Karl May und Otto von Bismarck
     

Bismarck

Zum 100. Mal jährte sich am 30. Juli 1998 der Todestag des Fürsten Otto von Bismarck. Wir wollen hier nicht politisch werden. Der Umgang mit dieser schillernden, gleichwohl umstrittenen Persönlichkeit erfordert Fingerspitzengefühl. Biographen tun sich allgemein schwer, den Staatsmann gerecht zu beurteilen, und es kann hier nicht Sinn und Zweck sein, historisch vielschichtiges Material aufzuarbeiten. Es darf aber daran erinnert werden, daß Karl May den Begründer des deutschen Kaiserreichs an drei Stellen seines Romans Waldröschen oder die Rächerjagd rund um die Erde persönlich auftreten ließ. Ein kleines Wagnis, erschien doch das Waldröschen in 109 Kolportage-Lieferungen, und diese Literaturgattung war damals gar nicht gern gesehen. Tatsächlich fand man Mays Kolportageromane, wie die so vieler anderer Autoren, später im ›Königlich Sächsischen Gendarmerieblatt‹ auf dem Index: »Vom Feilbieten im Umherziehen ausgeschlossene, bez. auszuschließende Druckschriften, Schriften und Bilder«, hieß dies damals im Klartext.

Man kann verstehen, daß Karl May seinen Namen auf keinem Kolportageheft sehen wollte. Waldröschen erschien deshalb unter dem Pseudonym Capitain Ramon Diaz de la Escosura, was aber den grandiosen Verkaufserfolg nicht im geringsten beeinträchtigte. Wohl auch, weil der Dresdner Verleger Heinrich Gotthold Münchmeyer (in einer Zeichnung von Carl-Heinz Dömken, rechts) unter vorgehaltener Hand durchblicken ließ, daß der Autor in Wahrheit Karl May hieß. Bereits 1882, als das Waldröschen startete, war May vielen Lesern bekannt. Seine große orientalische Reiseerzählung Giölgeda padishanün (später Durch die Wüste ff.) erfreute sich zunehmender Beliebtheit. Mit dem Waldröschen setzte er seinen allmählich einsetzenden literarischen Ruf aufs Spiel, nicht zuletzt weil er eben den amtierenden deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck in die verruchte Kolportage entführte.

Karl May und Heinrich Münchmeyer

Naturgemäß zeichnete May die historische Persönlichkeit literarisch positiv. Ja, in den Lieferungen 51, 54, 91 des Waldröschen agiert ein geradezu väterlicher Bismarck. Dabei kann man May getrost unterstellen, daß er den Staatsmann tatsächlich gemocht hat, im krassen Gegensatz zu dem  späteren Kaiser Wilhelm II, dessen hemmungsloses Großmachtstreben dem Dichter genügend Nährstoff für sein pazifistisches Spätwerk gab.
   

Er reichte Curt die Hand.

Herr Lieutenant ich schätze Sie!

  
Im Waldröschen gelingt es dem Romanhelden Curt Helmers durch glückliche Umstände zwei Spione in Berlin unschädlich zu machen. Dadurch gerät er in das Blickfeld Otto von Bismarcks (Siehe die Illustrationen der Waldröschen-Erstausgabe oben). Wilhelm I - auch im Waldröschen vertreten - ernennt Helmers zum Ritter der zweiten Klasse des roten Adlerordens.

Bismarck sendet Helmers nach Mexiko; er soll dort Kaiser Maximilian zur Flucht verhelfen - ein historisch aussichtsloses Unernehmen! Bekanntlich wurde der Kaiser am 19. Juni 1867 in Mexiko hingerichtet. Diese Ereignisse zeichnete Karl May dementsprechend wahrheitsgetreu nach.

Über eine Begegnung mit Bismarck am 19. Mai 1897 berichtete Elisabeth Larson, geb. Felber:

»Mein Bruder [Carl Felber] und Karl May waren große Verehrer von Fürst Bismarck. Daher wurde, ehe Karl May abreiste, ein Ausflug nach Friedrichsruh vereinbart. Wir führen hin und fragten in einem nahe gelegenen Restaurant, wann und wo man wohl Bismarck sehen könnte. Wir hörten, daß er mittags 12 Uhr aus dem Tor seiner Besitzung herausfahre, um eine kleine Ausfahrt zu unternehmen. Da wir mit Blumensträußen versehen waren, hieß es, wir dürften sie ihm nicht in die Hände drücken, denn sie schmerzten ihn sehr. Wir stellten uns dann mit noch einigen anderen Leuten nahe dem Tor auf, und richtig kam dann das Gefährt mit dem schon recht leidend aussehenden Fürsten und fuhr langsam, so daß jede von uns Frauen und Mädchen die Blumen mit Grüßen aus Hamburg und Dresden übergeben konnte. Der Fürst neigte ein wenig den Kopf und sagte liebenswürdig: ›O meine Damen!‹ Dann rollte der Wagen weiter und Karl May und mein Bruder blieben gedankenvoll plaudernd zurück.«
[Zitiert nach: Volker Griese: Karl May. Stationen eines Lebens. Eine Chronologie seiner Reisen, Sonderheft der KMG 104/1995, S. 31.]

»Das leidende Aussehen Bismarcks - er starb ein Jahr darauf - hatte May und Felber in Bestürzung versetzt. Frau Larson erinnerte sich sehr genau, wie sie eine ganze Weile in ernstem Gespräch auf und abgingen.«
[Vgl. Alfred Schneider: Karl May und seine Hamburger Freunde Carl und Lisbeth Felber. In: Jb-KMG 1970, Hamburg 1970, S. 167.]

Ralf Harder
  


Karl May – Leben und Werk

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