Karl Mays Gedichte

Hermann Wohlgschaft
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Re: Karl Mays Gedichte

Beitrag von Hermann Wohlgschaft » 22.4.2017, 16:33

Zu Mays schönsten und besten Gedichten zählt m.E. sein während der Orientreise verfasstes und in den "Himmelsgedanken" enthaltenes Gedicht "Im Alter":

Ich bin so müd, so herbstesschwer
Und möcht am liebsten scheiden gehn.
Die Blätter fallen rings umher;
Wie lange, Herr, soll ich noch stehn?
Ich bin nur ein bescheiden Gras,
Doch eine Aehre trag auch ich,
Und ob die Sonne mich vergaß,
Ich wuchs in Dankbarkeit für dich.

Ich bin so müd, so herbstesschwer
Und möcht am liebsten scheiden gehn,
Doch brauche ich der Reife mehr,
So laß mich, Herr, noch länger stehn.
Ich will, wenn sich der Schnitter naht
Und sammelt Menschengarben ein,
Nicht unreif zu der Weitersaat
Für dich und deinen Himmel sein.
mugwort
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Re: Karl Mays Gedichte

Beitrag von mugwort » 24.4.2017, 13:57

Hermann Wohlgschaft hat geschrieben:Zu Mays schönsten und besten Gedichten zählt m.E. sein während der Orientreise verfasstes und in den "Himmelsgedanken" enthaltenes Gedicht "Im Alter":

Ich bin so müd, so herbstesschwer
Und möcht am liebsten scheiden gehn.
Die Blätter fallen rings umher;
Wie lange, Herr, soll ich noch stehn?
Ich bin nur ein bescheiden Gras,
Doch eine Aehre trag auch ich,
Und ob die Sonne mich vergaß,
Ich wuchs in Dankbarkeit für dich.

Ich bin so müd, so herbstesschwer
Und möcht am liebsten scheiden gehn,
Doch brauche ich der Reife mehr,
So laß mich, Herr, noch länger stehn.
Ich will, wenn sich der Schnitter naht
Und sammelt Menschengarben ein,
Nicht unreif zu der Weitersaat
Für dich und deinen Himmel sein.

Um das Gedicht inhatlich emotional voll nachvollziehen zu können, bin ich vermutlich zu jung. Mich berührt die Melodie in diesen Zeilen. Ist es nicht eher ein Lied als ein Gedicht? Bitte jetzt nicht auslachen - aber wenn ich es lese, höre ich meinen Vater den "Leiermann" aus Schuberts Winterreise singen.
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Rene Grießbach
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Re: Karl Mays Gedichte

Beitrag von Rene Grießbach » 24.4.2017, 23:32

mugwort hat geschrieben: Bitte jetzt nicht auslachen - aber wenn ich es lese, höre ich meinen Vater den "Leiermann" aus Schuberts Winterreise singen.
Zum auslachen besteht keinerlei Veranlassung, im Gegenteil.
Ich sehe das so:
Wenn du so ein Gedicht mit schönen persönlichen Erinnerungen verknüpfst, dann ist das Gedicht in deinem Herzen angekommen. Und damit hat es eine besonders wichtige Aufgabe erfüllt.
Ist es nicht eher ein Lied als ein Gedicht?
Beides.
Mir geht es ebenso, das Gedicht berührt mich sehr.
Für mich drückt es die Stimmung eines Menschen aus, der viel zu erdulden hatte und der dennoch nicht die Hoffnung, die Zuversicht verloren hat. Nicht nur die Hoffnung auf ein jenseitiges Leben, sondern auch die Zuversicht, dass er im diesseitigen Leben sich und allen, die da sind und die nach ihm kommen, viel zu geben hat, weil er seine Lebensaufgabe noch nicht erfüllt sieht.
"Doch brauche ich der Reife mehr "
allein schon dieser Vers sagt m.E. viel über die Gedanken- und Gefühlswelt des Autors aus.
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rodger
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Re: Karl Mays Gedichte

Beitrag von rodger » 25.4.2017, 9:54

Rene Grießbach hat geschrieben: Wenn du so ein Gedicht mit schönen persönlichen Erinnerungen verknüpfst, [...]
Interessant wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sind ...

Ich war mir da nicht so sicher; kann sein, klar, könnte aber auch anders sein ... also daß diese persönliche Erinnerung so schön "nicht wirklich" war ... :D Es war für mich nicht wirklich herauszulesen ob so oder so. :D
Für mich drückt es die Stimmung eines Menschen aus, der viel zu erdulden hatte und der dennoch nicht die Hoffnung, die Zuversicht verloren hat. Nicht nur die Hoffnung auf ein jenseitiges Leben, sondern auch die Zuversicht, dass er im diesseitigen Leben sich und allen, die da sind und die nach ihm kommen, viel zu geben hat, weil er seine Lebensaufgabe noch nicht erfüllt sieht.
Noch einmal, interessant, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sind ... und diesmal ein paar Takte ernster ...

Von Hoffnung und Zuversicht sehe ich da nichts [bzw. nicht viel]. Sondern die Bereitschaft, so lange auszuhalten, durchzustehen, bis sozusagen die Aufgabe erfüllt ist ... und zwar weniger zu geben als zu lernen ... ("Wer noch etwas zu lernen hat, kann in dem Fall sozusagen die Schule nicht vorher abbrechen" schrieb ich dazu mal.)
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Re: Karl Mays Gedichte

Beitrag von Hermann Wohlgschaft » 26.4.2017, 6:49

Mays Gedicht 'Im Alter' hat die Form eines Gebetes. Denn der Ansprechpartner ist Gott. Dass man die Strophen - wie Irmgard schrieb - auch als Lied empfinden und singen könnte, ist ein interessanter Aspekt, der mir bisher nicht aufgefallen ist.
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Re: Karl Mays Gedichte

Beitrag von mugwort » 26.4.2017, 15:00

Hermann Wohlgschaft hat geschrieben:Mays Gedicht 'Im Alter' hat die Form eines Gebetes. Denn der Ansprechpartner ist Gott. Dass man die Strophen - wie Irmgard schrieb - auch als Lied empfinden und singen könnte, ist ein interessanter Aspekt, der mir bisher nicht aufgefallen ist.

Womit wir (indirekt) wieder bei Hiob wären:

Inhaltlich lese ich in dem Gedicht zunächst und vordergründig schwermütige, traurige, "lebensmüde" Worte. Ein Rückblick auf ein (zumindest subjektiv so empfundenes) Leben "im Schatten".

Das ist es aber nicht allein. Zwischen den Zeilen schwingt eine leise Anklage mit: "…und ob die Sonne mich vergaß…", „.. wie lange Herr, soll ich noch stehn..“. Hier beschwert sich das literarische Ich, zumindest indirekt (Hiob!). Weiter empfinde ich etwas Rechtfertigendes, leicht Trotziges (erneut Hiob!): „… ich wuchs in Dankbarkeit für Dich…“ und „…doch eine Aehre trag auch ich..“. Ist hier nicht (auch) gemeint: Nein, mein Gott, Du hast mich nicht kleinbekommen, ich habe nicht kapituliert vor dem Leben, trotz allem, was mir widerfahren ist (von mir selbst und von anderen)?

In der zweiten Strophe lese ist von Selbsterkenntnis, von Hoffnung und von Zuversicht: Die Erkenntnis der eignen Unvollkommenheit und die Hoffnung und Zuversicht, dass das von Gott zugemessene Quantum irdischen Lebens ausreichen wird, die Erwartungen Gottes – sowohl im Hinblick auf das irdische Leben ("Weitersaat") wie auch darüber hinaus ("Für Dich und Deinen Himmel") zu erfüllen.

Viele Grüße
Irmgard

P.S.:
@Rüdiger und Rene: Es sind tatsächlich schöne Erinnerungen, mein Vater hatte eine sehr klangvolle und helle Tenorstimme ;-). Abgesehen davon ging es mir mit meiner Anmerkung gar nicht in erster Linie um persönliche Erinnerungen, ich wollte nur zeigen, welche Art von Musik ich mit dem Gedicht asoziiere.
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Re: Karl Mays Gedichte

Beitrag von rodger » 26.4.2017, 15:13

mugwort hat geschrieben: Ist hier nicht (auch) gemeint: Nein, mein Gott, Du hast mich nicht kleinbekommen
Sehe ich überhaupt nicht so. Wenn, dann eher so etwas wie "Du hast mich ganz zu Recht zurechtgestutzt ..."
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Re: Karl Mays Gedichte

Beitrag von rodger » 26.4.2017, 15:18

Nein, noch nicht mal das ...

Ob Groß oder Klein und Erfolgreich oder nicht und dergleichen spielt für ihn in der Befindlichkeit, aus der das Gedicht entstand, offenbar keine Rolle mehr ... Um so etwas geht es nicht. Das hat er hier offenbar erkannt. Zumindest liest es sich so.
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Re: Karl Mays Gedichte

Beitrag von rodger » 26.4.2017, 15:39

Hier http://himmelsgedanken.npage.de/im-alter.html

stehen auch noch ein paar Takte zu dem Gedicht.
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Re: Karl Mays Gedichte

Beitrag von mugwort » 26.4.2017, 15:50

rodger hat geschrieben:Ob Groß oder Klein und Erfolgreich oder nicht und dergleichen spielt für ihn in der Befindlichkeit, aus der das Gedicht entstand, offenbar keine Rolle mehr ... Um so etwas geht es nicht. Das hat er hier offenbar erkannt. Zumindest liest es sich so.
Mit "nicht kleinbekommen" meinte ich "nicht gebrochen", "nicht resignieren lassen" - etwas in dieser Art. Ich dachte nicht an (irdische) Größe oder gar Erfolg, Ruhm, Anerkennung.
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Re: Karl Mays Gedichte

Beitrag von rodger » 26.4.2017, 15:55

... und ich dachte eben nicht an "nicht kleinbekommen", das ist halt eine Formulierung, die mit dem, um das es geht, m.E. nichts zu tun hat ... das klingt so nach Ätschebätsche zwischen zwei Kindsköpfen, Ätsch ich krieg' Dich klein und Ätsch, Kriegste nich', und das paßt nicht wirklich ...

(ich hatte ein ähnliches Problem mal mit einer Sequelschreiberin und Ardistan & Dschinnistan, meldet das Langzeitgedächtnis, aber das nur am Rande ... :D )
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Re: Karl Mays Gedichte

Beitrag von Hermann Wohlgschaft » 26.4.2017, 19:50

Dass in diesem Gedicht eine, im Sinne Hiobs, "leise Anklage" gegen Gott, etwas "leicht Trotziges" (Irmgard) mitschwinge, sehe ich nicht so. Aber das ist natürlich, wieder einmal, eine Sache der persönlichen Wahrnehmung. Die Formulierung "doch eine Aehre trag auch ich" freilich bringt, meine ich, ein gesundes Selbstbewusstsein des lyrischen Ich und in diesem Falle gewiss auch des Autors zum Ausdruck.
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Re: Karl Mays Gedichte

Beitrag von Rene Grießbach » 28.4.2017, 0:13

Ich habe dieses Gedicht, "Im Alter", jetzt in den letzten paar Tagen einigemale durchgelesen und jedesmal fühle ich mich von dem Gedicht ergriffen. Und eigenartig, jedesmal muss ich dabei auch noch an ein anderes Gedicht von Karl May denken, das doch - so empfinde ich es - dieselbe Thematik nochmal aufgreift, dieselbe Motivation zu haben scheint und doch gleichzeitig eine Weiterentwicklung der Gedanken des Autors darstellt. Ich könnte es auch - etwas platt - als eine Art indirekte Fortsetzung von "Im Alter" bezeichnen.
Welches Gedicht ich meine?
Das, welches wir am Ende von "Mein Leben und Streben" finden:
Nach meines Lebens schwerem Arbeitstag
Soll Feierabend sein im heil'gen Alter.
Und was ich hier vielleicht noch schauen mag,
Das sing ich Euch zur Harfe und zum Psalter.
Ich habe nicht für mich bei Euch gelebt;
Ich gab Euch alles, was mir Gott beschieden,
Und wenn Ihr nun mir Haß für Liebe gebt,
So bin ich auch mit solchem Dank zufrieden.

Nach meines Lebens schwerem Leidenstag
Leg allen Gram ich nun in Gottes Hände.
Und was mich hier vielleicht noch treffen mag,
Das führe er in mir um frohen Ende.
Ich hab' die Schuld, die Ihr auf mich gelegt,
Gewißlich nicht allein für mich getragen,
Doch was dafür sich irdisch in mir regt,
Das will ich gern nur noch dem Himmel sagen.

Nach meines Lebens schwerem Prüfungstag
Wird nun wohl bald des Meisters Spruch erklingen,
Doch, wie auch die Entscheidung fallen mag,
Sie kann mir nichts als nur Erlösung bringen.
Ich juble auf. Des Kerkers Schloß erklirrt;
Ich werde endlich, endlich nun entlassen.
Ade! Und wer sich weiter in mir irrt,
Der mag getrost mich auch noch weiter hassen!



"Ich bin so müd, so herbstesschwer
Und möcht am liebsten scheiden gehn."

beginnt das eine Gedicht.
Das andere mit:

"Nach meines Lebens schwerem Arbeitstag
Soll Feierabend sein im heil'gen Alter."

"Mein Leben und Streben" entstand - auch - aufgrund und unter dem Eindruck der Prozesse im Zeitraum der Karl-May-Hetze und somit ist das Gedicht auch unter diesem Gesichtspunkt zu sehen. Speziell die letzten beiden Verse -
"Ade! Und wer sich weiter in mir irrt,
Der mag getrost mich auch noch weiter hassen!"
-
belegen das.

"Im Alter" entstand deutlich früher, eben weil es in "Himmelsgedanken" erschien. In einer Zeit, in der die May-Hetze begann und in der auch die Zeit der Shatterhand-Legende zuende gegangen war. Jeweils also in einer Zeit, in der es Karl May für angebracht hielt, Rückschau zu halten auf sein bisheriges Leben. Beide Gedichte sind also - auch - autobiografisch hochinteressant.

Sicher mag "Im Alter" - auch - als Gebet verstanden werden können, das will ich nicht bestreiten. Zugleich meine ich, dass ja auch ein Gebet nicht zum Selbstzweck gesprochen / geschrieben wird und genau deshalb faszinieret mich nicht nur die unterschiedliche Wahrnehmung beim jeweiligen Leser sondern auch - und gerade - die ganz konkrete Motivation des Autors selbst für das Gedicht / das Gebet.
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Re: Karl Mays Gedichte

Beitrag von rodger » 28.4.2017, 11:52

In Sachen "Hiob" u.ä.
Byron Katie hat geschrieben: Ich kommandiere Gott nicht herum. Ich maße mir nicht an zu wissen, ob Leben oder Tod für mich oder einen Menschen, den ich liebe, besser wäre. Wie kann ich das wissen?
Dieselbe hat geschrieben: Was auch geschieht, es ist Gottes Wille. Wenn Sie das erkannt haben, ist das Gröbste überstanden.
(Der Untertitel des Buches "Eintausend Namen für Freude", aus dem beides zitiert ist, lautet übrigens "Leben in Harmonie mit dem Tao" und nicht etwa "Wurzeln im Christlichen Glauben" o.ä. ... :D)
Hermann Wohlgschaft
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Re: Karl Mays Gedichte

Beitrag von Hermann Wohlgschaft » 28.4.2017, 12:16

Karl May stand aber dem christlichen Glauben bzw. dem biblischen Denken wohl doch etwas näher als dem Taoismus. :wink:

In der Bibel geht es, in mancher Hinsicht, ganz anders zu als etwa im Tao te ching. Biblische Gottesmänner wie Hiob oder der Prophet Jeremia legen sich mit ihrem Jahwe durchaus an und streiten - gelegentlich - mit ihm. Ihre Klage kann umkippen in Anklage gegen Gott. Ich glaube nicht, dass man dies kritisieren muss. Im Gegenteil, glaubende Menschen wie Hiob, Jeremia oder auch Karl May bleiben ja gerade in ihrer Anklage gegen Gott mit ihm verbunden in einer sehr lebendigen Beziehung. Und am Ende gewinnt das unbedingte Vertrauen über die Wehklage die Oberhand. Wie bei Jesus am Kreuz: Zuerst "Mein Gott, warum hast du mich verlassen", dann "Vater, in deine Hände gebe ich mein Leben".
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