Gewalt und Grausamkeit bei May

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rodger
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Gewalt und Grausamkeit bei May

Beitrag von rodger » 30.11.2011, 20:53

Giesbert schrieb in der Mailingliste über die „Sklavenkarawane“
gibt es ganz eigenartige, gegenläufige Strömungen im Text: einerseits dieses lustbetonte Ausmalen der Grausamkeiten, andererseits hält der Text dann inne und entschuldigt sich gewissermaßen.
Genaues Hingucken und genaues Beschreiben muß keineswegs lustvoll sein ... Und „Ausmalen“ halte ich im Fall der besagten Stellen in der „Sklavenkarawane“ auch für das ungeeignete Wort. May beschreibt halt, was geschieht.
Das sei ja alles ganz fürchterlich und schrecklich, heißt es dann.
Es heißt zwar dort nicht wirklich so, um genau zu bleiben, aber gemeint ist wohl das herüberkommende Bedauern und Mitgefühl. Und das ist weder widersprüchlich noch inkonsequent noch sonstetwas, sondern er beschreibt halt grausame Dinge und teilt dann sein Bedauern darüber mit, daß es so ist wie es ist (bzw. läßt Figuren dieses Bedauern ausdrücken).
Besonders deutlich wird das bei der Elefantenjagd, die zuerst eher exotisch/abenteuerlich daherkommt, dann wird sie immer brutaler und das Abschlachten der Tiere immer sinnloser –
Es handelt sich um Jagd bzw. da die Jäger unerwartet von den Tieren angegriffen werden kann man auch „Jagdzwischenfall“ o.ä. formulieren. Konsequente Härte ist da unausweichlich, und das „Abschlachten“ überlebensnotwendig.
und dann kippt das plötzlich um und wird äh sagen wir mal rasch "sentimental", mitleidig, der Tod des kleinen Elefanten wird von einer abenteuerlichen Jagd- zu einer traurigen Verlustszene und das handelnde Personal erschrickt vor sich selbst. Sehr eigenartig.
Nein, Sentimentalität sehe ich da nicht, sondern echte Trauer und Mitgefühl [des Autors]. Was nichts daran ändert daß die Tötungen unumgänglich, nötig sind. Es erschrickt dort niemand. [Der Leser vielleicht, und das ist auch gut so.] Der Protagonist der "Seehundjagd" erschrickt, und der Ich-Erzähler in "Old Firehand", aber nicht die Jäger in der "Sklavenkarawane".
Das lustbetonte Töten, ganz ohne Erschrecken, gibt es natürlich auch, aber dann handelt es sich um lebensbedrohliche Gefahren: Löwen, Nilpferd, ein angreifender Elefantenbulle.
In „Eine Seehundsjagd“ ist das nicht so, da wird aus Lust getötet und das auch ausdrücklich gesagt. Von Blutrausch und Mordlust ist dort die Rede. Und das ist der wesentliche Unterschied zur „Sklavenkarawane“.
Verblüffend finde ich an dieser Passage nicht nur, dass es sie überhaupt gibt - sie ist für die Erzählung überflüssig
Nein, wenn von so etwas wie Jagd die Rede ist, ist es gut auch in aller Deutlichkeit zu schildern, wie es dabei so zugehen kann.
dieses Ineins perfider Kampffantasien (das Durchtrennen der Sehnen) mit Reue der Figuren
Das Durchtrennen der Sehnen erfolgt ganz klar zielgerichtet und ist insofern keine unnötige Grausamkeit, so habe ich das zumindest verstanden. Reue gibt es in der Szene nicht. Vielleicht Nachdenklichkeit, Trauer, ein ungutes Gefühl (Wenn einer z.B. Sterbehilfe leistet bei Mensch oder Tier, mag er auch Trauer empfinden und ein ungutes Gefühl haben, aber das muß keine Reue sein.)
Schwarz sagt dementsprechend „Mir ist es ganz so, als ob wir Strafe verdient hätten“ was etwas anderes ist als wenn er äußern würde man habe Strafe verdient, Nein, er sagt es sei ihm so als ob. Ein gewisser Zwiespalt zwischen Verstand und Gefühl.

„Sehen Sie den Schmerz dieser Mütter! Es ist ergreifend, und wer ein Herz hat, dem muß es wirklich leid um sie thun.“ Ja. Freilich. Was an den Erfordernissen der Jagdsituation indes nichts ändert.
»Eigentlich ein ganz unnützes Morden!« bemerkte Schwarz
ist übrigens nicht etwa Reue, sondern danach steht dort
»Warum?«
»Weil wir diese Massen von Fleisch gar nicht brauchen können. Und Stoßzähne haben weder die Weibchen noch die Jungen.«
Pfotenhauer finde ich übrigens weder komisch noch widerlich, das ist ein Jäger, der erkannt hat was bei Hemingway an einer Stelle mit den Worten „Wer leidet paßt nicht in dieses Klima“ ausgedrückt wird.

Meine persönliche Sache wäre es nicht, eine solche Jagd, nicht daß man es in der Richtung mißversteht, aber ich sehe keinen Anlaß die Beteiligten in irgendeiner Weise zu verteufeln.

Im Fall der "Seehundjagd" sieht die Angelegenheit wie gesagt anders aus ... [da kann es einem sozusagen vergehen. Und die Stelle mit der kleinen geretteten Robbe am Schluß kann man als unglaublich heuchlerisch [oder wohl besser gesagt unbewußt ... sie merken ja oft nicht einmal wie sie heucheln ... vor anderen wie vor sich selber ...] empfinden. Seitens der geschilderten Menschen. Nicht seitens des Autors, der aufzeigt, wie die so sind bzw. sein können ...]
Zuletzt geändert von rodger am 30.11.2011, 23:02, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Gewalt und Grausamkeit bei May

Beitrag von rodger » 30.11.2011, 23:01

Während ich also besagte Szenen der "Sklavenkarawane" aus o.g. Gründen für nicht so problematisch halte, ist das in anderen Fällen anders ...

Im "Waldröschen" z.B. gibt es regelrechte sadistische Schweinereien, von denen ich rein gar nichts halte. Sollten diese Stellen also tatsächlich von May sein, verrät er da offenbar Züge, die mir überhaupt nicht gefallen ...

Auch in Winnetou I bei der Tötung Rattlers kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß er sich an der Angelegenheit klammheimlich doch ein wenig weidet ... ich bin jedes mal froh, wenn das arme Schwein dann endlich in den Fluten des Rio Pecos verschwindet und es hinter sich hat.

In "In den Cordilleren" wird einer seitens Charley regelrecht gefoltert, man hört ihn schreien und geht erst einmal gemütlich frühstücken ... Nicht schön.

Das Zerstören der Medizin eines Häuptlings im "Schwarzen Mustang" ist eine der häßlichsten Szenen im Gesamtwerk. Zumal eindeutig gesagt wird daß die "Helden" da ganz genau wissen was sie tun ... (aus dem Kontext geht hervor daß diese Angelegenheit für den Häuptling schlimmer ist als wenn er z.B. an den Marterpfahl gestellt würde ...)

In "Im Lande des Mahdi" sitzt der Erzähler sozusagen gemütlich pfeiferauchend im Nebenzimmer, wissend daß nebenan einer buchstäblich zu Tode gepeitscht wird ...

Es gibt weitere Fälle. Es ist m.E. keine Frage, daß unser Autor auch beträchtlich "dunkle", unerfreuliche Seiten hatte ...
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