Die letzte Grenze

     
Im Jahre 1910 gab es etwas über acht Millionen Amerikaner deutscher Herkunft. Sie pflegten zwar das kulturelle Erbe der Heimat, aber sie fühlten sich stets als Amerikaner, und vermutlich hätten sie sich mit der Zeit vollständig assimiliert, wenn der Erste Weltkrieg nicht eine Welle des Deutschenhasses in den USA erzeugt hätte. Wie die Deutschen wurden auch die Deutschamerikaner als »Hunnen« und »Barbaren« diffamiert. Es entstanden Sicherheitskomitees, die, meist illegal, auf angebliche deutsche Spione Jagd machten. Jeder Pazifist wurde als prodeutsch gebrandmarkt. Hunderttausende gesetzestreuer Deutschamerikaner hatten Furcht vor amerikanischem Pöbel. Die deutsche Sprache wurde verboten, ebenso deutsche Veranstaltungen. Deutsches Essen wurde aus den Restaurants verbannt. Selbst das »Sauerkraut« wurde in Liberty Cabbage« umbenannt. Es kam zu Straßenkämpfen und Lynchmorden. Präsident Wilson sah dabei in einer für ein Staatsoberhaupt unverständlichen Einseitigkeit nahezu tatenlos zu.
     Zwar verlor sich die antideutsche Hysterie nach dem Krieg, aber von dem damals erlittenen Schlag hat sich die deutsche Kulturgemeinschaft in Amerika nicht mehr erholt. Zwischen 1920 und 1933 wanderten viele Deutschamerikaner nach Deutschland zurück. Doch wurde seit 1920 wieder ein Deutscher Tag gefeiert, und 1930 entstand die Carl-Schurz-Memorial-Foundation.
     Die zwanziger und dreißiger Jahre waren in Amerika von schweren Wirtschaftskrisen geprägt. Ein scharfer Kritiker des gesellschaftlichen Lebens in dieser Zeit war der deutschstämmige Dichter Theodore Dreiser. 1933 wurde Franklin D. Roosevelt Präsident; kein anderer Präsident hat so viele deutsche Juden unter seinen Beratern gehabt wie er. Sein erster Kriegsminister - bis 1936 - war der deutschstämmige Politiker George Dern aus Nebraska, sein Innenminister der Pennsylvaniendeutsche Harold Ickes (bis 1946). In Deutschland kam Hitler an die Macht. Während die Deutschamerikaner im Ersten Weltkrieg teilweise mit dem Deutschen Reich sympathisierten, stießen die Vorgänge im nationalsozialistischen Deutschland bei ihnen auf heftige Ablehnung. Den Nazis gelang es auch nie, einen ebenso umfassenden Sabotage- und Spionagering in den USA zu organisieren wie dem Deutschen Reich im Ersten Weltkrieg.
     Die Flüchtlinge aus Hitler-Deutschland, die in den USA Zuflucht fanden, sind Legion: Künstler, Schriftsteller, Architekten, Wissenschaftler, Dirigenten, Komponisten, Regisseure - wir können ihre Namen hier nicht aufzählen. Die Physiker Albert Einstein und Otto Stern gehörten dazu, und ebenso die Brüder Thomas und Heinrich Mann, die Schauspielerin Marlene Dietrich oder der Architekt Walter Gropius. Viele bedeutende deutsche Persönlichkeiten haben wesentlich zum Aufbau Amerikas in diesem Jahrhundert beigetragen.
     In der amerikanischen Armee dienten im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Deutschamerikaner. Die Vorfahren von General Eisenhower, dem späteren Präsidenten, stammten aus Deutschland, und der erfolgreich im pazifischen Raum operierende Generalleutnant Walter Krueger war sogar in Deutschland geboren worden. Das schaurige Spiel des Zweiten Weltkriegs endete mit dem Abwurf der ersten Atombombe, an deren Entwicklung auch deutsche Spezialisten - wie Robert Oppenheimer - beteiligt waren. Albert Einstein hatte ihren Bau vorgeschlagen, und Klaus Fuchs, einer der Mitarbeiter, verriet einen Teil der Pläne an die Sowjets. Roosevelts Nachfolger Truman befahl den Abwurf wider alle Vernunft und Notwendigkeit. Trumans Innenminister war der Deutschamerikaner Julius A. Krug aus Wiskonsin. Unter dem Eindruck des Abwurfs rief der Österreicher Viktor Paschkis in Amerika eine »Gesellschaft für Verantwortung in der Wissenschaft« ins Leben, die es nun auch in Europa gibt. Das Zustandekommen des Hilfswerkes für das deutsche Volk nach dem Krieg war vor allem dem Berliner Emigranten Leonard Enders zu verdanken.
     Auch nach dem Krieg wanderten viele Deutsche nach den USA aus. Viele deutsche Wissenschaftler und Hochschulabsolventen fanden in den USA wesentlich bessere Arbeitsmöglichkeiten als in der Bundesrepublik Deutschland. Berühmtheit in aller Welt erlangten die deutschen Raketenfachleute mit Wernher von Braun an der Spitze. Für viele gilt er als bedeutendster und erfolgreichster Deutscher in Amerika. Der Astronaut Frank Borman, der Kommandant von »Apollo 8«, die Weihnachten 1968 den Mond umrundete, hat deutsche Vorfahren.
     Neben den Wissenschaftlern wurden deutsche Regisseure und Schauspieler in Amerika bekannt, die es nach Hollywood zog. Max Kade und Henry Kaiser brachten es zu reichen Industriellen, sie waren »Selfmademen« beinahe im Stile Johann Jakob Astors. Zehn von den fünfzig bedeutendsten amerikanischen Schwimmern von 1910 bis Mitte der fünfziger Jahre waren deutscher Abstammung.
     Ein Spötter suchte einmal auf die Frage eine Antwort, was wohl geschehen wäre, wenn Amerika im Zweiten Weltkrieg von Deutschland erobert worden wäre, und kam belustigt zu der Antwort, daß auch ohne tatsächliche Eroberung Amerika von den Deutschen beherrscht würde. Deutschamerikanische Präsidenten-Berater oder Kabinettsmitglieder waren in keinem Jahrhundert so zahlreich wie in diesem. Eines der letzten Beispiele dafür gab der in Fürth geborene Außenminister Henry Kissinger. Und die Entwicklung von Wirtschaft und Wissenschaft in Amerika ist ohne Deutsche nicht zu denken.
     Noch immer existieren deutsche Zeitungen (wie die »New Yorker Staatszeitung und Herold«) in Amerika, deutsche Vereine und sogar deutsche Radioprogramme. Noch immer werden deutsche Gottesdienste gefeiert und deutsche Sängerfeste abgehalten. 1948 entstand die Steuben-Schurz-Gesellschaft, die die Beziehungen zwischen Deutschland und Amerika fördert. In jedem Jahr findet am letzten Samstag im September die Steuben-Parade in New York statt, die größte öffentliche Demonstration des Deutschamerikanertums. Große Verdienste erwarb sich um die Parade der gebürtige Schlesier Willie E. Schoeps. Als ihm von Bundespräsident Lübke das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse verliehen wurde, meinte er: »Der Dank gebührt allen, die selbstlos und unermüdlich an der Steubenparade, am deutsch-amerikanischen Vereinsleben und an der besseren Verständigung zwischen den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik gearbeitet haben.«

Während sich der Aufstieg der USA zur Weltmacht vollzog, blieb eine Bevölkerungsgruppe im Schatten: die Indianer. Vom Wilden Westen sind nicht viel mehr als Klischeevorstellungen und falsche Romantik übriggeblieben. Der Kampf der Indianer um ihre Behauptung und ihre Anpassung war nicht minder schwer als der um ihre Freiheit. Wo Indianer und Weiße in Nachbarschaft lebten oder arbeiteten, warfen die Weißen den Indianern fast immer nur Knüppel zwischen die Beine. Arbeitslosigkeit, Resignation, Alkoholismus, hohe Selbstmordraten - das sind die für viele Reservationen typischen Kennzeichen.

Die humanen Pläne von Schurz und die darauf fußenden Vorstellungen des Dawes-Gesetzes scheiterten nicht nur, sondern sie wurden ins gerade Gegenteil verkehrt. Das Ziel, die Indianer am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben der USA gleichberechtigt teilnehmen zu lassen, liegt noch immer in weiter Ferne. Zwischen 1887 und 1934 wurden die Indianer um mindestens eine Milliarde Dollar in bar betrogen. Hatte man ihnen damals 55,2 Millionen Hektar Land zugesprochen, so waren 1934 davon nur noch 19 Millionen übrig - und zwar immer nur der schlechteste Teil. Und obwohl die Indianer 1924 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielten, sind sie nach wie vor »Mündel« des Indianerbüros, die, wenn sie auf Reservaten leben, keine rechtsgültigen Verträge schließen können.

Nur zu Beginn der New-Deal-Ära unter Roosevelt konnten der pennsylvaniendeutsche Innenminister Harold Ickes und der Indianerbeauftragte John Collier versuchen, auch für die Indianer die Lebensverhältnisse zu verbessern, aber Roosevelt hatte bald mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen und wandte sich »wichtigeren« Problemen zu. Auch in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden viele Stämme im Zuge der »Terminationspolitik« um ihr Land gebracht. Man verpflanzte die Indianer ohne Übergang in die Zivilisation und gab ihnen zwar formell die gleichen Rechte wie sie die Weißen hatten, man übersah aber völlig, daß die Indianer aufgrund ihrer Traditionen und ihres andersartigen Welterlebnisses ein Leben wie die Weißen nicht führen konnten. Wohlhabende Stämme wie die Menomini wurden ruiniert, und andere Stämme wie die Cherokee in Oklahoma an den Bettelstab gebracht. Profitgier, Streben nach individuellem Besitztum, das durchtriebene Ränkespiel in einer höchst komplizierten Wirtschaftsordnung - all das bleibt den Indianern fremd. Konnten schon viele Einwanderer aus Europa in einem derartigen System nicht heimisch werden, um wie viel schwieriger war das noch für die »ersten Amerikaner«, die eine ganz andere Mentalität besitzen und den Intrigen weißer Firmen heute ebensowenig gewachsen sind wie früher den Machenschaften der Agenten und Händler.

In Deutschland wird das Schicksal der Indianer in weiten Bevölkerungskreisen mit großer Sympathie verfolgt. Es liegt sicher nicht nur an der Verzauberung, die von Karl-May-Lektüre auf die Jugend noch immer ausgeht, aber sie hat zweifellos großen Anteil daran. So erscheint es auch ungerecht, daß in einigen neuen Büchern über die von den Weißen in Amerika verübten Untaten darauf hingewiesen wird, daß hier die »Realität« aufgezeigt und mit Mayschen »Phantasiegespinsten« aufgeräumt werde. May war wohl ein »Märchen-Erzähler«, aber sicher nicht im negativen Sinn. May hat »Tagträume« erzählt; er hat die Welt in Worte gekleidet, mit der sich der Heranwachsende einer bestimmten Altersstufe identifizieren kann, und hat damit für die unterdrückten Ureinwohner wahrscheinlich mehr Sympathie geweckt als viele der »realistischen« Schilderungen, deren Wahrheitsgehalt auch nicht immer unanfechtbar ist.

Wenig bekannt geworden ist, daß sich Karl May im hohen Alter auch philosophisch mit dem Schicksal der indianischen Rasse auseinandergesetzt hat. Niedergelegt sind diese für einen »Abenteuer- und Jugendschriftsteller« immerhin erstaunlichen Gedanken in seinem letzten Roman Winnetou Band IV, der heute als »Winnetous Erben« im Handel ist. Man kann zu diesen Gedankengängen stehen wie man will, man wird aber einen ähnlichen Versuch, das indianische Schicksal von der philosophischen Seite her zu betrachten, in der deutschen Literatur ein zweites Mal nicht finden.

Winnetou IV beruht auf den Eindrücken, die May während seiner Amerikareise 1908 (seiner einzigen) gewann. In symbolischer, ins Surrealistische vorstoßender Form beschäftigt sich May darin mit Problemen, Aufgaben und Zukunft der Indianer. Was er als seelischen Schlaf der Indianer bezeichnete, erwies sich in dieser Zeit (und leider teilweise noch heute) tatsächlich in den Reservaten: Für die Indianer gab es nur noch Resignation, Apathie und Hoffnungslosigkeit. Begraben der Vergangenheit, Aussöhnung mit den Weißen, Teilnehmen an der Zivilisation in Form aktiver Mitgestaltung, nicht in Form passiver Hinnahme - das sind für May die entscheidenden Punkte zur Überwindung des Traumas. Aber das Buch weist im Schlußteil - mystisch überhöht (der bekannte Schriftsteller Arno Schmidt hat May als »letzten Großmystiker der deutschen Literatur« bezeichnet) - noch mehr aus: Weiße und Indianer verbrüdern sich in einem Bündnis, einem »Clan«, der sich über die ganze Welt verbreiten und überallhin den Gedanken der Nächstenliebe tragen wird. Amerika wird zum Ursprungsland einer weltumspannenden Bewegung des Friedens und der Humanität. Entscheidender Einfluß kommt dabei nach Mays Ansicht deutschem Geistesgut zu. Als Symbol dafür gilt der deutsche Lehrer Winnetous: Klekih-petra sowie Old Shatterhand, in der sich die den Indianern gestellte Aufgabe verkörpert, und man kann vermuten, daß May von Schurzschen Ideen berührt gewesen ist.

Karl May ist den Indianern kein Unbekannter geblieben. Karl-May-Filme zu zeigen, beschlossen vor ein paar Jahren Sioux-Indianer in Süd-Dakota. Im August 1963 hatte Häuptling R. Pine beim Indian-National-Council in Winnipeg erklärt: »Mein Stamm kennt Karl May, und der Name Winnetou ist mir geläufig wie mein eigener. Karl May verdient, in Kanada ein Denkmal gesetzt zu bekommen.« Und im Januar 1928 hatte der Sioux-Häuptling Susetscha Tanka (Große Schlange) am Grabe Karl Mays gesagt: »Dein Gesicht war weiß, aber dein Herz war rot wie das deiner roten Brüder. Wir möchten dir Totempfähle in jedem Dorf aufstellen, allein, es gibt keine Dörfer des roten Mannes mehr, sie sind zu Schutt und Asche verbrannt. Vergessen sind die Zeiten, wo der rote Mann gegen den weißen Mann kämpfte, vergessen die Ströme Blutes, die flossen, um dem roten Mann das Land zu erhalten, in dem seine Väter den Büffel jagten.«

Die Weißen machten es den Indianern unmöglich, den Weg zu beschreiten, den May sich für sie gewünscht hatte. Nur ganz wenigen Stämmen gelang es, ihre eigene Mentalität mit den Ansprüchen der modernen Welt so weit zu versöhnen, daß sie ein vernünftiges Leben führen können. Das bemerkenswerteste Beispiel dafür gaben die Tsimshians in Alaska, die mit dem Dorf Metlakatla unter Anleitung des Missionars William Duncan schon vor der Jahrhundertwende das fortschrittlichste und vorbildlichste indianische Gemeinwesen schufen. Metlakatla blüht noch immer, Carl Schurz und Karl May hätten, jeder auf seine Weise, ihre Freude daran gehabt. Wie Duncan gab es immer wieder Weiße, die die Indianer nicht als Ausbeutungsobjekt ansahen, das man betrügen und übervorteilen konnte, und einige von ihnen waren Deutsche. So erwarb sich Pater Bernard Strassmaier, der im November 1886 auf die Standing Rock Reservation kam, als »Apostel der Sioux« um die Dakota große Verdienste. Der Benediktiner-Missionar, der aus Bayern stammte und 1940 in Fort Yates starb, hat Sitting Bull noch persönlich kennengelernt. Aber die Dakota haben den Sprung in die moderne Welt nicht geschafft, die Oglala zählen zu den ärmsten Indianern Nordamerikas, hier konnten auch Bewegungen wie die Red-Power-Bewegung eher Fuß fassen, die nach Jahrzehnten des Abwartens und Hoffens endlich lautstark Reformen verlangt.

Viele Freunde unter den Weißen fanden die Schwarzfuß-Indianer, die im 19. Jahrhundert erbitterte Feinde der Pelzhändler und Siedler gewesen waren. Ihr Häuptling Büffelkind Langspeer (1893-1932) war einer der erfolgreichsten Indianer überhaupt: ein West Pointer, Flugschein-Inhaber, Schriftsteller, Film-Regisseur u.a.m. Zu den Weißen, die sich der Schwarzfüße annahmen, gehörte der Maler Winold Reiss, dessen Vorfahren aus dem Schwarzwald stammten und der in München studierte. Er emigrierte zu Anfang des 20. Jahrhunderts nach New York und zog in den zwanziger Jahren nach Montana. Viele Jahre hielt er sich bei den Schwarzfüßen in St. Mary's Chalets im Gletscher-Nationalpark auf. Die Schwarzfüße adoptierten ihn und gaben ihm den Namen Kseks Tauepons, Biberkind. Berühmtheit erlangten seine Portraits zahlreicher Indianer, die zu den besten zählen, die es von den Schwarzfüßen gibt.

Anpassungsfähig erwiesen sich vor allem die Indianer des Südwestens, die Irokesen und die im Osten zurückgebliebenen Cherokee. Diese und die Apachen brachten es zu Wohlstand, weil sie den Tourismus geschickt auszunutzen verstanden. Zu den Weißen, die den Apachen halfen, sich mit der Vergangenheit auszusöhnen, gehörte der Rostocker Reverend Franz Uplegger, der 1919 als Missionar ins Apachenreservat kam. Mit seiner Frau mußte er zunächst wie die Indianer in einer Hütte leben. Nach und nach gewann er das Vertrauen der Indianer. Uplegger verfaßte als erster eine Grammatik der Apachen und erfand für sie eine Schrift. Er war bei den Apachen sehr beliebt, als »Gentleman-Missionar« lebt er in ihrem Gedächtnis fort.

Überlebt und mit den Weißen arrangiert haben sich auch die Pueblo-Indianer und die Navaho. Als Kuriosität sollte erwähnt werden, daß ein deutsches Fernsehteam Mitte der 1960er Jahre bei den Navaho eine Blaskapelle vorfand, die am besten einen deutschen Marsch spielen konnte.

Auf Regierungsebene bemühte sich der »Outstanding American Indian« Benjamin Reifel um eine Verbesserung der Verhältnisse. Reifels Mutter war die Sioux-Indianerin Lucy Lily Burning Breast, sein Vater der Deutsche William Reifel. In einem Blockhaus in Parmelee, Süd Dakota, kam Ben 1906 zur Welt. Er war von 1933 bis 1960 einer der führenden Leute im Indianerbüro und zwischendurch mehrere Jahre Superintendent für die Dakota. Für seine Verdienste erhielt er eine Reihe von Auszeichnungen, so 1956 den Ehrentitel »Hervorragender Amerikanischer Indianer«. Schließlich zog er als Abgeordneter Süd Dakotas ins Repräsentantenhaus ein und gehörte dem 87., 88., 89. und 90. Kongreß der Vereinigten Staaten an.

Viele deutsche Reisende besuchten die Indianer und versuchten dann zu Hause, Sympathien für sie zu wecken. So ist das Leben des Zirkusdirektors Hans Stosch-Sarrasani mit Amerika verbunden. Schon 1912 hatte er mit Hilfe von Zack Miller Sioux-Indianer nach Deutschland gebracht. Millers Großvater, der sich noch Müller schrieb, hatte sich in Oklahoma niedergelassen und dort Indianern gegen Weiße Schutz geboten. Zack Miller war teilweise bei Indianern aufgewachsen. Zu den Indianern, die er nach Deutschland brachte, gehörte Häuptling Two Two, der 67jährig 1914 in Dortmund starb. Sein letzter Wunsch war es, in Dresden begraben zu sein: »Das wahre Glück dieses Lebens war mir in den letzten beiden Jahren in Deutschland beschieden, dort will ich zu Erde werden, in der schönsten Stadt dieses Landes, in Dresden.«

Vom Zirkus zu den Indianern fand der ehemalige Wiener Gärtnerlehrling Ernst Tobis, der sich Patty Frank nannte und langjähriger Verwalter des Karl-May-Museums in Radebeul war. Als Karl May 1908 in New York an Land ging, wartete auch Patty Frank in der Menschenmenge. Frank begleitete »Buffalo Bill« Codys Wildwestschau und entdeckte dabei seine Liebe zu den Indianern. Als Historiker und Sammler indianischer Gebrauchsgegenstände machte er sich einen Namen; er errang sich auch das Vertrauen der Indianer in großem Maß.

Der frühere deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer besuchte im Juni 1956 anläßlich seines Amerikaaufenthaltes unter anderem Milwaukee. Die »Consolidated Tribes of American Indians« hatten Vertreter zu seiner Begrüßung entsandt, weil sie gehört hatten, daß der Kanzler an ihren Gebräuchen interessiert war. Sie führten den Zeremonientanz vor, durch den man in einen Stamm geleitet werden kann. Danach ernannte Morris Wheelock Dr. Adenauer zum Ehrenmitglied der »Consolidated Tribes«, und er erhielt einen indianischen Kopfschmuck und den indianischen Namen »Ein wertvoller Mensch, der in hohem Ansehen bei seinem Volke steht«.

Zahlreiche Deutsche berichteten über ihre Erlebnisse mit Indianern. Der bekannte Psychologe C. G. Jung spricht an einer Stelle davon, daß er sich »mit einem Pueblo-Indianer, meinem Freund Ochwia Biano (der Bergsee) ... in der menschlichen Ursprache des inneren Gesichts unterhalten konnte.« In neuerer Zeit sind Joseph Balmer, Axel Schultze-Thulin und Thomas Jeier, die alle drei die Verhältnisse aus eigener Anschauung kennen, mit Arbeiten über die Indianer hervorgetreten. Freunde unter den Santi, Chippewa und Algonkin gewannen die bedeutenden Völkerkundler Julius und Eva Lips.

Bei ihren Reisen nach Labrador haben die Lips die Grenze der Zivilisation in doppeltem Sinn überschritten. Zwar leben die meisten amerikanischen Indianer noch immer jenseits der Grenze einer Zivilisation, von deren Errungenschaften sie ausgenommen bleiben, aber im Norden Alaskas und Kanadas nicht nur im übertragenen, sondern in dem konkreten Sinn, den der Begriff »Frontier« seit jeher gehabt hat. Die »letzte Grenze« des zivilisierten Amerika verläuft entlang der meisten Reservate und dann am Rande der unberührten Natur, der riesigen Wald- und Tundrengebiete im »wilden Norden« des Kontinents. Mit der Erforschung Alaskas sind manche deutschen Namen verbunden. Schon der Beringschen Expedition, die 1741 Alaska entdeckte und für Rußland in Besitz nahm, gehörte der deutsche Arzt und Naturforscher Georg Wilhelm Steller an. Und Teilnehmer an späteren Expeditionen waren die bedeutenden Naturforscher Thaddäus Haenke (1792), Georg Freiherr von Langsdorff (1805) und Adalbert von Chamisso (1816), der die zweite russische Weltumseglung unter Otto von Kotzebue mitmachte.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Geschichte Alaskas vor allem von den Goldfunden beherrscht. Bemerkenswerterweise wurde das erste Gold in Alaska von dem deutschen Baron Otto von Bendeleben gefunden (1865), der zu den Männern gehörte, die eine Telegraphenleitung von Amerika nach Asien und Europa verlegen sollten. Auch deutsche Wissenschaftler waren in Alaska unterwegs. Im Jahre 1882 überquerte der Bremer Geograph Arthur Krause als erster den Chilcoot-Paß. Julius Klotz, als Sohn eines Kieler Emigranten in Kanada geboren, nahm dreißig Jahre lang an Expeditionen in Britisch Kolumbien, in Alaska und im kanadischen Nordwesten teil, bevor er 1908 Direktor des kanadischen Zentral-Observatoriums wurde. 1883 begann der Deutschamerikaner Frederick Schwatka, der vor allem durch seine Forschungsfahrten in der Arktis berühmt wurde, seine Expeditionen am Yukon Fluß. Schon 1886 war er wieder in Alaska und machte sich an die Besteigung des Mount Elias. Mit seiner letzten Forschungsfahrt in Alaska (1891) öffnete er etwa 700 Meilen neues Territorium.

Einer der bedeutendsten amerikanischen Anthropologen und Ethnologen war der Mindener Franz Boas (1858-1942), der seine Forschungen bei den Eskimos in Grönland und 1886 bei den Indianern an der Küste Britisch Kolumbiens begann und insgesamt mehr als 40 Jahre Forschungsexpeditionen zu den Eingeborenen unternahm. Kein anderer hatte auf die Entwicklung der amerikanischen Anthropologie mehr Einfluß als er.

Auch heute ist Alaska noch immer nicht voll erschlossen. Deutsche Geowissenschaftler haben in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts an Forschungsvorhaben in Alaska teilgenommen wie die Geophysiker G. Lamprecht, Eduard Berg oder Heinz Miller. Im August 1971 führten der Münchner Geograph W. Fürbringer und der Professor für Geographie H. J. Walker von der Universität Louisiana, an der auch Fürbringer damals tätig war, Feldarbeiten zur Sedimentologie am Delta des Colville Flusses im unwirtlichen Norden Alaskas durch. Am Kotzebue-Sund und am Kobuk-Fluß untersuchte der Geograph H. Grabowski aus Münster das Arbeitskräftepotential (1973) und erstellte Richtzahlen für die Anwerbung einheimischer, d.h. indianischer und eskimoischer Arbeitskräfte für den Fall eines immer weiteren Vordringens der Industrie.

Ausgezeichnete Bücher haben über Alaska Autoren geschrieben, die in den fünfziger bzw. sechziger Jahren nach Alaska kamen: der Journalist Werner G. Krug (»Sprungbrett Alaska«), der auch über Metlakatla berichtete, und der bekannte Schriftsteller Hans Otto Meissner.

Meissner bereiste auch den Nordwesten Kanadas. Der Hohe Norden Kanadas wurde ebenfalls Ziel deutscher Geowissenschaftler. Meereisuntersuchungen wurden 1972 von deutschen und kanadischen Geologen und Geophysikern am Eclipse Sound, einem Meeresarm zwischen Nord Baffin Island und Bylot Island durchgeführt. Zur deutschen Gruppe gehörte der Geograph E. Treude, der auch das Genossenschaftswesen in der kanadischen Arktis und den seit seiner Einführung 1959 eingeleiteten Wandel in der Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur dieser Gebiete untersuchte.

Neben den Geowissenschaftlern waren es vor allem Tierforscher, die im Norden Kanadas reiche Arbeitsmöglichkeiten fanden und auf den Spuren von Carl Hagenbeck zogen, des Hamburger Tiergartengründers, der auf seiner Tierfangexpedition 1879 auch nach Labrador und Alaska gekommen war. »Expeditionen ins Tierreich« unternahm vor einigen Jahren Heinz Sielmann. Eugen Schuhmacher spürte den »letzten Paradiesen« nach. Hans Domnick befuhr die »Traumstraße der Welt«. Bernhard Grzimek suchte letzte »Plätze für Tiere«. Und Lutz Heck vom Berliner Zoo schließlich verfolgte »Tierfährten in Kanada« und ließ dabei die Grenze der Zivilisation hinter sich: »Das Leben in den nördlichen Wäldern stellt heute wie je harte Anforderungen an Körperkraft und Widerstandsfähigkeit. Auch wir mußten uns auf eine Art Trapperdasein gefaßt machen ... Es liegt ein ganz besonderer Reiz darin, gerade solche Gegenden der Erde kennenzulernen, die heute noch dem Urzustand unserer Heimat vor ihrer Umwandlung durch den Menschen gleichen. In Europa findet man freilich eine solche Urlandschaft kaum noch oder nur als kleines 'Muster' erhalten, eher schon in den schwer erreichbaren Gebieten des weiten nördlichen Asien - nirgends aber schöner als im westlichen Kanada, im 'Wilden Westen' unserer Jugendträume. Dort konnte ich noch jungfräuliches Land betreten, erfüllt von all dem Zauber unberührter Natur, der auf uns Menschen eines überzivilisierten Zeitalters so mächtig einwirkt.«
   


Karl Mays Väter