Goethe auf der Freilichtbühne

mugwort
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Re: Goethe auf der Freilichtbühne

Beitrag von mugwort » 22.9.2016, 13:42

sondern diesen nur spielt.

So würde ich es nicht nennen. (So wie ich auch bedeutend lieber "Darsteller" statt "Schauspieler" sage / schreibe, denn, um es in einem Satz zu erklären, wenn einer "spielt", dann ist es nichts, aber wenn er darstellt, dann ist es was ... ("Gucken, nicht gucken spielen"; Karl Wesseler, Neunzehnhundertsiebenundsonstnochwas, 78 oder 79 wahrscheinlich, ist ja auch egal ... Voilà.)(Das "Voilá", liebe Gemeinde, bezieht sich freilich auf den zitierten vierwortigen Satz; einer sagt etwas und man versteht ein Prinzip. Für immer.))

Er träumt sich in diesen hinein, oder, damit es weniger "träumerisch" klingt, er versetzt sich in diesen hinein, bis zur Identität. (Wenn z.B. ein Schauspieler (nun sozusagen inkonsequenterweise doch wieder per üblichem Sprachgebrauch ...) die Nr. 3 aus den "Zwölf Geschworenen" spielt nein darstellt :D und ihm dabei echte Tränen herunterlaufen wenn er am Ende das Bild vom Sohn aus dem Portemonnaie zieht, dann sind das nicht seine privaten Tränen, sondern dann ist er in der Rolle, es sind die Tränen des verletzten, trauernden Vaters ...)(und so kommt May als Old Shatterhand resp. Kara Ben Nemsi - manchmal - voll und ganz authentisch herüber, und ich nehme ihm dann das, was er mitteilt, voll und ganz ab ...)

Insoweit stimme ich Dir zu. "Spiel" trifft das Phänomen nicht, der Ausdruck ist zu distanziert, die Grenze zwischen der bürgerlichen Person May und dem "Ich" verläuft nicht annähernd so trennscharf, distanziert und bewusst wie es die Wortwahl suggeriert. Die Tränen bei dem Gedenken an den Tod Winnetous waren kein "Spiel", sie waren echt und man kann trefflich darüber diskutieren, ob es die Tränen Old Shatterhands oder die Karl Mays (oder in diesem Moment beider) waren.

Authentisch ist May allemal (sonst würde ich seine Werke nicht lesen). Ich glaube nur, die meisten Erwachsenen haben verlernt, so etwas zu verstehen: Karl May konnte echt Old Shatterhand sein und Winnetou hat es wirklich gegeben, obwohl beide nie real existiert haben. Kinder bekommen so etwas eher auf die Reihe.

Ich meinte aber eigentlich noch einen weiteren Aspekt: Auch das (fiktionale) "Ich" der Erzählungen Mays ist nicht immer ganz bei sich, steht nicht immer im Einklang mit der "Rolle" des Old Shatterhand, des Kara Ben Nemsi, des Superhelden. Das "Ich" ist dann nur "Westmann aus Gelegenheit" (Old Surehand, ich weiss grad nicht welcher Band), verkneift sich den unterhaltsamen Schwatz mit zwei Indianerknaben und deren Schwester (wenn ich mich recht erinnere in Satan und Ischariot, Band I), weil sich das für einen Old Shatterhand nicht schickt, mimt den Schweigsamen am Lagerfeuer mit Winnetou und Old Firehand, um sich deren Zuneigung nicht durch "unzeitige Sprachseligkeit" zu verscherzen (so oder so ähnlich in Old Firehand) und so weiter. Ich kann das schlecht in Worte fassen (da weder zu Ende beobachtet noch zu Ende gedacht): Aber irgendwie scheint mir da ab und an noch eine Ebene dazwischengeschaltet, die manchmal ganz greifbar ist, ein andermal zwischen den Zeilen nur durchblitzt und wieder an anderer Stelle nicht mehr wahrnehmbar ist.
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rodger
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Re: Goethe auf der Freilichtbühne

Beitrag von rodger » 22.9.2016, 18:07

mugwort hat geschrieben: man kann trefflich darüber diskutieren, ob es die Tränen Old Shatterhands oder die Karl Mays (oder in diesem Moment beider) waren.
Mays ... (in dem Moment waren sie eins bzw. gab es keinen gesonderten Old Shatterhand ...)
Authentisch ist May allemal
Hm ... naja ... zwischendrin lügt er auch immer mal wieder wie gedruckt, bis zuletzt ... oder biegt sich die Dinge so zurecht wie sie ihm gerade passen ...
Ich glaube nur, die meisten Erwachsenen haben verlernt, so etwas zu verstehen: Karl May konnte echt Old Shatterhand sein und Winnetou hat es wirklich gegeben, obwohl beide nie real existiert haben. Kinder bekommen so etwas eher auf die Reihe.
Da bin ich dann mal bei den Kindern ... Ich sag' ja immer, die Befindlichkeiten Hadschi Halef Omars oder David Lindsays interessieren mich mehr als die meiner Nachbarn ... (Und wenn ein gewisser Herr B. im Sauerland sagt für ihn sei es absurd oder lächerlich bei Winnetou über Psychologie zu sprechen, dann zeigt das nur, was er ist: für mich der Inbegriff von Ignoranz, Dummheit und Unvermögen ...) (B. heißen viele im Sauerland, woher will jetzt einer wissen wen ich meine ... :D )
Ich meinte aber eigentlich noch einen weiteren Aspekt: Auch das (fiktionale) "Ich" der Erzählungen Mays ist nicht immer ganz bei sich, steht nicht immer im Einklang mit der "Rolle" des Old Shatterhand, des Kara Ben Nemsi, des Superhelden. Das "Ich" ist dann nur "Westmann aus Gelegenheit" (Old Surehand, ich weiss grad nicht welcher Band), verkneift sich den unterhaltsamen Schwatz mit zwei Indianerknaben und deren Schwester (wenn ich mich recht erinnere in Satan und Ischariot, Band I), weil sich das für einen Old Shatterhand nicht schickt, mimt den Schweigsamen am Lagerfeuer mit Winnetou und Old Firehand, um sich deren Zuneigung nicht durch "unzeitige Sprachseligkeit" zu verscherzen (so oder so ähnlich in Old Firehand) und so weiter. Ich kann das schlecht in Worte fassen (da weder zu Ende beobachtet noch zu Ende gedacht): Aber irgendwie scheint mir da ab und an noch eine Ebene dazwischengeschaltet, die manchmal ganz greifbar ist, ein andermal zwischen den Zeilen nur durchblitzt und wieder an anderer Stelle nicht mehr wahrnehmbar ist.
May ist manchmal halt einfach auch nur inkonsequent oder g'schlampert oder beides ...
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Re: Goethe auf der Freilichtbühne

Beitrag von Rene Grießbach » 13.10.2016, 21:22

Die Überschrift "Goethe auf der Freilichtbühne" verursachte in mir gerade eine sehr angenehme Erinnerung, nämlich die an eine Freilichtbühnenaufführung vor ein paar Jahren am Rande von Dresden. Die von Laiendarstellern bespielt wird, jedes Jahr am letzten Wochenende vor den Sommerferien. Vor zwei oder drei Jahren gab es da Goethes "Faust". Köstlich! :D

Ich hatte vor etlichen Jahren auf ner Profi-Bühne mal Goethes Faust erlebt, die Aufführung der "Laien" war um etliches besser, die haben ihre Rollen richtiggehend gelebt. (Dasselbe auch in den anderen Jahren, jedesmal ein anderer Klassiker)


Sorry, die kleine Abschweifung musste jetzt einfach mal sein. Und sei es auch nur, um selbst aus Dresden der heutigen Zeit mal positive Nachrichten in die Welt zu schicken :mrgreen:
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Re: Goethe auf der Freilichtbühne

Beitrag von rodger » 14.10.2016, 15:41

Rene Grießbach hat geschrieben:Und sei es auch nur, um selbst aus [dem] Dresden der heutigen Zeit mal positive Nachrichten in die Welt zu schicken
Ja, die pastoralen Sonntagsreden neulich waren schon lästig ... 8)
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