Ralf Harder

Eine Ergänzung zum Hungersnottext

  
In den Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft 127/März 2001 äußerte sich Dr. Johannes Zeilinger in seinem Beitrag ›Ist das nicht Gleichnis? Nicht bildlich? Gewiß! über verschiedene Texte zu Mays Blindheit:

»Die von Harder und Mischnick also vorgeschlagene ophthalmologische Erkrankung - eine zwei-, drei- oder mehrjährige, durch Vitamin-A-Mangel bedingte Unfähigkeit, die Augen zu öffnen, bei gleichzeitiger Unversehrtheit der darunterliegenden Hornhaut - ist schlicht eine fiktionale Konstruktion, […]«[1]

Eine fiktionale Konstruktion ist Zeilingers Zitieren. Im ›Hungersnot‹-Text steht lediglich »ein langandauernder Augenlidverschluß« - es befindet sich dort keine genaue Zeitangabe. Niemand von uns hat die 1840er Jahre miterlebt. Es wäre vermessen, die Dauer von Mays Blindheit auf den Monat genau angeben zu wollen.

»[…] der Lidkrampf […], Wochen und Monate dauernd, mitunter auch gleiche Zeit über die Heilung der Hornhautkrankheit fortbestehend.«[2]

Der ›entzündliche Blepharospasmus‹ war laut Professor Oskar Eversbusch häufig und hartnäckig. Man kann jedoch davon ausgehen, daß eine derartige ›vorübergehende Erblindung‹ vermutlich nicht länger als ein Jahr dauerte. Selbstverständlich sind über den genannten Zeitraum hinaus Sehbehinderungen möglich, auch weitere Zeitabschnitte, in denen ein Öffnen der Augen nicht möglich war. Wer kann ausschließen, daß May nicht mehrmals an einem ›entzündlichen Blepharospasmus‹ litt? Er schrieb im Old Surehand: Ich war dreimal blind […][3]

Eine weitere fiktionale Konstruktion ist Zeilingers Bemerkung:

»Da May nach eigenen Angaben volle vier Jahre siechte und wir das Heilungsdatum mit dem Frühjahr 1846 ansetzen (Harder spricht hier von der Zeit August 1845 und Februar 1846), kommen wir, wenn wir von dem Heilungsdatum dann die vollen vier Jahre Siechtum subtrahieren, wieder zu einem Krankheitsbeginn kurz nach der Geburt Mays (Harder nun sogar in die Pränatalphase Mays).«[4]

In diesem Zusammenhang erwähnte ich die Rachitis (Vitamin-D-Mangel), die selten im ersten Lebensjahr auftritt. May schrieb: Ich lernte sehen und kehrte, auch im übrigen gesundend, heim.[5]  Das heißt: Er konnte zwar sehen, aber er war im übrigen nicht geheilt. Das Wort gesundend deutet den Heilungsprozeß einer weiteren Krankheit - höchst wahrscheinlich die Rachitis - an. Man lese hierzu folgende Textstelle aus Mays Selbstbiographie:

Wir wanderten mit der Großmutter und dem leeren Deckelkorbe vergnügt nach Hause. Das geschah in der Zeit, als ich nicht mehr blind war und schon laufen konnte.[6]

Hier klingt deutlich an: Karl May konnte erst spät laufen. Das ›Gesunden‹ begleitete ihn möglicherweise bis in das Jahr 1848 hinein:

»Obwohl er noch kaum gehen konnte und teilweise getragen werden mußte, durfte er die Schule des kleinen Städtchens besuchen.«[7]

Analog hierzu:

»May ist als Kind blind gewesen, ein schwacher, beinahe elender Knabe bis in das sechste Jahr.«[8]

Mit der Pränatalphase Mays, wie Zeilinger unterstellt, hat dies erkennbar nichts zu tun. Auch was die Ausführungen von William E. Thomas betreffen, läßt sich Zeilinger von falschen Vermutungen leiten:

»Ein noch wichtigerer Grund für diese Neuformulierung war mein Hinweis, daß ein Kind, das blind geboren wird oder kurz nach der Geburt erblindet, selbst bei einer späteren Heilung nicht mehr vollwertig sehen kann, […] So ist es nicht verwunderlich, daß Thomas inzwischen in einer weiteren Revision die Blindheit erst bei dem dreijährigen Kind beginnen läßt.«[9]

Als Thomas seine Forschungen begann, konnte er nicht wissen, daß die Hungersnot zwischen 1843 und 1845 ihren Höhepunkt erreichte:

»Ja es sind neuerdings [1844] in der That Fälle hier vorgekommen, daß Menschen, die sich zu betteln schämten, buchstäblich verhungert sind.«[10]

Das Zitat wurde erstmals von Hainer Plaul verwendet; seine Texte sind im Internet nicht verfügbar. Ich machte Dr. Thomas, der erst einige Jahre Mitglied der Karl-May-Gesellschaft ist, auf dieses wertvolle Material aufmerksam. Deshalb war es ihm später möglich, den Zeitpunkt der Blindheit biographisch präziser einzugrenzen.

Johannes Zeilinger bezeichnet Mays Blindheit als Wunschdenken und attackiert wiederholt völlig ungerechtfertigt William E. Thomas:

»Und dieses Wunschdenken führt auch dazu, daß in den ›Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft‹ erstmals weltweit über eine Erkrankung berichtet wird, die es ansonsten nirgends gibt: die Tagesblindheit, bedingt durch Vitamin-A-Mangel. Daher ein Gruß nach down under: ›Nightblindness has been called ›nyctalopia‹ and ›hemeralopia‹ […]«[11]

Entweder weiß es Zeilinger wirklich nicht besser oder es ist eine ganz unfeine Geste! Ein Originalzitat aus der Augenheilkunde:

Med Trop (Mars) 2000;60(1): 57-60: »Ocular manifestations associated with vitamin A deficiency in rural area of Burkina Faso« by Meda N, Chevalier P, Mathieu-Daude C. - it says: »Vitamin A deficiency can cause nyctalopia, hemeralopia, xerophthalmia and even blindnes.«

Hemeralopie / Nachtblindheit = Dämmerungsblind.
Nyktalopie / Tagblindheit = Sehschwäche der Augen bei hellem Tageslicht.

Letzteres steht sogar im ›Duden‹-Fremdwörterbuch, Mannheim 1982, S. 532. Dr. Thomas hat somit nicht behauptet, daß jemand, der an Xerophthalmie leidet, bei Tageslicht nicht sehen kann! International ist die Bedeutung der Fachbegriffe in der Regel vertauscht: Hemeralopie = Sehschwäche der Augen bei hellem Tageslicht, Nyktalopie = Dämmerungsblind, was etymologisch korrekter ist.

Über Vitamin-Mangel drückt sich Zeilinger mißverständlich aus:

»Schließlich, und dies konnten weder May noch der Gastwirt der ›Stadt Glauchau‹ wissen, die Kartoffel versammelt die meisten in ihr enthaltenden Vitamine gerade unter der Schale. Summa summarum: Auch diese Episode kann auf gar keinen Fall eine Vitaminmangel-Hypothese untermauern, und erst recht darf man sie nicht in einen Zusammenhang mit Mays frühkindlicher Erkrankung bringen, die zeitliche Zuordnung stimmt einfach nicht. Fazit: Alle Angaben Mays über die Ernährung während seiner Kindheit und Jugend geben keinen Hinweis auf eine ausgeprägte Vitamin-A-Unterversorgung, wie sie für die Hypothese einer Xerophthalmie assoziierten Blindheit unumgänglich wäre.«[12]

Wie lange muß man gehungert haben, daß man sich erniedrigt, um Kartoffelschalen zu betteln! Im übrigen enthält die Kartoffel vorwiegend Vitamin C und nicht Vitamin A, auch nicht Vitamin D. Zeilinger führt ferner aus, daß laut May zeitweise Käse, Eier und Butter vorhanden waren. Ferner erwähnt Zeilinger das alte ›Kräuterbuch‹ und damit verbundene Kenntnisse, die »zu einer Bereicherung des Speiseplans - gerade in Hinsicht einer vitaminreichen Ernährung - der Familie May geführt haben.«[13]

Die Frage sei erlaubt: Was wußten die Menschen der 1840er Jahre von einer vitaminreichen Ernährung? Die Vitamine sind erst in den 1920er Jahren genauer erforscht worden! Welche Kräuter waren beispielsweise im Dürrejahr 1842 zu finden? Was halfen damals Kräuter in Irland, als eine Million Menschen verhungerten? Wenn May auch Käse, Eier und Butter erwähnte - Zeilinger schließt deshalb Vitaminmangel aus - darf dies nicht überbewertet werden; es mag sich hierbei um einen kurzen Zeitabschnitt gehandelt haben, bedingt durch das unstete Verhalten seines Vaters. Möglicherweise schilderte May auch Ereignisse, die einige Zeit vor oder wenige Monate nach seiner Geburt stattfanden. Er konnte nur vom Hörensagen berichten, wohl nicht aus eigener Erinnerung, dazu war er noch zu jung. Gewiß waren Käse, Eier und Butter ab der zweiten Jahreshälfte 1842 und in den Folgejahren oftmals rar. Dies gilt auch für die Kartoffeln:

Es gab auch einen Keller, doch war er immer leer. Einmal standen einige Säcke Kartoffeln darin, die gehörten aber nicht uns, sondern einem Nachbar, der keinen Keller hatte. Großmutter meinte, daß es viel besser wäre, wenn der Keller ihm und die Kartoffeln uns gehörten.[14]

Die »Erdäpfel waren […] rahr u. theuer«.[15] Karl May hat die bittere Armut - Hunger und Kälte - im Verlornen Sohn drastisch geschildert:

»Also Milch?«
   »Ja, und Bouillon.«
   »Schön! Bouillon!« nickte der Musterzeichner grimmig vor sich nieder. »Vielleicht von Fleischextract?«
   »Ja. Doch müssen Sie dabei auch einige Bouillonknochen mit verwenden.«
   »Bouillonknochen! Ja, ja! Gut! Schön!«
   »Und ganz nothwendig ist die Medizin! Die müssen Sie unbedingt holen. Die Frau bekommt zweistündlich einen Eßlöffel voll und jedes Kind halb so viel.«
   »Dann ist beim dritten Mal Einnehmen die Medizin für anderthalb Gulden alle geworden.«
   »So holen Sie eine zweite Flasche.«
   Jetzt konnte sich der arme Teufel nicht mehr halten.
[16]

Milch und andere Nahrungsmittel waren in dieser Blattern-Episode nicht leicht zu beschaffen. Die Handlung war von May nicht ausgedacht! Zeilinger erweckt jedoch den Eindruck, als wären Milchvorräte selbstverständlich gewesen. Historische Quellen über die Hungernot werden von Zeilinger heruntergespielt. Sein Vorwurf »der eigenen Rettung willen biographische Fakten peu à peu«[17] umzuschreiben, fällt auf ihn selbst zurück.

Fälschlicherweise schreibt Zeilinger:

»[…] Harder und Mischnick [versuchen] nun durch eine angelesene Aufzählung von ophthalmologischen Krankheitsbildern den Eindruck zu vermitteln, hier könne es sich wohl nur um Vitamin-A-Mangel bedingte Erkrankungen handeln.«[18]

Es ist nicht behauptet worden, ›Ekzeme der Lidhaut‹ oder ›Abscesse der Lider‹ seien nur Vitamin-A-Mangel bedingte Erkrankungen. Zeilinger ignoriert in seinem 11-Seiten-Text die Untersuchungen von Professor Oskar Eversbusch. Der ›entzündliche Blepharospasmus‹ war, wenn er länger andauerte, eine ›vorübergehende Erblindung‹ [sic!], die im Kindesalter zu einem ›Verlernen des Sehens‹ führen konnte. An dieser Tatsache kommt Johannes Zeilinger nicht vorbei, auch wenn er darüber in seinem jüngsten Text Stillschweigen bewahrt. Der ›entzündliche Blepharospasmus‹ ist keine ›Xerophthalmie‹ - keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom - eine Folgeerscheinung, die oft in Verbindung mit der ›Blepharitis‹ (Entzündung der Augenlider) auftritt. Auslöser der ›Blepharitis‹ ist unter anderem auch Vitamin-A-Mangel.

Folgende Information stammt von einer australischen Internetseite, auf der viele Ursachen der ›Blepharitis‹ vermerkt sind, auch ›Xerophthalmie‹:

»Davon überzeugt, daß es einen eindeutigen medizinisch-wissenschaftlichen Beweis dafür gibt, daß chronische Blepharitis und der Tod durch chronische Blepharitis mit Arbeitseinsätzen, die von Veteranen geleistet wurden, Friedensdienst, der von Mitgliedern von Friedenstruppen geleistet wurde und Kriegseinsätzen, die von Mitgliedern der Streitkräfte geleistet wurden, in einem Zusammenhang stehen, bestimmt die Repatriierungs-Gesundheitsbehörde, unter Unterabteilung 196 B (2) des Veteranen-Anerkennungsgesetzes von 1986, daß die Faktoren, die mindestens vorhanden sein müssen, bevor man sagen kann, daß eine vernünftige Hypothese aufgestellt worden ist, die chronische Blepharitis oder den Tod durch chronische Blepharitis mit den Umständen dieses Dienstes in Zusammenhang bringt, sind:
(h) Leiden an Xerophthalmie bevor sich das Krankheitsbild zu chronischer Blepharitis verschlechtert; [...]
›chronische Blepharitis‹ heißt eine Entzündung der Augenlidränder, die länger als 6 Wochen andauert, nach ICD-Code 373.0;«
[19]

Schon Eversbusch stellte 1911 fest:

»Wegen der großen Neigung der ekzematösen Lidprozesse zu Rückfällen ist nicht selten eine Anstaltsbehandlung unerläßlich. Besonders gilt das für vernachlässigte oder mit Bindehaut- und Hornhauterkrankungen komplizierte Fälle, wenn die häusliche Pflege und die Ernährung mangelhaft [sic!] sind oder wenn das Gesamtbefinden durch Infektionskrankheiten (Unterleibstyphus, Rückfallfieber, Grippe, Dengue, Masern, Scharlach, Wasserpocken, Blattern [sic!] Keuchhusten) stark beeinträchtigt wurde.«[20]

Die Verbindung zwischen ›Blepharitis‹ und ›Xerophthalmie‹ ist in der Augenheilkunde anerkannt. Ebenso anerkannt ist, daß ein ›entzündlicher Blepharospasmus‹ oft durch ›Blepharitis‹ verursacht werden kann. Die Reihenfolge der Vitamin-A-Erkrankung ist in der Regel: ›Nachtblindheit‹ (= dämmerungsblind), später kann eine ›Blepharitis‹ hinzukommen, die bei Kleinkindern einen ›entzündlichen Blepharospasmus‹ bewirken kann; bei fortgeschrittener ›Xerophthalmie‹ wird dann die Augenhornhaut zerstört.

Da in Mays Heimat in den 1840er Jahren eine große Hungersnot herrschte, ist eine Vitamin-Mangel-Erkrankung sehr gut möglich. Es muß aber betont werden, daß die ›Blepharitis‹ und der ›entzündliche Blepharospasmus‹[21] auch andere Ursachen haben können, was wiederum eine Blindheit Mays noch wahrscheinlicher macht, da eine Vitamin-A-Erkrankung nicht vorhanden sein muß! Aber generell ist »eine verminderte Widerstandsfähigkeit bzw. eine schwächliche Körperentwicklung«[22] laut Eversbusch bedeutsam. Und hierbei spielt Vitaminmangel keine unerhebliche Rolle. Wenn auch nicht unbedingt alleiniger Auslöser für Mays Blindheit - Vitamin-A-Mangel wirkte sich ungünstig auf sein Augenleiden aus.

Mays ärgster Widersacher Rudolf Lebius schrieb:

»Er machte im frühesten Alter eine schwere chronische Krankheit durch, […][23]

Es ist bekannt, daß sich Lebius eingehend über May erkundigte. Er bereiste hierzu auch dessen Geburtsstadt. Offensichtlich existierten noch Zeitzeugen aus Mays Kindheitstagen, die bereitwillig Auskunft gaben und Mays Blindheit bestätigten - in Verbindung mit der Rachitis wohl als chronische Krankheit bezeichneten. Sonst hätte Lebius mit Sicherheit Karl May öffentlich als Lügner bezeichnet!

Chronische Augenleiden waren damals nicht selten. Wann genau und wie lange May blind war, wissen wir nicht. Möglicherweise war Karl May bereits im Laufe des Jahres 1843 schwer sehbehindert (nicht völlig blind). Und im Jahr 1845 kam neben der ›Blepharitis‹ noch ein ›entzündlicher Blepharospasmus‹ hinzu.

Zeilinger meint, daß »die immer wieder beschworene Schwellung der Augenlider […] ganz sicher nicht […] beide Augen so verschließen konnte, daß hier das Wort Blindheit verwendet werden darf.«[24]

Eversbusch beschreibt jedoch die großen Schwierigkeiten einem kranken Kind die Augen zu öffnen:

Blepharospasmus
Blepharospasmus bei
skrophulöser Ophthalmie

»Starkes Lidödem, noch mehr aber Blepharospasmus [sic !] können die Besichtigung der vorderen Abschnitte des Auges erschweren. Ist, wie bei Neigung zum Zukneifen der Augen, zur genauen Besichtigung eine Lokalanästhesie erwünscht, so träufele man - 10 Minuten zuvor - Cocain-Suprarenin […] Sträuben sich die Kinder trotzdem gegen die Besichtigung des Auges, oder war eine Einträufelung von Cocain-Suprarenin nicht möglich […] - so bleibt nur die Fixierung des Kopfes des Kindes in folgender Art übrig: Der Arzt, der mit dem Rücken gegen das Fenster - und die Füße auf eine Fußbank gestellt - auf einem Stuhle sitzt, nimmt den Kopf des Kindes zwischen die mit einem Handtuch bedeckten Knie. Die ihm gegenüber sitzende Wärterin hält das auf dem Rücken liegende Kind so, daß seine Beine unter den Arm zu liegen kommen und mit ihm festgehalten werden. Mit ihren Händen zieht sie die des Kindes herunter. Nun werden die Lider gereinigt […] und sanft mit den Fingern die Lider so voneinandergezogen, daß nur die Oberfläche des Augapfels frei zutage tritt […] Ist auf diese Weise kein genügender Einblick zu erzielen […] so schiebe man die Platte eines […] Lidhalters vorsichtig hinter das Oberlid […] Viel leichter und schonender kommt man bei ängstlichen und ungebärdeten Kindern zum Ziele durch Anwendung der Narkose […]«[25]

Folgerichtig nannte Professor Oskar Eversbusch, einer der anerkanntesten Augenmediziner seiner Zeit, den ›entzündlichen Blepharospasmus‹ eine »vorübergehende Erblindung«, die im Kindesalter zu einem »Verlernen des Sehens« führen konnte:

Ich konnte die Personen und Gegenstände wohl fühlen, hören, auch riechen; aber das genügte nicht, sie mir wahr und plastisch darzustellen. Ich konnte sie mir nur denken. Wie ein Mensch, ein Hund, ein Tisch aussieht, das wußte ich nicht; ich konnte mir nur innerlich ein Bild davon machen, […][26]

Karl May hatte das Sehen verlernt; an vorherige Seherfahrungen konnte er sich nicht zurückerinnern, zumal er vor seiner Blindheit mit großer Wahrscheinlichkeit schwer sehbehindert war. Die Studie von Professor Eversbusch beweist, daß eine vorübergehende Erblindung ohne dauerhafte Schädigung der Hornhaut möglich war. Zeilingers Doktorarbeit gibt hierzu keinen Hinweis - Mays Blindheit wird unangemessen als Legende dargestellt. Dennoch gibt Zeilinger in seiner Doktorarbeit wertvolle Denkanstöße. Die Diskussion, die er auslöste, ist interessant und für die Forschung wichtig. Es zeigt sich, daß man Mays Autobiographie sehr genau lesen muß. Daß in der Sekundärliteratur ›vier Jahre siechen‹ irrtümlich mit ›vier Jahre Blindheit‹ gleichgesetzt wurde, ist Johannes Zeilinger nicht anzulasten. Wir alle haben May falsch interpretiert. Erst die Arbeit Zeilingers veranlaßte mich, intensiver zu forschen.

Ralf Harder


Ich danke Dr. William E. Thomas, Australien, für die medizinische Beratung. Sein persönlicher Kommentar zum Zeilinger-Text:

          Sehr geehrte Damen und Herren,
mit großem Interesse habe ich die Schmähschrift von Zeilinger gelesen, die irgendwie konstruiert war. Jedoch ist jeder berechtigt - gleichgültig, ob er recht oder unrecht hat - eine »Meinung« zu haben.
Es wäre Zeitverschwendung, dies noch weiter auszuführen. Alle Quellen sind in der Karl-May-Literatur und im Internet für jeden verfügbar, der an dem Thema interessiert ist, um eine eigene Meinung zu ermöglichen.
          Dr. William E. Thomas, M.D.                             6. März 2001
[27]


Eine Erwiderung von Harald Mischnick:

In seiner aktuellen Abhandlung in den Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft unterstellt mir Johannes Zeilinger eine Diffamierung seiner Person. Er behauptet, ich hätte ihm vorgeworfen, er würde »sich totalitärer, ja faschistischer Methoden bedienen«. Dieser Vorwurf entbehrt jeglicher Grundlage. Weiterhin zitiert er Aussagen in meinem Artikel ›Rein literarisch zu sehen‹, mit denen ich ihn angeblich diskreditiert hätte.

Die von Zeilinger monierten Zitate sind an und für sich richtig, aber mit herabsetzende Behauptungen unterstellenden eigenen Zwischentexten Zeilingers gemischt worden. In der von Zeilinger angegriffenen Passage kritisierte ich die absurde Forderung gewisser, nicht namentlich genannter, Forscher, daß im Leben eines bekannten Menschen möglichst viel dokumentiert sein müsse, und wofür Unterlagen fehlen, sei das eben vom Objekt des Interesses in seinen autobiographischen oder literarischen Äußerungen beispielsweise zur Selbstüberhebung erfunden worden. Ich merkte an, daß zu Karl Mays Zeiten die Konservierung von Ton und beweglichen Bildern sowie die umfangreiche Verschriftlichung als Möglichkeit der Entstehung von Primärquellen noch gar nicht entwickelt oder erst am Anfang war.

Wer nur umfangreiches, akribisch aufbereitetes Material als Beweis für irgendwessen biographische Mitteilungen akzeptieren will, fordert eine Art von Belegen, wie sie nur im Zusammenhang mit negativ besetzten Schlagworten entstehen. Aus Gründen des Niveaus habe ich gewisse aktuelle anglophone Schlagworte der Medien und der Fernsehkonsumenten umgangen.

Weiterhin galt meine Kritik Bestrebungen, Karl Mays Autobiographie als Fiktion darzustellen, allein weil er selbst darin eine prozeßtaktische Schrift sah. Gerade bei solchen Publikationen mußte May mit einer umfangreichen Überprüfung des Wahrheitsgehaltes auch seiner Jugenderinnerungen rechnen, da ja noch genügend Menschen am Leben waren, die May als Kind gekannt hatten. Meinen Vorwurf der ungenügenden Archivrecherche bestätigt Zeilinger für sich in seiner aktuellen Ausarbeitung erneut. Ich finde in seinem gesamten Artikel keinen Hinweis auf eingesehene Archivalien, also Primärquellen, sondern immer nur solche auf Bücherauswertungen. Das A und O einer höheren Ansprüchen genügenden Arbeit ist das Suchen, Heranziehen und Zitieren von Archivalien, nicht die Wiedergabe von Fachliteratur und medizinischen Statistiken, in die sowieso nur auffällige oder schwerwiegende Fälle einfließen können. Und was bringt die größte, beste, umfangreichste Ausarbeitung, wenn in ihr ein wichtiger Teilaspekt des Problems ignoriert wurde? Das wäre vergleichbar einer Karl-May-Biographie unter Auslassung seiner Lieferungsromantätigkeit für Münchmeyer.

Der Text von Zeilingers Doktorarbeit 1999 ist übrigens mit der Veröffentlichung 2000 an gewissen markanten Stellen nicht identisch. Was ist nun alleingültig, Version Doktorarbeit oder Version Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft? Und nach seinem Vortrag verteilte Zeilinger natürlich keine Zusammenfassungen, sodaß der geblendete und schwer sehbehinderte Zuhörer bei der zusammenfassenden Wiedergabe auf sein photographisch und akustisch nicht überausgeprägtes Erinnerungsvermögen angewiesen war. Ich stehe zu meinem Gesamteindruck: ein guter Arztvortrag, aber am Thema vorbei, da Zeilinger einen Problemkreis ignorierte - er informierte umfassend nur über Augenhornhauterkrankungen, nicht aber über die der Lider.

Die Bezeichnungen meiner Texte seitens Zeilingers als »diffamierende Qualität« und »Toleranzrahmen einer sachlichen Auseinandersetzung unterschritten« weise ich angesichts nachweislich entstellter Wiedergabe entschieden zurück.

Harald Mischnick


Anmerkungen

[1] Johannes Zeilinger: Ist das nicht Gleichnis? Nicht bildlich? Gewiß! Notwendige Klarstellungen zur Blindheitsdiskussion. In: M-KMG 127/März 2001, S. 19.

[2] Prof. Dr. Oskar Eversbusch: Die Augen-Erkrankungen im Kindesalter, Leipzig 1912 (Copyright u. Vorwort 1911), S. 647.

[3] Karl May: Old Surehand I, Freiburg 1894, S. 411f.

[4] Zeilinger, wie Anm. 1, S. 16.

[5] Karl May: Mein Leben und Streben, Freiburg [1910], S. 20.

[6] Karl May, wie Anm. 5, S. 16.

[7] Heinrich Wagner: Karl May und seine Werke, Passau 1907, S. 5.

[8] Max Dittrich: Karl May und seine Schriften, Dresden 1904, S. 30.

[9] Zeilinger, wie Anm. 1, S. 16.

[10] Aus einem Bittgesuch von 1844, Stadtarchiv Hohenstein-Ernstthal. Zitiert nach Hainer Plaul: Der Sohn des Webers - Über Karl Mays erste Kindheitsjahre 1842-1848. In: Jb-KMG 1979, Hamburg 1979, S. 50.

[11] Zeilinger, wie Anm. 1, S. 21.

[12] Zeilinger, wie Anm. 1, S. 18.

[13] Zeilinger, wie Anm. 1, S. 17.

[14] Karl May, wie Anm. 5, S. 13f.

[15] Harder / Mischnick: Die Hungersnot der 1840er Jahre.

[16] Karl May: Der verlorne Sohn oder der Fürst des Elends, Dresden 1884-1886, S. 800.

[17] Zeilinger, wie Anm. 1, S. 16.

[18] Zeilinger, wie Anm. 1, S. 19f.

[19] Übersetzt von Nicola Pahl. Das Originalzitat lautet: »Being of the view that there is sound medical-scientific evidence that indicates that chronic blepharitis and death from chronic blepharitis can be related to operational service rendered by veterans, peacekeeping service rendered by members of Peacekeeping forces and hazardous service rendered by members of the Forces, the Repatriation Medical Authority determines, under subsection 196B(2) of the Veterans' Entitlements Act 1986, that the factors that must as a minimum exist before it can be said that a reasonable hypothesis has been raised connecting chronic blepharitis or death from chronic blepharitis with the circumstances of that service, are: […] (h) suffering from xerophthalmia before the clinical worsening of chronic blepharitis; […] ›chronic blepharitis‹ means an inflammation of the eyelid margins lasting for more than 6 weeks, attracting ICD code 373.0;« Quelle: http://www.dva.gov.au/pensions/statemnt/f037.htm 

[20] Eversbusch, wie Anm. 2, S. 639f.

[21] Eversbusch gab u.a. als Ursache »Magendarmerkrankungen« an, ein Symptom, das auf Vitamin-A-Mangel hinweisen könnte. Wie Anm. 2, S. 645.

[22] Eversbusch, wie Anm. 2, S. 635.

[23] Rudolf Lebius: Atavistische und Jugendlitteratur. In: Die Wahrheit. Freies Deutsches Wochenblatt, 2. Jg. (1906), Nr. 26, vom 30.6.1906, S. 2-3 (unpag.).

[24] Zeilinger, wie Anm. 1, S. 19.

[25] Eversbusch, wie Anm. 2, S. 612.

[26] Karl May, wie Anm. 5, S. 31.

[27] Übersetzt von Nicola Pahl. Der Originaltext lautet: Dear Ladies and Gentlemen, I have read with great interest the diatribe of Zeilinger, which was somewhat artificially construed. However, whether right or wrong, every person is entitled to »an opinion«. It would be a waste of time to elaborate any further. All the materials are available for perusal in the Karl May's literature and on the Internet for people interested in the subject to help them to form their own opinion. Dr.William E. Thomas, M.D. 6 March 2001.


Karl May - Leben und Werk

Titelseite: Karl-May-Stiftung