Die Grenze des moralisch Erlaubten überschritten

   
Der Theaterkritiker Alfred Polgar schrieb einst über die ungarischen Bühnenschriftsteller:

"Ihre Rohheit ist Hyperämerie wie unsere Feinheit Blutarmut. Sie schreiben Theater, nicht fürs Theater. Sie werben sozusagen mit allen Finessen der Brutalität um die Bühne, und diese, zweifelhaftes Frauenzimmer, das sie nun einmal ist, ergibt sich ihnen und nicht den Schwächlichen, Zarten."

Diese Sätze Polgers fielen mir ein, als ich das Schauspielhaus in Dortmund besuchte. Eine Verrohung deutscher Theaterkultur ist die dortige Inszenierung "Tumult auf Villa Shatterhand" über den Dichter Karl May. Der Jungautor Daniel Call glaubt, sich profilieren zu können, indem er einen Menschen mit Schmutz bewirft und lächerlich macht, der sich nicht mehr wehren kann. Wie kann also von einer "fulminanten Komödie" die Rede sein, wie in der WAZ-Beilage "Theater" (20.1.1998) zu lesen? May wird dort als "verwirrter Meister" bezeichnet, der den jungen Kunstmaler Adolf Hitler als nicht geladenen Gast empfängt. Natürlich entspricht dies nicht der Realität. Aber manch unkundiger Theaterbesucher – auch Reporter – glaubt diesen Unsinn, er grübelt allenfalls über die wenig geistreichen Dialoge, die eigentlich komödiantisch sein sollten.

May, kriechend im Kara-Ben-Nemsi-Kostüm, ruft Hitler zu:

"Sie sind eine Rothaut!"

"Nein, ich bin keine Rothaut; ich bin Kunstmaler!"

"Sie sind eine Rothaut! Sie sind Inn-nu-woh. Oder ein Ogellalla-Indianer oder ein Schwarzfuß Indianer oder gar ein Schweißfuß Indianer!"

Mehr Eindruck macht Hitler auf Mays zweite Frau Klara: Es kommt zum Geschlechtsverkehr zwischen beiden unter einem verhüllten Tisch im Sascha-Schneider-Zimmer. Zuvor hatten die Zuschauer Gelegenheit, Klara beim Liebesspiel mit Emma zu beobachten – heiße Küsse auf den Unterleib. Wenig appetitlich, zumal Emma nachfolgend bekennt, daß es übel riecht. Sie kann ihre Darmwinde nicht halten und "pupst" in einem fort. Über ihren geschiedenen Mann lästert sie:

"Was ist der Unterschied zwischen Karl May und einem Arschloch?
Ein Arschloch sondert nicht nur Scheiße ab, es läßt auch einen fliegen!"

Emma ist im Bühnenstück im krassen Gegensatz zur Realität Alkoholikerin. Sagt sie einmal nicht etwas Ungehöriges, läßt der Autor sie rülpsen. Und stets ist Hitler präsent: "Ich möchte Karl May sein" Solche Äußerungen sind äußerst befremdlich. Ist von Mays Edelmensch die Rede, muß der unkundige Zuschauer glauben, mit arischem Gedankengut konfrontiert zu sein. Sinnvoll wäre hier ein Hinweis auf Mays besten Freund Richard Plöhn gewesen, der jüdischen Glaubens war. Ich wartete vergebens.

May hatte eine Woche vor seinem Tod (März 1912) in Wien vor über 2000 Anwesenden eine bewegende Friedensrede gehalten. Antisemitismus und Kriegsverherrlichung lagen dem Dichter völlig fern – er sprach als wahrer Pazifist. Bertha von Suttner, Friedensnobelpreisträgerin (Die Waffen nieder!), schrieb hierüber:

"Wer den schönen alten Mann … sprechen gehört, durch ganze zwei Stunden, weihevoll, begeisterungsvoll, in die höchsten Regionen des Gedankens strebend – der mußte das Gefühl gehabt haben: In dieser Seele lodert das Feuer der Güte."

Auf solche Zitate wartet man ebenso vergebens. Zwar läßt der Bühnenautor Bertha von Suttner in einem Zwiegespräch mit May auftreten. Aber nicht mit Originalzitaten. Statt dessen sagt die Österreicherin:

"Es ist mir eine Notdurft, Sie für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen!"

Der Bühnenautor schreckt in seiner Profilierungssucht vor nichts zurück: Was Komödie sein soll, ist billiger Klamauk und ehrabschneidend in hohem Maße. Laut Call erscheint 1928 Hitler bei Klara May; er hat ein Porträtbild von ihr gemalt. Nach diesem Liebesbeweis trägt der Führer seine Angebetete auf Händen durch die Villa "Shatterhand."

Diese ruft ihm zu: "Wir machen hier ein schönes Karl-May-Museum."

Hitler sinngemäß zu Klara:

"Ich schätze die Werke ihres Mannes, aber es fehlen mitunter die nötigen Konturen. Sie sollten da nachbessern."

"Aber mein Mann hat niemals die geringste Änderung gestattet!"

"Sie sind doch die Seele ihres Mannes."

Der Bühnenautor scheint von Hitlers Demagogie gelernt zu haben. Zunächst erfährt der Zuschauer, daß Mays Texte nach seinem Tode bearbeitet worden sind. Sollte also etwas Völkerfeindliches darin enthalten sein, stammt es nicht von May, sondern von Klara, was freilich ebensowenig der Realität entspricht. Da aber Klara laut Daniel Call für die Textänderungen verantwortlich sein soll und die "Seele ihres Mannes" ist, mögen die Änderungen zwar von Klara sein, aber sie gibt ja als "Seele" ihres Mannes nur dessen Gedankengut wieder – folglich ist May doch Antisemit.

In einer Vision erscheint obendrein im ersten Akt Rudolf Lebius und konfrontiert May mit seinen Straftaten. Bühnentechnisch wurde dieses Szenario glänzend dargestellt – die Schauspieler brillierten. Aber der Zuschauer fand hier keine Aufklärung über Mays Jugendsünden. Im Gegenteil: Es wurde vielmehr dazu gedichtet. Der Bühnen-May outet sich schließlich als geborener Verbrecher:

"Ich gehe jetzt nach Spanien zum Rinaldo Rinaldini. Dort werde ich Räuberkapitän … Mit dem Zusammengeraubten beschenke ich meine Eltern."

Hier wird der romantische Traum eines Knaben vom "edlen Räuber, der Helfer aus der Not", wie es May in "Mein Leben und Streben" schildert, fälschlich kriminalisiert. Bei der Aufführung stellte ich mir mehrmals die Frage: Was wäre gewesen, wenn dieses Stück in den USA aufgeführt worden wäre mit Mark Twain als Gegenstand des Stückes. Hätte man dort den Autor des "Huckleberry Finn" ebenso mit Dreck besudelt wie bei uns Karl May, der Bühnenautor Call wäre vielleicht von aufgebrachten Zuschauern gezüchtigt worden. In Deutschland ist im modernen Theater freilich alles möglich: Im Dortmunder Schauspielhaus wird May in einer homoerotischen Szene als Mensch ungestraft abqualifiziert, indem er als Old Shatterhand seinen Winnetou unter dem Motto "Der goldene Schuß aus der Silberbüchse" heiß und innig küßt. Arno Schmidt läßt grüßen! Dabei dürfte längst bekannt sein, daß seine These um Mays angebliche Homosexualität wissenschaftlich zweifelsfrei widerlegt worden ist.

Aber nicht nur Mays Ruf leidet in diesem Stück. Der Zuschauer lernt die Radebeuler Lebensart kennen, die soviel beinhaltet: "Wir sind einfache Radebeulers." Als solche darf man ungepflegt – zerlumpt und ungewaschen – erscheinen, eine deftige, ordinäre Sprache zum Besten geben, und überhaupt: da wo man kann, sich völlig ungesittet verhalten.

Ist es dem Autor Daniel Call entgangen, daß Radebeul eine vornehme Villengegend ist? Wohl kaum: Offensichtlich ist ihm jedes Mittel Recht, in seinem Stück burleske Akzente zu setzen. Doch muß man schon sehr einfältig sein, um an dieser Art von Humor – von Kunst kann nicht die Rede sein – gefallen zu finden.

Der Ruf Karl Mays hat durch dieses Stück gelitten. Der Zuschauer weiß nicht, was Dichtung, was Wahrheit ist. Nicht jeder erwirbt das vergleichsweise gut gemachte Programmheft des Dortmunder Schauspielhauses (leider auch nicht völlig frei von Irrtümern), in dem objektiver über den Dichter berichtet wird. Vielmehr droht das Erlebte im Theaterraum als Tatsache weiter fort zu leben: Ich hörte eine ältere Dame sagen:

"Und trotzdem haben wir gerne Karl May gelesen!"

Sie braucht sich dessen nicht zu schämen und sollte die echte Villa "Shatterhand." in Radebeul bei Dresden besuchen, um dann zu erfahren, wie May als Mensch wirklich war. Das Karl-May-Museum findet in jüngster Zeit auch in den USA zunehmend positive Beachtung, und dort besitzt man ganz empfindliche Fühler für das, was antisemitisch ist oder nicht.

Ralf Harder
  


Förderverein Karl-May-Museum