Zeit und Ewigkeit
 

Es ist gut, wenn wir uns zur Jahreswende bewusst machen: Unsere Zeit ist vergänglich. Für nicht wenige ist die Vergänglichkeit ein existenzielles Problem: Die schönen Augenblicke des Lebens – schnell sind sie vergangen! Für den Psychiater und Philosophen Viktor Frankl (1905–1997) allerdings ist die Vergänglichkeit kein Problem. Er trauert der Vergangenheit nicht nach, im Gegenteil, er denkt mit größter Zuversicht an das Vergangene.
     Frankls Gedankengang (in Der Wille zum Sinn) klingt fürs erste paradox. Für den Wiener Psychiater nämlich ist die Vergangenheit »die eigentliche Wirklichkeit«! Denn in der Vergangenheit ist alles, was ich in meinem Leben verwirklicht habe, für immer aufgehoben. Vergänglich sind eigentlich nur die Möglichkeiten, die Gelegenheiten, die wir zum Schaffen von etwas Gutem und zum Erleben von etwas Schönem haben. Sobald wir diese Möglichkeiten verwirklichen, sind sie nicht mehr vergänglich. Denn gerade in ihrem ›Vergangensein‹ sind sie aufbewahrt; und nichts kann mehr das, was einmal geschehen ist, aus der Welt schaffen. Einmal vergangen, ist es geschehen – ein für allemal und »für alle Ewigkeit«.
Daraus folgt ein ungeheurer Optimismus bezüglich der Vergangenheit. Frankl schrieb: »Der Pessimist gleicht einem Manne, der vor einem Wandkalender steht und wehmütig zusieht, wie dieser Kalender (von dem er täglich ein Blatt abreißt) immer schmächtiger wird. Der Optimist hingegen gleicht einem, der das Kalenderblatt, das er jeweils entfernt, fein säuberlich auf die bisher abgenommenen Blätter legt, sich auf der Rückseite Notizen darüber macht, was er an diesem Tag getan oder erlebt hat, und nicht ohne Stolz auf die Gesamtheit dessen zurückblickt, was da alles in diesen Blättern festgelegt – und was alles in diesem Leben ›festgelebt‹ ist.«
     Einer Patientin, die ihren geliebten Partner nach einem einzigen Jahr glücklicher Ehe verloren hatte, gab Frankl zu bedenken: »Sie haben immerhin dieses eine Jahr des reinen Glücks hineingerettet ins Vergangensein, wo es geborgen ist für alle Zeit und in alle Ewigkeit.«
     Nach dieser Auffassung also hat die Vergangenheit Ewigkeitscharakter. Alles, was der Mensch aus dem Zustand der bloßen Möglichkeit in den Zustand der Wirklichkeit überführt, wird der Vergangenheit anheimgegeben und in ihr verewigt. Für diese Verewigung muss der Mensch nicht sorgen. Er muss nur das Mögliche realisieren. Entscheidend ist dabei, was der Mensch verwirklicht und somit dem Prozess der Verewigung anheimgibt. Denn gerade angesichts der ewigen Aufbewahrtheit des Seins in der Vergangenheit wird nun alles darauf ankommen, was wir in der Gegenwart – im Augenblick, im Hier und Jetzt – in das Vergangensein hineinschaffen.
     In der Gegenwart, heute also entscheiden wir, was Einlass findet in die Ewigkeit. In jedem Augenblick fällt die Entscheidung, welche Möglichkeiten des Seins (als von uns verwirklichte) verewigt werden.
Daraus ergibt sich, dass wir den Begriff des ›Zeitgewinns‹ neu verstehen müssen. Zeitgewinn im herkömmlichen Sinn ist ein Hinausschieben in die Zukunft. Zeitgewinn im eigentlichen Sinn ist es aber, wenn wir unsere Lebenschancen nicht hinausschieben, sondern gerade umgekehrt in die Vergangenheit hineinretten.
Was aber ist der Mensch, wenn er gestorben ist? Im Tode ist das Leben vollendet und in diesem Sinne perfekt. Wenn der Mensch gestorben ist, dann erst hat er – so Frankl – sein ›Selbst‹ erschaffen. Erst im Tode, wenn alles ›Werden‹ zu einem Ende gekommen ist, ist der Mensch eigentlich. Unser Leben ist die Gesamtheit der Taten und Erlebnisse, die nun für immer in der Vergangenheit aufgehoben sind. Im Tode ist der Mensch ganz er selbst geworden. Er ist nunmehr sein Leben; er ist seine eigene Geschichte, sowohl die ihm geschehene als auch die von ihm geschaffene. Und so ist er auch sein eigener Himmel und seine eigene Hölle, je nachdem.
     Entscheidend ist für Frankl, dass wir ein neues Verhältnis zur Zeit gewinnen und so auch ein neues Verhältnis zum Tod als dem Ende des zeitlichen Lebens. Die meisten Menschen sehen immer nur das »Stoppelfeld der Vergänglichkeit«, nicht aber die »Scheunen der Vergangenheit«. Im Bild gesprochen: Während die Dreschmaschine übers Feld rollt, sieht der durchschnittliche Mensch nur das sich vergrößernde Stoppelfeld, nicht aber die sich mehrende Menge des Korns im Innern der Dreschmaschine. So ist der Mensch geneigt, an den vergangenen Dingen nur zu sehen, dass sie nicht mehr da sind. Aber er sieht nicht, in welche Speicher sie kommen.
     Was ist von dieser Sichtweise zu halten? Als Christ stimme ich Frankl in wesentlichen Punkten zu. Aber ich sehe in Frankls Konzept auch einige Mängel. Zum einen: Frankl vermeidet bewusst das Wort ›Gott‹. Denn er will mit seinem Konzept auch nicht-religiöse Menschen erreichen. Ich bin mir aber sicher: An die Verewigung meines Lebens in den »Scheunen der Vergangenheit« kann ich nur glauben, wenn ich – wie beispielsweise Karl May – an eine göttliche Liebe glaube, die mich nicht vergisst, die mich, wenn ich gestorben bin, findet und für immer aufhebt.
     Im Roman Am Jenseits (1899) entwickelt May eine Lebens- und Sterbensphilosophie, die mit der Auffassung Frankls im Prinzip übereinstimmt. May freilich bekennt sich ausdrücklich zum Glauben an einen persönlichen Gott, in dessen Gedächtnis die Lebensgeschichte jedes einzelnen Menschen gespeichert bleibt. Was aber geschieht, wenn ich meine Vergangenheit vorrangig negativ erlebe: als schuldbeladen, als missglückt? Wird das Leben dann zur Hölle? Zwar hat Frankl Recht, wenn er – wie May – die Verantwortlichkeit des Menschen fürs eigene Leben betont. Aber aus christlicher Sicht dürfen wir sagen: Unsere Vergangenheit ist nicht einfach festgelegt. Ich kann, in einem Akt der Reue, zu meiner Vergangenheit noch einmal Stellung nehmen. Und ich darf darauf vertrauen, dass Gott mich selbst und meine ganze Vergangenheit verwandeln wird: in eine Ewigkeit, die letztlich nicht mein Werk ist, sondern das Geschenk der göttlichen Gnade. In dieser Zuversicht können wir getrost das alte Jahr verabschieden und das neue Jahr beginnen.

Dr. Hermann Wohlgschaft


 
Maler: Torsten Hermann, Dresden


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