Der »Goldene Staat«

     
Der Aufstieg, Verlauf und Fall der Nationalversammlung - »das einzige gesamtdeutsche Parlament, das je diesen Namen mit Recht getragen und verdient hat« (Valentin) - in den Jahren 1848/49 gehörten zu den bedeutendsten Ereignissen des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Aber die Revolution 1848 hat nicht nur in Deutschland Geschichte gemacht. Als die Hoffnung der deutschen Liberalen und ihr Traum von Recht, Freiheit, Mitbestimmung und Nationalstaat zerronnen waren, flohen Tausende von ihnen in die Vereinigten Staaten.
     Die amerikanische Öffentlichkeit verfolgte die Ereignisse in Deutschland mit größtem Interesse. Die deutschamerikanische Presse war voll von Schilderungen über die Vorgänge in der alten Heimat, die Auflageziffern vieler Zeitungen schnellten in die Höhe. Die meisten Achtundvierziger waren in Amerika schon bekannt, als sie als Flüchtlinge seinen Boden betraten. Zwar flaute die Revolutionsbegeisterung unter den Deutschamerikanern mit der Zeit ab, und auf die Welle der Ernüchterung folgte der nicht ganz einfache Prozeß, die kritischen, intelligenten und nicht zu wenig radikalen Neuankömmlinge in die deutschamerikanische Gemeinschaft einzugliedern - nicht selten kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Achtundvierzigern und den von ihnen in ihrer Lebensweise kritisierten Alteingesessenen -, aber die Neuerungen, die die Forty-eighters brachten, haben sowohl die deutschamerikanische Kulturgemeinschaft als auch das Leben der Vereinigten Staaten entscheidend beeinflußt. Mit den Worten von Senator Schurz brachten die Forty-eighters »etwas wie eine neue Welle frühlingshaften Sonnenscheins« in das Leben.
     Freidenker und Radikale, Rechtsanwälte, Musiker, Theologen, Ärzte, Techniker, Journalisten und klassische Gelehrte - geprägt von bestem deutschen Gedankengut - verhalfen der deutschamerikanischen Kultur zu einer Blüte wie nie zuvor und brachten mehr Geist und Freude in manche amerikanische Leere. Die Achtundvierziger brachten Weihnachtsbaum, Weihnachtsgebäck und Weihnachtsgrußkarte mit, und die deutsche Art, Weihnachten zu feiern, verbreitete sich über den ganzen Kontinent. Paraden, Volksfeste und Jahrmärkte wurden üblich. Die Musik wurde neben den Skandinaviern vor allem durch die Deutschen in Amerika beliebt gemacht. Keine andere Immigrantengruppe hat so viele Gesangvereine ins Leben gerufen wie die Deutschen und insbesondere die Achtundvierziger. Sängerfeste wurden veranstaltet; am Sängerfest 1857 in Philadelphia nahmen 59 Gesangvereine und fast 500 Sänger teil; in einer rauschenden Versammlung wurde die Musik als heiliges Sakrament wahrer Religion und Band zwischen den Menschen gefeiert. Berühmt wurden die New Yorker Philharmoniker unter so hervorragenden Dirigenten wie Carl Bergmann und Carl Zerrahn, beides Achtundvierziger; Bergmann galt als bewundertster Musiker in Amerika zu seiner Zeit.
     Das Theaterwesen in Amerika wurde durch die Achtundvierziger zu hohem Niveau geführt. Allein in New York, wo 1850 etwa 70.000 Deutsche lebten, blühten das Deutsche Nationaltheater, das St. Charles Theater und das New Yorker Stadttheater. Shakespeare, Goethe, Lessing und Schiller kamen zur Aufführung. Das Vereinswesen erhielt neue Impulse. Die Turnvereine zeigten bald beachtliche artistische Leistungen. Einen bedeutenden Beitrag leisteten die Achtundvierziger auch zum Erziehungswesen. Als bekanntestes Beispiel dafür gilt heute der Kindergarten, der von der Gemahlin des Senators Carl Schurz in Amerika eingeführt wurde. Als 1867 der erste Beauftragte für Erziehungswesen in den Vereinigten Staaten einen fähigen Mitarbeiter brauchte, fand er ihn in dem Achtundvierziger Johann Kraus.
     Das deutschamerikanische Zeitungswesen erhielt durch die Forty-eighters sein hohes Niveau. 1840 wurden etwa vierzig deutsche Zeitungen in Amerika herausgegeben, 1848 schon 70, 1852 über hundert und um 1860 schon 250. Die »New Yorker Staatszeitung« wurde durch den Achtundvierziger Oswald Ottendörfer zur besten New Yorker Zeitung. In Baltimore erregte der »Wecker« Aufmerksamkeit, dessen Herausgeber Carl Schnauffer gegen die Sklaverei, gegen die Kirche, gegen Aberglauben und Unwissenheit, aber für die Verbesserung der sozialen Stellung von Arbeitern, für kostenlose Ausbildung und für die Frauenemanzipation schrieb. In Louisville wurde der »Herold des Westens« berühmt. Sein Herausgeber Karl Peter Heinzen war ein brillanter Schriftsteller. Auf ihn geht die »Louisville Plattform« zurück, das Programm der deutschen Liberalen und Radikalen. Das Manifest verlangte eine Änderung der amerikanischen Regierungsform, freies Land für Siedler, eine Sozial-Gesetzgebung und gleiche Rechte für die Frauen. Es sprach sich gegen die Sklaverei und gegen die Kirche aus und forderte eine Bildungsreform. Bedeutend wurden auch die »Illinois-Staatszeitung« und der in St. Louis erscheinende »Anzeiger des Westens«.
     Schließlich gerieten die Achtundvierziger in Amerika in eine Zeit politischer Umwälzung. Alte Parteien brachen auseinander, neue entstanden. In den Vordergrund rückte mit der Zeit die Frage der Sklaven-Wirtschaft. Die Deutschen waren in ihrer Mehrzahl der Meinung nach Abolitionisten, d.h. scharfe Gegner der Sklaverei, doch traten sie dieser Partei nicht in großer Zahl bei. Die Demokratische Partei befürwortete die Sklaverei, konnte also keinen Anziehungspunkt für die Achtundvierziger bieten. Am wenigsten wurden sie natürlich von den Nativisten angezogen, die den Einwanderern das Leben erschwerten. Aber auch die Whigs, ursprünglich ein - über Jahrzehnte hinweg schwächliches - Sammelbecken aller Gegner der Demokratischen Partei, konnten ihnen nichts bieten, gerade zur Zeit ihrer Ankunft zerfiel die Partei vollends. An ihrer Stelle entstand die Republikanische Partei. Zwar ging deren Gründung nicht direkt von den Achtundvierzigern aus, aber ihr Einfluß war von großer Bedeutung: die Deutschen mögen »den Sauerteig abgegeben haben ..., der in seiner Gärung die republikanische Partei erzeugte ...« (Haebler). Hauptpunkt der neuen Partei bildete die Sklavenfrage. Die Republikaner stellten die Menschenrechte über die Bundesverfassung, da diese sie im Gegensatz zur Unabhängigkeitserklärung nicht aussprach.
     So groß der Einfluß der Achtundvierziger war - von der 1¼ Million deutscher Immigranten zwischen 1845 und 1860 waren nur vielleicht 5000 oder 10.000 politisch Verfolgte. Die übrigen gingen überwiegend aus materiellen Gründen nach Amerika wo es immer noch freies Land in Hülle und Fülle gab. Zeitlich mit der deutschen Revolution fielen die Goldfunde in Kalifornien zusammen. Zehntausende brachen auf, um ihr Glück in Kalifornien zu machen.

Der berühmteste Pionier in Kalifornien war Johann August Suter. Legende um Legende rankte sich um diese Persönlichkeit und verklärte ihr Bild, bis die geschichtliche Gestalt beinahe zu einem Mythos geworden war. Aber auch wenn man die Schalen der Legende abstreift, bleibt noch vieles, was diesen Mann über die meisten Abenteurer und Kolonisten seiner Zeit stellte.

Der »Kaiser von Kalifornien« kam 1803 in Kandern in Baden als Sohn von Deutschen oder Deutsch-Schweizern zur Welt. Einen Teil seiner Jugend verbrachte er im Kanton Basel in der Schweiz. Er soll auch die Militärakademie von Neu-Chatel besucht haben. Jedenfalls wurde er offiziell als Schweizer Bürger angesehen und leistete seine Dienstzeit in der Schweizer Armee ab. Möglicherweise stieg er bis zum Hauptmann auf und diente in der Schweizer Palastwache in Paris beim französischen König.

Suter heiratete 1826 Anna Dübeld, die ihm drei Söhne und eine Tochter gebar. Von Beruf soll er Buchdrucker gewesen sein. Die Legende will wissen, daß er zu Unrecht in den Verdacht geriet, Falschgeld herzustellen, und gerade noch seinen Häschern entkam. Manche behaupten, daß der Verdacht zu Recht bestand; auf der anderen Seite wird berichtet, daß sich Suter in waghalsige Geschäfte einließ und Schulden machte, sein Geschäft verkaufen mußte, seine Gläubiger befriedigte und nach Amerika segelte. Seine Familie ließ er im Stich - oder, nach einer anderen Version, ließ er sie nur zurück, um sie später nachzuholen, wie es auch geschehen ist. Feststeht, daß sich Suter einige Seitensprünge leistete und es vorzog, sich nach Havre zu begeben, von wo er im Frühjahr 1834 nach Amerika fuhr. Er landete in New York und machte sich in den Westen auf. Die Legenden wollen wissen, daß er sich als Bettler und Zahnarzt durchs Leben schlug, jedoch immer wieder fliehen mußte. In Wahrheit begab er sich nach St. Louis und wohnte eine Zeitlang in St. Charles. Doch schon im nächsten Jahr und auch 1836 begleitete er Handelsgesellschaften nach Santa Fe. 1838 schloß er sich dann einer Missionsgesellschaft an, die nach Oregon zog. In Fort Vancouver faßte er den Plan, nach Kalifornien zu gehen. Am 1. Juli 1839 landete er im Hafen von Yerba Buena, dem späteren San Francisco. Vier Tage später traf er in Monterey mit dem Gouverneur von Kalifornien, Juan de Alvarado, zusammen. Dieser ermächtigte ihn als »Deutschen«, im unbekannteren Norden des Landes eine Kolonie anzulegen, und versprach ihm, daß er ihm das von Suter ausgewählte Gebiet in einem Jahr als Grant gewähren würde.

Am 16. August 1839 traf Suter mit einigen anderen Amerikanern am Südufer des American River ein, dort, wo er sich mit dem Sacramento vereinigt. Indianer der früheren Missionsstationen und Eingeborene von den Sandwich-Inseln stellte er für seine Arbeiten an. Etwa 100 weiße Siedler, die in diesem Gebiet ein paar Äcker aufgerissen hatten, begrüßten in Suter einen Organisator und Kolonisator, der eine Besiedlung nach festem Plan schuf.

Suter legte in seinem Reich, das er Nuova Helvetia nannte, ein weiträumiges Herrschaftsgebäude im Stil eines Baronssitzes an. Nach Fremonts Angaben konnte Sutter's Fort eine Garnison von 1000 Mann aufnehmen und war stark befestigt. Wie ein Feudalherr lebte Suter hier, mit Dienern und einer Leibwache; obwohl er Untertan Mexikos war, übte er seine eigene Gerichtsbarkeit aus. Seine Kolonie verwandelte er in einen blühenden Garten, seine Erfolge waren großartig. General Sutter ließ er sich nennen, nachdem er 1844 dem neuen Gouverneur Micheltorena Militärhilfe gegen Alvarado geleistet hatte, der seinen Nachfolger stürzen wollte.

Von verschiedenen Seiten wurde behauptet, daß Sutter seine Indianer als Zwangsarbeiter ausbeutete. Wahrscheinlicher ist, daß er die Indianer gut behandelte, ein gutes Verhältnis zu ihnen hatte und sie sogar den Ackerbau lehrte. Preuss, der über die riesigen Viehherden Sutters staunte, berichtet, daß anläßlich des Tanzfestes, zu dem Fremonts Expedition eingeladen war, ein Indianer seinen Penis mit den preußischen Farben bemalt hatte. Feststeht weiter, daß Sutters Gastfreundschaft bis zum Osten hin bekannt war. Zu seinen Leuten gehörten drei Deutsche: Henry Huber stammte aus Paderborn und war für die Landwirtschaft zuständig; Sutters Rechtsberater hieß Charles Flugge; und Theodor Cordua aus Mecklenburg war der erste Deutsche, der sich in Maryville am American River niederließ. Der deutsche Captain Charles M. Weber, ein Freund des aus dem Mexiko-Krieg bekannten Kommodore Stockton, gründete 1847 Stockton in Kalifornien, das er erst Tideberg nannte. 1844 machte sich auch John August Sutter jr. nach Kalifornien auf und konnte seinem Vater bald wacker bei der Verwaltung des Besitzes helfen.

Um 1845 lebten etwa 8000 Amerikaner in Kalifornien, Nuova Helvetia galt nun nach Oregon als »Land der Verheißung«. Hunderte suchten dort ihr Glück, Verwirklichung ihrer Träume und nahmen alle Mühen und Entbehrungen auf sich, um ihr »Land Kanaan« zu erreichen. Auch viele Deutsche befanden sich unter den Auswanderern. Daniel Lyburz führte einen Planwagenzug nach Westen, und ebenso Jakob Hoppe, der in Virginia gelebt hatte. Ihm schlossen sich die »fünf deutschen Jungs« an, wie sie genannt wurden: Heinrich Lienhard aus Ussbühl im Kanton Glarus, der später ein enger Vertrauter Sutters wurde und Sutters Familie aus Europa nach Kalifornien holte; Heinrich Thomen und Jakob Ripstein - beide Deutsch-Schweizer; Georg Zins aus dem Elsaß und Valentin Diehl aus Darmstadt. Sie überschritten Ende September 1846 die Sierra Nevada kurz vor Einbruch des Winters, in dem sich einer der tragischsten Unglücksfälle der Auswandererzüge ereignete: Von der Donner-Reed-Gesellschaft, die 81 Menschen zählte, verhungerten und erfroren sechsunddreißig.

Die Donners stammten aus Nord Karolina, waren deutscher Herkunft und hatten sich in Illinois niedergelassen. Jacob Donner und sein Bruder George waren reiche Landbesitzer, die die Sehnsucht nach Westen gepackt hatte, George war zum dritten Mal verheiratet, seine jetzige Frau Tamsen, die aus Neu England stammte, sollte sich als die bemerkenswerteste Frau des Auswandererzuges erweisen, als eine Frau von besonderer Charakterstärke.

Als die Donners ihr Hab und Gut zusammenpackten, gesellte sich ihnen auch der reiche, extravagante Ire polnischer Abkunft James Reed zu, der im Krieg gegen die Sauk 1832 in derselben Kompanie gedient hatte wie Abraham Lincoln und der Westmann und Forscher James Clyman und der von dem Klima Kaliforniens Genesung für seine kranke Frau erhoffte. In Fort Independence schlossen sich die Familien einem großen Auswandererzug an, der im Begriff stand, auf einem Weg nach Kalifornien bzw. Oregon zu ziehen, den der Westläufer Lamsford Hastings in einem Führer beschrieben hatte. Auf dem Weg nach Laramie aber traf die Gesellschaft auf Clyman, der vor Hastings Weg warnte. Während die meisten auf Clymans Rat hörten, ließen sich die Donners, Reeds und einige andere nicht umstimmen. Zunächst war der Trail auch wirklich gut. Das nächste Ziel war Fort Bridger, in dem die Emigranten den alten Forscher »Old Gabe« Jim Bridger trafen. Dieser trug zu der späteren Katastrophe insofern bei, als er den Donners nicht die Nachricht des Journalisten Edwin Bryant, der dem Auswandererzug vorausritt, übergab, in der ihnen mitgeteilt wurde, daß Hastings Weg für Planwagen nahezu unbefahrbar war.

Einige deutsche Auswanderer gehörten zu der Gesellschaft. Ludwig Keseberg stammte aus Westfalen, war ein reicher Mann und zog mit seiner Frau, zwei Kindern und dem deutschen Treiber Karl Burger nach Kalifornien. Von Cincinnati aus hatten sich der wohlhabende Deutsche Wolfinger und seine Landsleute Joseph Reinhardt und Augustus Spitzer ins »Land der Verheißung« aufgemacht.

Am 31. Juli 1846 begann die Fahrt ins Unglück. Der Weg war so schwer befahrbar und es ging so langsam, daß die Leute bald in Panik gerieten, weil sie Angst vor dem hereinbrechenden Winter bekamen. Bald kam es zu Streitereien und Tätlichkeiten. Die Armen haßten die Reichen, und keiner traute dem anderen mehr. Bei der Durchquerung einer Wüste verlor Reed sein ganzes Vieh und wäre umgekommen, wenn ihn nicht die Donners gerettet hätten. Später töteten Indianer weitere Zugochsen; es kam zu Streitereien, in deren Verlauf Reed einem Freund zu Hilfe eilte und einen Fuhrmann erschoß - dieser war beliebt gewesen, Reed war es nicht, und die Deutschen wollten Reed am liebsten hängen. Als Wolfinger, der durch den Verlust seiner Ochsen bettelarm geworden war, seinen restlichen Besitz verstecken wollte, boten ihm Reinhardt und Spitzer ihre Hilfe an - und ermordeten ihn, wie sie kurz vor ihrem Tod gestanden.

Noch gab es Hoffnung, die erst zunichte wurde, als am 3. November ein Schneesturm hereinbrach und die Auswanderer zum Kampieren zwang. Da die Emigranten vom Überleben in der Wildnis nichts verstanden, waren sie der Natur und dem Hunger hilflos preisgegeben. Zwar trafen schon bald die ersten Rettungsmannschaften ein, aber für viele kam jede Hilfe zu spät. Jacob Donner und sein Bruder erfroren, Reinhardt und Spitzer kamen ums Leben, Frau Wolfinger und Frau Keseberg wurden gerettet, Keseberg wurde wahnsinnig und brachte Tamsen Donner um, um sie zu verzehren - die Lebenden aßen die Toten.

Am 22. Juni 1847 begruben US-Soldaten die Leichname. Der Paß, der den Emigranten zum Verhängnis wurde, trägt noch heute den Namen Donner. -

Wie anderswo in Mexikos nördlichen Provinzen waren auch die Amerikaner in Kalifornien bald der mexikanischen Herrschaft überdrüssig. »Der kalifornische Apfel war«, wie ein Zeitgenosse urteilte, »reif genug, um vom mexikanischen Baum gepflückt zu werden.« Fremont befand sich 1846 auf seiner dritten Expedition in Kalifornien und wurde von den Mexikanern des Landes verwiesen. Er kehrte aber zurück, als er erfuhr, daß die Vereinigten Staaten gegen Mexiko den Krieg eröffnet hatten, um die Siedler vom Sacramento zu einem Aufstand zu veranlassen. In Sutter's Fort sammelten sich die Siedler zur sogenannten Bärenflaggen-Revolte. Aber Fremont traute Sutter nicht und nahm das Fort ein. Als der Krieg mit der Einnahme von Mexico City durch die Amerikaner endete, erhielt Sutter sein Fort zurück, aber sein Besitztum sollte ihm nicht mehr lange gehören.

Am 24. Januar 1848 fand Sutters Mitarbeiter Marshall während des Baus einer Mühle Gold. Vergeblich versuchten er und Sutter, die Entdeckung geheim zu halten. Bald wußte es Kalifornien, bald Amerika, bald die ganze Welt. Der Goldrausch brach los und stürzte das Land in ein Chaos. Die ersten Goldsucher bezahlten noch, wenn sie auf Sutters oder Marshalls Boden Gold wuschen, die nächsten schon taten es nicht mehr. Eine Völkerwanderung nach Kalifornien setzte ein, 50.000 Menschen überschwemmten in kürzester Zeit das Land. Goldsucher, Verbrecher, Glücksritter, Spekulanten, Gesetzlose, Habenichtse, Kaufleute, Händler, Huren - alle strömten nach Kalifornien. Hier wie anderswo in den USA haben Goldfunde die Erschließung weiter Gebiete beschleunigt. Tausende wurden reich, Zehntausende verloren ihr Vermögen wieder. Bis 1852 wurde in Kalifornien Gold im Wert von 200 Millionen Dollar geschürft, die Einwohnerzahl stieg von 15.000 auf 250.000. Sutters Königreich brach über Nacht zusammen. Sein Korn wurde niedergetreten, sein Vieh geschlachtet, seine Farmen wurden niedergerissen, seine Leute ermordet - unter den Opfern war einer seiner Söhne. Sutter wurde über Nacht bettelarm. San Francisco glich einem Heerlager. Das Verbrecherunwesen blühte. Mit besonderem Haß wandten sich die Goldsucher gegen alle Andersfarbigen - Mexikaner, Indianer, Neger, Chinesen, keiner war seines Lebens mehr sicher.

Eine Fülle deutscher Namen ist aus den Goldgräber-Zeiten in Kaliformen überliefert. Die Brüder Karl Christian Nahl und Hugo Nahl aus Kassel waren bedeutende Maler. Als politische Flüchtlinge fanden sie sich auf den Goldfeldern wieder. Ihre Bilder von den Minen und dem alten San Francisco stellen einzigartige Dokumente dar. Auch das Wahrzeichen des Staates, die »Bärenflagge«, und das Großsiegel Kaliforniens gehen auf Entwürfe der Brüder zurück. Der Deutsche Levi Strauß besaß, als er 1848 nach San Francisco kam, nichts als einen Ballen Segeltuch, doch machte er damit sein Glück. Strauß wurde der Erfinder der »Blue Jeans«, jener festen, widerstandsfähigen Hosen, die bald auf allen Minen Amerikas getragen wurden und überall im Westen die ursprüngliche Lederkleidung verdrängten. Als Strauß 1911 starb, waren die »Blue Jeans« in der ganzen Welt bekannt und er selbst steinreich geworden.

Andere interessante deutsche Persönlichkeiten waren Friedrich Wilhelm Wedekind und Gustav Bergenroth. Jener kam in Göttingen zur Welt, studierte Medizin und wurde in die Revolution 1848 verstrickt. Er floh nach Amerika und zog zu Fuß, zu Pferd und mit Planwagen nach San Francisco, wo er 15 Jahre als Arzt zubrachte. Im Goldrausch gewann und verlor er nicht nur ein Vermögen, aber er wurde doch recht wohlhabend und konnte später nach Europa zurückkehren. Sein Sohn war der bekannte Dichter Frank Wedekind. Bergenroth, ebenfalls ein Achtundvierziger, lebte in Kalifornien ein abenteuerliches Leben als Goldsucher und Vigilantenführer, d.h. Führer der Bürgerwehr. Als »König« über achtzig Kolonisten auf seinen Ländereien richtete er sich eine eigene Gerichtsbarkeit ein und unterzeichnete drei Todesurteile, die er allerdings nicht vollstrecken ließ. Diese Tätigkeit brachte ihn mit der amerikanischen Gerichtsbarkeit in Konflikt, und die Hüter des Gesetzes ließen schließlich Kanonen gegen ihn auffahren, weil ihm anders nicht beizukommen war. Aber da hatte er sich schon abgesetzt und war nach Europa zurückgekehrt, wo er als Lehrer und Journalist lebte und ein bedeutendes Werk über englische Geschichte verfaßte.

In Kalifornien landete auch Lola Montez, die Exmätresse König Ludwigs von Bayern, der ihr den Titel einer Gräfin von Landsfeld verschafft hatte. Das Verhältnis des Königs mit der Tänzerin, die schottisch-kreolischer Herkunft war und seit 1846 in München lebte, führte 1848 zu Unruhen in München. Ludwig dankte ab, und Lola mußte fliehen. Da sie anti-jesuitisch eingestellt war und viel Einfluß darauf verwendet hatte, gegen die Korruption der klerikalen Mitglieder der bayerischen Regierung vorzugehen, war sie dem jungen Vilsecker Forty-eighter Elias Peissner sympathisch, der ihr zur Flucht nach Amerika verhalf. Lola zog nach Kalifornien und ließ sich in Grass Valley nieder. In ihrem Haus gab sie herrliche Parties und Empfänge, das erweckte den Zorn und den Neid ihrer Mitbürger, und bald mußte sie wieder fliehen, diesmal nach New York, wo sie, dreiundvierzigjährig, 1861 gestorben ist. Zwei Jahre später fiel Peissner in der Schlacht von Chancellorsville im Bürgerkrieg.

Weniger bekannt als Lola Montez wurde die Österreicherin Ida Pfeiffer, die - für eine Frau in der damaligen Zeit recht ungewöhnlich - mehrere Weltreisen unternahm und 1853 nach Kalifornien kam. Ebenfalls weniger bekannt als Lola Montez, aber für die amerikanische Geschichtsforschung umso interessanter ist der Preuße Herman Francis Reinhart, der am Neujahrstag 1832 in Jena als Sohn eines Bäckers und Konditors geboren wurde. Die Familie wanderte 1840 nach Amerika aus, wo der Junge eine Kaufmanns- und Handwerkslehre absolvierte. Acht Jahre später zogen die Reinharts nach Illinois und begannen zu farmen. Als die Eltern bald danach starben, hinterließen sie ihren Kindern vor allem Schulden. Herman und sein ein Jahr älterer Bruder Karl suchten 1851 ihr Glück auf den Goldfeldern des Westens. Ihren Plan, mit viel Geld zurückzukehren und eine Farm aufzubauen, konnten sie nie verwirklichen. Herman hielt sich von 1851 bis 1869 im Fernen Westen auf und nahm an jedem Goldrausch in diesem Zeitraum teil. Zunächst ging er nach Kalifornien. Ein Jahr danach nannte er die Pacific Ranch und 320 acre Land im südlichen Oregon sein eigen. Als er 1855 eine neue Reise nach Kalifornien unternahm, brach der Rogue-River-Indianerkrieg aus (wie schlecht die Indianer von den Weißen behandelt wurden, ist auch bei Ida Pfeiffer nachzulesen), in dessen Verlauf auch seine Ranch zerstört wurde. Herman, vom Pech verfolgt, rettete wenig später einem Eingeborenen das Leben. Er ging wieder auf Goldsuche am Klamath See und Indian Creek, baute sich einen Saloon und eine Bäckerei und verließ sie, um sein Glück erneut in den Minen zu suchen. 1858 zog er nach Kanada zum Fraser River und fuhr dann per Schiff nach Crescent City in Kalifornien (einer der Gründer, 1853, war der Deutsch-Schweizer Grubler gewesen). Das nächste Jahr verbrachte er in Roseburg als Postmeister und in Coffeeville als Angestellter. Nach weiterem Goldsuchen machte er sich 1862 wieder zum Pazifik auf, erfror fast in den Bergen, verlor seine Pferde, mußte zu Fuß weiter, kam heil an und wurde Saloon-Besitzer und Bäcker. Die nächsten Jahre farmte er am Dry Creek, 1864 bis 1866 hielt er sich in Montana auf. Hier trennte er sich von Karl, der inzwischen geheiratet hatte. Die beiden Brüder - selten fand sich so ein inniges Verhältnis zwischen Geschwistern - sahen sich nicht wieder. Karl starb 1888.

Das Jahr 1867 verbrachte Herman in Montana, Idaho und Utah; bei dieser Gelegenheit traf er mit dem Mormonen-Führer Brigham Young zusammen. 1869 bereiste er die östlichen Staaten und ließ sich dann als einer der ersten Siedler in Chanute in Kansas nieder. 1871 heiratete er, er wurde ein angesehener Bürger, Stadtrat, City Marshall, Leiter der Feuerwehr u.a.; am 14. Januar 1889 starb er in Chanute.

Reinharts Leben war das des »amerikanischen Jedermanns«, ein Leben, wie es tausende so oder ähnlich führten. Aber sein Schicksal errang einen kleinen Nachruhm, weil Reinhart seine Erinnerungen aufzeichnete. Er schrieb der Wahrheit gemäß, so wie er sie sah, ohne darauf zu achten, ob er in gutem oder schlechtem Licht erschien, manchmal mit einem Schuß Humor. Als relativ einfacher und ungebildeter Mann zeigte er »eine unerwartete Tendenz, zu philosophieren«. Herman war ein Mann der Tat, ehrlich, anständig, er liebte das Leben, das Abenteuer - und gute Kleidung. Groß, etwas vierschrötig, breitschultrig, mit schwarzem Haar und schwarzem Bart sah er aus wie der typische amerikanische Pionier dieser Zeit. Er trank nicht, war gutmütig, hilfsbereit, fleißig, ausgeglichen und vom Schicksal nicht beeindruckbar. Seine Erinnerungen haben einen unvergleichlich hohen historischen Wert. Er »war ein gewöhnlicher Mann, mit geringer Schulbildung, vielleicht ein typischer Amerikaner dieser Zeit. Er zeigt jene Zeit in all ihrer Lebenskraft, und damit hinterläßt er im Leser einen unvergeßlichen Eindruck seiner eigenen Persönlichkeit« (N. B. Cunningham). Reinharts Lebensbericht ist ein Leckerbissen für jeden an der Wahrheit des »Wilden Westens« jenseits aller falschen Romantik Interessierten. Keine anderen Erinnerungen eines einfachen Pioniers umspannen einen so großen Zeitraum, ein so großes Gebiet und werfen auf so viele bedeutende Ereignisse ein Licht (Cunningham). Die Gründung der Nation beruhte auf Männern wie Reinhart. Auf seinem Grabstein steht: »Hier liegt Herman Francis Reinhart, der gewöhnliche Mann der amerikanischen Goldsucher-Grenze, in der Tat 'Jedermann'.«

Neben bekannten Persönlichkeiten der amerikanischen Geschichte tauchen auch einige Deutsche in Reinharts Bericht auf. Einer von Reinharts Begleitern war der Danziger Joe Nitsell, der 1852 in Yreka von einem Spanier getötet wurde. In Walla Walla arbeitete Reinhart, der übrigens für Präsident Lincoln stimmte - wie die meisten Pioniere im Westen - und der über die Indianer, denen er begegnete, oft positiver urteilte als über die Weißen, in einem Hotel des St. Louis-Deutschen Charles Ebert (1861). In Montana begegnete er dem deutschen Hotelkoch und Bäcker Ludwig Heinige, wie auch den Woolfs, zwei deutschen Schuhmachern. Deutsche lebten in Walla Walla, in Frankfurt, Oregon, und in Hamburg und in Anaheim in Kalifornien. Bei Anaheim entstand später das Disney-Land. Bei Placerville betrieb der deutsche Barbier und Zahnarzt Herzog ein Hotel. In Happy Camps schließlich lernte Reinhart James Daniels und dessen Partner Guss Hill kennen, der ein Preuße war. Beide versuchten ihr Glück 1855 in den Minen.

Während in Kalifornien noch immer die Zivilisation vom rauhen Goldgräberleben umtost wurde, begann die systematische Erforschung des Landes, vor allem seiner geologischen Beschaffenheit. Aber auch für die Wissenschaftler, die durch das Land zogen, drohte die Frontier manchmal zu verschwimmen. Der Leiter des Unternehmens war der ausgezeichnete Metallurg, Chemiker und Geologe Josiah D. Whitney, der in Yale, Berlin und Gießen studiert hatte und als vierter Amerikaner in die Geologische Gesellschaft Londons aufgenommen wurde. Als Assistenten begleiteten ihn zunächst der Ackerbauchemiker William H. Brewer, der in Yale, Heidelberg und München studiert hatte, und der Mineraloge William Ashburner, der 1862 ausschied. 1860 nahmen die Wissenschaftler ihre Arbeit auf. Im Juli 1861 kam offiziell ein Deutscher zu dem Team dazu: C. F. Hoffmann, ein junger Mann, der zu den großen Pionier-Topographen im Westen werden sollte. Zu dieser Zeit gab es noch keine detaillierte Karte von Kalifornien. So mußten die Männer selbst überall topographische und geographische Vermessungen vornehmen. Dabei verbesserte Hoffmann auch das von Egloffstein entwickelte Verfahren.

Neben anderen Wissenschaftlern gesellte sich noch ein Deutscher zu dem Team, der zu den bedeutendsten Geologen des vorigen Jahrhunderts gehörte: Baron Ferdinand von Richthofen, 1833 in Carlsruhe in Oberschlesien geboren. Als schon in jungen Jahren kochqualifizierter Mann schloß er sich 1860 der preußischen Gesandtschaft nach Ostasien an, besuchte China, Japan, Thailand, Java, die Philippinen und Formosa und kam nach Kalifornien, wo er nicht nur Whitneys Assistent, sondern auch sein bester Freund wurde.

Im Sommer 1862 erforschte Whitney das gesamte Monte-Diablo-Massiv bis zur San Francisco Bay und das Sacramento-Tal. Am 12. September erreichte seine Gruppe den Gipfel des Mount Shasta, des höchsten Berges in den Staaten, der zu dieser Zeit bekannt war. Eine andere Gruppe, unter ihnen Hoffmann, befuhr die kalifornische Küste, erlitt Schiffbruch und entging am Montgomery Rock einem größeren Erdbeben.

Im nächsten Jahr gelangten die Forscher in den späteren Yosemite-Nationalpark. Whitney und andere einflußreiche Persönlichkeiten machten Eingaben bei Präsident Lincoln, das Yosemite-Gebiet für die Öffentlichkeit zu reservieren. Und als das Gebiet 1864 an Kalifornien angeschlossen wurde, gehörten Whitney und Hoffmann zu den Mitgliedern des ersten Treuhandausschusses für das herrliche Tal.

1863 veröffentlichte Richthofen eine Arbeit über die Metallproduktion Kaliforniens. Zur selben Zeit vermaßen Hoffmann und seine Gruppe den Mount Dana und gaben von seinem Gipfel aus einer Reihe von Bergen den ersten Namen. Vom Mono Lake verfertigte Hoffmann die erste Karte. Wenig später schloß sich der Expedition in San Francisco der hervorragende, aber etwas exzentrische Forscher Clarence King an, dessen hervorragende Ausbildung unter Hoffmann ihn zu einem der besten Geographen und Topographen im Westen werden ließ.

1864 nahmen sich Whitney und Richthofen den östlichen Landesteil vor, vermaßen die Comstock Lode und das Land östlich der Sierras. Brewer, King und Hoffmann erforschten inzwischen die Hohen Sierras. King brachte vom Mariposa-Gebiet Fossilien mit - eine der bedeutendsten Entdeckungen während der Forschungen in Kalifornien, weil die Fossilien Aufschluß über das Alter des Landes gaben. Bald danach erstiegen Hoffmann und Brewer den 14.500 Fuß hohen Mount Brewer. Während des Rittes zurück zum Hauptquartier war Hoffmann vom Rheuma so hilflos und lahm, daß er aufs Pferd gebunden werden mußte. Whitney verlor bei seinen Forschungen mit Richthofen in Nevada dreißig Pfund Gewicht.

1864 waren die Forschungen im wesentlichen abgeschlossen, abgesehen von einigen Expeditionen Hoffmanns drei Jahre später in den High Sierras. Der Deutsche Wackenroder stellte um dieselbe Zeit Vermessungen in den Zentral-Sierras an. Richthofen blieb bis 1868 in Kalifornien, dann bereiste er China, eine Forschungsfahrt, die ihn berühmt machte. Die 5000 Meter hohe nördliche Kette des Nan-schan-Gebirges in China ist nach ihm benannt. Bis zu seinem Tode 1905 wirkte er als Hochschullehrer in Bonn, Leipzig und Berlin und wurde zum Begründer der Morphologie der Erdoberfläche. -

Die alten Goldgräberzeiten in Kalifornien verwehten, der Aufstieg des Landes zu einem bedeutenden Industriestaat konnte sich vollziehen. Nur der »Kaiser von Kalifornien«, Sutter, war und blieb betrogen. Schon vor den Goldfunden sah sich Sutter durch Landspekulationen allmählich ruiniert, aber erst die Goldfunde machten ihn bankrott. Daran änderte auch die Entscheidung des kalifornischen Gerichtshofes nichts, der ihm sein Land entgegen den Protesten der Bevölkerung zuerkannte. Beinahe wäre Sutter gelyncht worden, doch glückte es ihm zu fliehen. Später forderte er Schadenersatz vom kalifornischen Staat, der ihm nicht gewährt wurde, und weitere Prozesse konnte sich Sutter nicht leisten. Sein Sohn, der ihn als Anwalt vertreten hatte, beging Selbstmord, und fast den ganzen Rest seines Besitztums am Feather River verlor er durch einen Großbrand. So zog er 1871 mit seiner Familie nach Litiz in Pennsylvanien. Bis 1878 erhielt er eine Pension vom kalifornischen Staat. Die Winter verbrachte er zumeist in Washington. Die Bearbeitung seiner Bittschrift an den Kongreß wurde allerdings laufend verschleppt, weil man dort vor einer gerechten Lösung in seinem Fall, die gleichzeitig dem Staat Kalifornien schaden mußte, Angst hatte.

So trug auch sein vergeblicher Kampf um Gerechtigkeit dazu bei, daß Sutter allmählich zu einem Mythos wurde. Sutter war kein Hüne mit dunklen Augen, breitschultrig, wie er oft dargestellt wird, sondern untersetzt, klein, dick, mit einem breiten Schädel; in späteren Jahren besaß er eine Glatze, die von flachsenem, grauem Haar umrahmt war. Er besaß auch keinen ernsten, energischen Charakter, sondern war leutselig, freundlich und vergnügt, bisweilen ein Schwätzer und öfter ein Säufer. Gewisse Historiker bezeichneten ihn sogar als unfreundlich und ehrlos. Aber für die meisten Biographen ist Sutter durch seine einzigartige Karriere, seine Wechselfälle des Glücks und seinen langen, vergeblichen Kampf um Gerechtigkeit eine der ansprechendsten Gestalten der amerikanischen Geschichte. Die Legende erzählt auch, daß Sutter als innerlich und äußerlich verkommener Bettler auf den Stufen des Kapitols verschied. In Wirklichkeit starb er im Mades' Hotel in Washington 1880 und wurde in Litiz begraben. Seine Besitztitel sind noch heute vorhanden.

Von 1848 bis 1850 stieg die Bevölkerungszahl von San Francisco sprunghaft von 800 auf 35.000. Eine große Anzahl Deutscher beteiligte sich an der Landnahme Kaliforniens. Sie brachten aus ihrer Heimat ihre Kultur mit und bereicherten das kalifornische Leben. Verschiedene Zeitungen entstanden. Die bedeutendste war wohl der »California Demokrat«, dessen Gründer Joseph von Löhr aus Mainz sich an der Revolution 1848 beteiligt hatte, obwohl er aus einer sehr konservativen Familie stammte. Insgesamt war er dreimal zum Tode und zu 106 Jahren Haft verurteilt worden. Als er 1877 starb, hieß es in der »Deutschen Zeitung« in Oregon: »Wird es jemals wieder solch eine energische, fähige Gruppe Deutscher in diesem Lande wie die Forty-eighters geben?«

In ihrer neuen Heimat organisierten sich die Deutschen in zahlreichen Vereinen und feierten ihre Feste. Das erste Maifest der deutschen Kalifornier fand schon 1853 statt. Sie verbrachten den 1. Mai im Freien, veranstalteten Wettkämpfe, tanzten Mazurka, Walzer und Polka, hörten sich begeisternde Reden an und sangen Volkslieder. Gegen jede Störung von Seiten irgendwelcher Rowdies wehrten sie sich, wenn es sein mußte, mit Gewalt. Die Vereine - landsmannschaftliche, Musik- und Gesangvereine, Turnvereine, Kegelclubs, Geheimbünde, Wohltätigkeitsgesellschaften - schossen wie Pilze aus dem Boden. Ein soziales und kulturelles Zentrum bildete das Deutsche Theater in San Francisco, das schon zu Beginn der sechziger Jahre bestand. Hier trat auch einmal Helene von Dönniges-Racowitza auf, für die der Sozialist Lassalle in einem Duell sein Leben gegeben hatte.

Kalifornien wurde auch bekannt für deutsche Dichtung in Amerika: Durch die Tätigkeit von Emma Marwedel aus Münden bei Göttingen, die 1870 nach Amerika kam und dort als Apostel der Kindergartenbewegung galt, wurde Kalifornien in der Kindergartenbewegung führend unter den einzelnen Staaten. Der Aachener Ingenieur Adolph Sutro, der in Nevada für die Comstock Minen einen berühmten Entwässerungskanal gebaut hatte, wurde 1894 Bürgermeister in San Francisco. Klaus Spreckels aus Hannover brachte es zum »Zucker-König«, der erste Wolkenkratzer in San Francisco war das Spreckels-Gebäude. Bedeutende Unternehmer, die Kalifornien und Alaska förderten, waren die bayerischen Juden Ludwig Gerstle und Ludwig Sloss. Als Philanthrop machte sich der Pennsylvanien-Deutsche James Lick einen Namen. Er spendete 700.000 Dollar für den Bau des zu dieser Zeit größten Teleskops der Welt. Zwölf Jahre nach seinem Tode wurde 1888 das Lick-Observatorium fertiggestellt, Licks Körper wurde in einem Pfeiler beigesetzt. Als Lick bestattet wurde, hieß es im »Daily Evening Bulletin«: »So lange San Francisco und der Staat Kalifornien bestehen werden, wird der Name James Lick mit ihnen verbunden sein.« Lick steht für viele deutsche Pioniere im »Goldenen Staat«.
   


Im »Land des himmelfarbenen Wassers«

Karl Mays Väter