Kulinarische Weihnachtsreise durchs Indianerland
Shatterhand wünscht Maiskörner groß wie Kürbisse

Weihnacht! Welch ein liebes, liebes, inhaltsreiches Wort! lautet der Anfang Mays Reiseerzählung "Weihnacht!" (Band 24, KMV). Der Band entstand im Herbst 1897 vorwiegend in "E. Herzigs Restaurant und Logierhäuser" (heute: "Srdičko", d.h. "Herzchen") im böhmischen Birnai (Brná) an der Elbe nahe Aussig (Usti nad Labem). Der Volksschriftsteller hatte ein inniges, religiös begründetes Verhältnis zu dieser alljährlich wiederkehrenden Zeit allgemeiner Festlichkeit, der Familienfreude und der strahlenden Kinderaugen. Dabei verbinden sich bei ihm persönlich eine Reihe unangenehmer Erinnerungen an dieses Fest der Feste, wie die Karl-May-Freunde wissen (1859 angeblicher Kerzendiebstahl, 1861 vermeintlicher Uhrendiebstahl).

Der Freundes- und Förderkreis des Karl-May-Museums Radebeul versucht daher, seine jährliche Weihnachtsfeier unter einem Motto zu gestalten, welches eng Bezug zu Karl May hat, dabei im Wechsel die "Villa Bärenfett" oder eine geeignete Taberne in der engeren Umgebung nutzend. So war eine Weihnachtsfeier in Moritzburg dem drolligen Westläufer Hobble-Frank, ehemaligen Forstgehilfen aus Moritzburg gewidmet und die Feier im "von Quitzow-Gewölbe" des Karl-May-Museums erinnerte an den schwarzen Dietrich", den Raubritter Dietrich von Quitzow aus Der beiden Quitzows letzte Fahrten (heute "Ritter und Rebellen", Band 69, KMV) und "Fürst und Junker" (jetzt als 3 Sonderbände, KMV). Das Weihnachtsfest im Jahre 2000 führte in das Wirtshaus "Brummtopf" in Radebeul, benannt nach einem einfachen, mittelalterlichen Musikinstrument, welches auch dort vorhanden ist und gespielt werden kann. Dabei wurde nicht nur auf "Karl May und die Musik" (Großband, KMV), sondern auch auf das Kapitel "Winnetou in Dresden" (Satan und Ischariot, Teil II, Band 21, Kapitel 8, KMV) Bezug genommen. Das sensationelle Erscheinen Winnetous, der überraschende Besuch Mays Blutsbruder im Vereinszimmer des Gesangvereins von Mays Stammkneipe wurde von Freundeskreismitgliedern laienhaft "nachempfunden" – den Wirt spielte ... der Wirt!

Weihnachten 2001

Mit einer großen Überraschung warteten die Freundeskreismitglieder der Familie Gerhard (Gerry) Fischer aus Röderau, an der Spitze der Chief seiner erfolgreichen Indianistikgruppe "The Buffalos" (Die Büffel) mit Häuptlingsnamen Old Bull (Alter Büffelstier) samt Squaw und Tochter auf. In eigener Regie gestalteten sie sehr engagiert eine außerordentlich arbeitsaufwendige "Kulinarische Weihnachtsreise durch das Indianerland" durch ganz Nordamerika. Dazu bot sich die "Villa Bärenfett" mit der ständigen Ausstellung "Indianer Nordamerikas" und dem Squatterwigwam geradezu als Lokalität an. Was hat uns denn der Mayster über das Essen und Trinken in jenen Regionen Nordamerikas erzählt? Einiges, aber nicht allzuviel, denn das Feindbeschleichen und Kalumetrauchen stand doch eher im Vordergrund. Von den Westleuten erfahren wir, daß an der Lagerstelle bald ein Feuerchen brannte. "Nach kurzer Zeit verbreitete das Fleisch jenen feinen Duft umher, den es in keiner Küche, sondern nur am Lagerfeuer gibt. Es wurde gegessen, langsam und mit Genuß." Und dort, "wo mehrere Westmänner beisammen sitzen, ist auch ein guter Schluck in der Nähe und kommt ebenso sicher eine spannende Erzählung in Gang" (Der Ölprinz, Bd. 37 KMV und "Bei Mutter Thick", Old Surehand 2. Band, VNL). Und über die Eßgewohnheiten der Indianer wird berichtet, daß bei den Apatschen eine ausgehöhlte Kürbishälfte voll Wasser und eine tönerne Schüssel voll kräftiger, dicker Fleischbrühe mit Maismehl gereicht wurde. Das Maismehl bereiteten die Indianer, indem sie die Maiskörner mühsam zwischen Steinen zerstießen und zerrieben. Den Kiowas wünscht Old Shatterhand bei seiner großen Ansprache anläßlich des Friedenspfeiferauchens, daß die Körner ihres Maises groß wie Kürbisse und ihre Kürbisse so groß sein mögen, daß man aus der Schale eines einzigen zwanzig Kürbisse schneiden kann. Weiterhin stellt der Mayster fest, daß die Kiowas zu den Leuten gehören, die den Geschmack "hinten" haben, alldieweilen sie die geschenkten Zigarren kauten statt rauchten. Er schwur sich daraufhin, ihnen nie wieder etwas zu geben, was zum Rauchen und nicht zum Essen da ist. (Winnetou I, Bd. 7, KMV)

Was die drei Buffalos den Freundes- und Förderkreismitgliedern zur kulinarischen Weihnacht 2001 anboten, wurde ohne Ausnahme trotz des verschiedenen Geschmacks der Menschenkinder gegessen und getrunken, langsam und meist mit Genuß und gute Erzählungen kamen auch in Gang. Nicht so geruhsam allerdings für die Fischerfamilie im Gewand der Dakota und einige operative Helfer aus der Gästeschar, die nach einer reichlichen Woche umfangreicher Vorbereitungen alle Hände voll zu tun hatten, um all die indianischen Köstlichkeiten zu kochen, backen, braten, servieren, das Geschirr abzuwaschen und alle Darreichungen zu interpretieren, letzteres von Old Bull-Gerry. Es war für alle Mayfreunde nahezu unvorstellbar, wie so wenige Enthusiasten "Schlag auf Schlag" über den ganzen Abend für rund 60 Gäste 32 Spezialitäten zubereiten sollten, und dies wie am Fließband. Dabei ist das Karl-May-Museum nun nachgerade auch nicht auf "Großküche" eingestellt. Manch einer hat sich vorher gefragt "Oh Manitou, wie soll das klappen ?" - und es klappte bei Fischers alles, nicht nur die Deckel auf den Töpfen. Um mitreden zu können, was da geleistet wurde, muß man dabeigewesen sein.

Weihnachten 2001

Beantwortet wurde umfassend die Frage: Was essen denn die Indianer? Old Bull-Gery hat die Lebens- und Eßgewohnheiten in Nordamerika, speziell bei den Ureinwohnern, studiert. Dazu griff er auf entsprechende Literatur zurück und befragte ihm bekannte Ureinwohner. Sehr geschickt hat Old Bull dann seine Vortragskonzeption nach dem Prinzip der völkerkundlichen Karte in 11 Kulturen Nordamerikas gegliedert und Aussagen zur Geographie, Klima, Lebensgewohnheiten, Stämmen, Behausung, Nahrungserwerb, Transportmittel, Feuerentfachung, Eßgewohnheiten und andere markante Merkmale getroffen. Eine Fleißarbeit von 24 handgeschriebenen Vortragsseiten im Format A 4 machte den Mayfreunden die indianische Küche verständlich und nachvollziehbar – und half, Klischees zu überwinden. Nach jeder von Garry vorgestellten Kultur (leider fiel die Übertragungsanlage aus, so daß man ganz Ohr sein mußte – irgendetwas klappt eben doch schon mal nicht) wurden von den beiden Squaws und Helfern die entsprechenden Bissen sowie Trinks gereicht und von den Gästen einverleibt. Und mehr als gesättigt war am Ende doch ein jeder, was nach diesem Speisezettel auch nicht verwunderlich ist:

Weihnachtsfeier 2001

     

Kulturlandschaft

Speise- und Getränkeangebot

     

Arktis (Eskimo, Innit)

Herzhaftes Fladenbrot (Zwiebel)
Eiersalat (Fisch-Lachs-Shrimps/Krabben-Kräuter)
Erdbeertee

  

  

Subarktis (amerik.Taiga)

Honigfleisch
Wildreis

  

  

Östliches Waldland

Maisfladen
heißes Obst
Möhrenbrot

  

  

Südöstl. Waldland

Kürbiskuchen
Trockenkürbis
Birkensaft

 

  

Prärie (Langgrassteppe)

Jerky (Trockenfleisch)
Salbeibällchen
Kürbiskompott
     

Plains (Kurzgrassteppe)

Fleischtopf
Fladenbrot
Hagebutten-Wildbeermus

     

Plateau

Pemikan (Nierenfett mit zerstampften Trockenfleisch)
Kürbissuppe

     

Großes Becken (Wüste und Halbwüste)

Trockenobst
Nüsse
Eßkastaniensalat

     

Nordwestküste

Fischsuppe
Nußkekse
Cranberry (Moosbeere)-Kuchen

     

Kalifornien

Nüsse mit Honig
Früchtetee
Pistazienkerne

     

Südwesten

Drei-Sorten-Biskochitos (Kekse)
Paprikasuppe

       

In Ergänzung dessen ist für Karl-May-Freunde und solche, die es werden wollen und gern einmal aus "Eigenproduktion" zu Gast an fremden Feuern sein wollen das Karl-May-Kochbuch von Horst Scharfenberg aus dem Karl-May-Verlag Bamberg/Radebeul zu empfehlen. Das Buch wartet mit Rezepten aus dem Indianerland (an Lagerfeuern in Wigwams und Pueblos), aus dem Reiche der Kalifen (bei Türken, Kurden, Beduinen), aus dem fernen Orient (Südseeinseln und "Reich der Mitte") auf. Miuschyame, ma! - Kommt herbei, das Essen ist fertig! Welcher Ihrer Gäste würde dieser Aufforderung wohl nicht gern Folge leisten ?!

Text und Fotos: Manfred Gärtner
  


Förderverein Karl-May-Museum