner Kollegen Prof. Dr. Walter Schmitz steht: mit dem Aufbau einer Datenbank zur "Historischen Abenteuerliteratur europäischen Formats". Wem dieser Titel auf den ersten Blick nicht ganz transparent vorkommt, der mag sich erklären lassen, daß die Anfangsbuchstaben der einzelnen Wörter in diesem Titel eine wohlklingende und sinnträchtige Abkürzung ergeben: das Wort HALEF nämlich als Kurzbezeichnung des Projekts. Und gemeint ist damit die Erstellung einer Datenbank zur Abenteuerliteratur des 19. Jahrhunderts: so wie das Werk von Karl May eine Art "Summe" des Populärromans des 19. Jahrhunderts darstellt, in die fast alle Traditionen dieses Genres einfließen (Indianerroman, Orientroman, Seeroman, Räuberroman, Sozialroman, Großstadtroman, usw.), so wird – dies der Grundgedanke des Projekts – Karl Mays Werk auch in einer bestimmten Dimension nur ganz verständlich im Kontext der Traditionen, in denen es steht. Diese Traditionen des Abenteuer- und Populärromanes aber sind, wenn man von ein paar markanten Autoren wie Sealsfield, Gerstäcker oder Möllhausen einmal absieht, immer noch weitgehend unbekannt und unerforscht: ihre Erforschung wird auch das Werk von Karl May in einer neuen Weise erschließen, wie es sonst bisher nicht möglich war. Die Datenbank, an der Andreas Graf seit Oktober 1996 arbeitet, ist hierzu ein erster wichtiger Schritt. Sie hat inzwischen mit über 2300 Einträgen einen erheblichen Umfang erreicht, und wird in diesem Jahr auf ca. 4000 Einträge anwachsen. Die erwähnte ABM-Stelle hat diese Arbeit für ein Jahr finanziert: das Förderstipendium sichert nun die Fortführung des Projekts.

Ich kann an dieser Stelle nur andeuten, daß weit im Hintergrund dieses Projekts noch ein anderes steht: die Idee, im Zusammenwirken von Karl-May-Stiftung, Universität Dresden und öffentlicher Hand, vielleicht in der juristischen Form eines "An-Instituts", in der räumlichen und ideellen Nähe zur "Villa Shatterhand." ein Forschungszentrum zum europäischen Abenteuer- und Populärroman zu errichten, das diesen ganzen, gesamteuropäischen Bereich des Populärromans nicht nur im großen Umfang erschließt, sondern auch in modernster, digitalisierter Form auf CD-ROM zugänglich macht. Dieses Forschungszentrum, wenn es denn entstünde, würde mit Sicherheit die regionale Forschungslandschaft Sachsens bereichern, war doch die Forschungslandschaft der DDR früher geprägt von der Monokultur Humboldt-Universität, Berliner Akademie und Universität Leipzig. Und es würde ganz von selbst, wie mir Rudolf Schenda und andere bestätigt haben, zu einer Institution von nationaler und internationaler Ausstrahlung werden. Und welcher Name, wenn nicht der Karl Mays, könnte über einem solchen Forschungszentrum stehen; welcher Ort, wenn nicht Radebeul, käme in der ganzen weiten Republik als Sitz eines solchen Forschungszentrums eher in Frage.

Aber das sind für den Augenblick noch Träume. Wir haben zwar die Idee eines solchen Forschungszentrums schon mehrfach im Kuratorium der Karl-May-Stiftung wohlwollend diskutiert, aber, wie Sie alle wissen, war die Karl-May-Stiftung bisher im wesentlichen mit ihrer Existenzsicherung beschäftigt. Wenn jedoch aus den am Ende angedeuteten Träumen und Visionen je etwas werden sollte, dann wird auch hierfür die Arbeit von Dr. Andreas Graf an der Datenbank HALEF der erste Baustein sein.

Ich habe deshalb nicht nur den Kandidaten zu loben, sondern auch im Name der Karl-May-Forschung den Mitgliedern der Initiative "Für Radebeul" für die Finanzierung des Förderungsstipendiums sehr herzlich zu danken.

Reinhold Wolff

 


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