by Dr William.E.Thomas - email

Karl May und die Justiz – Gerechtigkeit für Karl May

Übersetzt von Joachim Biermann

  
Kürzlich sind im ›Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft‹ zwei Artikel erschienen
[1], deren Autoren Jürgen Seul und Otto Rubner Karl May von einem negativen Standpunkt aus darstellen. Zudem stellen sie das Konzept der Dissoziativen Identitätsstörung (Dissociative Identity Disorder = D.I.D.) infrage.

In seinem Aufsatz ›Karl May und die Justiz‹ vertritt Seul die Auffassung, daß May während der Zeit von 1862–1870, als er von den Behören festgenommen wurde, „nunmehr offenkundig bewusst und willentlich agierte, wofür die sorgfältige Planung und das kaltblütige Auftreten […] sprechen.“[2] Der Artikel nimmt auch an: „Er [Karl May] bestätigte seine hochstaplerischen Rollen, war sich ihrer also stets bewusst gewesen.“[3] Eine weitere Auffassung wird dargeboten: „Als multiple Persönlichkeit hätte ihm nie und nimmer die Einsicht kommen können.“[4] Erneut spekulieren einige Forscher: „In einem ‚Dämmerzustand‘ wird May seine Straftaten nicht begangen haben …“.[5]

In einer früheren Publikation[6] habe ich den Geisteszustand beschrieben, in dem sich May während der Jahre 1862–1874 befand. Er wird Dissoziative Identitätsstörung (D.I.D.) genannt. Dabei handelt es sich um eine komplexe Störung, die erst in letzter Zeit vollständig anerkannt worden ist. Die meisten psychiatrischen und psychologischen Organisationen erkennen diese Diagnose an, ebenso der Index Medicus, die umfangreichste und am weitesten akzeptierte Datenbank von Zeitschriftenartikeln zur klinischen Medizin, die als wissenschaftlich zuverlässig akzeptiert sind. Die Komplexität dieser Störung erregt weiterhin Zweifel und Verwirrung und wird gelegentlich durch einige Psychologen und Psychiater infrage gestellt.

Eine absolute Ablehnung von D.I.D. wie durch Seul und Rubner ist jedoch nicht gerechtfertigt. Dies ist von Bedeutung, denn entweder war Karl May in seiner Jugend ein Krimineller, oder es gibt eine andere Erklärung seines Verhaltens während der Jahre 1862–1874, das in totalem Gegensatz zu seinem Charakter steht, wie er sich sonst in seinem Leben zeigte.

Bei den Kritikern scheint eine gewisse Verwirrung bezüglich Karl Mays und D.I.D. zu herrschen.

Zum ersten lassen sie sich von dem Eindruck beeinflussen, den populäre Presse, Fernsehprogramme und verschiedene zweifelhafte Persönlichkeiten der Öffentlichkeit zu vermitteln wissen.

Zum zweiten verwechseln sie die Gruppe der dissoziativen Störungen mit der Multiplen Persönlichkeitsstörung (Multiple Personality Disorder = M.P.D.) und nehmen die Klassifikation in den ›Diagnostic Criteria from DSM-IV‹[7] und der ›ICD-10-CM‹[8] nicht zur Kenntnis.

Zum dritten herrscht bei ihnen die Vorstellung, daß ein Patient mit D.I.D. (bzw. M.P.D., wie sie es bezeichnen) in einem benommenen, schlafwandlerischen Zustand, wie ein Zombie, handelt und sich an nichts erinnert, ohne Bezug zur Realität ist.[9]

Zum vierten ist eine weitere Aussage von Seul eindeutig nicht wahr, „dass in der modernen forensischen Psychiatrie die Diagnose einer multiplen Persönlichkeit […] als ein iatrogenes Artefakt […] betrachtet [wird].“[10] In der medizinischen Begrifflichkeit bedeutet „iatrogen“ eine Krankheit bzw. Symptome, die in einem Patienten als Ergebnis von Worten oder Handlungen eines Arztes hervorgerufen werden. Patienten begeben sich jedoch mit klar erkennbaren Symptomen von D.I.D. in ärztliche Behandlung, und nicht umgekehrt.

Zum fünften ist Karl May im Laufe der Zeit zu verschiedenen Zeitpunkten eine Persönlichkeit mit schizoider, theatralischer, narzißtischer Störung genannt, vor kurzem gar zu einem Fall lebenslanger bipolarer Störung erklärt worden. Es ist irgendwie zu einer Tradition geworden, May als kriminellen, vagabundierenden Hochstapler abzustempeln, der geistig krank und ganz generell von üblem Charakter war.

Seul spekuliert in seinem Beitrag, daß Karl May, wenn er vor 1870 in einem halbbewußten „Dämmerzustand“ gehandelt hätte, nicht fähig gewesen wäre, die Taten zu begehen, deren er angeklagt wurde. Daraus folgert er, May könne nicht unter D.I.D. gelitten haben. Solche Mutmaßungen werden selbstverständlich durch die aktuellen klinischen Kenntnisse zu D.I.D. nicht bestätigt. Wie bereits erwähnt wurde,[11] bezieht sich der „traumähnliche“ Zustand ausschließlich auf eine der dissoziativen Störungen, die Depersonalisierende Störung, und nicht auf die gesamte Gruppe. Wenn Kriterium B für D.I.D. angewandt wird, heißt dies nicht, daß der Patient wegen Störung seiner geistigen Fähigkeiten auf irrationale Weise handeln muß. Aus der klinischen Praxis ist es wohlbekannt, daß D.I.D.-Patienten nicht in einer Art „Dämmerzustand“ handeln, sondern als voll handlungsfähiges, rationales und logisches Alter Ego.

Es ist wichtig zu wissen, daß bei Patienten, die von dissoziativen Störungen betroffen sind, die Realitätsprüfung intakt bleibt.

In diesem Zusammenhang ist es von großem Interesse, daß Karl May dies, lange bevor es durch klinische Tests bestätigt wurde, erwähnt hat: Ich war seelenkrank, aber nicht geisteskrank. Ich besaß die Fähigkeit zu jedem logischen Schlusse, zur Lösung jeder mathematischen Aufgabe.[12]

Keine der für D.I.D. erforderlichen Bedingungen (außer D) impliziert, daß Erinnerung oder Verhalten des Alter Ego unterdrückt, irrational, verdunkelt oder halbbewußt sein müssen.

Die ›Diagnostic Criteria from DSM-IV‹[13] definieren D.I.D. wie folgt:

  1. Gegenwart von zwei oder mehr verschiedenen Identitäten oder Persönlichkeitszuständen (jede mit ihrem eigenen, relativ beständigen Muster, die Umwelt und sich selbst wahrzunehmen, in Beziehung zu setzen und zu reflektieren).
  2. Wenigstens zwei dieser Identitäten oder Persönlichkeitszustände übernehmen wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der Person.
  3. Unfähigkeit, sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern, deren Ausmaß zu groß ist, als daß sie durch gewöhnliche Vergeßlichkeit erklärt werden kann.
  4. Die Störung ist nicht Folge von direkten physiologischen Effekten einer Substanz (z. B. Ohnmachtsanfälle oder chaotisches Verhalten während einer Alkoholvergiftung) oder eines allgemeinen medizinischen Zustands (z. B. komplexe partielle Anfälle). Anmerkung: Bei Kindern sind die Symptome nicht imaginierten Spielgefährten oder anderen Phantasiespielen zuschreibbar.

Ein imaginärer „Dämmerzustand“, wie ihn einige Forscher für Karl May annehmen, ist nicht korrekt.

Die andere von Seul vertretene Auffassung ist, daß Karl May nicht an D.I.D. litt, weil er voll geständig war. Dabei geht er von der Hypothese aus, daß Karl May sich dessen, was er getan hatte, voll bewußt gewesen sein muß.

Die Feststellung, „[e]r [Karl May] bestätigte seine hochstaplerischen Rollen“, bedeutet natürlich noch nicht, daß er „sich ihrer also stets bewusst gewesen (war)“.[14] Unterdrückte oder wiedererlangte Erinnerungen sind kein wesentlicher Bestandteil der Diagnose von D.I.D. Viele Patienten erinnern sich sehr gut an Ereignisse ihrer Kindheit, wie auch an Gerichtsmitschriften, externe Bestätigungen und andere Zeugen. Es mag Karl May mitgeteilt worden sein oder er mag gelesen haben, wessen er angeklagt war. Daß May sein Verhalten „bestätigte“, bedeutet nicht, daß er sich dessen „stets bewusst gewesen“ ist. Nach der neuesten medizinischen Ansicht zur Dissoziativen Identitätsstörung[15] sind sich einige der Persönlichkeiten einer Person wichtiger persönlicher Informationen bewußt, während andere Persönlichkeiten sich deren nicht bewußt sind. Einige Persönlichkeiten scheinen einander zu kennen und miteinander in einer komplizierten inneren Welt zu interagieren. Person A mag sich zum Beispiel der Persönlichkeit B bewußt sein und wissen, was B tut, als ob sie Bs Verhalten beobachte; Persönlichkeit B mag sich dabei der Persönlichkeit A bewußt sein oder auch nicht. Andere Persönlichkeiten mögen sich der Persönlichkeit B bewußt sein oder nicht, und Persönlichkeit B mag sich ihrer ebenfalls bewußt sein oder nicht.

Das Wechseln zwischen den Persönlichkeiten und das fehlende Bewußtsein ihres Verhaltens in den anderen Persönlichkeiten macht das Leben für Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung oft chaotisch. Weil die Persönlichkeiten oft miteinander interagieren, berichten Menschen mit dissoziativer Persönlichkeitsstörung oft davon, daß sie innere Gespräche und die Stimmen anderer Persönlichkeiten hören, die ihr Verhalten kommentieren oder sie ansprechen. Sie erfahren Zeitverzerrungen, verbunden mit Zeitsprüngen und Amnesie. Sie haben Gefühle der Distanzierung von sich selbst (Depersonalisation) und Gefühle, daß ihre Umgebung unwirklich ist (Derealisation). Menschen mit D.I.D. können unfähig sein, sich an Dinge zu erinnern, die sie getan haben, oder Verhaltensveränderungen zu erklären.

Es gibt auch noch eine weitere Erklärung.[16] Hätte May seine Halluzinationen und seinen Geisteszustand dem Gericht gegenüber erwähnt, wäre er in eine Irrenanstalt eingewiesen worden.

Aufgrund aller Umstände, Beobachtungen Mays durch andere Menschen und des heutigen Kenntnisstandes zu den Anzeichen und Symptomen von D.I.D. erscheint es offensichtlich, daß May während der Jahre 1862–1874 an einer Gruppe von dissoziativen Störungen litt. May beschrieb die D.I.D. nicht nur in seiner Autobiographie, sondern bereits 1888.[17] May beschrieb ebenfalls Dissoziative Amnesie, vor allem aber die Dissoziative Fugue, die bis dahin im Lehrbuch der Psychiatrie noch nicht erwähnt worden war.[18] May könnte dieses Lehrbuch 1910 konsultiert haben, um zu klären und zu verstehen, was mit ihm in der Vergangenheit geschehen war.

Weil einer der Kritikpunkte der guten Menschen, die sich die Mühe gemacht haben, meinen Aufsatz[19] zu lesen, war, daß darin im wesentlichen Karl Mays eigene Schriften herangezogen werden (selbst wenn dies eine akzeptierter Standardtechnik der Forschung ist), seien einige weitere relevante Fakten erwähnt, die für die Diagnose von D.I.D. wichtig sind.

Unbekannte Kleidungsstücke im persönlichen Besitz. D.I.D. ist ein komplexer Zustand, der auf der Skala von leichten bis schweren Fällen in großer Variationsbreite in Erscheinung tritt. Ein Symptom wird jedoch weltweit beständig erwähnt, nämlich der Besitz von dem Patienten unbekannten Kleidungsstücken in seinem Kleiderschrank. Dieser Tatbestand ist sogar zu einem Witz geworden: „Im Kleiderschrank steht immer eine multiple Auswahl neuer Kleidung zur Verfügung.“
Dr. Kathrin Dornbusch von der Abteilung für Klinische Psychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat ein Forschungsprojekt zu D.I.D. durchgeführt,
[20] und eine der Fragen war: „Haben Sie jemals Kleidung in ihrem Kleiderschrank gefunden, an deren Kauf Sie sich nicht erinnern konnten?“

Mays Beschreibung des Erwerbs von Pelzen, für die er keine Verwendung hatte, und die betreffenden Polizeiberichte fallen in diese Kategorie.

Beobachtung von Mays ungewöhnlichem Verhalten durch andere Menschen. Als er am 26. März 1865 festgenommen wurde, ist May den Berichten zufolge „ganz regungslos und anscheinend leblos gewesen und hat auch, nachdem der Polizeiarzt hinzugezogen wurde, nicht gesprochen“.[21] Die Tatsache, daß man einen Arzt hinzuzog, legt ein abnormales Verhalten Mays nahe.

Ein am 31. Juli 1869 ausgefertigter Steckbrief gibt ein interessantes Detail zu May an: „Er spricht langsam, in gewählten Ausdrücken, verzieht beim Reden den Mund …“[22]

Rechtsanwalt Haases Beobachtung. Der Pflichtverteidiger, der May verteidigen sollte, machte diese Beobachtung des Angeklagten im May 1870: „Die ganze Persönlichkeit des Angeklagten machte in der Hauptverhandlung des Eindruck eines komischen Menschen, der gewissermaßen aus Übermuth auf der Anklagebank zu sitzen schien.“[23]

Heutzutage würde ein Gerichtspsychiater hinzugezogen werden, da die Reaktion unter den gegebenen Umständen ziemlich unangemessen war. Haase benutzt das Wort „komisch“, das soviel wie lustig oder merkwürdig bedeutet. Es könnte aber auch seltsam oder gar verrückt bedeuten. Alle diese Wörter beziehen sich auf Verhalten und Erscheinungsbild von Menschen, die man als ungewöhnlich oder von der Norm abweichend betrachtet. Weshalb May sich auf solche Weise benahm, darüber kann man nur spekulieren. Es ist jedoch Tatsache, daß er sich nicht auf eine Weise verhielt, die von anderen als normal beurteilt worden wäre.
Dissoziative Amnesie und Dissoziative Fugue. May hat in einem Lehrbuch psychiatrischer Krankheiten nach Erklärungen für seine Amnesie und seine Halluzinationen gesucht.
[24] Wichtig ist, daß May ein Symptom beschrieben hat, das sich nicht in Griesingers Lehrbuch findet – die Dissoziative Fugue, die plötzliche, unerwartete Abreise von zu Hause oder seiner regelmäßigen Arbeitsstätte, verbunden mit der Unfähigkeit, sich seiner Vergangenheit zu erinnern, Verwirrung über die persönliche Identität oder teilweise oder vollständige Annahme einer neuen Identität.

May hat die Dissoziative Fugue nicht nur in seiner Autobiographie beschrieben, er schrieb auch eine Erzählung (1888/89 erstveröffentlicht) Der Scout, in welcher William Ohlert sein Alter Ego repräsentiert. Diese Erzählung ist eine Beschreibung von D.I.D.-Symptomen, lange bevor irgend jemand je davon gehört hatte.

Die Kraft der Kreativität im D.I.D.-Heilungsprozeß. Kunst, Schreiben, Musik, Tanz, Dichtung als Ventil für Emotionen ist als sehr bedeutsam für den Genesungsprozeß dokumentiert worden. Heute gibt es viele solche Werke, die von Menschen, die an D.I.D. leiden, geschaffen wurden.

In diesem Zusammenhang entdecken wir eine überraschende Ähnlichkeit zwischen Karl Mays Gedicht Die fürchterlichste Nacht[25], das bereits 1863 entstanden sein könnte, und Gedichten[26], die erst kürzlich von D.I.D.-Patienten verfaßt wurden.

Die fürchterlichste Nacht.
Von Karl May.

Kennst du die Nacht, die auf die Erde sinkt
Bei hohlem Wind und schwerem Regenfall,
Die Nacht, in der kein Stern vom Himmel blinkt,
Kein Aug’ durchdringt des Wetters dichten Wall?
So finster diese Nacht, sie hat doch einen Morgen;
O lege dich zur Ruh, und schlafe ohne Sorgen!

Kennst du die Nacht, die auf das Leben sinkt,
Wenn dich der Tod aufs letzte Lager streckt
Und nah der Ruf der Ewigkeit erklingt,
Daß dir der Puls in allen Adern schreckt;
So finster diese Nacht, sie hat doch einen Morgen;
O lege dich zur Ruh, und schlafe ohne Sorgen!

Kennst du die Nacht, die auf den Geist dir sinkt,
Daß er vergebens nach Erlösung schreit,
Die schlangengleich sich um die Seele schlingt
Und tausend Teufel ins Gehirn dir speit?
O halte fern dich ihr in wachen Sorgen,
Denn diese Nacht allein hat keinen Morgen!



Ich bin allein und einsam.
Von Dawn.

Ich bin allein und einsam
Mein Heim ist ein Haus von vielen
Doch ich bin allein, einsam, und gebrochen

Augen, die nicht sehen können
Gedanken, die keine Heimat haben
Schnell bewegend, doch bleibend, wo ich begann
Allein, einsam, und brechend.

Atmend, nicht atmend
Nichts fühlend, Versuch zu berühren ohne Bewegung
Berührt werdend und nicht fühlen wollend.
Es ist wirklich, es ist wirklich.


Schattenland.
Von Jeffrey.

Ich bin hier
Ich denke, ich atme, ich fühle … und dann
Dunkelheit
Ich bin hier
Ich spiele und singe und schreibe und atme … und dann
Dunkelheit
Ich kann sie hören
Ich kann sie fühlen
Manchmal kann ich sie sogar riechen
Aber draußen kann ich nicht sprechen, nur hier
Und die Stimmen hallen von den Wänden meines Geistes wider,
Geschieden durch Trennwände,
Wie kleine Kabinen … und dann
Dunkelheit
Ich bin.


Eingeschlossen.
Von DKZ.

Wie wir hier sitzen in unserer Stube,
Sehen wir unser Leben, was davon bliebe,
Mit Vorsicht gehn wir hinaus an die Stätte,
Wo Haß und Betrug sich bereiten ihr Bette.
Viel lieber möchten wir bleiben und alle Gedanken bannen,
da draußen zu sein wie Wolle an den Motten.
Doch dann können all die Freuden von Leben und Zeit
Nicht Wirklichkeit werden, da wir eingeschlossen sind.
Wenn wir hinaus in die stürmische Kälte gehn,
Müssen wir uns warm anziehn, so tun, als seien wir kühn.
Wir starren zurück, um zu sehen, was übrig blieb noch,
und wissen, die Zukunft bringt vielleicht nur den Tod.
Ein Tod nicht des Körpers, des Geistes, der Seel’,
Ein Tod des Verstandes, so grausam, so kühl.
Bevor wir gehen, hoffen wir unsern Geist zu befrein
Von all den Schlachten und Bändern, die uns schlossen ein.

Kriterium C von D.I.D.: „Unfähigkeit, sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern, deren Ausmaß zu groß ist, als daß sie durch gewöhnliche Vergeßlichkeit erklärt werden kann.“ Zu Beginn seiner Gefängniszeit (14. Juni 1865) wurde Karl May als ehemaliger Lehrer mit der Ausführung von Bürotätigkeiten beauftragt. Seine Vorgesetzten erkannten aber, daß er dazu nicht in der Lage war, und so mußte ihm eine einfache, manuelle Arbeit zugewiesen werden. In seiner Autobiographie[27]    beschrieb May die Angelegenheit:

Was die Beschäftigung betrifft, die man für mich auswählte, so wurde ich der Schreibstube zugeteilt. […] ich versagte als Schreiber so vollständig, daß ich als unbrauchbar erfunden wurde. […] Das fiel auf. Man sagte sich, daß es mit mir eine ganz besondere Bewandnis haben müsse, denn schreiben mußte ich doch können!

Die Albin-Wadenbach-Episode – Erkennen anderer Persönlichkeiten. Heutzutage geht man folgendermaßen vor, um die anderen Persönlichkeiten zu diagnostizieren: (1) Ein Polaroid- oder Digital-Foto wird aufgenommen, wenn eine andere Persönlichkeit auftritt. (2) Das Gespräch zwischen dem Therapeuten und der anderen Persönlichkeit wird auf Band aufgenommen. (3) Wenn der Patient in der Lage ist, selbst zu schreiben, dient dies als überzeugendes Beweismittel, da der Therapeut nichts dazu beigetragen hat, diese Worte niederzuschreiben.

Patienten wehren sich oft, die Diagnose D.I.D. zu akzeptieren, da Leugnen und Verdrängen ihre beliebtesten Abwehrstrategien sind. Doch wenn der Therapeut geeignete Beweise von Amnesieanfällen hat, in denen sich die anderen Persönlichkeiten zeigen, sollten diese dem Patienten vorgelegt werden.

Karl May war Albin Wadenbach, als er im Januar 1870 von den Behörden aufgegriffen wurde. Er schrieb einen Brief ›nach Hause‹ auf der Insel Martinique in Westindien, beschrieb seine Besitztümer in Amerika und die Erziehung, die er dort genossen hatte. Ein solch einzigartiges Schriftstück würde, wäre es noch vorhanden, viel zu Mays Geschichte beitragen. Im Gesamtzusammenhang weiterer Anzeichen und Symptome von D.I.D. wäre dieses Dokument von Mays Alter Ego von unschätzbarem Wert.

„Mit Verbüßung der Zuchthausstrafe verließ May auch seine kriminelle Laufbahn“, so behauptet Jürgen Seul in seinem Artikel.[28] Richtig, denn May war von seiner D.I.D. geheilt. Und es war keine „kriminelle Laufbahn“, wie May selbst erkannte, als er 1910 in einem Brief schrieb: […] aber was ich damals […] tat, würde in der jetzigen, aufgeklärten Zeit nicht vor den Richter, sondern vor den Arzt gehören.[29]

Im übrigen betraf der große Rest von Mays Erfahrungen mit dem Gericht die Verteidigung seiner Interessen. May mußte Versuche bekämpfen, seine Persönlichkeit zu erledigen, seine Schriften zu stehlen und die ihm zustehende Bezahlung zu verweigern sowie unbegründete Presseangriffe gegen sich abzuwehren.

Ein Beispiel ist Lebius’ Veröffentlichung von erfundenen Geschichten über Karl May, die auf Lügen Richard Krügels beruhten, einem Gartenarbeiter aus Mays Geburtsort.

Seitdem haben sich die Zeiten nicht geändert, wie der Fall des Filmschauspielers Clint Eastwood zeigt:[30]

„Das Unverziehene – Eastwood verklagt Autor

San Francisco. Der Schauspieler Clint Eastwood hat eine Schadenersatzklage über 10 Millionen US-Dollar gegen Autor und Herausgeber einer unautorisierten Biographie angestrengt, die ihn nach seinen Worten als Atheisten und Frauenschänder darstellt. Die Klage beschuldigt den Verlag St. Martin’s Press und den Autor Patrick McGilligan, Lügen über Eastwood zu verbreiten und ‚zu versuchen, (seinen) guten Ruf international zu zerstören‘. McGilligan stand zu seinem Buch Clint: Leben und Legende. Der Autor sagte, er sei über die Klage aufgebracht, jedoch nicht überrascht.
     ‚Er hat Menschen aus religiösen Gründen verklagt,‘ sagte McGilligan. ‚Er hat eine Karriere darauf aufgebaut, abweichende Meinungen zu unterdrücken.‘
     Das zuerst in England veröffentlichte Buch wurde im August in den Vereinigten Staaten auf den Markt gebracht. Gemäß der Klage behauptet es fälschlicherweise, Eastwood habe seine erste Frau geschlagen.

     McGilligan sagt, Fritz Manes, Eastwoods Freund und Produzent mehrerer seiner Filme, einschließlich Pale Rider und Every Which Way But Loose, habe den angeblichen Kampf gesehen.“

Dies ist nicht der rechte Ort, um das ›Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders‹ (DSM) zu diskutieren. Die nächste, fünfte Auflage soll etwa im Jahr 2010 erscheinen. Es gibt keinen Zweifel, daß unter dem Druck verschiedener Aktivisten bestimmte Zustände aus der Klassifizierung von Geistesstörungen entweder hinzugefügt oder entfernt werden, wie zum Beispiel Posttraumatische Stress-Störung (hinzugefügt) oder Homosexualität (entfernt).

Der unangemessene Begriff ›Identitätsstörung‹ ist bereits aus der Beschreibung des Verhaltensmusters während der Adoleszenz entfernt worden. ›Multiple Persönlichkeitsstörung‹ wird nicht mehr für bestimmte Zustände benutzt, wie zum Beispiel theatralisches, aufmerksamkeitssuchendes Verhalten von Erwachsenen. Neue Kontroversen werden debattiert – wenn zum Beispiel pathologischer Spieltrieb eine Krankheit ist, warum dann nicht auch Kaufsucht?

Ungeachtet, wie häufig oder selten ein Zustand ist, Menschen befinden sich darin. D.I.D. ist ein wahrhaft komplexer Zustand und die klinische Diagnose fußt auf Anzeichen und Symptomen, die Patienten auf der ganzen Welt immer wieder aufgewiesen haben. Die Kriterien basieren jedoch zum großen Teil auf dem Vorhandensein oder der Abwesenheit gewisser Verhaltensweisen, deren Beurteilung subjektiv sein könnte. Begleitende Symptome und Verhaltensweisen können in ihrer Schwere variieren und in verschiedenen Kombinationen vorkommen. Auch wenn zur Zeit das am häufigsten benutzte Referenzwerk DSM-IV ist, beziehen sich einige Fachleute auch auf die ICD-10, die eine ähnliche diagnostische Perspektive bietet. Die verwendete Terminologie ist nicht hinreichend definiert und kann für verschiedene Praktiker verschiedenes bedeuten. Es werde in den unterschiedlichen Systemen unterschiedliche Definitionen gegeben.

In einer solchen Situation, sollte ein erfahrener Therapeut, der sich mit D.I.D. beschäftigt, und kein Rechtsanwalt, erklären, warum die Anzeichen und Symptome, wie sie oben beschrieben wurden, zur Diagnose von D.I.D. im Fall Karl Mays während der Zeit von 1862–1874 anwendbar sind oder nicht.

In seinem zu Anfang erwähnten Artikel[31] hat Otto Rubner drei Punkte vorgebracht:

  1. Karl May litt während seines gesamten Lebens an Konversionsneurose.

  2. Karl May hatte keine Hör-Halluzinationen, wie er sie in seiner Autobiographie beschrieb.

  3. Karl May war der ihm in den Jahren 1862–1870 zur Last gelegten Straftaten schuldig.

Keine dieser drei Schlußfolgerungen ist vom Standpunkt heutigen medizinischen Denkens aus akzeptabel.

Es ist bedauerlich, daß Rubners Diagnose von Karl Mays Geisteszustand nicht über die Konversionsneurose hinausgeht.[32] Das alte Konzept der Neurose in der psychiatrischen Klassifizierung ist neuerdings durch drei neue Kategorien ersetzt worden: (1) Angststörungen, (2) somatoforme Störungen und (3) dissoziative Störungen. Früher wurden sie alle unter der diagnostischen Kategorie ›Neurose‹ zusammengefaßt. Dessen scheint sich Rubner nicht bewußt zu sein.

Rubners altmodischer Begriff ›Konversionsneurose‹, früher auch ›hysterische Neurose, Konversionstyp‹ genannt, wird heute als ›somatoforme Störung‹ klassifiziert. Die ernsthaften körperlichen Leiden der Konversionsstörung – Blindheit, Taubheit, Stummheit, Anfälle, Ticks, Betäubungen, motorische Paralyse – deuten auf neurologische Erkrankungen hin, haben aber keine nachweisbare organische oder physiologische Grundlage and werden als Ausdruck eines psychologischen Konflikts oder Bedürfnisses eingestuft. Das Vorkommen dieser Störungen scheint heute abzunehmen. Rubner verkennt, daß die somatoformen Störungen der Vergangenheit sich in der heutigen klinischen Präsentation in dissoziative Störungen verwandelt haben.

Die dissoziativen Störungen, die immer häufiger vorkommen,[33] beinhalten einige vorübergehende Bewußtseinsveränderungen, wie etwa Verlust der Erinnerung an die Vergangenheit. In der psychogenen Amnesie gibt es die plötzliche Unfähigkeit, sich signifikanter persönlicher Informationen zu erinnern, begleitet von schwerem Gedächtnisversagen. Ein solcher Gedächtnisverlust wird nicht durch organische Faktoren oder einfaches Vergessen verursacht. Wenn diese Reaktion auftritt, so ist sie oft wegen ihrer intensiven, dramatischen Qualität Gegenstand der Aufmerksamkeit der Medien. Die psychogene Fugue, die plötzliche Abreise von zu Hause unter Verlust der Erinnerung an das frühere Leben, gehört in diese Kategorie.

Die Kriterien für Dissoziative Identitätsstörung sind an anderer Stelle beschrieben worden und wurden 1994 in das ›Diagnostic and Statistical Manual‹ aufgenommen.[34] In seinem Artikel stellt Rubner fest, daß er in vierzig Jahren der Praxis niemals eine solche Symptomkombination gesehen habe.[35] Dies mag so gewesen sein, weil Rubner die modernen Tendenzen der Psychiatrie gegenüber dem alten Konzept der Neurose niemals angenommen hat, und er hat niemals die Symptome eines Patienten mit dissoziativer Störung über die altmodische Konversionsneurose (Hysterie) hinaus beurteilt.

Dissoziative Störungen treten interkulturell auf. In Deutschland wurde 1995 unter Mitwirkung von Dr. Ursula Gast, einer Psychiaterin, eine Studiengruppe an der Universität Hannover gegründet. Es gibt eine deutsche Homepage: http://www.dissoc.de und ebenso Veröffentlichungen in medizinischen Zeitschriften.[36]

Symptome von Dissoziation sind bereits 1956 in einem Standard-Lehrbuch der Psychiatrie in Mitteleuropa beschrieben worden,[37] und Rubner könnte Ähnlichem in medizinischen Spezialveröffentlichungen begegnet sein:

„Störungen von Aufmerksamkeit und Bewußtsein […] Unter den qualitativ vollständigen Bewußtseinsstörungen tritt Depersonalisation auf, was natürlich kein spezifisches Symptom der Schizophrenie ist.
     Als eine spezielle Form der obigen wird manchmal ein engeres Konzept herausgestellt, die sogenannte Apersonalisation, wenn der Patient mit der Überzeugung lebt, in seinem Innern wohne auch eine fremde Persönlichkeit, die ihn zu Handlungen zwingt, die seiner eigenen Überzeugung widersprechen.“

Rubner scheint nicht zu würdigen, daß dissoziative Störungen eine Gruppe sind, die aus Dissoziativer Amnesie, Dissoziativer Fugue, Dissoziativer Identitätsstörung (D.I.D.), Depersonalisationsstörung und anderweitig nicht spezifizierten dissoziativen Störungen besteht. Er nennt die gesamte Gruppe der dissoziativen Störungen „multiple Persönlichkeiten“[38] und betrachtet sie als „hysterische Neurose“[39]. Dies ist eine vereinfachende Sichtweise, die zur falschen Diagnose führt.[40]

Jeder Versuch, dissoziative Störungen auf der Basis des alten Konzepts der Konversionsneurose (Hysterie) zu erklären, ist zum Scheitern verurteilt. Rubner identifiziert sich mit Hubers Lehrbuchdefinition von D.I.D.: „Huber rückt das ganze Syndrom [d.i. D.I.D.] in die Nähe von Neurose und Hysterie, Konversionsneurose und Konversionshysterie und damit auf das Gebiet der konversionsneurotischen Störungen.“[41] Die zeitgenössische Psychiatrie betrachtet die Gruppe der dissoziativen Störungen nicht als die Hysterien vergangener Zeiten.

Von solch einem Standpunkt aus verlieren die von Rubner vorgebrachten Argumente natürlich ihre Wirksamkeit. Die Dissoziative Identitätsstörung betraf Karl May nur während der Jahre 1862–1874. Rubners denkt, May hätte sein Leben lang an Hysterie gelitten. Neurotische oder hysterische Menschen erfahren keine wirklichen Halluzinationen; deshalb nimmt Rubner an, auch May könne nicht halluziniert haben.[42] 1891 beschrieb der Schweizer Psychiater Anton Delbrück das, was er Pseudologia phantastica nannte, eine komplexe Form der Konfabulation. Dieser Begriff ist seitdem fälschlich auf Karl May angewendet worden, der jedoch ein kreativer Schriftsteller war.

Populäre Literatur nahm vor den 1950er Jahren eine kulturell bedeutsame Funktion ein. Sie diente als eskapistisches Unterhaltungsmedium für den einfachen Mann. Nach der Periode kultureller Angleichung seit dem Zweiten Weltkrieg jedoch wurde populäre Literatur auf akademischer Ebene zunehmend mit der gleichen Wichtigkeit gewürdigt und studiert wie die ›Hochliteratur‹. In der neueren postmodernen kulturellen und literarischen Analyse hat sich erwiesen, wie populäre Literatur und Kultur dazu tendieren, die psychologischen Ängste und Freuden von Kultur im allgemeinen zu reflektieren. Selbst wenn bei Schriftstellern Kuriositäten und Ausprägungen von Individualität erkennbar sind, erweist man ihnen einen schlechten Dienst, wenn man sie als geistig abnormal klassifiziert.

Anmerkungen
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[1] Jürgen Seul: Karl May und die Justiz. In: JbKMG 2002, S. 275–315; Otto Rubner: Der sächsische Phantast. Eine Pathogeaphie Karl Mays. In: JbKMG 2003, S. 17–66.

[2] Seul, wie Anm. 1, S. 280.

[3] Ebd., S. 283..

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] William E. Thomas: Karl May und die ›Dissoziative Identitätsstörung‹. In: JbKMG 2000, S. 195–231.

[7] American Psychiatric Society: Diagnostic Criteria from DSM-IV. Washington, D.C., 6. Ausgabe, April 1999, S. 230.

[8] In Deutschland ist auch die ›ICD-10-CM‹ (International Classification of Diseases, 10th Clinical Modification) in Gebrauch. Dort ist die frühere Bezeichnung ›Multiple Persönlichkeiten‹ ebenfalls vermerkt, jedoch ausschließlich in Bezug auf D.I.D. und nicht auf die gesamte Gruppe der dissoziativen Störungen.

[9] Die Angabe „feeling like one is in a dream“ (man fühlt sich wie in einem Traum) aus DSM-IV (wie Anm. 7, S. 231) bezieht sich ausschließlich auf eine der dissoziativen Störungen, die Depersonalization Disorder (Depersonalisierende Störung), von der später ein Beispiel beschrieben wird (vgl. Anm. 39).

[10] Seul, wie Anm. 1, S. 283.

[11] Vgl. Anm. 9.

[12] Mein Leben und Streben, S. 111.

[13] Wie Anm. 7.

[14] Seul, wie Anm. 3.

[15] The Merck Manual – Second Home Edition (Merck Research Laboratories, Division of Merck & Co. Inc. Whitehouse Station, N.J., USA, 2003), Sektion 7: Dossociative Identity Disorder – Verfasser: Richard P. Kluft, MD.

[16] Von Ralf Harder vorgetragen.

[17] Karl May: Der Scout. In: Deutscher Hausschatz, XV. Jg. (1888/89). Reprint KMG 1997.

[18] Wilhelm Griesinger: Pathologie und Therapie der psychiatrischen Krankheiten. Braunschweig 1871.

[19] Wie Anm. 6.

[20] Kathrin Dornbusch, Abteilung Klinische Diagnostik/Intervention und Klinische Psychologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Am Steiger 3, Haus 1, 07743 Jena.

[21] Akte Nr. 80463 des Polizeiamts Leipzig, zit, nach Rudolf Lebius: Die Zeugen Karl May und Klara May. Ein Beitrag zur Kriminalgeschichte unserer Zeit. Berlin-Charlottenburg 1910 (Reprint Lütjenburg 1991), S. 10.

[22] Zit. nach Klaus Hoffmann: Zeitgenössisches über »ein unwürdiges Glied des Lehrerstandes«. Pressestimmen aus dem Königreich Sachsen 1864–1870. In: JbKMG 1971, S. 110ff., hier S. 117.

[23] Zit. nach Klaus Hoffmann: Karl May als »Räuberhauptmann« oder Die Verfolgung rund um die sächsische Erde. Karl Mays Straftaten und sein Aufenthalt 1868 bis 1870, 1. Teil. In: JbKMG 1972/73, S. 215ff., hier S. 242.

[24] Griesinger, wie Anm. 18.

[25] Zit. nach Karl May: Winnetou der Rote Gentleman. 2. Band. Freiburg i.B., o. J. (Reprint KMV 1982), S. 32.

[26] Die drei von D.I.D.-Patienten verfaßten Gedichte stammen aus einer Sammlung, die unter http://www.needid.org/poem1.html veröffentlicht worden sind.

[27] LuS, S. 126f.

[28] Seul, wie Anm. 1, S. 285.

[29] Zit. nach M-KMG 111/März 1997, S. 49. – Im 21. Jahrhundert klingen Karl Mays Worte noch weit glaubwürdiger.

[30] The Age, Melbourne, Australien, vom 26. Dezember 2002.

[31] Rubner, wie Anm. 1.

[32] Rubners Diagnose: „Im Rahmen der Konversionsneurose entwickelte er [d. i. Karl May] eine sehr erhebliche Fantasie, die in der Jugendzeit zu seinen einfallsreichen Delikten und später zu seiner schriftstellerischen Produktivität und zu der außerordentlich wirksamen Anschaulichkeit der von ihm beschriebenen Figuren und Handlungen führte.“ (Ebd., S. 59).

[33] Nach dem ›Merck Manual‹, wie Anm. 15, scheint D.I.D. recht häufig vorzukommen; es kann zur Zeit bei 3–4 % der Menschen festgestellt werden, die wegen geistiger Gesundheitsstörungen in stationärer Behandlung sind.

[34] Wie Anm. 7, S. 229–232.

[35] Rubner, wie Anm. 1, S. 57f.: „Ich selbst habe in meiner etwa vierzigjährigen Tätigkeit als Psychiater […] die aufgeführten Symptomkombinationen mit mehr als durchschnittlicher Häufigkeit – und somit als Syndromeinheit oder Krankheit – niemals gesehen.“

[36] U. Gast, F. Rodewald, V. Nickel, H. M. Emmerich: Prevalence of Dissociate Disorders among psychiatric inpatients in German University Clinics. In: J. Nerv. Ment. Dis. (im Druck); B. Overkamp, A. Hoffmann, M. Huber, G. Damann: Dissoziative Identitätsstörung – eine Persönlichkeitsstörung. In: Persönlichkeitsstörungen 2/1997, S. 74–84.; U. Gast u. a.: Diagnostik und Therapie Dissoziativer (Identitäts-)Störungen. in: Der Psychotherapeut 5/September 2001, S. 289–300.

[37] Z. Mysliveček: Speciální Psychiatrie. Prag 1956, S. 158f. Das folgende Zitat stellt eine Übersetzung des ursprünglich tschechischen Textes dar (Hervorhebungen durch den Autor).

[38] In Deutschland ist auch die ICD-10-CM in Gebrauch. Dort ist die frühere Bezeichnung „multiple Persönlichkeiten“ noch verzeichnet, bezieht sich jedoch ausschließlich auf D.I.D. und nicht auf die gesamte Gruppe der dissoziativen Störungen.

[39] Rubner, wie Anm. 2, S. 39, Gerd Huber zitierend: „Die multiplen Persönlichkeitsstörungen würden fast nur in den USA diagnostiziert. Sie gehörten zu den ‚hysterischen Persönlichkeitsstörungen, die der Pseudologia phantastica‘ nahe ständen, und es handle sich ‚um ein bewusstseinsnahes Syndrom oder sogar eine vorgetäuschte Tendenzreaktion‘“.

[40] Ein Beispiel für Depersonalisation – eine der dissoziativen Störungen –, die in Rubners Konzept als hysterische Neurose diagnostiziert würde, bietet die Erzählung eines Häftlings aus einem nationalsozialistischen Konzentrationslager: „Susanne hielt wild an ihrer geliebten Erinnerung an ihren brillanten Vater, Istvan, fest, und lernte ihrem Leiden entrückt [bei morgendlichen Appellen auf gefrorenem Boden] zu stehen, da sie unbedingt überleben wollte. ‚Manchmal hatte man das Gefühl, man bestehe aus zwei Menschen. Einer war der Beobachter, und der andere das Opfer.‘“ (The Age. Melbourne, Australien, vom 11. Februar 1999, S. 13).

[41] Rubner, wie Anm. 2, S. 56.

[42] Ebd., S. 55: „Die angeblichen Halluzinationen sind als Pseudo- oder Als-Ob-Halluzinationen und Ergebnis der lebhaften fantasievollen Verarbeitung des Zwangssyndroms anzusehen.“

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