Ralf Harder

Karl May auf amourösen Pfaden?

- Über angebliche Liebschaften und uneheliche Kinder -

Herrn Pfarrer emer. Ernst Seybold gewidmet

Lieber Leser, weißt du, was eine Gerüchteküche ist? Da werden irgendwann einmal Behauptungen über bestimmte Personen in die Welt gesetzt, vermeintliche Beweise genannt, und grob fahrlässig ohne eine genaue Prüfung der Sachlage als Tatsache akzeptiert. Durch Mundpropaganda wird dazu die Glaubwürdigkeit diverser Ereignisse erhöht, jedoch bleibt es das, was in einem kleinen geographischen Raum so treffend Ortsklatsch genannt wird.

Wer als seriöser Forscher gelten will, darf nicht unhaltbaren Thesen erliegen, die gerade im Falle Karl Mays leicht Nahrung finden. Schlimmer noch, wenn obendrein zweifelhafte Enthüllungen intimer Art beharrliche Verbreitung finden, die Mays Ruf als Mensch dauerhaft schädigen.

Ausgangspunkt für viele an Rufmord grenzende Behauptungen war nach der Jahrhundertwende Hohenstein-Ernstthal. Hier fand der Journalist Rudolf Lebius (1868-1946) bekanntlich den fruchtbaren Boden übelster Lüge und Nachrede. In unmenschlicher Weise intrigierte er gegen May und vergällte ihm somit dessen letztes Lebensjahrzehnt.

Freilich sind nicht alle Enthüllungen im damaligen Hohenstein-Ernstthal entsetzlich schlimm, aber historisch Falsches darf trotzdem nicht hingenommen werden, besonders dann nicht, wenn unzutreffende Aussagen bis in die gegenwärtige Zeit hineinreichen.

Hans Zesewitz wußte 1940 folgendes zu berichten:

"Ich fand, daß Karl May Mitte der 70er Jahre ein Verhältnis mit einem 16jährigen Mädel in Ernstthal hatte. Sie hieß Anna Schlott, geboren am 24. November 1860. Der Vater war Schneider und hieß Christian Friedrich Schlott, die Mutter Wilhelmine Ernestine geb Weickert. Das Mädel war schön (ich finde es nicht gerade), war abenteuerlich veranlagt und soll (!) mit May einige Zeit unterwegs gewesen sein. Ehe May auftauchte, verkehrte sie mit einem Musiker Vogel, der aber 'kein Stubenrecht' hatte. Als May kam, brach sie mit diesem Vogel, May bekam 'Stubenrecht'. Lachen Sie nicht, das sind Ernstthaler Ausdrücke und Gebräuche! Wegen ihres Verhältnisses mit May wurde sie aus ihrer Webstelle bei Stöhrel entlassen. Da schrieb sie eine Zeit für May, war also seine Sekretärin. Die Eltern wohnten gegenüber von Mays am Markte. Jetzt ist sie schon lange tot." [1]

Die entscheidende Frage lautet hier natürlich: Tatsache oder Ortsklatsch? Direkt konnte Hans Zesewitz jenes "abenteuerlich veranlagte" Mädel Anna Schlott leider nicht mehr befragen. Ohnehin ließen die Kriegsereignisse weiterführende Forschungen kaum zu. Dennoch, die Wahrheit liegt auch heute zum Greifen nah, wenn man ein wenig mit dem historischen Datenmaterial vertraut ist.

Halten wir zunächst den Kern der Behauptungen fest: Mitte der 70er Jahre soll May ein Verhältnis mit der 16jährigen Anna Schlott eingegangen sein, sogar mit Stubenrecht.

May wurde am 2. Mai 1874 aus dem Zuchthaus Waldheim entlassen und wohnte zunächst bei seinen Eltern. Aktenkundig traf er dann am 8. März 1875 in Dresden-Altstadt ein; dort trat er seine Stelle als Redakteur bei Heinrich Münchmeyer an. Da May sich unerlaubterweise – unter zweijähriger Polizeiaufsicht stehend – aus Hohenstein und Ernstthal entfernte, wiesen ihn die Behörden aus Dresden Ende März 1875 aus. Bis August mußte May in seinem Heimatstädtchen Ernstthal ausharren, ehe er zurückkehren durfte. Von jetzt an lebte er bis etwa Juni 1878 ständig in Dresden.

Freilich besuchte May in jenen Jahren seine Eltern und Geschwister in Ernstthal. Hierbei lernte er mit hoher Wahrscheinlichkeit in der zweiten Jahreshälfte 1876 seine spätere Frau Emma Pollmer kennen und verliebte sich in sie.

Man sieht: Falls May ein Verhältnis mit Anna Schlott hatte, kommt zeitlich nur der 2. Mai 1874 bis 7. März 1875 in Betracht, ferner allenfalls die Monate April 1875 bis August 1875. Längere Aufenthalte waren danach in Hohenstein oder Ernstthal nicht mehr möglich. May leitete in Dresden zeitweise zwei Unterhaltungszeitschriften und schrieb fleißig Beiträge.

Anna Schlott war aber im Jahre 1874 bis zum 24. November erst dreizehn Jahre alt. Das heißt, sechzehn Jahre wurde sie erst Ende 1876. Zu diesem Zeitpunkt war für Karl May jedoch schon Emma Pollmer dominierend, die ihm bereits im Frühjahr 1877 nach Dresden folgte. Zweifelsfrei ist also die Romanze Anna Schlott mit Karl May eine Legende. Unter Polizeiaufsicht stehend, war eine echte Liebesbeziehung zu einem 13- oder auch 14jährigen Mädchen in einem kleinen Ort wie Ernstthal gänzlich ausgeschlossen, schon gar nicht mit "Stubenrecht" und Umherreisen!

In jener Zeit, also um 1875, soll May laut Hans-Dieter Steinmetz eine weitere Liebesbeziehung, sogar mit Folgen, eingegangen sein, wofür es allerdings keine Beweise, - überlieferte Zeitzeugen gibt. Entsprechend vorsichtig äußert sich der Autor. Er weist darauf hin, daß er mit seinem Beitrag Quellenmaterial vorzulegen gedachte, welches Ausgangspunkt weiterer Forschungen sein soll. [2]

Seine These: May lernte kurz vor Weihnachten 1874 die Cartonarbeiterin Marie Thekla Vogel kennen. Hieraus entwickelte sich eine Romanze, die schließlich zur Schwangerschaft Maries führte. Als May ab August 1875 ständig in Dresden lebte, folgte sie ihm, und trat in die Dienste Münchmeyers. Dort soll sie jene Punktiererin gewesen sein, die May in seiner autobiographischen Schrift Ein Schundverlag erwähnte:

In meinem vorigen Logis war ich von meiner Wirtin, einer Witwe, bedient worden. Hier brauchte ich eine Aufwartung. Ich engagierte eine unserer Punktiererinnen, die sehr arme Eltern hatte und darum gerne noch einige Mark pro Woche verdiente. [3]

Diese Begebenheit hatte sich höchstwahrscheinlich im Dezember 1875 zugetragen. [4] Bereits am 26. März 1876 wurde Helene Ottilie als uneheliches Kind der Marie Thekla Vogel in Hohenstein geboren. Jedoch fungierte als Taufzeuge Friedrich August Albani, dessen Sohn Friedrich Hermann am 22. Oktober 1876 jene Marie Thekla ehelichte. Fünfeinhalb Jahre wuchs ihr Kind, zumindest aus offizieller amtlicher Sicht, unter dem außerehelichen Namen Vogel auf. Dies wertet Steinmetz als mögliches Indiz, daß Albani nicht der tatsächliche Vater sei, sondern Karl May.

Fritz Maschke meint hierzu plausibel: Helene Ottilie ist zu Ostern 1882 schulpflichtig geworden und mußte geraume Zeit vorher zum Schulbesuch angemeldet werden. Dazu war der Taufschein als Geburtsurkunde erforderlich. Hatten es die Eltern bis dahin versäumt, die vorehelich Geborene zu legitimieren, so mußte dies nunmehr nachgeholt werden. [5]

Dennoch bringt Steinmetz eine Reihe Indizien, die aus seiner Sicht stichhaltig für eine Vaterschaft Mays sind. Er verweist auf Hansotto Hatzig, der in einem Gedankenaustausch zuvor folgende Ansicht äußerte:

"Wenn May eine Tochter hatte, muß sie sich – aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen – in irgendeiner Form im Werk spiegeln." [6]

In der achtjährigen Tochter Nebatjas aus dem Hausschatz-Roman Durch das Land der Skipetaren, glaubte er, eine solche Spiegelung gefunden zu haben. Hatzig vermutete die gedankliche Entstehungszeit zu dieser Episode 1884/85. Rechnet man ausgehend von 1884, acht Jahre zurück, so ergibt dies 1876, das Geburtsjahr der Helene Ottilie Vogel.

Nachweislich ist diese Episode um Nebatja aber erst nach einer längeren Schreibunterbrechung im Spätsommer 1887 entstanden. [7] Acht Jahre zurückgerechnet ergibt 1879; eine Verbindung zu Helene Ottilie besteht folglich nicht. Selbst wenn man davon ausgeht, daß May vom Jahresbeginn 1886 allmählich auf die Nebatja-Episode hinschrieb, gelangt man allenfalls zu dem Jahr 1878.

Kernstück der Steinmetz-These ist der Name der Kindesmutter Marie Thekla Vogel. Er glaubt hierin, Mays Romanfigur Martha Vogel aus Satan und Ischariot wiederzuerkennen. In dem vom Hausschatz-Redakteur Heinrich Keiter gestrichenen Kapitel In der Heimath folgt nämlich Martha Vogel dem Ich-Erzähler Karl May zu einem Dresdner Verlagsbuchhändler, wo sie das Zimmer Mays reinlich hält und als Punktiererin an der Buntdruckmaschine arbeitet. Hier sieht Steinmetz deutliche Parallelen zu der bereits erwähnten, real existierenden Punktiererin aus dem Schundverlag bei Münchmeyer.

Aber auch hier stimmen die historischen Fakten nicht mit seiner These überein. Die Frau des Dresdner Verlagsbuchhändlers ist im Heimath-Kapitel ungemein freundlich zu Martha, ihr sogar fast liebevoll gesinnt. Ida Pauline Münchmeyer hingegen zeigte feindliche Regungen. Sie wollte May unbedingt mit ihrer Schwester Minna Ey verheiraten, um ihn an den Münchmeyer-Verlag zu ketten. Dazu war ihr die Punktiererin ernsthaft im Wege. Minna Ey sorgte auf Anordnung der resoluten Ida Pauline fortan für die Wohnräume Mays auf dem Jagdweg.

Außerdem konnte die bereits hochschwangere Marie Thekla Vogel die beschwerlichen Arbeiten einer Punktiererin an der Buntdruckmaschine wohl kaum bewältigen. Ihre Anwesenheit in Dresden erscheint deshalb ausgeschlossen. Über den tatsächlichen Namen der Punktiererin lassen sich heute leider nur noch Mutmaßungen anstellen. Vielleicht hieß sie mit Vornamen Gisela. Unter dem Pseudonym M. Gisela schrieb May bei Münchmeyer seine orientalische Novelle Leilet.

Bei der biographischen Auswertung des Romankapitels In der Heimath ist zu berücksichtigen, daß May offensichtlich seine Dresdner Redakteurzeit bei Heinrich Münchmeyer und bei Bruno Radelli miteinander vermengte. Es war Emma, die ihrem Karl im Frühjahr 1877 nach Dresden folgte und sich wohl auch um dessen Wohnräume kümmerte. Gespiegelt findet sich im Heimath-Kapitel also auch der Dresdner Verlagsbuchhändler Radelli, nicht Münchmeyer allein, und die freundliche Gattin des Verlagsbuchhändlers ist dort eher Frau Radelli. Nicht im Traum wäre es May eingefallen, seine Kontrahentin Ida Pauline Münchmeyer in ein sympathisches Licht zu rücken.

Martha ist In der Heimath [8] partienweise Emma -: Silbermartha nannte May auch seine Emma im Weg zum Glück. Und beide Martha-Episoden beginnen identisch: der Held schleppt einer alten Frau das schwere Leseholz heim.

Im Kolportagegenre gehören verwickelte verwandtschaftliche Beziehungen – uneheliche Kinder, Ziehgelder usw. – zum ständigen Repertoire. Die Olsunna-Episode aus dem Waldröschen ist in dieser Beziehung nicht auf das reale Leben Mays übertragbar. Trotzdem glaubt hier Steinmetz, ein weiteres Indiz für seine These gefunden zu haben:

"Vergegenwärtigt man sich die Verwandtschaftsbeziehungen der Sternaus im "Waldröschen", dann stellt man überrascht fest: Helene ist die legitime Tochter des Lehrers Sternau und Karl Sternau, ihr Bruder, wiederum ein unehelicher Sohn des Herzogs von Olsunna! Eine Doppelspiegelung, wie sie so deutlich selten in Mays Werk auftritt." [9]

Wenn man die ersten Lieferungen des Waldröschen aufmerksam liest, so fällt auf, daß die frühen Kapitel mit leichter Hand entworfen und munter dahinfabuliert sind. Wie der kundige Leser weiß, bemerkt zunächst niemand die große Ähnlichkeit Dr. Karl Sternaus mit dem Herzog von Olsunna. Gegen alle Logik auch nicht sein Erzfeind Gasparino Cortejo, der beide kennt. Der Grund liegt einfach darin, daß May selbst davon noch nichts wußte. Die Person Karl Sternaus war ursprünglich anders geplant:

Ein prächtiger Kerl dieser Helmers … Er hat einen Freund gehabt, einen gewissen Sternau, der mit ihm das Gymnasium besuchte … [10]

Vierundfünfzig Seiten später kommt es dann zu einem überraschenden Kennenlernen:

"Verzeihung! Sind Sie der Herr Doktor Sternau?" fragte Helmers. 
   "Ja," lautete die Antwort.
[11]

Wiederum neunzig Seiten später wird aus dem deutschen Sternau der Sohn eines spanischen Herzogs. Derartige Konstruktionsfehler sind eine Folge der Überforderung des Autors; so galt zu diesem Zeitpunkt seine ganze Konzentration den Reiseerzählungen In Damaskus und Baalbeck samt der Fortsetzung Stambul. Parallel entstand vermutlich außerdem in drei Schüben Im "wilden Westen" Nordamerika’s.

Jene Sternau Schwester "Helene" taucht nur einmal im Waldröschen auf, bevor May die Olsunna-Story erfand, und sein Konzept völlig umstellte. Die Schlußfolgerungen von Steinmetz dürften somit nicht zutreffen.

Als verstecktes Schuldbekenntnis wird gelegentlich ein Brief Mays an seinen Verleger Fehsenfeld gewertet:

Der Hauptgrund, daß ich nichts fertig brachte, ist meine gegen früher hochgradig gesteigerte Nervosität, auf welche meine Frau nicht die mindeste Rücksicht nimmt, und dann ein familiärer, über den ich nicht schreiben kann. Meine Frau ist seit der unglückseligen Reise eine ganz andere geworden. [12]

Es wäre absurd, würde May sich im ersten Halbsatz über die Rücksichtslosigkeit seiner Frau beklagen, wenn der familiäre Grund ein uneheliches Kind wäre! Hier muß etwas anderes vorgefallen sein. Solange nicht ein wirklich ernsthafter Beweis erbracht werden kann, bleibt eine Liebesbeziehung mit Folgen zwischen Karl May und Marie Thekla Vogel eine gewagte Hypothese. Außerdem wäre so etwas dem heimatlichen Ortsklatsch – May stand seit seiner Haftzeit stets im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses – wohl kaum verborgen geblieben. [13]

Daß May jene Marie Thekla Vogel – auch Anna Schlott – persönlich kannte, ist in Städtchen, wie damals Hohenstein und Ernstthal, wo man dicht beisammen wohnte, sicher. Gewiß rührt von dorther der häufige Gebrauch geläufiger Personennamen in Mays Werk. Dies trifft insbesondere auf die kleine "Helene" Ottilie Albani zu; sie wohnte im Nachbarhaus Karl Mays, als dieser sein Waldröschen begann und möglicherweise jene "Helene" dort verewigte, weil er das Kind des Nachbarn Albani ganz einfach nur mochte.

Wahrlich ernster zu nehmen, sind die Lebenserinnerungen der Pauline Fehsenfeld, die Gattin des Freiburger May-Verlegers:

"Ich glaube, es war 1894, als wir May's in Kötzschenbroda besuchten; wir wurden sehr gut und gastlich aufgenommen. Sie überließen uns ihr eigenes Schlafzimmer, was uns sehr peinlich war. Es trat Regenwetter ein, das Haus war kalt und feucht, und die wechselnde Stimmung des Hausherrn trug nicht zum Wohlbehagen bei. Frau Emma erzählte mir manches aus ihrem Eheleben, unter anderem, daß Karl May einmal davon gesprochen hätte, ein Kind anzunehmen, da sie kinderlos seien. Mit weiblicher Schlauheit und indem sie so tat, als ob sie mit seinem Vorschlag einverstanden sei, und dann mit vielen Kreuz- und Querfragen quetschte sie schließlich aus ihm das Geständnis heraus, daß das fragliche Kind sein Kind sei und die Mutter ein früheres Dienstmädchen. 'So, diese dreckige Person? Deren Kind will ich nicht', sagte Frau Emma." [14]

Es ist nicht die Aussage Pauline Fehsenfelds, die hier angezweifelt werden muß; sie gab nur das wieder, was sie von Emma May wußte, und diese Frau ist hier in keiner Weise glaubwürdig. Zunächst fragt man sich mit Recht, was solch intime Bekenntnisse, wenn sie denn wahr wären, eigentlich bedeuten. Emma kannte Frau Fehsenfeld erst seit 1893. Sie waren sich allein schon durch die geographische Distanz, die nun mal zwischen der Lößnitz bei Dresden und Freiburg im Breisgau vorhanden ist, einander relativ fremd. Welche normal denkende Ehefrau zieht aber eine fast unbekannte Person derart ins Vertrauen? Dies ist zwar nicht völlig ausgeschlossen, aber doch recht ungewöhnlich.

In seinem Schriftsatz An die 4. Strafkammer des Königl. Landgerichtes III in Berlin schrieb May:

Es ist mir niemals eingefallen, meiner Frau eine ungute Zensur zu geben. Ich habe alles gegen jedermann verschwiegen und sie immer nur gelobt. Das brachte sie in den Ruf einer vortrefflichen Frau, die alles Lob verdiente. Sie aber tat das Gegenteil; sie tadelte mich, … Daß sie mich stets nur tadelte, das wurde mir ganz selbstverständlich verschwiegen, ich konnte es also nur ahnen, erfuhr es aber nicht, und weil ich demzufolge schwieg, glaubte allgemein, es sei das alles wahr. So kam ich in den Ruf eines Menschen, der zwar sehr fleißig arbeite und ein vielgelesener Schriftsteller sei, sonst aber nicht viel tauge. [15]

Überhaupt ist Emmas Darstellung widersprüchlich. Also May wollte ein Kind annehmen, weil die Ehe kinderlos war. Dann sei plötzlich alles Vorwand gewesen, um sein uneheliches Kind in die Ehe zu bringen. Wenn dies letztere stimmen sollte, wie paßt es dann mit den Begebenheiten im Jahre 1891 zusammen? Da nahm Karl May nämlich seine neunjährige Nichte Clara Selbmann, Lottel gerufen, als Tochter zu sich, eben weil seine Ehe mit Emma bis dato kinderlos war! Folglich ist Mays Liaison mit einem Dienstmädchen ein Phantasiegebilde Emmas. Warum hätte er sonst seine Nichte ins Haus genommen, wenn er sich doch laut Emma bemühte, ihr ein außereheliches Kind unterzuschieben?

In diesem Zusammenhang sind die ungeheuren Behauptungen von Rudolf Lebius bedeutsam:

"May hatte ein 12 jähriges Töchterchen seiner … Schwester zu sich genommen, um sie an Kindesstatt zu erziehen. Bald bemerkte seine Frau, daß sich May nachts zu dem Kinde schlich und bei ihm 2-5 Stunden verweilte. Auch pflegte May, wenn er nachts betrunken aus dem Wirtshaus kam, was sich jede Woche mehrfach ereignete, immer zuerst zu dem Kind ins Schlafzimmer zu gehen und sich dort einzuschließen. Die Gattin Mays konnte durch ein Fenster beobachten, daß May mit dem Kinde Unzüchtigkeiten vornahm und als sie ihn deswegen zur Rede stellte, wurde sie von ihm geschlagen. Diese Umstände brachten es mit sich, daß die damalige Gattin des May auf die Entfernung des Kindes drang.

Beweis: Frau Emma Pollmer in Weimar und Frau Luise Achilles in Berlin.

"Aus obigen geht hervor, daß die Frau Pollmer viel eher Anlaß zur Ehescheidung gehabt hätte als May, erstlich wegen der soeben erzählten Verbrechen, andererseits wegen des Umstandes, daß May während seiner Ehe mit einem Dienstmädchen ein Kind erzeugt hat. Dieses uneheliche Kind hat May in ein katholisches Kloster abgeschoben, wo es als Frl. May angemeldet ist." [16]

Bei aller Schlechtigkeit hat sich Lebius freilich nicht alles selbst aus den Fingern gesogen. Urheber aller Anschuldigungen ist eindeutig Emma. Und ausgerechnet Luise Achilles – ihre intime Freundin und Todfeindin Karl Mays – meldet sich in einer eidesstattlichen Erklärung vom 9. November 1909 zu Wort: May sei dem Trunke ergeben gewesen, [17] und nach weiteren Anschuldigungen folgt fast beiläufig der verhängnisvolle Satz:

"Außerdem ist mir bekannt, daß in den Jahren 1889 und 1890 May mit einem seiner Dienstmädchen ein Kind hatte und auch Alimente bezahlte." [18]

Man gebe hier besonders acht auf die unverfänglichen Worte "ist mir bekannt". Handelt es sich hier um eigene Beobachtungen oder, was wahrscheinlicher ist, nur um wiedergegebene Äußerungen Emmas? Jedenfalls ist diese eidesstattliche Erklärung das Ergebnis persönlicher Rache. Der einfache Grund: verschmähte Liebe!

Ich habe sie [Luise] nie berührt, obgleich sie später offen, sogar schriftlich gestand "Ich liebe meinen Karl glühend und habe gegen diese Liebe wie eine Löwin gekämpft!" [19]

Lassen wir zunächst die Aussagen der Achilles – die bei diesem Frauencharakter um nichts glaubwürdiger werden, nur weil sie eidesstattlich sind [20] – auf uns einwirken und lieber die bald einsetzende, verheerende Wirkung des Lebius-Pamphletes beobachten. Gegen May wird wegen Unzucht mit seiner Nichte Clara ermittelt:

Die Betreffenden wurden vernommen. Meine Schwester und das damalige Kind, welches nun schon Mutter ist, haben den mir gemachten Vorwurf natürlich in höchster Entrüstung zurückgewiesen und die damaligen Grausamkeiten der Pollmer an das Licht gestellt. [21]

Über die näheren Umstände, was zu Emmas Grausamkeiten führte, äußerte sich die damalige Lottel in späteren Jahren nur im engsten Familienkreis:

"Tante Emma hatte sie manchmal in eine Konditorei gebracht und ihr Kaffee oder Kakao und Kuchen geben lassen. Für die Zeit, während sich Lottel gütlich tat, war die Tante fortgegangen. Dann war sie mit Offizieren wiedergekommen, und das Kind vermutete Böses. Warum ging die Tante immer fort und blieb nicht ständig bei ihr? Weil sie etwas zu verbergen hatte!, dachte das Kind. Und was? Liebschaften mit Offizieren!

Das glaubte die damals neunjährige Lottel dem geliebten Onkel nicht verschweigen zu dürfen. Und als er sie wieder einmal in den Morgenstunden zum Spargelstechen mit in den Garten nahm, erzählte ihm Lottel, was ihr Herz bedrückte: Vom Umgang der Tante mit den Offizieren. Es kam zu einer erregten Auseinandersetzung mit Emma … " [22]

Alle diese Angaben sind sehr ernst zu nehmen, kennt doch der erfahrene May-Leser bereits aus dem Roman Scepter und Hammer eine "Emma Vollmer", die sich mit einem Offizier einläßt. Es ist daher nicht zu verwundern, daß Offiziere bei Mays schriftstellerischer Tätigkeit oftmalig schlecht wegkommen. [23]

Die neunjährige Lottel war bei dem Ehestreit zwischen Karl und Emma die Leidtragende. Emmas Zorn, ertappt worden zu sein, ließ für Lottel nichts Gutes hoffen:

Das Kind wurde geschlagen, mit Hunger bestraft, in den Keller gesteckt, mußte zur Strafe die kleinen nackten Füßchen stundenlang in kaltes Wasser halten, kurz es mußte sich ganz à la Marquis de Sade behandeln lassen, ohne daß ich eine Ahnung davon hatte, denn hätte es sich bei mir beschwert, so wäre noch Schlimmeres zu erwarten gewesen. … Da plötzlich erschien meine Schwester und erklärte mir zu meinem Erstaunen, daß sie gekommen sei, ihr Töchterchen wiederzuholen. Das Dienstmädchen hatte es verraten, wie sehr das Kind zu leiden hatte, ohne daß ich es wußte. [24]

Das Dienstmädchen hatte es verraten, das klingt hochinteressant! Ergibt sich hieraus eine versteckte Aversion Emmas ihrer Bediensteten gegenüber? War dies der Auslöser, die Geschichte mit dem unehelichen Kind zu erfinden? Ich schreibe hier bewußt "Auslöser", denn ihr merkwürdiges Verhalten muß vorrangig in psychischen Störungen begründet liegen.

Des Rätsels Lösung zeichnet sich da ab, wo man es ganz und gar nicht vermutet. Der May-Forscher Ludwig Patsch war von der Existenz des unehelichen Kindes überzeugt. Er schrieb hierüber seinem Mitstreiter Rudolf Beissel in zwei Briefen:

1.1.1953

"Dr. Schmid, der mir einst diese Tatsache in einem traulichen Stündchen ohne weiteres bestätigte, hatte nach Frau Klara Mays Tod (31.12.44) plötzlich sämtliche Erinnerungen verloren, und auch die anderen Leutchen, die mir dzt. gleichmütig das in Rede stehende uneheliche Kind zugaben, taten überaus erstaunt, als ich mich - eben etliche Jahre später - danach erkundigte. - Offenbar hing oder hängt irgendeine Erbschaftsangelegenheit daran, daß man jetzo so eisern bestrebt ist, hierüber den Mund zu halten."

22.1.1953

"Einen indirekten Beweis für diesen Casus habe ich auch noch aufgefunden. In KMs Bibliothek ist It. KM-Jahrbuch 31, 286 verzeichnet 'Der SÄUGLING. Seine Ernährung in gesunden und kranken Tagen.' Hamburg 1888. Nun soll ja die Geburt dieses unehelichen Kindes 1889 erfolgt sein! Obendrein entdeckte ich unmittelbar daneben in der Bibliothek, aber nicht im Verzeichnis aufgenommen: 'Das Recht des unehelichen Kindes...' von Dr. W. BRANDIS, Berlin 1900 und 'Das Recht des unehelichen Kindes und der Ansprüche der Kindesmutter' von H. PILS, Leipzig 1900, also gleich zwei Schriften, die sich mit dem irgendwie für KM aktuell gewordenen Thema befassen." [25]

Zunächst ist hier bemerkenswert, daß weder Dr. E. A. Schmid, noch andere Personen, ein uneheliches Kind bestätigen. Freilich ist die ganze Angelegenheit ein wenig mysteriös, soll man doch früher einmal anderes darüber gesprochen haben. Möglicherweise handelt es sich hier aber auch um eine Erinnerungstrübung, denn es war laut Patsch "etliche Jahre später". Vermutlich hatte man lediglich über die eidesstattliche Erklärung der Luise Achilles gesprochen, das "Säuglingsbuch" in Mays Bibliothek gesichtet und darüber Mutmaßungen angestellt.

Ein plötzliches Stillschweigen Dr. E. A. Schmids, wegen einer Erbschaftsangelegenheit, wie von Ludwig Patsch unterstellt, ist nicht einsehbar. Welche Forderungen hätten ausgerechnet – so spät – nach 1945 eingehen sollen? Existierte tatsächlich ein um 1889 geborenes außereheliches Kind, wäre es zu diesem Zeitpunkt etwa 56 Jahre alt gewesen. Wer wirklich Ansprüche geltend machen kann, wartet nicht Jahrzehnte damit!

Als später Fritz Maschke die These mit dem unehelichen Kind verteidigte, erntete er Proteste aus einem Personenkreis, der den wahren Sachverhalt verständlicherweise ganz genau kennen mußte:

"Ein Urenkel von Mays Schwester Karoline Selbmann schrieb: 'Aus Ihren Zeilen erfuhr ich das erste Mal von einem Kind Karl Mays. Auch von meinen Eltern oder anderen Verwandten habe ich nie etwas davon gehört." Ähnlich lautete ein Schreiben der Tochter der einstigen "kleinen Lottel": "Wenn dies zuträfe, hätte mir meine Mutter bestimmt etwas davon erzählt'. Eine ehemalige Mitarbeiterin des Karl-May-Verlags in Radebeul schrieb, daß weder sie, noch die von ihr befragten ehemaligen Mitarbeiter des Verlags jemals auch nur andeutungsweise von einem Kind Karl Mays etwas gehört hätten. Und ein Mitarbeiter der ersten Jahre des Verlags in Radebeul: 'Auch von Klara May und Dr. Schmid habe ich in dieser Sache niemals gehört, und zu meiner Zeit wurde unter den Angestellten des KMV nie über ein Kind Karl Mays gesprochen' ". [26]

Diese Stellungnahmen dürften genügen, jedoch wird hier nicht die Frage beantwortet, was es mit dem für Ludwig Patsch so belastenden Buch "Der Säugling. Seine Ernährung in gesunden und kranken Tagen" auf sich hat. Und wie verhält es sich mit den möglichen psychischen Störungen Emmas, die offenkundig zur Unwahrheit führten? Im nachfolgenden soll jetzt versucht werden, eine Antwort zu finden.

Das Jahr 1888 brachte für Karl May beruflich und privat die Wende. Mit dem Roman Der Weg zum Glück endete seine Kolportagezeit bei Heinrich Münchmeyer. Durch seine teils umfangreichen Beiträge im "Deutschen Hausschatz" und im "Guten Kameraden" war er, wenn auch nur vorübergehend, finanziell gut gestellt. Leider stand sein Schreibtisch von Radau umgeben in einer Kneipenwohnung, was für die Qualität seiner Texte nicht gerade förderlich war. Seine Adresse im Schenkstubenmilieu, Schnorrstraße 31, findet sich gespiegelt im El Sendador:

Er führte mich von der Hauptstraße in eine der Querstraßen, wo wir in ein unscheinbares Haus traten, dessen Schild anzeigte, daß es eine gewöhnliche Schenke sei.

Zigarettenqualm und wüstes Geschrei drang uns aus der halb offenen Türe der Gaststube entgegen. Schon bereute ich, mitgegangen zu sein; …[27]

Doch wenige Monate später hat sich die Wohnsituation entscheidend verändert. In Kötzschenbroda bei Dresden mietet Karl May für 800 Mark jährlich die Villa "Idylle". Auch die neue Umgebung erscheint gespiegelt im El Sendador:

"Hätten Sie das gedacht? Hätten Sie so etwas vermutet?"
   "Nein, gewiß nicht."
   "Ich auch nicht. Hier, mitten im wilden Chaco einen Gemüse- und Blumengarten, wie man ihn in Buenos Ayres gar nicht hübscher sehen kann! Das ist wirklich erstaunlich! Das ist ein Wunder!" [28]

In dieser "Idylle", zwischen Gemüsebeeten, Beeten, auf denen Melonen gezogen werden, Beeten mit allerlei Blumen und Blüthen, regiert Unica – die Einzige. Walther Ilmer hat anhand biographischer Parallelen überzeugend nachgewiesen, daß der Autor hier seine Emma gemeint hat. [29] Während der Dunstkreis Münchmeyers in den Jahren 1883 bis 1887 äußerst schädlich auf die Ehe Mays einwirkte, brachte das gehobene Milieu – der Austausch einer Kneipenwohnung gegen eine Villa im Grünen – Karl und Emma womöglich zweite Flitterwochen.

Unica oder Emma – die Einzige, dies war im Frühjahr 1889 besonders vielsagend. [30] Hier gab es im Herzen Karl Mays keinerlei Platz für irgend ein Dienstmädchen. Daran ändert auch das sogenannte "Säuglingsbuch" nichts – im Gegenteil. Gewöhnlich erwirbt man so ein Sachbuch – als Ratgeber – bevor das Kind geboren wird, ausschließlich dann, wenn man sich um das Kind kümmern will, und nicht beabsichtigt, Mutter und Kind im Stich zu lassen!

Falls May das "Säuglingsbuch" nicht für irgendwelche schriftstellerischen Studien benutzen wollte, dann war es vielleicht Emma, die schwanger wurde. Für May könnte sie deshalb jubilierend "die Einzige" gewesen sein. Doch vermutlich folgte schon bald die seelische Erschütterung: Fehlgeburt, - möglicherweise mit der bösen Nachricht, daß Emma niemals mehr Kinder bekommen konnte. [31]

Ob diese Möglichkeit zutrifft oder nicht, das Ehepaar May hatte sämtliche Hoffnungen auf ein gemeinsames Kind begraben. Aber die Sehnsucht nach einem eigenen Kinde ließ Karl May nicht los. Was im realen Leben nicht möglich, sollte wenigstens in literarischen Traumwelten erlebt werden. Sein zweites Ich, in der Gestalt des Hadschi Halef Omar, wird künftig heikle Abenteuer an der Seite seines Sohnes Kara Ben Halef bestehen, mit einer glücklichen Hanneh, also Emma als Mutter.

Wie immer man es deuten mag, das "Säuglingsbuch" war für May uninteressant geworden, es fehlen darin seine handschriftlichen Randbemerkungen, die sonst allgemein üblich in seiner Bibliothek zu finden sind. [32] Daß er in der Villa "Idylle" tatsächlich ein Dienstmädchen beschäftigte, ist erwiesen. Ihr Name: Silvestra Puschmann.

Inhaberin ist am heutigen Tage als Hausmädchen in den Dienst getreten.
Dresden A.
Schnorrstr. 31, Dr. phil. Karl May
den 15/6 88.

Diese Zeilen finden sich in ihrem erhalten gebliebenen Dienstbuch. Fräulein Puschmann war die Nachfolgerin des Dienstmädchens Alma Eulitz, mit dem May in Streit wegen des Dienstlohns geraten war. [33] Sie erlebte die "Idylle" nicht mehr mit. Alma Eulitz war somit nicht das Dienstmädchen, das Christian Heermann irrtümlich für die Kötzschenbroda-Zeit angibt. [34] Silvestra Puschmann hingegen blieb fast zwei Jahre in ihrer Stellung:

Inhaberin tritt heut aus meinem Dienste. Sie ist treu, fleißig, und ehrlich gewesen.
Kötzschenbroda, den 19/3 90. Dr. Karl May

Der von Klaus Hoffmann minutiös aufgezeigte Lebenslauf jener Silvestra Puschmann, bietet nicht den geringsten Anhaltspunkt für eine Schwangerschaft., während ihrer Dienstzeit im Hause May. [35] Darüber hinaus kann May zur entscheidenden Zeit neben Silvestra kaum ein weiteres Dienstmädchen beschäftigt haben. Unmittelbar nach der Entlassung Silvestras mußte er nämlich aus finanzieller Not die Villa "Idylle" aufgeben.

Es gibt auch keinerlei Hinweise auf irgendwelche Alimentezahlungen, wie Christian Heermann vermutet. Er nennt als Indiz Mays Bitte an Fehsenfeld um diskrete Honorarzahlungen. Die von May angegebene finanzielle Unterstützung seiner Verwandten, wovon Emma nichts wissen sollte, läßt Heermann nicht gelten. Angeblich seien die Beziehungen zu den Familien beider Schwestern Mays getrübt gewesen. [36] Nun gibt es aber einen Post-Einlieferungsschein aus dem Jahre 1896 (den May im Brockhaus versteckte!) mit einer Zahlung an Mays Schwager, - ein deutliches Indiz dafür, daß May seinem Verleger Fehsenfeld nicht die Unwahrheit gesagt hat. [37]

Wenden wir uns jetzt noch einmal Emma zu, deren Schicksal Mitleid verdient. Mit ziemlicher Sicherheit konnte sie nicht verarbeiten, keine Kinder zu bekommen. Die Folge: Depressionen und psychische Störungen, - womöglich Angstzustände, ihr Mann könnte woanders sein Glück versuchen. So dürften ihre späteren Unwahrheiten Vorboten zunehmender geistiger Umnachtung gewesen sein. Wohl nicht von ungefähr schuf May im Old Surehand die Gestalt der geisteskranken Tokbela.

Nicht katalogisiert sind in Mays Bibliothek die beiden von Ludwig Patsch erwähnten Schriften über das "Recht des unehelichen Kindes", im Jahre 1900 gedruckt. Eben weil diese Broschüren nicht von May katalogisiert wurden, ist es sehr zweifelhaft, ob sie wirklich ihm gehörten. Hätte er derartiges tatsächlich benötigt, so wäre eine Anschaffung bereits vor seiner großen, durchaus mit Gefahren verbundenen Orientreise 1899/1900 erfolgt. Gewissenhaft ordnete May vor Antritt dieser Reise seine persönlichen Dinge und setzte testamentarisch Emma als Universalerbin ein. Erst recht hätte er sich um die Belange eines außerehelichen Kindes gekümmert und sich vorher, nicht hinterher sachkundig gemacht.

Es ist also kaum glaubhaft, daß sich May diese zwei Bücher nach dem 30. Juli 1900, dem Ende seiner Orientreise, anschaffte. Vielleicht brachte Klara Plöhn jene ominösen Schriften später in die zweite Ehe Mays. Hatte sie aus Besorgnis über Emmas Behauptungen, Karl habe ein uneheliches Kind, während seiner Orientreise die genannten Bücher erworben?

Fest steht: In keinem Werk Karl Mays lassen sich versteckte Schuldgefühle entdecken, er habe einem Kind seine Liebe und Fürsorge entzogen. Und dies ist überaus bedeutsam, da er alles, was ihn tief bewegte, in seine Texte autobiographisch einfließen ließ. Darüber hinaus entspricht sein ganzes soziales Verhalten überhaupt nicht den Wesensmerkmalen eines Rabenvaters:

"Heddy (Hadwig) Seyler war … nicht nur der Liebling ihres Vaters, sondern auch Karl Mays. In ihres Vaters gastfreiem Hause hatte Heddy viele Menschen kennengelernt. Keinen aber habe sie so geliebt wie Karl May, der stets ein so herzliches Wesen gehabt habe und so kinderlieb und für alles so aufgeschlossen gewesen sei. Er habe Vertrauen ausgestrahlt, und nirgendwo habe sie sich so geborgen gefühlt wie auf seinem Schoß sitzend, wenn sie an ihn geschmiegt seinen schönen Geschichten lauschte. Was das für Geschichten waren, wußte sie nicht mehr. Aber die ganze traute Atmosphäre sei ihr jetzt im Alter noch gegenwärtig." [38]

Handelt so ein Mensch, der sein eigenes Fleisch und Blut verleugnet? Nein! Mays sehnlichster Wunsch: ein eigenes Kind, von seiner Emma geboren, blieb ihm versagt. Auch gab es bei der jetzigen Beweislage keine amourösen Liebesbeziehungen mit Folgen zu der Cartonarbeiterin Marie Thekla Vogel oder zu dem Dienstmädchen Silvestra Puschmann.

Das eindeutige Schlußwort soll jetzt hier Karl May selbst sprechen, zitiert aus einem Weihnachtsgruß an die befreundete Familie Seyler in Deidesheim:

Ich beneide Sie um Ihre Christbescheerung, Herr Commerzienrath! Am Christbaum müssen frohe Kinderaugen strahlen, und leider wird Ihr ferner Hausfreund niemals Großvater sein! Howgh! [39]

 


Anmerkungen

[1] Hans Zesewitz in einem Brief vom 22. Juni 1940 an Dr. E. A. Schmid. Zitiert nach Roland Schmid: "Anna Schlott", in: Karl-May-Jahrbuch 1979, Bamberg/Braunschweig 1979, S. 209.

[2] Hans-Dieter Steinmetz: "Der gewaltigste Dichter und Schriftsteller ist … das Leben", in: M-KMG Nr. 40, S. 20.

[3] Karl May: Ein Schundverlag, Privatdruck 1905, S. 304. Reprint Bamberg 1982.

[4] Vgl. hierzu Hainer Plaul: Redakteur auf Zeit. In: Jb-KMG 1977, Hamburg 1977, S. 182f.

[5] Fritz Maschke: Martha Vogel … In: M-KMG Nr. 41, S. 30.

[6] Hansotto Hatzig: "Die Stadt ist Ostromdscha …". Eine Lesenotiz. In: M-KMG Nr. 40, S. 11.

[7] Laut Redaktionsnotiz im "Deutschen Hausschatz", Heft 12, Juni 1887, lag kein May-Manuskript vor. Erst Ende September 1887 meldet die Redaktion ein großes Manuskriptteil der Skipetaren-Reiseerzählung, die schließlich im Januar 1888 startete.

[8] Neuerdings in Bd. 79 der Gesammelten Werke veröffentlicht.

[9] Hans-Dieter Steinmetz, wie Anm. 2, S. 17.

[10] Waldröschen, Dresden 1882-84, S. 231.

[11] Ebenda, S. 285.

[12] Zitiert nach Fritz Maschke: Karl May und Emma Pollmer, Bamberg 1972, S. 55.

[13] Christian Heermanns May-Biographie (Berlin 1988, S. 290f.) erweckt den Eindruck, die 1986 bei Konstanz verstorbene Tochter jener unehelich geborenen Helene Ottilie habe von jeher gewußt oder geahnt, die Enkeltochter Karl Mays zu sein. Von dieser Theorie hatte sie jedoch vermutlich erst durch den Forschungsbeitrag von Steinmetz (Anm. 2) erfahren.

[14] Ekke W. Guenther: Karl May und sein Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld, in: Jb-KMG 1978, Hamburg 1978, S. 160f.

[15] Karl May: An die 4. Strafkammer …, Schriftsatz 1911, S. 68. Reprint Bamberg 1982.

[16] Rudolf Lebius: Die Zeugen Karl May und Klara May, Berlin 1910, S. 315.

[17] Diese Behauptung ist ein Unding. May erbrachte in jenen Jahren ungeheure Arbeitsleistungen. Texte, wie z. B. Die Sklavenkarawane oder Der Mahdi, schließen einen dauerhaften erhöhten Alkoholgenuß völlig aus!

[18] Rudolf Lebius, wie Anm. 16, S. 326f.

[19] Frau Pollmer, eine psychologische Studie, Manuskriptseite 855.

[20] May ließ die Achilles wohl aus prozeßtaktischen Gründen strafrechtlich unverfolgt. Er war in jener Zeit um eine Aussöhnung mit Emma bemüht, die gegen Lebius aussagen sollte. Atmosphärische Störungen waren deshalb zu vermeiden, da wohl sämtliche Behauptungen in der eidesstattlichen Erklärung auf Emma zurückgingen. Vgl. wie Anm. 15, S. 109 und 98ff.

[21] Karl May, wie Anm. 15, S. 137.

[22] Fritz Maschke, wie Anm. 12, S. 51

[23] Vgl. May: Der Schatz im Silbersee, in: Der Gute Kamerad, 5. Jg. 1890/91, S. 407.

[24] Karl May, wie Anm. 15, S. 137.

[25] Zitiert nach S. Augustin u. A. Mittelstaedt, in: Vom Lederstrumpf zum Winnetou, München 1981, S. 79f.

[26] Fritz Maschke, wie Anm. 5, S. 29.

[27] El Sendador, Theil 1, in: Deutscher Hausschatz, 16. Jg. 1889/90, S. 156.

[28] El Sendador, Theil 2, in: Deutscher Hausschatz, 17. Jg. 1890/91, S. 504.

[29] Vgl. Walther Ilmer: Karl May auf halben Wege. In: Jb-KMG 1979, Hamburg 1979, S. 224f.

[30] Die Unica-Episode verfaßte May nach dem 17. März 1889, vermutlich im April/Mai, nach dem der Hausschatz-Verleger Pustet die Abnahme weiterer 1000 Manuskriptseiten zugestand. Vgl. Wollschläger u. Wiedenroth: Editorischer Bericht, in: In den Cordilleren, Nördlingen 1988, S. 495f.

[31] Emma litt bekanntlich an einer Unterleibserkrankung.

[32] Für diese Information danke ich dem "Karl-May-Museum" in Radebeul, namentlich Herrn Hans Grunert, Dresden.

[33] Vgl. Klaus Hoffmann: Karl May. Leben und Werk. Radebeul 1988, S. 53ff.

[34] Vgl. Christian Heermann: Der Mann, der Old Shatterhand war. Eine Karl-May-Biographie. Berlin 1988, S. 288.

[35] Klaus Hoffmann, wie Anm. 33, S. 55.

[36] Christian Heermann, wie Anm. 34, S. 288f.

[37] Vgl. Hans Grunert: Ein Blick in Karl-Mays-Bibliothek, in: M-KMG Nr. 110, S. 51.

[38] Hansotto Hatzig: Karl May und Sascha Schneider, Bamberg 1967, S. 14.

[39] Fritz Maschke, wie Anm. 12, S. 231.

 


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