Vorwort

Anfang September 1875 startete im »Deutschen Familienblatt« unter dem Autorennamen »Friedrich Axmann« der historische Roman »Fürst und Junker«. Dieser Roman ist der Beginn einer »Brandenburgischen-Trilogie«: Fürst und Junker - Der beiden Quitzows letzte Fahrten - Das Testament des großen Kurfürsten.

Längere Zeit wurde von Karl Serden (1928-1999) vermutet, Friedrich Axmann (1843-1876) könnte ein frühes Pseudonym Karl Mays sein. Später gab Peter Krassa irrtümlich ein falsches Todesdatum an (Ermittlungen Dr. Robert Ciza, Wien), als sei Axmann bereits vor Start des Romans »Fürst und Junker« am 15. August 1875 gestorben. Dann wäre Karl May tatsächlich als Verfasser in Frage gekommen, der als Redakteur die Fortsetzung ankündigte:

Denjenigen Lesern des »deutschen Familienblattes«, welche sich mit den späteren Lebensschicksalen Dietrichs von Quitzow bis zu seinem Tode bekannt zu machen wünschen, dürfte die Nachricht nicht unwillkommen sein, daß der Autor dieses Thema zum Gegenstande eines ebenso fesselnden, wie ergreifenden Romans: »Dietrichs von Quitzow letzte Fahrten« gewählt hat, welcher in Nummer 20 der diesjährigen »Feierstunden am häuslichen Heerde«, einer im Münchmeyerschen Verlage erscheinenden belletristischen Zeitschrift, beginnen wird.
[Deutsches Familienblatt, Heft 49, S. 770]

Der angekündigte Quitzow-Roman startete schließlich bereits in Nummer 10 der Feierstunden unter dem Autorennamen »Karl May«. Ob Friedrich Axmann zu diesem Zeitpunkt bereits schwer erkrankt oder verstorben war, ist nicht bekannt.

Es gibt merkwürdige Stilähnlichkeiten zwischen »Fürst und Junker« und autorisierten May-Texten. Diese Ähnlichkeiten darf man nicht überbewerten! Axmann könnte Mays Stil in den Anfangsjahren beeinflußt haben oder umgekehrt. Auch könnten »kleine« redaktionelle Einschübe von May stammen. Beispiele:

»Da, wo die Havel ihren westlich gerichteten Lauf in den nördlichen umändert, bildet sie in Folge der plötzlichen Stauung einen ansehnlichen See, der durch hineintretende Höhen mannigfach zerschnitten wird.« (Fürst und Junker, S. 132)

Da, wo die südöstliche Ecke von Neu-Mexiko in das Gebiet von Texas hereinstößt, befindet sich einer der gefährlichsten Winkel des fernen Westens. (Der Geist der Llano estakata, Kamerad, S. 667)

…, da, wo das berühmte Zwickauer und Würschnitzer Kohlenbecken sich bis in die Nähe von Chemnitz zieht, … (Die Rose von Ernstthal, S. 169)

Waldröschen, Lieferung 20, S. 471f.:
Die beiden Häuptlinge nahmen die Waffen der Besiegten und ihre Skalpe zu sich und warfen die Leichen dann den Alligatoren zu. Hei, wie diese mit offenem Rachen sich auf die Beute stürzten! In weniger als einer Minute waren die Erstochenen zerrissen und verschlungen. Nichts blieb von ihnen übrig, als das Stück einer Hand mit zwei Fingern.
 

Fürst und Junker, Heft 3, S. 36:
Hei, wie die Streitäxte der wackeren Berliner Bürger auf die Schädel der Wenden niedersanken, wie die Schwerter lustig sausten und den Räubern die Speere aus den Händen, oder auch die Hände selbst abschlugen!

Ob May »Fürst und Junker« redaktionell bearbeitet hat oder nicht (größere Texteingriffe sind beim gegenwärtigen Stand der Forschung sehr unwahrscheinlich, waren auch nicht üblich; eine umfassende Computeranalyse wäre wünschenswert), hängt vom tatsächlichen Sterbedatum Axmanns ab. Generell ist dieser Roman für die May-Forschung wichtig. Immerhin hat Karl May die Fortsetzung Der beiden Quitzows letzte Fahrten geschrieben. Möge die folgende »Fürst und Junker«-Leseprobe - die Diskussion beleben.

Ralf Harder


LESEPROBE
Der komplette Roman ist als Reprint in unserer Tradingpost vorrätig.
Ferner ist auch der Roman »Das Testament des großen Kurfürsten« erhältlich.

Teilreprint der Zeitschrift »Deutsches Familienblatt« 1875/76; Gebunden.
Enthält die May-Texte: Inn-nu-woh, Old Firehand, Ein Stücklein vom alten Dessauer, Die Fastnachtsnarren, Auf den Nußbäumen.
Der Hauptroman »Fürst und Junker«, unter dem Autorennamen Friedrich Axmann veröffentlicht,
könnte zumindest teilweise von Karl May stammen.

Ubstadt 1990, Herausgeber Karl Serden


Deutsches Familienblatt, 1875/76


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Fürst und Junker.

Historischer Roman aus der Jugendzeit des Hauses Hohenzollern.

 

Erstes Kapitel.

In der Räuberhöhle.

 

Es war im April des Jahres 1411.

Wild peitschte eisiges Schlackenwetter die aufgeregten Wasserflächen der Spree. Heulend sauste der rauhe Frühlingssturm in den noch spärlich belaubten Bäumen des unermeßlichen Urwaldes und beugte die Wipfel der jungen Erlen weit über den Fluß hin. Tiefe Dunkelheit herrschte rings umher. - Kein anderer Laut tönte durch die Oede der Sturmnacht, als das heisere Gekrächz eines Schuhus, der mit dem daunenweichen Sammtgefieder seine mächtige Schwingen geräuschlos durch die bewegte Luft zog und nach Beute schrie.

Mitten durch den unwegsamen Forst schritten drei Männer, derer jeder ein Roß am Zügel führte, dahin. Sie kamen nur langsam vorwärts. Dichtes Gestrüpp, das aller Orte üppig wucherte, mußte nicht selten mit äußerster Kraftanwendung durchbrochen werden, und an zahlreichen Stellen streckten sich grünschillernde Moräste hin, die den Unglücklichen, welcher in sie hineingerieth, tückisch in die schaurige Tiefe hinabzogen.

Menschen und Thiere waren augenscheinlich übermüde, und die ersteren befanden sich in höchst unwirscher Stimmung, was nicht wenige Flüche bewiesen. Einer von ihnen, ein Graukopf, zeigte sich insbesondere ganz unglücklich.

»Daß mir auch der Gottseibeiuns den mißlichen Gedanken eingeben mußte, Euch, mein geliebter junger Herr, auf einem Nebenwege nach Berlin gleiten zu wollen. Meine Absicht war freilich eine gute; denn der Pfad hätte uns volle sechs Stunden früher heimgebracht, als die Heerstraße, und Eure guten Eltern würden sich königlich gefreut haben, wenn Ihr schon heute Abend, statt, wie sie voraussetzten, erst morgen um die Mittagszeit in Berlin eingetroffen wäret. Nun frägt es sich, ob wir im Laufe des morgigen Tages aus dieser schaurigen Wildniß uns hinausfinden werden. Wenn das nicht geschieht und wir nicht wenigstens am Abend heimkommen, dann wird Eure arme Mutter vor Angst möglicher Weise krank, da sich ihr die Besorgniß aufdrängen muß, daß wir dem »schwarzen Dietrich« , diesem Scheusal in Menschengestalt, der seit einigen Jahren in den Marken sein Unwesen treibt, in die Hände gefallen, von ihm ausgeplündert und vielleicht ermordet seien. Mir thut das Herz weh, wenn ich an den Jammer denke, den ich einfältiger Tropf durch meine Unvorsichtigkeit der alten Frau bereiten werde.«

Er seufzte tief auf und wischte sich mit der flachen Hand den Schweiß vom Gesicht, der ihn trotz der kühlen Witterung aus allen Poren drang.

»Quäle Dich doch nicht unaufhörlich mit diesen Selbstvorwürfen, wackerer Klaus,« tröstete der Vornehmste unter den Dreien, ein junger, hochgewachsener Mann. »Deine Absicht war eine gute, und Niemand kann es Dir verargen, daß Du den Weg verfehltest, da Du länger als zwanzig Jahre ihn nicht betreten hast. Uebrigens ist unser Mißgeschick noch ganz erträglich. Wir müssen eine Nacht im Walde zubringen, denn wir sind Alle zu müde, daß wir kaum noch weiter können. Auch wäre es zwecklos, wollten wir unsere Wanderung fortsetzen. Die Dunkelheit nimmt schnell zu, und wir laufen Gefahr, in einem Sumpf hineinzugerathen. Am Besten ist es, wir strecken uns hier nieder, nehmen einige Bissen Brod, das wir glücklicher Weise ja bei uns haben, zum Abendimbiß, hüllen uns dann in die Mäntel und stärken uns durch einen gesunden Schlaf zur Weiterreise. - Was hast Du, Giambattista?«

Diese Frage, in italienischer Sprache gestellt, galt dem


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Dritten des kleinen Trupps, einem Jüngling von kaum zwanzig Jahren, dessen dunkle Hautfarbe seine südliche Abstammung verrieth.

»Dort schimmert Feuer durch die Bäume,« rief der Angeredete lebhaft und deutete nach einer Richtung, aus welcher man in der That ein mattes Licht herüberblinken sah.

Die Verirrten beschlossen nach kurzer Berathung, dem Scheine zuzuwandern, nur der alte Klaus erhob mancherlei Einwände gegen diesen Vorsatz. Er meinte nämlich, daß es in der jetzigen Zeit, wo das Land von Räubern wimmelte und namentlich die Spießgesellen des »schwarzen Dietrich« aller Orten hausten, nicht gerathen wäre, sich in eine Wohnstätte, welche mitten im dicksten Walde gelegen sei, zu wagen. Man sollte wenigstens den Tag abwarten, ehe man sie auffsuche.

Die beiden jungen Männer theilten jedoch seine Anschauungen nicht; und ihrem Willen mußte Klaus sich schließlich fügen. Sie schritten nun dem Lichtschimmer zu, hatten aber mannigfache Hemnisse zu beseitigen, ehe sie demselben näher kamen.

Endlich wurde das Dickicht lichter und mit nicht geringer Freude nahmen die Verirrten wahr, daß sie sich wenige hundert Schritt von der Spree entfernt befanden und daß ein schmaler Pfad längs derselben sich hinzog. Er führte in schnurgerader Richtung auf einen umfangreichen Sumpf, aus dessen Mitte ein ziemlich hoher Hügel sich erhob. Diesen bedeckten die Ueberbleibsel einer Wendenburg, die einstmals gar stattlich gewesen sein mußte, was die gewaltigen Mauern und die cyclopischen, halb verfaulten Thürme darthaten.

Zu dieser Ruine führte in Schlangenwindungen durch Binsengestrüpp und Weidengebüsch ein schmaler Pfad, den ein Fremdling nur unter Leitung eines Führers zu überschreiten wagen durfte, denn jeder Fehltritt brachte hier sicheren Untergang.

Der alte Klaus und Giambattista waren mit den Pferden im Dickicht zurückgeblieben, während der junge Berliner Bürger auf den Pfad hinausgetreten war, um sich zu orientiren. Doch kam er nicht weit, denn aus nicht allzugroßer Entfernung schallte lautes Geräusch herüber, - ein Trupp Berittener nahte sich zweifellos dem verfallenen Neste.

Der junge Mann, der nun, wo er die Gewißheit hatte, daß er, dem Laufe der Spree folgend, Berlin erreichen mußte, in seinem Entschlusse, Nachtlager in der Ruine zu suchen, wieder wankend geworden war, trat eilig in das Gebüsch zurück. Die Dunkelheit war inzwischen so dicht geworden, daß er sowohl wie seine Gefährten den auf dem Wege Befindlichen unsichtbar blieben, während sie den Trupp ziemlich deutlich mustern konnten.

Der Reitertrupp kam schnell herbei. An seiner Spitze ritten zwei, von denen der Eine wohl geeignet war, Furcht und Grauen zu erwecken. Sein sechs Fuß hoher, von herkulischer Kraft zeugender Körper war ganz in rabenschwarzes Büffelleder gekleidet. Die Beine waren bis hoch über die Knie hinauf mit Stiefeln aus ungegerbtem Leder, die überreich mit Thran eingeschmiert waren, bedeckt. Ein breiter Riemen hielt das Wamms um den Leib fest, und den Kopf bedeckte eine eiserne, mit Leder gefütterte Kappe. Auf der rechten Seite steckte in einer kleinen am Gurt herabhängenden Tasche ein langes Fleischermesser, dessen hölzerner Griff durch schönes Schnitzwerk verziert war, und an der linken Seite befand sich ein Schärfstahl, genau von der Art, wie ihn noch jetzt die Schlächtergesellen tragen. In der Hand schwang der Riese einen furchtbaren, an beiden Seiten mit Blei ausgegossenen Kampfstock, den er zuweilen blitzschnell zwischen den Fingern im Kreise herumlaufen ließ, als wenn er mit einer Weidengerte spielte. War die Figur, die Kleidung und Ausrüstung des Riesen schon geeignet, Schrecken einzuflößen, so wurde dieser Zweck dadurch wesentlich gefördert, daß sein Gesicht durch eine schwarze Sammetmaske verhüllt war.

Sein Begleiter war ein junger, in einen Radmantel gehüllter Mann, dessen sorgfältig gepflegter und gekräuselter Bart, sowie die feine, mit Goldfäden durchgezogene Halskrause einen Edelmann in ihm erkennen ließen. Unter dem geräumigen und faltenreichen Mantel trug er einen Panzer aus dem feinsten Stahl. Um die Hüften dreifach eine Kette geschlungen, die das riesige Mailandsche Schwert festhielt, und rückwärts hing an einem besonderen Ring dieser Kette der »Gnadengott«, ein breiter, dreischneidiger Dolch, der ungefähr einen Fuß lang war und den Rittern jener Zeit dazu diente, dem niedergeworfenen Feinde den Garaus zu machen, indem man ihn in eine Fuge der Rüstung bohrte oder durch das Visir des Helms in den Kopf stieß.

Hinter diesen beiden Männern gingen einige kleine, schmutzige Gestalten, die durch ihre niedrigen Mützen aus Wolfsfell als Leibeigene gekennzeichnet wurden. Sie trugen eine dicht verhängte Sänfte, wie sie zu jener Zeit die vornehmen Frauen benutzen. Ihnen folgten mehrere trefflich berittene und bewaffnete Knechte.

Unfern der Stelle, an welcher die Verirrten sich aufhielten, brachte der schwarze Ritter sein Roß zum Stehen.

»Gieb das Signal, Lebrecht,« gebot er dem Knappen neben ihm.

Dieser holte unter dem Mantel ein Büffelhorn, welches zierlich mit Silber ausgelegt war, hervor und entlockte demselben schaurige Töne.

Alsbald wurde es innerhalb der Burgruine lebendig.

Stimmengewirr ließ sich hören, dann rasselte eine Zugbrücke nieder und in dem nun unverdeckten Thore wurden mehrere Männer, die helllodernde Kienfackeln trugen, sichtbar.

»Wer ist da?« schrie Einer von ihnen herüber.

»Ich bin’s, Pozdup,« rief mit herrischem Tone der Riese. Kommt schnell!«

Die wilden Gestalten mit den Fackeln setzten sich in Bewegung, noch hatten sie indeß nicht den dritten Theil des gefährlichen Weges zurückgelegt, als sich unter den ihrer Harrenden eine eigenthümliche, aufregende Scene abspielte.

Die Leibeigenden hatten die Sänfte niedergelassen und Einer von Ihnen näherte sich mit scheuer Aengstlichkeit dem Riesen, riß in knechtischer Demuth die Mütze tief herab und meldete:

»Herr die Frau erwacht.«

»Was, sie erwacht?« fuhr der Schwarze ihn zornig an. »Wie kann das möglich sein, wenn Du meine Befehle genau befolgt hast? Hast Du ihr nicht soviel von dem Schlaftrunk verabreicht, wie ich angeordnet habe?«

»Ja, Herr,« antwortete bebend der Leibeigene.

»Du lügst,« donnerte der Riese. »Wenn das geschehen wäre, könnte sie nicht erwachen, vielmehr müßte sie bis zum nächsten Morgen schlafen. Gieljuschken, Gieljuschken, Du nimmst Dir in letzter Zeit viele Freiheiten heraus, aber baue nicht zu sehr auf meine Langmuth. Wenn Du Dich noch einmal unterstehst, ungehorsam zu sein, dann lasse ich


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Dich peitschen, daß Dir das Blut in Stücken von den Knochen fällt.«

»Vielleicht hat Gieljuschken sich geirrt,« beschwichtigte Lebrecht.

»Lieb wäre es mir,« murrte der Riese. »Wenn sie wirklich zum Bewußtsein kommt, dann wird sie ein klägliches Geschrei erheben, und derartiges Weibergewinsel ist mir in den Tod zuwider. - Horch, sie ist wirklich aufgewacht.«

Aus dem Inneren der Sänfte drangen halb unterdrückte Schreckensrufe hervor; dann wurden die Hüllen gewaltsam fortgerissen und ein junges, noch nicht ganz den Mädchenjahren entwachsenes Weib stürzte heraus.

Sie war in kostbare Stoffe gekleidet, wie nur die Frauen der vornehmsten Klassen sie zu tragen pflegten; ihr langes, goldiges Haar hing aufgelöst bis auf den Gürtel herab, und eine Welt voll Jammer klang aus ihrer Stimme, als sie nun mit gellenden Tönen schrie:

»Wo ist mein Kind, - mein Knabe?«

Niemand antwortete ihr. Die Leibeigenen wichen ehrfurchtsvoll zur Seite; des Knappen hatte sich ersichtliche Befangenheit bemächtigt; den er wagte die Augen nicht aufzuheben, und nur der Maskirte schaute auf die Arme nieder. Zu ihm stürzte die Frau hin, warf sich auf die Knie, streckte die Arme flehend empor und rief in herzzerreißendem Tone:

»Um die Barmherzigkeit Gottes willen sagt mir, was aus meinem Sohne geworden ist! Habt Erbarmen mit der Verzweiflung einer Mutter! Thut mit mir, was Ihr wollt; martert mich, tödtet mich, aber thut meinem süßen Chlodwig kein Leid an. O sprecht, wo ist er? Warum habt Ihr ihn von mir gerissen? Was wollt Ihr mit mir und meinem Kinde beginnen?«

Sie hielt erwartungsvoll inne; - der Riese gab keinen Laut von sich.

Die unglückliche Frau brach in erschütterndes Weinen aus; dann schluchzte sie:

»Wer Du auch seist, Du Schrecklicher, der Du die Gattin von dem Gatten, den Sohn von der Mutter gerissen hast, laß mich nicht dem Wahnsinn anheim fallen, indem Du mir das Kind vorenthältst. O, gieb es mir zurück und ich werde Dich als meinen edelsten Wohltäter preisen mein Leben lang.«

In diesem Augenblicke kamen die Knechte mit den Fackeln herbei, und nun konnten die Verborgenen sehen, daß das Antlitz der jungen Frau wunderlieblich und durch den rührenden Ausdruck der unsagbarsten Herzensangst, welcher sich auf ihm wiederspiegelte, seltsam verklärt war.

Der Riese wandte sich zu den Fackelträgern und rief barsch:

»Nehmt sie mit Euch!«

Die Frau sprang empor; ihre Züge verzerrten sich; ihre Augen sprüten Blitze.

»Du antwortest mir nicht?« schrie sie auf. »Hast Du denn ein Herz von Stein, daß Dich der Jammer einer Mutter, der man ihr Kind geraubt, nicht rührt? Oder wagst Du nicht, mir zu antworten? Hast Du meinem Söhnlein ein Leid zugefügt, es vielleicht gar ermordet? So rede doch; auf der Stelle gieb Auskunft.«

Hoch aufgerichtet stand sie da, und der Ton ihrer Stimme klang gebieterisch wie der eines Menschen, welcher gewohnt ist, daß seinen Befehlen kein Wiederspruch entgegen gesetzt wird.

Der Riese verharrte in finsterem Schweigen.

Die unglückliche Mutter gerieth in die furchtbarste Aufregung.

»Chlodwig, mein süßer, herziger Chlodwig,« jammerte sie, man hat Dich ermordet. O, ich kann nicht länger daran zweifeln; gar zu vielen ist daran gelegen, daß Du nicht am Leben bleibst, und diesen Unhold hat man zu dem feigen Mord gedungen -«

»Nehmt sie fort,« befahl der Riese zum zweiten Male, und aus seiner Stimme hallte dumpfer Groll.

Die Leibeigenen umzingelten die Frau und wollten sie forttragen; aber mit einer Kraft, die man ihr nicht zugetraut haben würde, riß sie sich los und kreischte wild:

»Laßt mich! - Wollt Ihr mich morden? - Was habe ich Dir gethan, daß Du mir so schweres Herzeleid bereitest? - Fort von mir, elende Knechte! - Ich will noch nicht sterben -«

Der Riese machte eine heftige Geste, und die Leibeigenen ergriffen neuerdings die Unglückliche, welche sich mit der Kraft der Verzweiflung sträubte.

»Fluch Dir, herzloser Unmensch,« schrie sie in höchster Erregung; »Fluch Dir, schandbarer Räuber; sei verdammt in Zeit und Ewigkeit! - - Zu Hilfe! - Ist denn Niemand da, der mich rettet? - Allmächtiger Gott, so hilf Du mir, - laß mich nicht so elend umkommen - - -«

Ihre Stimme erstickte. Eine Ohnmacht beraubte sie des Bewußtseins.

Einer von den Knechten, ein wilder, struppiger Gesell von herkulischem Körperbau, hob die leichte Last auf die Schulter.

»Pozdup,« rief der Riese ihm zu, »Deiner und Gieljuschkens Obhut übergebe ich sie. Kein Anderer außer Euch darf sich ihr nahen. Wehe Euch, wenn irgend Jemand Kunde von ihrem Aufenthalte erhält oder wenn sie gar entwischen sollte - der Martertod wäre Euch gewiß.«

Gieljuschken legte die Hand auf das Herz, beugte sich bis zur Erde und betheuerte mit breitem Grinsen:

»Ihr könnt Euch auf uns verlassen, Herr! Wir werden die Frau so hüten, daß man glauben soll, sie sei nicht mehr am Leben.«

Der Riese nickte befriedigt.

»Und nun macht, daß Ihr hinüber kommt,« gebot er dann. »Ich werde solange hier warten, bis ihr glücklich in der Burg angekommen seid.«

Pozdup, Gieljuschken und die Fackelträger entfernten sich, und allmälig erstarb der Schimmer der Fackeln, bis schließlich tiefschwarze Finsterniß ringsumher herrschte.

Nachdem die Leibeigenen die Ruine erreicht hatten und auch der spärliche Schimmer der Fackeln erloschen war, wandte der Reitertrupp die Pferde und sprengte davon.

Die unfreiwilligen Beobachter des erschütternden Auftrittes verhielte sich noch eine ganze Weile schweigsam, so heftig hatte die Erregung auf sie eingewirkt. Als sie endlich zu sprechen wagten, geschah es nur in halblautem Tone.

»Was hatte dieser schreckliche Vorfall zu bedeuten?« fragte der junge Berliner. »Wer mag die Frau und der entsetzliche verhüllte Unhold gewesen sein?«

»Alles läßt mich vermuthen, daß der Bösewicht kein Anderer als der »schwarze Dietrich« gewesen sein kann,« versetzte bedächtig der alte Klaus. »So, wie der Riese ausschaute, wird das Aeußere des Räuberhauptmanns geschil-


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dert, und namentlich soll auch dieser stets eine Larve vor dem Gesicht tragen.«

»Aus welchem Grunde?«

»Um nicht erkannt zu werden. Man vermuthet nämlich, daß »der schwarze Dietrich« ein vornehmer Herr sei.«

»Nun, Räuber sind die vornehmen Herren in den Marken fast Alle. Deshalb brauchte dieser sich also nicht ängstlich zu verhüllen.«

»Ihr habt wohl Recht, Herr Botho,« bestätigte der Alte. »Vielleicht hat dieser Elende eine besondere Veranlassung, unerkannt bleiben zu wollen. Möglich ist es, daß er sich seiner Unthaten, die ihm den Ruf eines Scheusals in Menschengestalt eingebracht haben, schämt.«

»Den Ruf hat er wohl verdient. Nur ein ganz entmenschter Bösewicht war einer solchen Schandthat fähig, wie wir sie eben gesehen haben,« rief Botho entrüstet. »Das traurige Loos der unglücklichen Mutter schneidet mir in das Herz. Es ist unzweifelhaft eine hochedle, an alle Bequemlichkeiten des Lebens gewöhnte Frau. Wie furchtbar wird sie unter der entmenschten Horde in jenem verfallenen Gemäuer, wo ihr auch nicht die mindeste Annehmlichkeit geboten werden kann, zu leiden haben! Und welche Qualen erst wird die Sorge um ihr Kind ihr bereiten. - Fürwahr, ich gäbe Viel darum, wenn ich die Unglückliche befreien oder wenigstens ihren Namen erfahren könnte, um dann gemeinsam mit ihrem Gemahl sie zu retten.«

Er versank in dumpfes Sinnen, welches von den Gefährten nicht gestört wurde. Endlich war er zu einem festen Entschlusse gekommen. Er wollte sich in die Räuberhöhle hineinwagen, sich für einen verirrten Wanderer ausgeben und um Unterkunft bitten. Vielleicht gelang es ihm während der Nacht, sich mit den Gefangenen in Verbindung zu setzen, oder sonstwie nähere Auskunft über sie zu erhalten.

Klaus sowohl wie Giambattisa waren Beide außer sich vor Entsetzen über dieses vermessene Unternehmen. Sie beschworen den Kühnen, von dem Wagestück abzusehen, doch Botho erwies sich unerschütterlich. So blieb denn den Warnern schließlich nichts Anderes übrig, als sich seinem Willen zu fügen; doch thaten sie das nur mit äußerstem Widerstreben, und Klaus insbesondere machte seinem gepreßten Herzen durch klagende Exclamationen Luft.

»Er ist der Alte geblieben,« seufzte er, »ein Brause- und Feuerkopf, der Alles durchsetzen will, was er sich einmal vorgenommen hat. Gott behüte ihn davor, daß er hier nicht geradezu in das Verderben rennt. Wenn er in dem Mordneste umgebracht würde und ich vor seine alte Mutter treten sollte, um ihr diese Trauerbotschaft zu verkünden, dann, glaube ich, streckte mich ein Herzschlag nieder.«

Botho hatte sich inzwischen einen Ranzen auf die Schultern gelegt, um sich das Aussehen eines Wanderers zu geben, sowie von einem Erlengebüsche einen tüchtigen Knüttel abgeschnitten; dann schritt er wohlgemuth dem nahen Sumpfe zu. Am Rande desselben angelangt, erhob er ein lautes Geschrei, durch welches sehr bald Einer von den unheimlichen Bewohnern der Ruine an die Pforte gelockt wurde.

»Wer seid Ihr und was begehrt Ihr?« schrie er dem jungen Wagehals zu.

»Ich habe mich in dieser Wildniß verirrt und bitte um ein Nachtlager und einen Führer, der mich auf den Weg nach Berlin geleitet.«

»Beides könnt Ihr haben,« versicherte der Leibeigene; »geduldet Euch noch einige Zeit, dann werde ich Euch herüber holen.«

Er verschwand, und es verging noch eine Viertelstunde, ohne daß er wieder erschien. Wahrscheinlich berieth er sich mit seinen Genossen, ob er den Fremdling einlassen sollte; vielleicht auch berathschlagte die Sippe über böse Anschläge. Botho konnte doch nicht verhindern, daß ihm ein unheimliches Gefühl beschlich, als er dann dachte, daß er einmal in jener Höhle eingeschlossen, rettungslos verloren sei, wenn die Bande ihm nach dem Leben trachte. Selbst ein Fluchtversuch war unmöglich, weil er ja nicht den Steg durch den Morast finden konnte. Doch der kühne Jugendmuth, die Neigung zu Abenteuern, die ihn schon in den Tagen der Kindheit zu tollen Streichen verführt hatte und die Begierde, Auskunft über die unglückliche Gefangene zu erhalten, vielleicht gar mit derselben zusammen kommen zu können, halfen ihm die Bangigkeit zu überwinden, sodaß er dem wilden Gesellen, der endlich kam, ihn zu holen, eine entschlossene Miene zeigen konnte.

Ein rauchgeschwärztes, vor Schmutz starrendes Zimmer war es, in welches der Führer in zuerst leitete. Dort saßen an einem plumpen Holztische zehn bis zwölf Burschen, von denen einer Abscheu erregender ausschaute, als der andere und zechten aus großen Holzkannen Gardelegener Bier, welches damals allgemein beliebt war.*)

Einer aus der Horde, ein vierschrötiger Mann, erhob sich, den Gast willkommen zu heißen. Botho erkannte ihn sofort; - es war Pozdup, der wahrscheinlich als Kastellan in der Ruine funktionirte.

Pozdup prüfte genau den Fremdling, warf gierige Blicke auf den Ranzen und betrachtete mit sichtlichem Wohlgefallen die feine Kleidung. Dann bat er Botho, ihm in das Nebenzimmer zu folgen. Dort sah es ein wenig freundlicher aus, und auch für die Bequemlichkeit war besser gesorgt, indem statt der rohen Holzbänke ein hoch aufgeschüttetes Ruhelager von Stroh, über welches Bärenfälle gebreitet waren, sich vor einem kleinen Tische befand.

Botho warf den Ranzen auf den Boden und ließ sich auf dem Lager nieder, während Pozdup seiner Tochter, Jadwiga, zurief, daß sie für den Gast einen Abenteuerimbiß zubereiten sollte. Dieser war bald zur Stelle; er bestand aus gerösteten Fischen und Roggenkuchen.

Jadwiga war ein ganz hübsches Mädchen und sie würde auf Botho einen guten Eindruck gemacht haben, wenn nicht die krankhafte Farbe ihres Gesichts und ihr seltsames Wesen ihn unangenehm berührt hätte. Sie betrachtete ihn mit so auffallender, scheuer Aengstlichkeit, daß sogar Pozdup, der eben eine riesige Kanne voll Bier hereinbrachte, darauf aufmerksam wurde. Rauh fuhr er die Tochter an und hieß sie sich entfernen, während er mit möglichst freundlichen Worten den Gast einlud, es sich wohl sein zu lassen. Dann ging auch er hinaus, und unmittelbar darauf verstummte das lebhafte Geschwätz im Nebenzimmer, um einem kaum hörbaren Geflüster Platz zu machen.

Während Botho durch Speise und Trank sich erquickte, aufmerksam das Zimmer musterte und angestrengt lauschte, ob nicht irgend ein Geräusch die Anwesenheit noch anderer Menschen als der wilden Horde verrieth, spielte sich in der

  
*) In der Stadt Gardelegen existierten im Mittelalter mehr als 200 Brauereien, welche ein schmackhaftes, berauschendes, in ganz Deutschland mit Vorliebe genossenes Bier, Garlei genannt, brauten. Also ein Pendant zu der jetzigen Verbreitung des bairischen und Wiener Bieres.


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stark verfallenen Vorhalle, die zugleich als Küche diente, eine eigenthümliche Scene ab.

Pozdup hatte aus einem umfangreichen Fasse ein grünliche Flüssigkeit, die, nach dem Dufte zu schließen, Meth sein mußte, in eine kleine Kanne gezapft, dann nahm er aus einem riesigen Schrank ein kleines Blechgefäß, goß einige Tropfen von der darin enthaltenen Flüssigkeit in den Becher und wollte forteilen, als Jadwiga ihm den Weg vertrat.

Die Mischung der Substanzen hatte sicherlich keinen guten Zweck, denn das Mädchen hatte den Vorbereitungen, die ihr Vater traf, mit unverkennbarer Herzensangst zugeschaut. Sie rang hart mit einem Entschlusse, und als der Alte sich entfernen wollte, raffte sie ihren ganzen Muth zusammen und hielt ihn zurück.

Pozdup blickte sie erstaunt an.

»Was willst Du?« fragte er barsch.

»Vater,« flehte das Mädchen, »morde ihn nicht! Laß nur diesen am Leben! Thue es aus Liebe zu mir.«

»Was fällt Dir ein?« schmälte Pozdup. »Solchen guten Fang sich entgegen zu lassen, wäre eine Thorheit. Die Kleidung, welche er trägt, ist allein einige Schock böhmischer Groschen werth und sein Ranzen wird gewiß werthvolle Sachen enthalten. Ueberdies ist es einer von den vermaledeiten Deutschen, die uns Wenden geknechtet haben und wie Hunde behandeln. Ich hasse dieses hochmüthige Volk glühend und könnte ich sie Alle verderben, dann würde ich es mit Freuden thun. Warum also sollte ich diesen schonen?«

Jadwiga rang nach Athem.

»Er ist ein gar so junges Blut, Vater - -«

»Und hat ein so hübsches Gesicht, daß die Dirne sich sofort in ihm verliebt,« rief in diesem Augenblicke höhnisch ein Mensch, der unbemerkt Zuhörer des Gesprächs gewesen war. Dieser Kerl trug eine wahrhaft abschreckende Häßlichkeit zur Schau. Nicht allein zeigte sein Gesicht alle Mängel, und nicht einen einzigen Vorzug der slavischen Race, eine breite Nase, dicke aufgeworfene Lippen, kleine schiefgeschlitzte, schielende Augen und weit vorstehende Backenknochen, sondern auch einen Ausdruck geistiger Verkommenheit und sinnlicher Verthiertheit, der Abscheu erregen mußte.

»Die holde Jadwiga fleht um Mitleid mit dem schönen Deutschen, ha, ha,« grinste er und lallte nur mühsam die Worte hervor, denn er war halb berauscht, »schau, schau, welches gütige Herz sie hat! Was ein hübsches Gesicht nicht bewirken kann! Wäre der Fremde nicht so schön, dann würde sie ihn ruhig hinschlachten lassen, wie alle Andern und ich glaube, wenn ich, ihr Verlobter, an des Deutschen Stelle wäre, würde sie nicht so ängstlich um mein Leben bitten.«

»Gewiß nicht,« betheuerte Jadwiga und warf ihm einen bitterbösen Blick zu. »Du bist ein so verruchter Bösewicht, Wratislaw, daß es gut wäre, wenn er Dich je früher, je lieber zu sich nähme. Für Dich zu bitten, würde mir nicht einfallen, im Gegentheil, ich wäre froh, wenn Dich Jemand aus der Welt schaffte.«

Aus Wratislaws Augen schossen tückische Blitze auf die Kühne, dann knirschte er wuthentbrannt:

»Das sagst Du mir, Deinem Verlobten, Dirne? Warte, ich werde Dir Achtung vor mir einprügeln, laß mich nur erst Deinen Mann sein.«

»Bildest Du Dir wirklich ein, daß Du je mein Mann werden könntest?« rief Jadwiga aufflammend. »Ehe das geschähe, stieße ich Dir lieber mit eigener Hand ein Messer in Dein verruchtes Herz.«

Wratilaw fuhr wild auf und schien nicht übel Lust zu haben, das angekündigte Zuchtmittel schon jetzt zur Anwendung zu bringen, wenn nicht Pozdup ihn mit starkem Arm zurückgehalten hätte.

»Mäßige Dich, Wratislaw,« mahnte er. »Wenn Du Dich so gewaltthätig zeigst, kann die Dirne keine Zuneigung für Dich empfinden.«

»Sie reizt mich ja unaufhörlich,« grollte der Häßliche, »und sie weiß doch, daß ich heißes Blut habe.«

Beide traten in das Nebenzimmer. Jadwiga stand eine Weile regungslos da. Sie hatte beide Hände auf das Herz gedrückt und athmete schwer. Dann richtete sie den Blick gen Himmel.

»Allmächtiger Gott,« flüsterte sie, »hilf mir, ihn zu retten. Noch nie in meinem Leben habe ich ein ähnliches Gefühl empfunden, wie bei dem Anblick dieses jungen Fremden. Wenn er vor meinem Augen umgebracht werden, wenn ich sein verzweiflungsvolles Hilfegeschrei hören sollte, ohne ihm Beistand leisten zu können, dann müßte ich vergehen vor Herzeleid.«

Sie blieb wieder sinnend einige Secunden stumm.

»Er darf den Schlaftrunk nicht genießen,« murmelte sie darauf vor sich hin, »weil dann seine Rettung unmöglich wäre. Aber wie soll ich ihn daran verhindern? – Mein Gott, was überlege ich noch? Ystralowe wird ihn warnen. Zwar haßt auch er die Deutschen, aber er wird es um meinetwillen thun.«

Pozdup hatte sich, den Becher in der Hand, mit freundlichem Grinsen dem jungen Deutschen genähert.

»Trinkt Herr,« bat er, Botho den Krug reichend, »es ist ein Trank, der Euch wohl bekommen wird, alter feuriger Meth, der dem erschlafften Körper neue Kraft und belebendes Feuer verleiht.«

Botho setzte den Becher an die Lippen, doch trank er nicht, starrer Schreck lähmte ihn. Genau seinem Sitze gegenüber that sich geräuschlos die Wand aus einander und in der Oeffnung erschien, in ein langes weißes Gewand gehüllt, ein Greis mit schneeigem Haupt- und Barthaar, machte eine warnende Geberde und verschwand wieder.

Pozdup, dem der plötzliche starre Ausdruck in Botho’s Gesicht auffiel, wandte sich schnell um, erblickte Nichts, da die Wand sich bereits geschlossen hatte.

Botho benutze diesen Moment dazu, die Hälfte des Getränks unter den Tisch zu gießen, dann hob er den Becher schnell an den Mund und that scheinbar mehrere tiefe Züge.

Jadwiga, die gerade in diesem Augenblick in die Thür trat, war hoch beglückt, als sie Botho’s Beginnen bemerkte, und auch Pozdup zeigte eine zufriedene Miene, als er, sich umwendend, sah, wie der Gast gierig trank.

»Euer Meth ist gut,« lobte Botho, indem er den Becher auf den Tisch stellte, »doch nun bin ich vollständig gesättigt und sehne mich nach Ruhe. Laßt mir einen Raum anweisen, wo ich mich niederlegen kann.«

Jadwiga huschte fort.

Pozdup ergriff einen helllodernden Kienspan, welcher bisher in einer Eisenkammer gesteckt hatte und bat seinen Gast, ihm zu folgen.

Durch lange, schuttbedeckte Gänge, über wacklige Treppen ging’s. – Der Weg schien endlos zu sein. Botho gelangte immer mehr zu der Einsicht, daß er doch zu viel


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gewagt, indem er sich in dieses Raubnest begeben habe. Er war den wilden Bewohnern desselben auf Gnade und Ungnade ausgeliefert, und daß ihm Gefahr drohe, glaubte er als gewiß annehmen zu dürfen. Der räthselhafte Greis hatte ihm einen so besorgten Blick zugeworfen, daß er an der Nähe des Unheils nicht zweifeln konnte. Wenigstens, so nahm er sich vor, wollte er sein Leben theuer verkaufen.

Plötzlich, geschah es absichtlich oder nicht? verlosch der Span, sodaß undurchdringliche Finsterniß den Raum erfüllte.

»Gebt mir die Hand,« gebot Pozdup. »Wir sind gleich an Ort und Stelle.«

Eben waren sie im Begriff, eine Treppe zu erklimmen, als aus der Tiefe her, wahrscheinlich aus einem Verließe der Burg, schauerliches Kettengerassel herauftönte, und gleichzeitig, und gleichzeitig heulte eine gräuliche Simme in langgezogenen Absätzen:

»Fluch euch, ihr Mörder, Fluch!«

Botho stockte für einen Moment das Blut. Sein Haar sträubte sich vor grausem Entsetzen, und ein krampfhaftes Beben erschütterte seinen ganzen Körper.

»Was hatte das zu bedeuten?« fragte er mit zitternder Stimme seinen Führer.

»Es ist ein Verrückter, der sich so rasend geberdete, daß wir ihn in Ketten legen mußten,« erwiederte Pozdup in schroffem Tone, aus dem man heraushörte, daß ihm dieser Zwischenfall höchst peinlich sei und daß er keine Lust habe, weitere Fragen zu beantworten.

Botho ließ ihn denn auch unbehelligt; auch ohne daß es im Jemand sagte, wußte er ja nun, daß dieses alte Gemäuer furchtbare Geheimnisse in seinem Innern berge.

»Hier ist Eure Schlafstatt,« sagte bald darauf Pozdup, indem er eine Thür aufstieß. »Ihr werdet Euch wohl ohne Licht behelfen können. Schlaft wohl! Morgen früh lasse ich Euch auf den Weg nach Berlin führen.«

Er ging fort.

Botho lauschte, bis der Schall seiner schweren Tritte in der Ferne verhallte; dann untersuchte er das Zimmer, soweit die Dunkelheit das zuließ.

Es war ein geräumiges Gemach mit einem hohen Spitzbogenfenster, dessen winzige, runde Scheiben in Blei eingefaßt waren. Vor dem Gitter war ein starkes Eisengitter angebracht. An einer Wand befand sich das Lager, ein großer Haufen von Blättern, der mit Fellen bedeckt war. Als Botho die Thür untersuchte, wurde er freudig überrascht, denn inwendig befand sich ein Riegel an derselben. Sollte seine Besorgniß doch unbegründet sein? Durch Thür und Fenster konnte Niemand eindringen, und in den Wänden befand sich keine geheime Thür, wie er sich durch Pochen an denselben vergewisserte. Vielleicht waren die Bewohner der Ruine nicht so bösartig, wie seine erregte Phantasie ihm vorgespielt hatte und wie ihr wildes Aussehen vermuthen ließ. Aber der mysteriöse Greis und das grausige Geheul?

Nun erst, wo er Muse zu ruhigem Nachdenken gewonnen hatte, fiel ihm ein, daß er ja hauptsächlich zu dem Zwecke sich in das Nest gewagt habe, um nach der Gefangenen zu forschen. Doch mußte er sich jetzt bekennen, daß sein Vorhaben unausführbar sei. Nicht nur war es für ihn ganz unmöglich, sich in den vielfach verschlungenen Gängen zurecht zu finden, sondern er mußte auch fürchten, sich durch Geräusch zu verrathen. Er hatte schon mehrfach Gelegenheit gehabt, wahrzunehmen, daß dicke Mauern den Schall mit unglaublicher Stärke und Deutlichkeit weiter leiten. Er mußte deshalb fürchten, durch irgend einen Fehltritt, einen Stoß gegen die Wand die Sippe auf seine Spionage aufmerksam zu machen, und dann hatte er wohl das Schlimmste zu gegenwärtigen, da die Wächter der Ruine sicher nicht einen Spion mit heiler Haut hätten ziehen lassen.

Von dieser Erkenntniß durchdrungen, beschloß Botho, während der Nacht unthätig zu bleiben, dagegen am nächsten Morgen den Versuch zu machen, ob er nicht durch eine reiche Geldspende Pozdups Tochter oder seinen Führer zum Preisgeben des Geheimnisses bewegen könnte.

Mit diesem Entschlusse streckte er sich auf das Lager, und nun forderte die übermäßig angestrengte Natur so gebieterisch Ruhe, daß er trotz seiner Absicht, wach zu bleiben, eingeschlummert wäre, wenn nicht ein neues Vorkommniß seine erschlafften Nerven wieder angespannt hätte.

Er hörte nämlich deutlich, wie leise Tritte sich der Thür näherten. Trotzdem die heranschleichende Person barfuß war und überdies auf Zehen ging, vernahm Botho doch jeden Schritt. Hurtig sprang er auf und eilte zur Thür, an welche fast zu gleicher Zeit leise gepocht wurde.

»Wer ist da?« fragte Botho halblaut.

»Ich bin’s,« antwortete eine Stimme, an welcher Botho Pozdup’s Tochter erkannte; »macht schnell auf, wenn Euer Leben Euch lieb ist.«

Botho willfahrte dem Begehren.

Jadwiga befand sich in furchtbarer Aufregung, das bewies ihr mühseliges Athmen und die Anstrengung, mit welcher sie nach Worten rang.

»Fremdling,« preßte sie mit häufig stockender Stimme hervor, »man trachtet Euch nach dem Leben, aber ich werde Euch retten, wenn Ihr mir vertraut.«

»Was soll ich thun?«

»Zunächst laßt für eine kurze Weile die Thür offen.«

»Die Thüre offen lassen?« wiederholte Botho mißtrauisch, und diese Forderung war allerdings geeignet, Argwohn wachzurufen.

Das mochte Jadwiga auch fühlen; denn sie flehte mit zum Herzen dringenden Tönen, ihr zu vertrauen, weil er sonst rettungslos verloren sei.

Trotzdem zögerte Botho, diesem Verlangen nachzukommen.

»Wenn der Riegel vorgeschoben ist, kann ja Niemand hinein,« wandte er ein.

»Doch, doch,« versicherte hastig das Mädchen. »Der Riegel ist nur dazu angebracht, um diejenigen, welche hier einkehren, in Sicherheit zu wiegen.«

»Ich befinde mich also in einer Mörderhöhle?«

»Frage mich nicht, ich darf und werde Dir darauf nicht antworten. – Noch einmal flehe ich Dich kniefällig an, mir zu folgen. Zögere nicht länger; jeder Augenblick ist kostbar.«

Sie hatte sich vor ihm niedergeworfen und seine Knie umklammert. Botho widerstand nicht länger.

»Gut,« sagte er entschlossen, »ich will Deinen Anordnungen mich fügen.«

»Dank, tausend Dank,« rief sie innig, indem sie emporsprang. »Erwarte mich hier; in kurzer Zeit kehre ich zurück und bringe Einen mit. Du brauchst keine Besorgniß deßhalb zu hegen; denn der Mensch ist sinnlos betrunken.«

Sie huschte hinaus.

Botho’s Erregung war eine mächtige. Wie nun, wenn man ihm durch Jadwiga eine Falle legen wollte? Doch nein, das hatte ja keinen Zweck, welcher der Sippe Vorthen


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bringen konnte. Man hätte ihn schon unten überfallen können; offenbar jedoch fürchtete man den Kampf mit dem starken, wohlbewaffneten Manne, dessen Kräfte die Verzweiflung verdoppelt haben würde. Das feige Gesindel hatte es ja ungleich bequemer, wenn es das Opfer im Schlafe erwürgte.

Diese Erwägung gab dem jungen Mann die Gewißheit, daß Jadwiga es aufrichtig mit ihm meine, weshalb er sich vornahm, ihr unbedingt Folge zu leisten.

Nach wenigen Minuten wurde es auf dem Gange laut; Jadwiga führte an der Hand den vollständig berauschten Wratislaw herbei.

»Geht es denn hier nach meinem Lager?« lallte Wratislaw; »mir scheint doch, es müßte auf der andern Seite sich befinden.«

»Du verwechselst heute rechts mit links,« scherzte Jadwiga. »Schäme Dich, so viel zu trinken. Wenn Du erst mein Mann bist, dulde ich das nicht.«

»Hast Du Dich eines Besseren besonnen, Liebchen?« stammelte er. »Vorher warst Du ja so böse darüber, daß ich Dich zu meiner Frau nehmen wollte.«

»Bah, es war nicht so schlimm gemeint; ich befand mich gerade in übler Laune. Daran darfst Du Dich nicht kehren, - ich bin Dir doch gut.«

»Jetzt sprichst Du so, wie es mir gefällt, Schatz,« schmunzelte Wratislaw. »Wenn Du so mit mir umgehst, kannst Du mich um den Finger wickeln. Komm und gieb mir einen Schmatz.«

Beide waren inzwischen in das Zimmer und dicht an das Lager getreten. Als Wratislaw Miene machte, Jadwiga zu umarmen, gab diese ihm einen kräftigen Stoß, sodaß er auf das Lager niederstürzte und sofort in festen Schlaf versank.

Jadwiga schob nun den Riegel vor und setzte sich an Botho’s Seite auf den Theil des Lagers, welchen Wratislaw nicht bedeckte.

Botho ergriff ihre Hand und drückte sie warm.

»Begiebst Du Dich meinetwegen auch nicht in Gefahr?« fragte er besorgt.

»Nein, nein,« antwortete sie hastig; »ich habe Nichts zu fürchten und fürchte auch Nichts. Der Tod wäre mir jederzeit willkommen; ich sterbe lieber heute als morgen.«

»Und bist doch noch so jung.«

»O, das Leben ist mir zur Last. Wenn Du wüßtest, welches Uebermaß von Leid und Entsetzen ich habe erdulden müssen, Du würdest begreifen, daß ich mich nach dem Tode sehne. Ich habe mehr grausige Ereignisse geschaut, als unzählige Andere, die achtzig, hundert Jahre alt werden.«

»Hier, in diesem Hause?«

Sie schwieg eine Weile; dann antwortete sie kaum vernehmbar:

»Ja.«

»Warum verlässest Du dann diesen Ort des Schreckens nicht?«

»Ich kann nicht, - ich kann nicht,« schluchzte sie krampfhaft auf. »Ich bin mit unlöslichen Banden hier gefesselt; nur der Tod kann mich befreien. – Frage mich nicht aus,« rief sie flehend; »ich kann, ich darf Dir keine Auskunft geben.«

Betroffen schwieg Botho eine Zeit lang; dann jedoch versuchte er nochmals, sie auszuforschen; aber sie bat ihn so dringend um Schonung, daß er es nicht über sich gewann, sie noch länger zu quälen.

Eine halbe Stunde etwa mochten Beide schweigend neben einander gesessen sein, als Jadwiga heftig zusammenzuckte.

»Sie kommen,« lispelte sie.

Botho lauschte mit fieberhafter Spannung.

Auf dem Gange nahten sich zwei Männer, welche die Füße wahrscheinlich mit Lumpen umwickelt hatten; denn das Geräusch war so leicht, daß nur ein durch die höchste Erregung geschärftes Gehör es vernehmen konnte.

Vor der Thür hielten die katzengleichen Tritte an; und zwei Köpfe legten sich an das Getäfel.

»Da hörst Du, wie fest er schläft,« sagte halblaut Pozdup. »Er schnarcht ja, daß die Thür bebt. Den bringt ein Kind um.«

Die Burschen entfernten sich, viel weniger vorsichtig, als vorhin, sodaß Botho deutlich hören konnte, wie sie mehrere Treppen hinabstiegen.

»Jetzt ist es Zeit,« mahnte Jadwiga, indem sie sich erhob und auch ihn empor zog.

Beide eilten zur Thür, welche das Mädchen öffnete. Botho schickte sich eben an, ihr zu folgen, als ein leises Knarren im Zimmer seine Aufmerksamkeit anzog. Rasch blickte er sich um und sah, wie die Lagerstatt sich langsam abwärts senkte. Im nächsten Augenblick war sie und Wratislaw verschwunden.

»Heiliger Gott,« rief Botho entsetzt, »sie werden den Unglücklichen ermorden.«

»Bedauere ihn nicht,« sagte Jadwiga und ihre Stimme klang hart. »Er ist Deines Mitleids nicht werth; denn er ist einer der ruchlosesten und grausamsten Schurken auf der Welt und hat den Tod tausendfach verdient. Komm, komm!«

Sie zog ihn schnell fort, die Treppen hinunter. Plötzlich blieb sie wie gebannt stehen. Aus dem Keller drang wüster Lärm herauf.

»Sie haben den Irrthum entdeckt,« ächzte sie und Botho fühlte, daß ihre Hand eisig kalt wurde, und kräftig zitterte. »Im nächsten Augenblicke sind sie uns auf den Fersen. Nun gilt es einen Lauf auf Tod und Leben, oder Du bist verloren.«

Sie hatte Recht; schon polterten zahlreiche schwere Schritte die Kellertreppe empor.

Jadwiga riß die nächste auf den weiten Hof führende Thür auf, und Beide stürzten hinaus der Zugbrücke zu. Diese war an Basttauen befestigt, deren untere Enden in eisernen Haken ausliefen und in Klammern an der Mauer eingehängt waren.

Botho und Jadwiga hakten je eins von den Tauen los und suchten die Brücke niederzulassen. Dazu reichten jedoch des Mädchens Kräfte nicht aus: das Tau riß sich mit vehementer Heftigkeit durch ihre Hände; sodaß sie es fahren lassen mußte; nun konnte auch Botho die schwere Last nicht mehr halten, er gab das Tau frei und mit donnerndem Gepolter schlug die Brücke auf das Ufer nieder.

Unmittelbar darauf stürmten mit furchtbarem Geheul die Banditen aus der Ruine.

Ueber Jadwiga war eine wunderbare Ruhe gekommen.


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»Sie sollen Dich nicht ergreifen,« rief sie und erfaßte seine Hand, »Folge mir!«

Sie zog ihn rasch fort auf den Pfad, welcher durch den Sumpf führte.

Die Flüchtlinge hatten einen kleinen Vorsprung, doch wurde dieser Vortheil dadurch aufgewogen, daß die mit dem Terrain genau bekannten Verfolger weit schneller vorwärts kamen, als sie. Trotzdem gelang es ihnen, dem Ufer bis auf etwa zehn Schritte sich zu nähern; dort blieb Jadwiga stehen und ließ Botho vor sich treten.

»Du kannst nun nicht mehr fehlgehen,« sagte sie. »Eile in den Wald; dann bist Du vor Verfolgung sicher. Lebe wohl; - gedenke meiner bisweilen!«

Er drückte ihr herzlich die Hand; es kam ihm schwer an, sie in dieser schaurigen Einöde zurückzulassen; doch mußte er sich sagen, daß er nun vor Allem um die Rettung seines eigenen Lebens besorgt sein müsse. Ihr, glaubte er, würde man sicher kein Leid zufügen.

Noch hatte er nicht ganz das Ufer erreicht, als Gieljuschken bei Jadwiga anlangte.

»Zurück, Gieljuschken,« rief das Mädchen ihm drohend zu. »Niemand kann an mir vorbei.«

»Hoho,« höhnte der Leibeigene, »das wollen wir doch gleich erproben.«

Und er faßte sie mit roher Gewalt am Arm.

»Zurück,« schrie Jadwiga nochmals; »es kostet Dein oder mein Leben.«

Gieljuschken hörte nicht auf sie. Wuthentbrannt zischte er:

»Gieb Raum, Dirne!«

Dann suchte er an ihr vorbeizukommen; aber sie riß sich los und gab ihm einen Stoß, daß er taumelte und in den Sumpf gerieth. Er stieß einen gräßlichen Schrei aus, griff mit beiden Armen wild umher, um einen Halt zu fassen und erwischte einen Zipfel vom Gewande Jadwiga’s. Im nächsten Augenblicke war auch sie in den Morast gesunken. Noch einmal schrie Gieljuschken gellend, markerschütternd auf; dann folgte ein kurzes, dumpfes Röcheln, und über die beiden Unglücklichen breitete sich die schwarze Masse des Sumpfes aus, ohne daß auch nur das geringste Anzeichen Kunde von dem schrecklichen Drama gegeben hätte, das sich hier abgespielt hatte.

Die übrigen Wenden hatte der starre Schreck gelähmt; nur Pozdup geberdete sich wie ein Rasender, und seine Spießgesellen hatten Mühe, ihn zu verhindern, daß er sich gleichfalls in den Sumpf stürzte. An eine weitere Verfolgung des Flüchtlings war natürlich nicht mehr zu denken.

Botho hatte inzwischen seine Gefährten erreicht. Er fand sie wach; die bange Sorge um ihn hatte den Schlaf von ihren Augen gescheucht. Er kündete ihnen mit wenigen Worten an, daß sie sofort aufbrechen müßten. Dazu waren Beide gern bereit, und da auch die Pferde durch die mehrstündige Ruhe sich ziemlich erholt hatten, so legten sie noch während der Nacht ein gutes Stück zurück. Spät am Abend erst erreichten sie Berlin, in welchem Botho’s Nachrichten über das Mordnest ungeheuere Aufregung hervorriefen. Niemand zweifelte mehr daran, daß man endlich den Schlupfwinkel des »schwarzen Dietrich« aufgespürt habe. Die ganze Bürgerschaft brannte vor Begierde, das Nest auszuheben; doch mußten mancherlei Vorbereitungen, die einen Zeitraum von mehreren Wochen in Anspruch nahmen, getroffen werden, ehe man daran denken konnte, den Strauß mit dem verwegenen Raubgesindel auszufechten.

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Zweites Kapitel.

Ich liebe.

Auf dem sammetgrünen Hügel, dessen schwellende Knospen und Gräser bläulicher Nebeldunst mit feuchtem Hauche streift, liegt, in ein immergrünes Kleid dichter Epheugewinde gehüllt, Schloß Bissungen. Schlinggewächse, aus deren unlösbarem Astgewirr Blumen hervorschimmern, so brennend roth, wie der untergehenden Tageskönigin Flammengluthen, schützen gegen Sonnenhitze und neugierige Späheraugen das trauliche Asyl des Altans. Nur nach jener Richtung, wo der Hügel sich sanft zur Ebene abdachte, gestattete eine Oeffnung in dem grünen Panzer den Blicken, hinauszuschweifen und wonnetrunken zu schwelgen in sinnenberauschender, wunderlieblicher Fernsicht über den schillernden, sonnengolddurchwobenen Teppich der prangenden Au, bis der weltumspannenden Himmelsbläue krystallklarer und doch undurchdringlicher Sphärenschleier dem Strahl des Auges verwehrte, weiter vorzudringen in des Alls unermeßlichen Raum.

Senkrecht über dem Scheitel des schattenlosen Erdenballs steht das feurige Himmelsgestirn. Mit ausdorrendem Flammenmeere überfluthet es das lechzende Weltall. Alle lebendige Kreatur hat sich an Orte geflüchtet, wo sie sich gegen die sengenden Gluthpfeile des Sonnengottes zu schützen vermag. Die Blüthen schließen ihre duftschwangeren Kelche oder neigen die Köpfchen unter der drückenden Last der schwülen Atomsphäre; lautlose, schwere Stille hält alles irdische Sein gefangen.

Gierig wühlen die goldenen Strahlen sich in den saftgesättigten Blattschoß des Schlingpflanzendaches ein; aber sie vermögen die dichte Hülle nicht zu durchbohren. Lustig summen in der erquickenden Kühle der schattigen Laube glänzende Fliegen umher, und surrend schwebt von Blume zu Blume ein leuchtender Goldkäfer, welcher funkelt wie ein von der Morgensonnenaufgangsgluth durchblitzter Thaudiamant.

Langsam haben des Phöbus Apollo kräftige Rosse den Sonnenwagen über den Zenith des Firmaments gezogen, und schneller rollt er nun abwärts die unendliche Bahn der Himmelsphären.

Da klirrt leise die leichte Thür, welche das Innere des Hauses von dem Altane scheidet, und über die gelüftete Schwelle schwebt eine feenhafte Mädchengestalt. Leicht und schlank und zierlich wie der Wasserlilien fluthentstrebender Halm, den herrlichen, keuschen Leib umschmiegt vom schneeflockigen, ungefesselten Gewand, in dem goldenen Seidenhaar eine halb erblühte Rosenknospe, die, gleich dem Falter im duftschwangeren Blüthenschoße, in dem gazeweichen Gespinnst gebettet ist, mit Augen, so leuchtend fromm und frisch und treu, wie des Himmels unveränderliche Aetherbläue, mit unbewußt nach Kinderart geöffneten Lippen, zwischen denen zierliche Perlen hervorschimmern, wie aus der rothen Blätterkrone der Moosrose ein blitzender Regentropfen, - so steht sie da, sylphidengleich, wonnig schön, herzberückend. In die Weite hinaus fliegt der Blick; bald aber kehrt er, geblendet durch die Ueberfülle des Lichts, in das lauschige Nest zurück. Mit unvergänglicher Anmuth gleitet die liebliche Elfe auf die schwellenden Bärenfell-Polster des abseits stehenden Ruhelagers; eine kurze Spanne Zeit schauen die Augen wie traumverloren sehnsuchtsbang zu dem Blätterdache aufwärts; dann senkt der zarten Wimpern Seidenschirm sich tiefer und tiefer über die mildblinkenden Sterne herab; sachte stützt sich das Köpfchen an die hohe, gepolsterte Lehne; die Lider vereinen sich; - - - - sie schlummert.

Länger und länger werden die Schatten; der grelle Sonnenglanz mildert sich zu sanfterem Lichtschimmer; kosend umfächelt des Zephyrs linder Odem die purpurumsäumten Wangen; süßer duften die Blumen auf, und die Blätter flüstern sich leise, leise geheimnißvolle Feenmärchen zu. Die Natur erwacht aus dem starren Halbschlummer der Mittagsschwüle; myriadenfaches Leben regt und bewegt sich allüberall; - sie schlummert.

Wieder knistert die Thür. Zwei würdige Alte schauen freundlich lächelnd auf den trauten Liebling, und über ihre Schultern weg lugt voll Spannung ein junger Mann, welcher schön ist, wie der nimmer alternde Gott der Musen. Mit tiefinbrünstiger Andacht haftet sein Blick an der lieblichen Mädchenknospe.

»Störe sie nicht,« wispert die Matrone ihm zu.

»Wie könnte ich so ruchlos sein! Ach, vielleicht schwebt auf den Fittigen des Traumes die Liebe von ihrem Himmel hernieder und belebt Luitgardens Herz aus ihrem Sphärenwunderborn von Seligkeiten, damit es endlich verstehe, wie peinlich es mich quält durch seine kindergläubige Unbefangenheit.«

Und er huschte zu der Schlafenden hin, ließ sich auf die Knie nieder und lispelte:

»O Luitgarde, Kind, Du mein Hort, mein Engel, Du Lichtquell meiner Seele, thue auf die Pforten Deines Herzens; - die Liebe wartet; - o laß sie ein!«

Die Matrone zog in sanft fort.

»Sie ist ja fast noch ein Kind. Gedulde Dich, Botho! Die Liebe ist wie ein Hauch, der plötzlich kommt, ohne daß man seinen Ursprung kennt oder sieht.«

»Möchte sie denn bald kommen! Mein Herz verzehrt sich in Sehnsucht.«

Er ging, in träumerischen Gedanken verloren, in die kleine Kapelle, welche nur wenige Schritte vom Altan entfernt war. Dort hielt er sich am liebsten auf. - In dem herrlichen Italien, wohin er vor zwei Jahren gereist, um im Auftrag seines Vaters, Nickel Winß, des reichsten Kaufherrn Berlins in damaliger Zeit, commercielle Verbindungen mit dem weltberühmten venetianischen, florentinern und pisanern Großhandlungshäusern anzuknüpfen, hatte er sein musikalisches Talent zur Meisterschaft ausgebildet. Insbesondere im Orgelspiel hatte er es zu hinreißender Kunstfertigkeit gebracht. Er spielte nicht nur die herrliche italienische Kirchenmusik, sondern auch die wunderlieblichen Weisen, mit denen Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach, Frauenlob und andere Minnesänger den Sangesschatz des Deutschen Volkes bereichert haben. Oft genug hatten seine italienischen Freunde verwundert und entzückt zugleich seinem Spiel gelauscht, wenn er dem zwar großartigen, aber für liebliche Melodien spröden Instrumente ein köstliches Heimathslied nach dem anderen abrang, und überall in den kunstliebenden Städten Welschlands war man gern bereit, den deutschen Meister in jeder denkbaren Weise zu unterstützen. Ungern trennte sich deshalb Botho Winß, als seine commercielle Mission beendet war, von den Stätten, an denen Künste und Wissenschaften eifrig gepflegt wurden; denn in den wüsten Gauen der Mark Brandenburg mit ihrer rauhen Natur, den harten, für


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Einflüsse der Kunst wenig zugänglichen Bewohnern, die überdies in ewiger Fehde mit den wilden, raublustigen Rittern lagen, hatte er keine Förderung und Anerkennung seiner Neigung zur Musik zu erwarten; ja er hatte gute Gründe anzunehmen, daß man ihm das Spiel nichtkirchlicher Musik im Gotteshause als eine Entweihung der heiligen Stätte verwehren würde. Ueberaus freudig war er deshalb überrascht, als er nach glücklicher Heimkehr erfuhr, daß ihm eine Orgel zur unbeschränkten Verfügung stehe. Dieses Glück hatte er folgender Schicksalsfügung zu verdanken.

Vor anderthalb Jahrzehnten etwa hatte Nickel Winß dem Ritter Udo von Bissungen ein Darlehn von tausend Dukaten gegeben. Udo von Bissungen war ein Freund und Waffengenosse Dietrichs von Quitzow, des mächtigen Landeshauptmanns der Mark Brandenburg, welcher auf seinen Burgen Plauen und Bontzow mit fürstlichem Glanze Hof hielt. Bissungen war sein treuer Gefährte im Krieg wie im Frieden, weshalb er seinem eigenen Besitzthum keine Sorgfalt widmete. Bissungen war ein kleines, festes Schloß einige Meilen westwärts von Berlin in anmuthiger Havelgegend. Es gehörte ein elendes Dorf und ein kleiner Complex von Saatfeld und Wald dazu, Alles im hohen Grade vernachlässigt. Auch die Umwallung der Burg, die Mauern, Gräben und Brücken trugen deutliche Spuren des Verfalls an sich. Ritter Udo kümmerte sich eben um sein Heimwesen nicht. Seit dem Tode seiner Gattin, die ihm einen Sohn, Lebrecht, geschenkt, hielt er sich beständig bei den Quitzows auf und kam in jedem Jahre nur auf einige Tage nach Bissungen, um den Zehent von seinen Bauern in Empfang zu nehmen.

Im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts geriethen die Brüder Dietrich und Hans von Quitzow in Streit mit dem mächtigen Grafen von Lindow, und Ritter Udo nahm selbstverständlich für sie die Partei. Doch bekam allen Dreien die Fehde übel. Die Quitzows wurden aus allen ihren Besitzungen vertrieben, und Udo von Bissungen blieb todt auf dem Schlachtfelde, seinen Waffengefährten als theures Vermächniß seinen zwölfjährigen Sohn hinterlassend. Nun erhob Nickel Winß Ansprüche auf Bissungen, während Dietrich von Quitzow dasselbe für seinen Mündel, der als »Bube« (Page) in seinen Diensten stand, reclamirte. Der Kaufherr wandte sich an das Kammergericht in Wetzlar und erwirkte nach langjährigem Prozesse das Verdict: »Schloß Bissungen gehöre so lange dem Berliner Kaufherrn Nickel Winß und dessen Erben, bis Lebrecht von Bissungen das seinem Vater gegebene Dahrlehn sammt den aufgelaufenen Zinsen bei Heller und Pfennig bezahlt habe.«

Dietrich von Quitzow fügte sich knirschend diesem Urtheilsspruche. Er durfte nicht wagen, sich gegen denselben aufzulehnen; es stand ja um seine eigenen Angelegenheiten schlimm genug. Er hatte sich an den Kaiser Sigismund gewandt, damit dieser durch einen Machtspruch den Grafen Lindow veranlasse, den Quitzows ihre Besitzungen zurück zu geben. In der kräftigsten aufopferndsten Weise unterstützte sein Gesuch der Probst des Berliner Domklosters, Jentenimi, und dessen Bemühungen hauptsächlich hatten die Quitzows es zu verdanken, daß ihr Anliegen nicht abschlägig beschieden ward. Den wilden übermüthigen Rittern würde der Kaiser vielleicht seine Gnade verweigert haben; dem hochwürdigen Herrn dagegen wagte er, der einen sehr frommen Sinn besaß, keinen zurückweisenden Bescheid zu ertheilen. Die Quitzows mußten geloben, künftig den Landfrieden zu halten und erhielten dann ihre Burgen und Güter zurück.

Ritter Dietrich, dessen ungestümen Trotz das Unglück nicht hatte brechen können, verhielt sich wirklich einige Jahre hindurch ruhig. Wer ihn genauer kannte, wußte indeß, daß seine Unthätigkeit nur durch die eiserne Nothwendigkeit bedingt ward. Er mußte frische Kräfte sammeln, seine Burgen ausbessern, Söldner anwerben und sonstige Vorbereitungen treffen, ehe er daran denken konnte, das alte Raubritterleben wieder zu beginnen. Und dazu war er fest entschlossen. In seinem Innern wühlte und kochte der bitterste Groll, und vornämlich dem kühnen Kaufherrn, der gewagt hatte, sein Recht gegen Einen vom Adel geltend zu machen, hatte er Rache geschworen. Vorläufig jedoch ließ er auch diesen in Ruh, denn hätte er gegen ihn einen Gewaltstreich ausgeführt, dann würde er das allgemeine Mißtrauen vorzeitig gegen sich erweckt haben, und die Verwirklichung seiner Rachegelüste wäre durchkreuzt geworden.

Nickel Winß erfreute sich deshalb für’s Erste des ungestörten Besitzes der Burg Bissungen, wo er schon im Sommer 1410 einige Zeit zur Erholung von den Anstrengungen des Geschäftslebens zugebracht hatte.

Als Botho, hart mitgenommen von den Mühseligkeiten der weiten, damals ebenso strapaziösen wie gefährlichen Reise, in das Vaterhaus zurückgekehrt war, glaubte Winß, daß der Sohn sich in der ungestörten Einsamkeit des Landlebens schneller und besser erholen werde, als in der dumpfen Stadt, und Botho willigte um so lieber darein, einen zeitweiligen Aufenthalt auf Schloß Bissungen zu nehmen, als ihm dort sein Lieblingsinstrument zur unbeschränkten Benutzung überlassen war.

Noch einen andern, nicht minder gewichtigen Grund, der beistimmend auf Bothos Entschluß einwirkte, gab es. Auch sein Bäschen, Luitgarde, sollte nämlich einige Zeit auf der Burg verweilen.

Luitgarde war die Tochter des Berliner Bürgermeister Jakob Heidicke, aus dessen erster Ehe mit Ursula Walke, der Schwester der Gattin des Kaufherrn Winß, Mechthilde. Sie hatte schon vor Jahren ihre Mutter verloren, diesen Verlust jedoch weniger hart empfinden gelernt, weil sowohl Frau Mechthilde, wie die zweite Gattin Heidickes, die schöne, noch jugendliche, sanfte und herzensgute Frau Dorothea ihr mit wahrhaft mütterlicher Zärtlichkeit zugethan waren.

Luitgarde zeichnete sich schon als Kind durch bezaubernden Liebreiz aus, sodaß ihr Vetter Botho, der fast um zehn Jahr älter war als sie, schon bei dem Antritt seiner großen Reise ihr Bild in seinem Herzen zu sich nahm. Der zahlreichen Verlockungen, welchen der Sohn des reichen Kaufherrn, der überdies durch körperliche Schönheit und Kraft wie durch geistige Begabung und namentlich durch seine Kunst weit über die meisten seiner Altersgenossen hervorragte, Seitens der holden Damen Italiens ausgesetzt war, hatte er tapferen Widerstand geleistet. Das Bild eines allerliebsten Blondköpfchens schwebte jedesmal vor seinem inneren Auge, sobald eine der verführerischen, schwarzlockigen Sirenen, einen schillernden Schmetterlinge ähnlich, vor seinem Angesichte umhergaukelte. Da konnte er es denn nicht unterlassen, Vergleiche anzustellen, und diese fielen niemals zu Ungunsten des kleinen, halbflüggen Mägdleins in der sandigen Mark aus.

Reich, überreich sollte er für seine Treue belohnt werden. Denn als er nun heimgekehrt war, da fand er, daß aus dem anmuthigen Kinde eine Jungfrau erblüht war, so hold, sittsam, heilig-keusch, daß man sich versucht fühlte, zu glauben, das reizende Märchen von den lieben Engelein im


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Paradiese sei lautere Wahrheit und der Himmel habe, um die Menschheit davon zu überzeugen, eines dieser gesegneten Wesen Fleisch und Blut werden lassen.

Luitgarde brachte dem wiedergekehrten Vetter und Spielkameraden herzliche Freundlichkeit entgegen; doch schien sie nur jene Art von Zuneigung zu ihm zu empfinden, wie eine Schwester sie dem Bruder weiht. Und zurückhaltend wie in der Stunde des Wiedersehens war sie fortan geblieben, - - zu seinem tiefinnersten Herzeleid. Wie hatte seine Seele dem Momente entgegen gejauchzt, wo er seine himmlische Wunderblume wiedersehen werde; wie hatte er danach gelechzt, sein schmachtendes Herz sich satt schweigen zu lassen aus dem unerschöpflichen, erquickenden, beseligenden Born ihrer Liebe! Und wie bitter wurde er nun enttäuscht! Es war offenbar, daß sie ihn nicht liebte. Sie trat ihm mit kindlicher Unbefangenheit entgegen, lächelte beglückt, so oft er in das Haus ihrer Eltern kam, - und das geschah nicht selten; - aber »das war die rechte Liebe nicht,« die einzige, welche seinen kranken Herzen Genesung und überirdische Wonne bringen konnte. Mehr denn einmal hatte er seiner leidenschaftlichen Empfindung Ausdruck verliehen, ohne damit etwas Anderes zu erreichen, als daß Luitgarde ihn mit den großen, lieben Kinderaugen verwundert anschaute und sich besorgt erkundigte, ob ihm irgend eine Unbill zugefügt worden sei.

Auch die frohen Hoffnungen, welche Botho von dem Landaufenthalte gehegt hatte, erfüllten sich nicht. Er hatte gewähnt, daß das engere und ungebundenere Zusammenleben, das Umherschweifen in Feld und Wald seiner Lieber förderlich sein würden. Doch verwirklichte diese Annahme sich nicht. Luitgarde die zum ersten Mal in ihrem jungen Leben längere Zeit aus der dumpfen, geräuschvollen Stadt entfernt blieb, war entzückt vom Landleben und zeigte ein erstaunliches Verständniß und Empfängniß für das Walten der Natur, bewies auch ihrem Vetter, der sie in viele Geheimnisse der Schöpfung einweihte, ihre Dankbarkeit durch unzweideutige Kundgebung ihrer Zuneigung; jedoch - die rechte Liebe war es nicht.

Tage, Wochen vergingen, und Bothos Leid hatte einen Charakter angenommen, welcher dem Zustand der Verzweiflung nahe kam! Wohl suchten die Eltern, welche eine Vereinigung des Sohnes mit Luitgarde sehnlichst wünschen, ihn zu beruhigen, indem sie ihm vorstellten, daß Luitgarde fast noch ein Kind sei; aber es war ein gar schlechter Trost für sein ungestümes Herz, mit der ungewissen Hoffnung, daß auch in Luitgardens Gemüth die Wunderblume »Liebe« über kurz oder lang erblühen werde, sich zufrieden geben zu sollen. Hätte denn seine heiße Minne sie nicht längst zum Entfalten bringen müssen, wenn der Keim zu ihr in Luitgardens Busen vorhanden gewesen wäre? Freilich läßt die zarteste Empfindung des Menschenherzens sich nicht herbeicommandiren, und Frau Mechthilde hatte wohl Recht, wenn sie meinte, die Liebe sei wie ein Hauch, sie sei urplötzlich da, ohne daß man wüßte, woher sie käme und durch welches Wunder sie hervorgezaubert sei; aber ach! es war eine grausame, harte Prüfung, mit dem übervollen Herzen geduldig harren zu sollen, ob die gütige Vorsehung auch Luitgardens Herz mit der unvergleichlich schönen Gabe des Menschendaseins begnaden werde.

Traurig saß Botho, in diese Gedanken vertieft, eine Weile vor der Orgel. Er hätte nicht sagen können, welche Macht ihn gerade heute zu dem geliebten Instrumente hingedrängt habe. Sein Kummer war so mächtig, jede andere Empfindung und Neigung beherrschend, daß er seit seiner Ankunft in Bissungen noch nicht ein einziges Mal die Tasten berührt hatte. Heute jedoch trieb ihn ein seltsamer Drang, dem er nicht widerstehen konnte noch mochte, zu der Orgel hin, zur nicht geringsten Freude seines Dieners und Schülers Giambattista Marsano, den er aus dem herrlichen Florenz nach dem kalten Norden mit sich genommen hatte. Giambattista war ein enthusiastischer Verehrer des Orgelspiels und seines Meisters, weshalb ihm Bothos Kummer aufrichtige Betrübniß eingeflößt hatte. Um so freudiger war er überrascht, als er den Meister heute zur Orgel schreiten sah. Hurtig huschte er auf das Pedal und trat den Balg, kaum daß Bothos Hand die Tasten berührt hatte. Planlos glitten die Finger des Künstlers hin und her, doch bald fügten sich die wirren Töne des Chaos zu einem harmonischen Ganzen.

Der müde Tag rüstet sich zum Schlummer. Balsam athmet die herangrauende Dämmerung. Tiefere Bläue umschattet den Himmelsdom, von dessen weltenweiter, weltenhoher Sternenkuppel des höchsten Wesens allumspannender Blick der Schöpfung wunderbares Getriebe prüfend überschaut.

In die feierliche Stille der Dämmerung hinein rauschen, durch Bothos Meisterhand hervorgezaubert, die Töne der Orgel. Leise, wie von wehmuthsvoller Entsagung durchbebt, beginnen sie, schwellen zu mächtigen Akkorden an, schmelzen zum fast dahingleitenden Melodienquell, schmeicheln sich kosend in Ohr und Herz und machten jeden Nerv des Gemüths vor unnennbarster Wonne erzittern. Es ist ein wunderbares Klingen und Singen, ein Jauchzen zum Himmel empor, der Schwanen-, der Auferstehungsgesang einer sterbenden, sich neu belebenden Seele, ein überschäumender Schöpfungsdrang, ein Zerfließen in ergebungsvolle Resignation.

Luitgardens Augen haben sich erschlossen; - eine Minute bleibt sie regungslos, befangen, entlebt von dem unsagbar süßesten Zauber; dann richtet sie sich langsam empor; die Hände falten sich wie zum Gebet; die Augen, welche unverwandt einwärts blicken, füllen sich mit Thränen - -

Da werden die himmelstürmenden Melodieen sanfter und sanfter; aus den kunstvollen Passagen löst sich eine einzige einfache und doch ach! so unnennbar rührende Weise los; eine volle schöne Männerstimme verschmilzt sich mit den Tönen der Orgel zu einem Melodienstrom, und in die azurblaue Dämmerung hinaus ergießt sich eines von den seelenfrommen, unendlich tiefen, unendlich weihevollen Liedern Walthers von der Vogelweide.

Luitgarde vermag nicht länger an sich zu halten; - sie springt auf, - sie sinkt in die Knie, - sie streckt die Arme nach der Thür.

»Botho, Botho,« ruft sie, und ihre Seele schwebt mit dem Worte hinein in des Sängers Ohr, in sein Herz.

Er bricht ab; - schon ist er an der Thür; - er sieht sie an, ungewiß, zwischen Furcht und Hoffnung schwankend; - seine Arme zittern; seine Augen leuchten.

Dann liegen Beide sich in den Armen und halten sich umschlungen, fest, innig, wortlos. Und sie blickt in seine strahlenden Augen, schmiegt das reizende Köpfchen an seine Brust und flüstert, jubelt, lacht und weint:

»Ich liebe, Botho, - ich liebe Dich!«


// 21 //

Ja, die Liebe ist wie ein Hauch. - Glücklich der, zu dem sie kommt; selig der, den sie nie mehr verläßt.

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