Leserunde: "Weihnacht!"

Hermann Wohlgschaft
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von Hermann Wohlgschaft » 17.12.2010, 20:27

Hallo Doro,

ein »echter Christ« ist - m. E. - ein Mensch, der das Gottesbild Jesu (das Bild vom barmherzigen »Vater« [oder »Mutter«, das bleibt sich gleich], der/die ALLE Menschen [und auch sonst alle Kreaturen] bedingungslos liebt) bejaht und der gewillt ist (was ja nicht heißt, dass es ihm immer gelingt), nach dem Liebesgebot Jesu zu leben.

Der Theologe Karl Rahner hat zudem den Begriff vom »anonymen Christen« geprägt und damit gemeint: Auch wer sich nicht ausdrücklich zu Jesus Christus bekennt (oder von Jesus nie etwas gehört hat), aber dennoch im Sinne der Botschaft Jesu handelt, könnte als »Christ« bezeichnet werden.
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Doro
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von Doro » 17.12.2010, 23:05

Zwockel hat geschrieben:Das kann nur Gott beurteilen
Eben Ansichtssache...
und auch Sie werden sich vor dem höchsten Richter zu verantworten haben. Ich hoffe nur, dass Gott dann ihrer Seele gnädig ist.
Das muss nicht Ihr Problem sein, ich fürchte mich nicht...

Im Übrigen: Thema verfehlt!
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von Helmut Prodinger » 18.12.2010, 1:01

Ah, gut. Ich bin also kein aechter Christ. Das macht auch gar nix.
Es bleibt sich gans gleich. Ein Eingreifen des Gottes/der Goettin ist nicht
zu constatiren, also issis wurscht.

Herr Pfarrer: Ich erfuhr, dasz Papst Ratzinger seine Einfuehrung zwischen
erster und zweiter Auflage stark abmilderte. Das ist normal, und kommt mitm Alter, oder?
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von Thomas Math » 18.12.2010, 1:10

Ob May jetzt allgemeiner Christ,Protestant,Katholik,Spiritist war oder einem anderen Aberglauben anhing ist egal.Die Unterschiede sind da auch minimal.
Was ich entschieden in Abrede stelle ist,dass May ein ach so guter Mensch gewesen sei. (ein anonymer Christ um einen frueheren Begriff aufzugreifen).
Der Mann hat gestohlen,betrogen und zeitlebens immer wieder gelogen,wenn dies christliche Eigenschaften sind,bin ich doch sehr ueberrascht.
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Tobias K.
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von Tobias K. » 18.12.2010, 3:43

Ein interessantes Argument für Mays religiöse Selbstverortung will ich zu Beginn nicht unter den Tisch fallen lassen, in einem Brief (http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg ... 1998/9.htm) schreibt er:
Karl May hat geschrieben:"Sie nennen mich einen Katholiken und Rosegger einen evangelischen Katholiken. Sie irren! Es giebt keinen guten Christen, der nicht katholisch ist, zugleich auch evangelisch und gar auch Protestant. Die Kirche Christi ist groß. Ob wir da rechts oder links, vorn oder hinten, hoch oder niedrig stehen, das kommt ganz darauf an, wie wir uns zu Gott und zu unserm Nächsten stellen und wie weit wir es besonders in der Demuth und Selbstzucht gebracht haben. Der Zelotismus kann keinen vernünftigen Menschen selig machen, und von so äußerlichen Dingen, wie die Kokarde oder die Registratur einer religiösen Sonderheit ist, hängt doch wohl unsere Ewigkeit nicht ab. [...] Ich sage Ihnen, es mag zwischen Himmel und Erde stehen, wer da will, in letzter und höchster Instanz ist es doch nur der Schöpfer und Vater aller Menschen, der über unsere Seligkeit zu bestimmen hat. Das lehrte Christus, und was der sagte, bleibt wahr in alle Ewigkeit!

Was mich betrifft, so ist es mir nie eingefallen, in meinen Büchern irgend eine Propaganda treiben oder gar den Religionslehrer spielen zu wollen. Ich bin Christ. Aber ich weiß, daß man nicht ein guter Christ sein kann, ohne vorher ein guter Mensch geworden zu sein. Und das ist es, was ich lehren möchte! Menschlich denkende, menschlich fühlende und menschlich handelnde Leser wünsche ich mir. Ich beschreibe in meinen Büchern Menschen, nur Menschen, und an ihnen zeige ich, was gut ist und was böse. Ueber ihre Religion urtheilen sie selbst, nicht aber ich. Eines solchen Urtheiles muß ich mich streng enthalten, denn erstens bin ich überhaupt Laie und auch zweitens nicht persönlich in Gottes Rathschluß eingedrungen.

Meine Lebensaufgabe ist, nach der Menschenseele und nach dem Menschengeist zu suchen. Für beide ist uns der Blick vollständig verlorengegangen. Bei diesem Suchen stoße ich ganz selbstverständlich und allerorten auf Gott; aber was ich da sage, soll ja nicht etwa etwas Theologisches sein, sondern nur der Ausdruck der persönlichen Gefühle Derer, von denen ich erzähle. Also, ich schreibe als Mensch zu Menschen. Was sie glauben, das mögen sie mit Gott und mit ihren geistlichen Berathern abmachen."
Verstehen Sie mich nun aber bitte nicht miß, Herr Wohlgschaft - ich möchte gerne mit Ihnen trefflich streiten - und mindestens genauso gerne auch von Ihnen Neues lernen. Nur sehe ich bis zu diesem Zeitpunkt einfach nicht, wo das verläßliche Quellenmaterial liegt, das mir eine glaubwürdige Aussage über Mays Glauben geben kann. Weil es eben May ist möchte ich weder unhinterfragt seinen Reiserzählungen glauben, noch zwingend Briefen, die er an ihm nicht persönlich bekannte Adressaten schickte. Das ist alles noch Selbstdarstellung, die mit mindestens einem Auge nach der Außenwirkung schielt. Und somit liegt in dieser Hinsicht das Quellenmaterial recht ungünstig, da er in der einen Hälfte damit beschäftigt war zu jemandem zu werden und in der anderen Hälfte sich dafür zu rechtfertigen. - Ich sehe hingegen schon recht deutlich, dass er eine Spaltung vornahm zwischen dem lyrischen Ich mit dessen tendenziell katholischen Glauben und seiner eigenen tendenziell protestantisch-freiheitlich-geprägten Privatangelegenheit. Zudem ist er nach meinem (hier nun auch sehr subjektiven) Bauchgefühl viel zu sehr vom Leben gebeutelt und eine zu starke Persönlichkeit, als dass er etwas hinbekäme, was eben auch dazugehört: wirkliche Demut.
Hermann Wohlgschaft hat geschrieben:ein »echter Christ« ist - m. E. - ein Mensch, der das Gottesbild Jesu (das Bild vom barmherzigen »Vater« [oder »Mutter«, das bleibt sich gleich], der/die ALLE Menschen [und auch sonst alle Kreaturen] bedingungslos liebt) bejaht und der gewillt ist (was ja nicht heißt, dass es ihm immer gelingt), nach dem Liebesgebot Jesu zu leben.

Der Theologe Karl Rahner hat zudem den Begriff vom »anonymen Christen« geprägt und damit gemeint: Auch wer sich nicht ausdrücklich zu Jesus Christus bekennt (oder von Jesus nie etwas gehört hat), aber dennoch im Sinne der Botschaft Jesu handelt, könnte als »Christ« bezeichnet werden.
Einerseits der Punkt wo schon der Beowulf und später daher auch Tolkien ansetzen ("Was ist mit Menschen, die vor Jesus lebten und somit gar keine Christen werden konnten?") - andererseits aber auch sehr weit gefasst. In einer Diskussion konfrontierte ein Buddhist Rahner einmal mit der Frage, wie er sich fühlen würde, wenn er als "anonymer Buddhist" bezeichnet würde. Und Rahner war verunsichert, gestand aber ein, dass diese Bezeichnung genaus berechtigt sein könnte. ;)

Tatsächlich gehen hier, wie Doro zu Recht anmerkt, die unausgesprochenen Definitionen eines Christen schon weit auseinander. Ich würde zum Beispiel fragen wollen, ob ein wahrer Christ zusätzlich zu Ihrer pointierten Definition nicht wenigstens glauben muß, dass Jesus Gottes Sohn UND wahrer Mensch war - und somit aber den Glauben daran haben müßte, dass er für uns starb und wiederauferstand. Ganz egal aber, wie wir da feinjustieren: Was ich bezweifle, ist ein May, der regelmäßig in den Gottesdienst geht und dort nicht mit den Gedanken zu eigenen Sorgen oder Reisen abschweift. Was ich bezweifle, ist ein May, der alles ernst meint, was er in seinen Reiseromanen schreibt - genauer: Der das wörtlich verstanden haben will, bzw. dem es ausreicht, wenn es wörtlich verstanden wird. - Ob er hingegen Taufscheinchrist war - oder gar der wirklich einzig wahre Christ, - ob er am jüngsten Tag vor dem Herrn besteht, und ob er sich tatsächlich innerlich in die versöhnliche Schäfchengruppe eingliederte - das kann ich einfach an nichts festmachen und versuche es daher auch nicht wirklich verläßlich zu beurteilen.

Mein Verdacht jedoch , dass May zumindest ein Christ war, der seinen Schöpfer bis an die Grenzen der Belastbarkeit brachte - und somit die Geschichte von Hiob quasi umdrehte, hat ihre Gründe:

Seine Selbstinszenierung als Jesus-Double - wenngleich mit erklärenden Einschüben für gewisse Tricks. Er "stirbt" diverse Male (z.B. Winnetou I, Orientzyklus: Sabans Hütte) und steht wieder auf, heilt Kranke, vor allem kranke Kinder und kann in der Wüste sogar mit Hilfe von Blut (sic!) sich und seinen Begleiter vor dem Tod retten ("Blut sein gut' Arznei für durstig." - Winnetou III). Und um seinen Glauben zu verteidigen schlägt er auch schon mal zu. ("Er hatte das beleidigende Wort wiederholt, und ich war es mir und dem Ruf aller Christen schuldig, ihm zu geben, was ich ihm für diesen Fall angedroht hatte. Ich holte aus und schlug ihm die Faust an die Schläfe, daß er hintenüber zu Boden stürzte und da liegenblieb." - Menschenjäger/Mahdi I) - Interessant ist die Betonung der rein symbolischen Funktion des Blutes bei der Blutsbrüderschaft. Da wittert der katholische Theologe dann doch ein wenig protestantistische Morgenluft ;)

Zudem inszeniert er allerdings die Hingabe Jesu auch in anderen Figuren: Beim Tod Klekhi Petras bittet er Winnetou den kopf seines Lehrers in den Schoß zu nehmen, wie er später auch den Kopf des toten Winnetous in den seinen legt - und bildet damit vielleicht die Pieta nach - sinnig erst dann, wenn man bemerkt, dass sich jeweils der Tote für andere geopfert hatte. (Für Rüdiger: Ich glaube das dürfte Dir gefallen: http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg ... 990/51.htm. Besonders die Beschreibungen von 'veränderter Lektüre' einundesselben Buches durch einunddenselben Leser... )

Während eines Gefängnisaufeinthaltes schreibt er "Ange et diable" und setzt Gott und Teufel gleich, nachdem er zuvor bewies, dass Gott nicht außerhalb des Menschens sondern in ihm zu suchen sei. Zudem schreibt er, dass sich Gott "durch den intimen Umgang mit der Braut eines anderen um sein ganzes moralisches Renommé bringt und sich dem heidnischen Mädchenjäger Zeus gleichstellt". Natürlich schreibt er das vor der Begegnung mit Kochta - und später so nie wieder. Aber es irritiert mich dennoch. Und bringt zugleich aber auch zurück zum Forenthema. Denn genau diese Begegnung mit Kochta, der ihn zum Schreiben buchstäblich 'animierte' und auch musikalisch einband, scheint mir dem Anfang des ersten Kapitels der "Weihnacht!" zugrundezuliegen. Beide Themen kunstvoll verwebt - und wenn Mays unprüfbare Behauptungen stimmen und er schon vom Zuchthaus aus den ersten Text veröffentlichte - nun so mag das mit dem hoffnungsvoll geschickten Gedicht wahrer sein, als man im ersten Moment annimmt. Und nicht nur die lateinischen Zitate - sondern auch die anfangs eingestreuten Bibelzitate werfen nun ein neues Licht auf die Szenerie. Zwar wandern sie später über das Gedicht in die Weihnachtszene mit dem halbtoten Großvater im Raum - aber hier bringen sie Grab und Hoffnung (Hiob 19,25) und tatsächliche Freudensverkündung (Lk 2,10-11) in düsterster Haftzeit zusammen.

Ich schließe also damit nicht aus, dass er Christ war, ich kann nur keine Aussage treffen und habe das latente Gefühl, da deutet jeder etwas hinein, was er selber dort finden möchte - und wenn ein Imam daherkäme und sagen würde "Der Mann verstand so viel vom Islam, der ist anonymer Muslim" - dann würd mich das auch nicht wundern. Rafik Schami zumindest behauptete ja, niemand habe den Orient besser verstanden als May... ;)

Für die recht plump-drastischen Erzählungen aus dem "Marienkalender" finden sich eben auch außertheologische Erklärungen, die mit dem Konflikt von zerbrechendem Vaterbild und aufkeimendem Mutterbild zu tun, der May auch in seiner Selbstwahrnehmung empfindlich durcheinanderbringen muß. (Durchaus nachvollziehbar in http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg ... 974/15.htm von Claus Roxin beschrieben - ungefähr ab Seite 56 hierfür relevant.)
markus hat geschrieben:Na Herzlichen Glückwunsch. Nun bin ich endlich diesen blöden Titel "Blutsbruder" los :D .
Ich wollt Dich nicht verscheuchen... Wir können auch das Kleeblatt aufmachen... ;)
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von rodger » 18.12.2010, 8:18

Karl May hat geschrieben:
Meine Lebensaufgabe ist, nach der Menschenseele und nach dem Menschengeist zu suchen. Für beide ist uns der Blick vollständig verlorengegangen. Bei diesem Suchen stoße ich ganz selbstverständlich und allerorten auf Gott.
Hübsch gesagt ...
tragophil hat geschrieben:Zudem ist er nach meinem (hier nun auch sehr subjektiven) Bauchgefühl viel zu sehr vom Leben gebeutelt und eine zu starke Persönlichkeit, als dass er etwas hinbekäme, was eben auch dazugehört: wirkliche Demut.
Schön gesehen ...
tragophil hat geschrieben:Was ich bezweifle, ist ein May, der alles ernst meint, was er in seinen Reiseromanen schreibt - genauer: Der das wörtlich verstanden haben will, bzw. dem es ausreicht, wenn es wörtlich verstanden wird.
Naja, wer das nicht bezweifelte, der wäre ja, hemdsärmelig ausgedrückt, ein bißchen deppert ... (Es ist indes verblüffend, was z.B. in Mitteilungen, Nachrichten und Jahrbüchern manchmal so alles steht an zu großen Teilen verständnisfreier "Analyse" bar jedes Gespürs für Subtextliches ...)
tragophil hat geschrieben:der seinen Schöpfer bis an die Grenzen der Belastbarkeit brachte
Wohlmeinende Apologeten vielleicht, menschliches Verständnisvermögen vielleicht, seinen Schöpfer gewiß nicht ...
tragophil hat geschrieben:Und um seinen Glauben zu verteidigen schlägt er auch schon mal zu.
[Die Figur] Jesus auch ... (im Tempel)
tragophil hat geschrieben:(Für Rüdiger: Ich glaube das dürfte Dir gefallen: http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg ... 990/51.htm. Besonders die Beschreibungen von 'veränderter Lektüre' einundesselben Buches durch einunddenselben Leser... )
Nun, was Mamroth angeht, verstehen offenbar weder Stolte noch Haider (in "Im Reiche des roten Adlers"), daß es überhaupt kein Widerspruch ist, einen Autor gleichzeitig gerne zu lesen und andererseits scharf zu kritisieren, Haider spricht gar von Schizophrenie (S. 79 im genannten Buch) ... das ist schlicht, sehr schlicht ... Der Stolte kommt mir, obwohl nicht uninteressant, manchmal (auch in anderen seiner Schriften) zu sonntagsredenhaft daher, alles gleichsam eingebettet in eine gewisse gutbürgerlich abgekugelte 'Biedermeier'-Haltung (ich hoffe die nachträglich noch modifizierte Formulierung ist halbwegs verständlich .. :lol: ), die ja spätestens in seiner sogenannten "notwendigen Klarstellung" noch deutlicher wird ...
Zuletzt geändert von rodger am 18.12.2010, 11:09, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von Hermann Wohlgschaft » 18.12.2010, 11:03

Zu tragophil:

Ihr letzter Eintrag enthält eine ganze Menge von interessanten Gedanken und Fragen, auf die ich sehr gerne eingehen möchte - sobald ich dafür Zeit habe. (Im Moment beansprucht mich u. a. die Weihnachtspredigt.) Für jetzt greife ich - ziemlich willkürlich - nur 2 Punkte auf:

1.) Dass May »der wirklich EINZIG wahre Christ« sei, wurde m. W. noch nie behauptet, weder von May selbst noch von sonst irgendjemandem.

2.) Ob May »am jüngsten Tag vor dem Herrn besteht«, kann niemand wissen. Wir können es nur HOFFEN. Das gilt aber nicht nur für May, sondern für jeden anderen auch.

So viel fürs erste. Zum weiteren s. morgen oder heute abend.
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von Doro » 18.12.2010, 12:34

tragophil hat geschrieben:Einerseits der Punkt wo schon der Beowulf und später daher auch Tolkien ansetzen ("Was ist mit Menschen, die vor Jesus lebten und somit gar keine Christen werden konnten?") - andererseits aber auch sehr weit gefasst. In einer Diskussion konfrontierte ein Buddhist Rahner einmal mit der Frage, wie er sich fühlen würde, wenn er als "anonymer Buddhist" bezeichnet würde. Und Rahner war verunsichert, gestand aber ein, dass diese Bezeichnung genaus berechtigt sein könnte. ;)
Eine interessante Beobachtung...
Wenn die Folgen wären, wie z. B. Dante sie beschreibt, dann wäre die christliche Heilsbotschaft, gelinde gesagt, etwas distanziert zu betrachten und der Buddhismus vorzuziehen 8) ...
Karl May hat geschrieben:
Meine Lebensaufgabe ist, nach der Menschenseele und nach dem Menschengeist zu suchen. Für beide ist uns der Blick vollständig verlorengegangen. Bei diesem Suchen stoße ich ganz selbstverständlich und allerorten auf Gott; aber was ich da sage, soll ja nicht etwa etwas Theologisches sein, sondern nur der Ausdruck der persönlichen Gefühle Derer, von denen ich erzähle. Also, ich schreibe als Mensch zu Menschen. Was sie glauben, das mögen sie mit Gott und mit ihren geistlichen Berathern abmachen."
Hier bin ich ganz bei May, soll heißen, glaube Ihn zu verstehen.Eventuell berührt er ja genau aus diesem Grund so vielschichtig, weil er die Essenz hervor zu heben versteht. In all dem Elend das Wunder, der Weihnacht zum Beispiel. Egal ob im Westen hoch oben in Eis und Schnee, oder bei den Aussätzigen...
Der letzte Satz trifft's meiner Meinung nach, er berührt, weil er als Mensch für Menschen schrieb und als solcher eben menschlich fehlt, überheblich ist, oder auch mitfühlend etc... hier ist für mich die Verbindung: Weihnachten ist besonders, weil es bei den Menschen stattfindet, in all Ihrem Elend, Ihrer Verzweiflung, Ihrer Menschlichkeit leuchtet trotzdem ein Licht auf!
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von Doro » 18.12.2010, 12:37

Metaphorisch könnte mensch auch soweit gehen und interpretieren, wo es am Meisten menschelt ist auch die (gesuchte) Menschenseele zu finden, wo die Dunkelheit am Größten leuchtet selbst das schwächste Licht unglaublich hell :wink:
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von rodger » 18.12.2010, 12:41

Doro hat geschrieben:weil es bei den Menschen stattfindet, in all Ihrem Elend, Ihrer Verzweiflung, Ihrer Menschlichkeit leuchtet trotzdem ein Licht auf!
Manchmal leuchtet's auch ohne Menschen auf ...

8)
Karl May (in 'Bei den Aussätzigen') hat geschrieben:Voran Halef hoch zu Roß, zwischen zwei Kamelen mit je zwei Tannenbäumen, hierauf Jacub Afarah mit seinen Freunden. Hinter ihnen die Frauen in Ochsenwagen, die mit Geschenken derart gefüllt waren, daß gar nichts mehr hineinging. Zuletzt ritt ich allein. Ich wollte mir diese Stunde nicht durch die Rücksicht auf andere aus dem Herzen stehlen lassen.
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von rodger » 18.12.2010, 12:47

Doro hat geschrieben: Wenn die Folgen wären, wie z. B. Dante sie beschreibt, dann wäre die christliche Heilsbotschaft, gelinde gesagt, etwas distanziert zu betrachten und der Buddhismus vorzuziehen
In der Tat ...

:lol:

"Wir sind doch keine Buddhisten" schrieb Hermann Wohlgschaft mal so oder ähnlich in Sachen Wassertropfen und Meer. Warum eigentlich nicht ... (also ich persönlich habe es ja nicht so mit den Ismen und den Tümern ...)

8)

(Nachtrag: Er schrieb (vor dreieinhalb Jahren) "Wird ja immer schöner!!! Noch weitere Beiträge dieser Art, und ich werde Buddhist!" War aber vermutlich so gemeint wie oben formuliert. :wink:)
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von Doro » 18.12.2010, 13:01

rodger hat geschrieben: Manchmal leuchtet's auch ohne Menschen auf ...

8)
Oh ja! :wink:
Karl May (in 'Bei den Aussätzigen') hat geschrieben:Zuletzt ritt ich allein. Ich wollte mir diese Stunde nicht durch die Rücksicht auf andere aus dem Herzen stehlen lassen.
Hmm, nun ja, da Kara der May ja auch ein Mensch ist, bin ich mit bei den Menschen nicht verkehrt.
(Meinte ich ja auch nicht durch Menschen) :wink: :wink:
rodger hat geschrieben:(Nachtrag: Er schrieb (vor dreieinhalb Jahren) "Wird ja immer schöner!!! Noch weitere Beiträge dieser Art, und ich werde Buddhist!" War aber vermutlich so gemeint wie oben formuliert. )
Das wäre eine Sensation :lol: :lol:
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von rodger » 18.12.2010, 13:54

Tragophil wies auf Ähnlichkeiten zur bzw. Motive aus der Jesusgeschichte hin, mir selber war das bislang nicht aufgefallen bzw. nicht in Erinnerung geblieben, heute stieß ich beim Stöbern im Werk wieder auf dies
Ich wurde vom Pferde genommen und mit ausgestreckten Armen und Beinen an zwei kreuzweise übereinander gelegte Zeltpfähle gebunden; das verursachte mir nicht geringe Schmerzen. Drei Krieger hielten bei mir Wache, nicht etwa, weil man geglaubt hätte, daß ich fliehen könne, sondern um zu verhindern, daß sich die aufgeregte Menge schon vor dem Urteilsspruche über mich hermache.
[...]
Die Frauen kamen herbei, verfluchten mich und ließen alle möglichen Schand- und Schimpfwörter über mich los; die Kinder warfen mit Steinen nach mir; einige, die sich ganz heranwagten, spieen mich an; das wurde nicht verhindert.
(aus „Der Kutb“)
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von Doro » 18.12.2010, 14:17

Querverweis auf die Geisterschmiede...

Hier wäre eine Deutung in diesem Sinne auch möglich,finde ich.
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von Tobias K. » 18.12.2010, 15:28

Hermann Wohlgschaft hat geschrieben:(Im Moment beansprucht mich u. a. die Weihnachtspredigt.)
Lieber Herr Wohlgschaft, da zitier ich mal ausnahmsweise den Opa Schnabel aus Thomas Mann's "Praxis Bülowbogen": "Ick habe Zeit, ick kann warten." =)

Und -verzeihen Sie mir diesen Kalauer - aber ich könnte Ihnen zu Weihnachten einen Mayschen Kriegsnamen schenken. "Hero Welldone" wär doch allemal besser als Sebastian Melchior Pampel... ;)
Doro hat geschrieben:Wenn die Folgen wären, wie z. B. Dante sie beschreibt, dann wäre die christliche Heilsbotschaft, gelinde gesagt, etwas distanziert zu betrachten und der Buddhismus vorzuziehen ...
Da wär ich vorsichtig. Bei Dante treff ich wenigstens noch alte Bekannte - und vielleicht auch den May - jenachdem auf welchem Ring ich lande. Leider übersieht man aus westlicher Perspektive aber immer, dass die buddhistische "Wiedergeburt" eben nicht das ist, was der Europäer/Christ darunter versteht, sondern die eigentliche grausame Strafe, aus der es nahezu kein Entrinnen gibt. Sozusagen Wabble-Eiche auf ewig... ;)
doro hat geschrieben:Metaphorisch könnte mensch auch soweit gehen und interpretieren, wo es am Meisten menscheltist auch die (gesuchte) Menschenseele zu finden, wo die Dunkelheit am Größten leuchtet selbst das schwächste Licht unglaublich hell.
Sie meinen das aber jetzt nicht so wie Tucholsky, als er sagte: "Wenn die Sonne am tiefsten steht, werfen selbst Zwerge große Schatten.", oder? ;)
Da zitiere ich noch lieber meinen guten alten Intschu-tschuna: "Was sind diese Christen doch für Menschen! Entweder sind sie schlecht, und dann ist ihre Schlechtigkeit so groß, daß man sie nicht zu begreifen vermag. Oder sie sind gut, und dann ist ihre Güte ebenso unbegreiflich!" [Winnetou I, Zürich 1996, 343.]
rodger hat geschrieben:
Doro hat geschrieben:weil es bei den Menschen stattfindet, in all Ihrem Elend, Ihrer Verzweiflung, Ihrer Menschlichkeit leuchtet trotzdem ein Licht auf!
Manchmal leuchtet's auch ohne Menschen auf ...

8)
Und manchmal leuchtets auch trotz Menschen nicht auf. Und May sagt eben beides und erklärt deutlich, welche Seite ihm sympathischer ist.

Und was die Parallelen angeht: Der Transport von ihm, nach dem Messerstich Winnetous ist gespenstisch - und vor allem in der Wortwahl sehr nah dran am biblischen Text (was ja auch Stolte zitierte). Zudem fiel mir irgendwann auf, dass auch geographisch oftmals eine Parallele besteht - sofern man nicht präzise auf der Landkarte sucht. Aber man zähle mal durch, wie oft sich eine Geschichte vom flachen Land, oftmals von der Wüste, bis in die Berge zieht. Winnetou stirbt in den Bergen (er hängt sogar dabei - und ich möchte nicht zwingend behaupten das sei Absicht...). Nur dass das für mich nicht zwingend heißt, dass er das alles selber auch glaubt - schon aber, dass das für ihn gewohnte Deutemuster von Leiden und Triumph waren. Vor diesem Hintergrund wäre dann Winnetou IV schon fast wieder ein sehr protestantisches Buch zu nennen =)
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