Ansprachen von Herrn Staatsminister Dr. Matthias Rößler
anläßlich der Feier "70 Jahre Karl-May-Museum" am 27. November 1998

      

Eröffnung der Räume in Patty Franks ehemaliger Wohnung in der "Villa Bärenfett"

Wie mir Leute, die Patty Frank noch persönlich kannten, sagten, war er kein Freund von Förmlichkeiten. Wenn wir heute in seiner Wohnung stehen, hätte er uns entweder hinausgeworfen mit einem grimmigen "Mei Ruah!" oder aber einfach gesagt: "Kommts rein!"

Nehmen wir an, wir seien willkommen. Wir hätten auch eine Flasche Bourbon oder noch besser einige Flaschen Starkbier mitgebracht, um den Alten günstig zu stimmen. In seiner Rede im Kaminzimmer pflegte er bewundernd von den Komantschenkriegern zu sagen, daß Sie mit einer Flasche Wasser tagelang auskommen konnten, er mit einer Flasche Starkbier kaum eine Stunde.

Vielleicht hätte Patty uns von seinem Leben erzählt. Erzählt von den Reisen mit Buffalo Bills Zirkustruppe. Heutzutage wird viel von Multikultureller Gesellschaft gesprochen, als sei das eine Erfindung der 68er. Multikulturell war die Artistiktruppe Buffalo Bills schon vor dem Ersten Weltkrieg mit Kosaken und Afrikanern, Indianern und Südseeinsulanern. Patty Frank hätte nur mürrisch mit dem Kopf geschüttelt, wenn man von ihm verlangt hätte "die multikulturelle Interaktion zu thematisieren." Er lebte die Völkerverständigung. Sein Ziel war es, mit dem Karl-May-Museum uns die Indianer realistisch nahezubringen, indem er uns ihre Kultur gewissermaßen zum Anfassen vorstellte.

Theoretische Überlegungen waren dabei nicht seine Sache. Seine Stärke war, aus dem eigenen Erleben zu berichten, Quellen aufzuspüren und Leute zum Reden zu bringen. Zu jedem Stück seiner Sammlung wußte er eine Geschichte. Es ist ein Glücksumstand, daß er Klara May dazu brachte, mit ihm zusammen das Museum aufzubauen. War es das Verdienst Karl Mays, uns die Indianer, wenn auch idealisiert, nahezubringen, so war es das Verdienst Patty Franks, dieses Idealbild nicht zu zerstören, sondern es auf den Boden der oft erschütternden Tatsachen zurückzuführen.

Wir stehen nun in seinem "Allerheiligsten". Patty hätte allen Ruch von Heiligkeit weit von sich gewiesen. Trotzdem: Er war eine Institution, die auch mit über 70 Lenzen noch jung geblieben ist, wie seine Freundin, die Völkerkundlerin Eva Lips, richtig bemerkte. Wenn wir heute seine Wohnung einem größeren Kreis öffnen, möchten wir etwas vom Jungbleiben durch tätige Freundschaft weitergeben.

   

Ansprache im Gasthof Serkowitz zum Festakt "70 Jahre Karl-May-Museum"

Vielleicht wäre es stilvoller gewesen, Sie mit einem "Hau Kola!" zu begrüßen, wie Patty Frank seine Zuhörer im Kaminraum lehrte. Ich grüße Sie, Freunde Karl Mays, Winnetous, Hobble Franks, Patty Franks, Hadschi Halef Omars Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud Al Gossarah. Vor allem aber begrüße ich Sie als eine große Familie, die sich der Völkerverständigung verschrieben hat.

Generationen wurden durch die blühende Phantasie Karl Mays mit Indianern und Kurden, Teufelsanbetern und Kosaken, Erzgebirglern und Kaffern, Malaien und Chinesen vertraut gemacht. Wir wissen, daß es oft Phantasiewelten und idealisierte Personen waren, und nicht wenige Kritiker spießten Widersprüche und Schönfärberei genüßlich auf. Sie übersahen dabei, daß es Karl May gelungen war, seine Leser zum Verständnis fremder Gewohnheiten zu führen, zur Achtung von Besonderheiten anderer Menschen und auch, das eigene Verhalten Fremden gegenüber zu prüfen.

Diesem Anliegen ist auch das Karl-May-Museum verpflichtet. Es stellt sich einmal die Aufgabe, Authentisches über die Indianer Nordamerikas zu berichten, die viele gut zu kennen glauben. Zum anderen informiert es über den vielgelesenen Autor Karl May in all seinen Widersprüchen. Das verbreitete Halbwissen über die Themen des Museums unterscheidet es von den üblichen völkerkundlichen Museen, die ihre Besucher über weitgehend Unbekanntes informieren.

Es ist den Gründern des Karl-May-Museums, der Karl-May-Stiftung und den beiden Persönlichkeiten Klara May und Patty Frank hoch anzurechnen, daß sie die vielen Stücke ihrer Sammlungen der Öffentlichkeit zugänglich machten, ohne in einen falschen Indianer- oder Karl-May-Kult zu verfallen. Von Anfang an war die Ausstellung darauf gerichtet, das Interesse, das Karl May geweckt hatte, völkerkundlich zu unterstützen. Primär war dabei nicht die wissenschaftliche Abhandlung, sondern das Vertrautwerden durch Sachzeugnisse, wie beispielsweise Kleidung, Waffen, Gebrauchsgegenstände und Dokumente.

Wer das Karl-May-Museum noch aus der Zeit Patty Franks kennt, weiß, daß es die Fülle von Dingen war, die überwältigte. Der rote Faden, an dem man sich durch die Ausstellung tastete, waren die Geschichten Karl Mays vor allem aus dem Wilden Westen, aber auch aus Südamerika und aus dem Orient. Der Gang durch die Ausstellung war wie der Gang durch ein Indianerdorf, das Klettern in einem Pueblo, das Schlendern über einen Basar. Auch beim vielmaligen Besuch fand man Neues, stellte Sachzusammenhänge fest, verweilte bei einem Detail, kurz, man war auf abenteuerlicher Entdeckungsfahrt. Und wie bei einer Entdeckungsfahrt war man ständig in Cefahr, etwas misszuverstehen, Unwichtiges nicht vom Wichtigen trennen zu können oder sich heillos zu verirren.

Die heutige Gestaltung des Museums schafft Klarheit. Die kluge Beschränkung auf einige festumrissene Gebiete dient der Vertiefung und der fundierten Information. Ich möchte als Kultusminister den museumspädagogisch klugen Aufbau als Unterstützung des Schulunterrichts nicht missen. Hier können die Schüler die Herangehensweise an Probleme, den Umgang mit Sachzeugnissen und die Auswertung von Dokumenten an einem Gegenstand lernen, der nicht nur den Intellekt, sondern auch das Gefühl anspricht. Hier erleben die Schüler, daß eine ihnen zunächst fremde Welt in ihren eigenen Gesetzen stimmig ist und sich die Mühe lohnt, diese Gesetze kennenzulernen, um diese Welt zu verstehen.

Das Museum ist kein abgeschlossener Bezirk. Es liegt mitten in Radebeul und ist ein Teil Radebeuls. Herr Oberbürgermeister Kunze weiß genau, was er an diesem Museum hat, darüber muß ich nicht auch noch sprechen. Sie werden jedoch bemerkt haben, daß ich ein wenig einem Museum nachtrauerte, das zu besuchen ein spannendes Abenteuer war. Und dieses Abenteuer gibt es jetzt außerhalb in der Umgebung in Karl-May-Festtagen. Es ist einfach rundum erfreulich, wie die verschiedenen Institutionen Radebeuls, die Stadtverwaltung, die Landesbühnen und das Karl-May-Museum zusammenarbeiten, um diese Tradition des Museums, das Abenteuer, das wahrhaftig nicht ins Museum gehört, in der Umgebung erleben zu lassen. Das Karl-May-Museum ist dabei Keimzelle und Zentrum einer Vielzahl von Aktivitäten. Trotz Hoflössnitz und Wein, Puppentheatersammlung und Landesbühne, für viele verbindet sich mit Radebeul vor allem der Begriff Karl-May-Museum. Die anderen Attraktionen mögen nicht traurig sein, sie kommen auch zu ihrem Recht, wenn die Besucher die "Villa Bärenfett" verlassen haben. Ohne diesen Besuch wären sicher weniger Leute nach Radebeul und auch zu ihnen gekommen. Ich kenne kaum ein Museum, das so mit seiner Umgebung, mit den Bürgern seiner Stadt verbunden ist, wie das Karl-May-Museum. Daß sich diese Verbindung festigt und erweitert, ist mein Wunsch für alle: Für das Karl-May-Museum, Radebeul, Sachsen und die übrigen Völker, selbstverständlich einschließlich der Lakota und Kiowa, der Apatschen und Komantschen, der Athabaska und Pawnees.

Howgh, ich habe gesprochen!


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