Michael Klein, Das weiße Schweigen

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rodger
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Michael Klein, Das weiße Schweigen

Beitrag von rodger » 20.6.2006, 13:33

Michael Klein, Das weiße Schweigen, empfehlenswertes Buch über "Jack Londons Weg durch das Eis", so der Untertitel; in Londons "König Alkohol" ging es ja u.a. um die "weiße Logik".

In dem schön geschriebenen Buch wird unter anderem erwähnt, seine Kumpels bei der Gold-Expedition hätten mit Verblüffung bemerkt, daß er auch eine Menge dicker Bücher, darunter Marxens Kapital, mit durch Eis und Schnee und Berge rauf und runter geschleppt hätte; weiß jemand, ob das überliefert ist ? Oder eher hübsch anekdotisch erdacht ?
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rodger
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Beitrag von rodger » 21.6.2006, 9:37

Im letzten Fünftel wird das Buch zunehmend atemberaubend.

„Und dann, als er es endlich geschafft hat, bricht seine Desillusionierung nicht ab, im Gegenteil, er blickt hinter die Kulissen der Gesellschaft, … des Erfolgs, … des Kulturbetriebs, er blickt hinter die Kulissen der Liebe, und was er dabei sieht, raubt ihm jeglichen Lebenswillen.

„Martin Eden“, ein Buch, in das er sein Herzblut eingeschrieben hat, das in seiner literarischen und menschlichen Qualität seinen anderen Bestsellern um Längen überlegen ist, wird von allen großen Zeitungen verrissen. Man will nicht den Zweifler Jack London, nicht den Menschen. Man will den arktischen Helden, die Legende, den unbezwinglichen Abenteurer. … Verwundet zieht er sich in sich selbst zurück. … Die Welt ist ihm gleichgültig. Was er sucht, ist ein Exil.“

(S. 224/225)

Da wird man im zarten Alter von fünfzig Jahren erstmals auf „Martin Eden“ aufmerksam und dann gibt es das Buch auf Deutsch nur noch antiquarisch. Land der Dichter und Denker ? Kommt drauf an, in welchem Wortsinn man „Dichter“ nimmt … Zukleisterer hat’s reichlich, wohl wahr.
Helmut Prodinger
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Beitrag von Helmut Prodinger » 21.6.2006, 11:34

Also, ich habe zu Hause eine Ausgabe von Martin Eden als
DTV-Taschenbuch, oder ich mue3te mich sehr irren.
Als ich so anfang 20 war, und Student, las ich das viel.

Viel im Eis und Schnee; Temperaturangaben in Fahrenheit, also
Vorsicht! Dann auch Geschichten in der Suedsee, Californien,
Wolfsblut. Auch ueber die "wei3en (schlaflosen) Naechte" seiner
aelteren Lebensgefaehrtin.

Bei Retcliffe sind Temperaturangaben in Reaumur. Also in Enyad
und Temesvar hat es 35R, das ist schon ganz schon hei3, dazu
wenig zu essen und verfaulende Leichen.

Vom kalten Alaska zum hei3en Westafrika: Antonio Adverso,
der portugiesische Sclavenhaendler von Hervey Allen.
Dort wurden grundsaetzlich alle Maedchen erstmal von den Portugiesen
entjungfert & geschwaengert. Der dortige Menschenschlag soll
deutlich heller sein...

Karl May war vor seinem Tode in Wien; heute ist GW Bush dort.
Damals holte ihn Robert Mueller; der schrieb ein "Inselmaedchen".
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rodger
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Beitrag von rodger » 21.6.2006, 15:04

Ja, das gab es auch mal bei DTV, ist aber vergriffen, sagte ich ja. Bei Amazon und über ZVAB kann man es noch bekommen.

Eis und Schnee usw. klingt etwas abgedroschen und gilt für das Buch wohl eher im übertragenen Sinne,
Ein großes Buch über das Grundproblem der "einsamen Adler"
, dieses Statement aus einer Amazon-Rezension ist vielleicht hilfreicher und zutreffender.
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Beitrag von rodger » 2.7.2006, 16:35

Mittlerweile lese ich "Martin Eden" (antiquarisch erhalten) mit Begeisterung. Und nebenbei die rororo-Monographie zu Jack London von Thomas Ayck. In der steht auf S. 61 eine Passage, die zwangsläufig auch an Karl May denken läßt:

"Er würde einen Scheck über 40 Dollar empfangen, so hieß es in dem Schreiben, wenn er die Einwilligung zur Kürzung seiner eingesandten Erzählung gäbe. London erteilte sofort seine Zustimmung. Seine Laufbahn als Schriftsteller begann auf eine für ihn typische Weise. Kunstvorbehalte kannte er nicht. Er überließ dem Redakteur die Kürzungen. Für ihn stand die Frage im Vordergrund: Wieviel Wörter mußte er schreiben, um einen Dollar zu verdienen ?"

Mich gruselt's ja bei der Vorstellung, da jemand in einem eigenen Text einfach so herumfuhrwerken zu lassen. Aber London hatte halt auch ausgeprägte pragmatische Züge ...
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Beitrag von rodger » 11.7.2006, 13:44

Verglichen mit Jack Londons weiseren, psychologischeren Büchern wie „König Alkohol“ (in dem er ungeachtet des etwas irreführenden Titels vom Genuß von diesem durchaus abrät) und „Martin Eden“ bewegen sich Abenteuerromane wie „Die weiße Grenze“ oder „Lockruf des Goldes“ m.E. dann doch so schätzungsweise ein bis zwei Etagen tiefer, oder eben gerade auch nicht tiefer, wie man’s nimmt. Jedenfalls überwiegt hier die Abenteuergeschichte, und die interessiert mich persönlich eher weniger. Und mit seiner Neigung zu Rassismus und Heldenverehrung kann mir London da denn doch gelegentlich einigermaßen auf den Senkel gehen. Wohl auch so ein Kompensations-Meister, der vor irgendetwas weggelaufen ist. Interessant sicher noch „Die Zwangsjacke“, „Die Fahrt der Snake“, „Was mir das Leben bedeutet“ u.a. Ich werde mich mehr seiner „abseitigeren“ Werke annehmen.

Aber auch in „Lockruf des Goldes“ stößt man dann, mit etwas Geduld, nach vielen Dutzend Seiten Abenteuer auch mal auf so etwas:

„Doch einen kurzen Augenblick sahen sie sich in die Augen, und in diesem Augenblick schien etwas Ungreifbares von Joe Ladues Körper und Geist auszugehen. Und es schien Daylight, als hätt er diesen Schimmer gefangen und ein geheimnisvolles Etwas in dem Wissen und den Plänen hinter den Augen des andern gespürt“.

Mehr, mehr !

:wink:
Waukel
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Beitrag von Waukel » 13.7.2006, 15:20

Mehr:

Für den Bruchteil eines Bruchteils eines Augenblicks fühlte er den Dämmer einer Ahnung, dass sein Gegenüber mehr wußte, als er ihm bisher anvertraut hatte. Daylight hatte sich eben nach einem Scheit Holz gebückt, als er beim Aufrichten mehr zufällig als durch eine Bewegung des anderen veranlasst, diesen Blick auffing. Als er sich später einmal diesen Augenblick wieder in Erinnerung rief, wurde ihm klar, dass nicht nur dieses plötzliche eigenartige Schimmern in den Augen es war, das ihn aufmerksam gemacht hatte, sondern Joe hatte einfach den Atem angehalten.
Danach war er tot umgefallen.
Daylight hatte nicht damit gerechnet. Er fühlte sich wie erstarrt und kam erst wieder in Bewegung, als ihm der Holzscheit aus der Hand fiel. Er fiel hart und gnadenlos auf seinen Vorderfuß.
Lieber Leser, ist Dir schon einmal etwas Schweres, Hartes auf den Fuß gefallen?

:P

Waukel
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Beitrag von rodger » 14.7.2006, 22:05

Noch einmal zurück zum oben erwähnten "Lockruf des Goldes". Das Buch habe ich in meinem vorherigen Beitrag voreilig nach ersten Eindrücken beurteilt. Es verändert seinen Charakter im weiteren Verlauf stark. Wirkt das erste Drittel eher wie reine "Abenteuerliteratur", spielt das zweite Drittel in den Städten und enthält ein gerüttelt Maß an Gesellschafts- und Kapitalismuskritik, während das Schlußdrittel eine bezaubernde Liebesgeschichte und reichlich Weltanschauliches bringt.

Ein sehr schönes Buch. Doch, dieser Jack London ist für mich eine Entdeckung.
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Beitrag von rodger » 24.7.2006, 18:13

Weiß jemand der literarischen Fraktion, warum die meisten Romane Londons in den (seinerzeit) gängigen Ausgaben der Büchergilde Gutenberg und dtv in der Übersetzung von Erwin Magnus vorliegen, der „Ruf der Wildnis“ aber nicht ?

Kennt sich darüber hinaus jemand mit den verschiedenen Übersetzungen aus und kann Empfehlungen aussprechen oder auch ggf. abraten ?
Thomas Math
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Beitrag von Thomas Math » 25.7.2006, 7:24

Ich habe Jack London im Original also in amerikanischem Englisch gelesen,kenne aber auch die Uebersetzung von Martin Eden ,The Sea Wolf und South Sea Tales ins Deutsche.Ich muss sagen, man sollte Jack London wenn moeglich im Original lesen.
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Beitrag von rodger » 25.7.2006, 7:56

Sicher. Das ist mir schon klar, und dürfte bei jedem Autor so sein. Jedes Wort ist wichtig, jedes Satzzeichen, und die spezielle Sprachmelodie sowie der "Geist" eines Textes leiden bei jeder Übersetzung (oder Bearbeitung), keine Frage. Nur ist mein Englisch nicht gut genug, um im Original lesen zu können, und ich habe auch nicht mehr den Ehrgeiz, das zu ändern.

Mir ging es darum, wenn schon notgedrungen Übersetzung, welche ist dann mehr, welche weniger zu empfehlen. Mit der gleichen Frage haben wir uns hier mal bei Melvilles "Moby Dick" beschäftigt.
Thomas Math
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Beitrag von Thomas Math » 25.7.2006, 17:49

Sorry,Ich dachte in D spricht und liest jeder Englisch.Freut mich jedenfalls,dass Jack London noch gelesen wird.
Kurt Altherr
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Beitrag von Kurt Altherr » 25.7.2006, 18:11

Englisch ist zwar die meistverbreitete Fremdsprache in Deutschland, Herr Math, wird aber in keiner Weise von jedem Deutschen so umfassend beherrscht, dass er jedes englischsprachige Buch zu lesen vermag.

Viele Grüße nach Minnesota
Kurt Altherr
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Beitrag von rodger » 25.7.2006, 19:28

Naja, lieber Herr Math, ob Sie z.B. Thomas Mann im Original lesen können, wenn Sie, in einem anderen Thread, so etwas
Tut mir leid,da habe ich mich in der Wortwahl vergriffen,ich haette Unsinn statt Schwachsinn schreiben sollen
von sich geben, können wir auch mal dahingestellt sein lassen ...

Überhaupt, wer sich selber schon so öffentlich & freiwillig disqualifiziert hat mit solch törichten Äußerungen über Psychoanalyse usw., sollte sich vielleicht nicht über mangelnde Bildung anderer mokieren.

:wink:
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Beitrag von rodger » 25.7.2006, 20:21

Aber, nach diesem kleinen verbalen, augenzwinkernden Rippenstoß, zurück zum Thema.
Freut mich jedenfalls,dass Jack London noch gelesen wird.
Daß er eben leider kaum noch gelesen wird, dürfte auch damit zu tun haben, daß er, ähnlich wie Mark Twain, Herman Melville oder Karl May, für die breite Öffentlichkeit auf ein vermarktbares Segment seines Schaffens zurechtgestutzt wurde, und daß das mit eben dieser eindimensionalen Vermarktung jetzt eben nicht mehr so klappt, weil sich die Zeiten und die Geschmäcker halt ändern.

Die wenigsten kennen autobiographische Werke wie "Martin Eden" oder "König Alkohol". Daß er krass sozialkritische Werke wie "Menschen im Abgrund" oder "Die eiserne Ferse" geschrieben hat und teilweise öffentlich als Sozialist politisch aktiv war (das bedeutete damals durchaus noch etwas anderes als heute), dürfte kaum bekannt sein.

Selbst in einem so gängigen Werk wie "Der Ruf der Wildnis" geht es nicht primär um Hunde, Wölfe und Alaska, sondern um Individuum und Gesellschaft, Moral und Freiheit, Philosophie und Weltanschauung, Bewußtsein und Erkenntnis. Aber man kann es natürlich auch auf eine Tiergeschichte für die ganze Familie reduzieren und entsprechend vermarkten. So hat man schon manchen Autor gleichsam zur Strecke gebracht.
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